4. Das Versteckspiel

Nachmittags besuchten mich die Drei auf dem Gehöft. Wir saßen bei mir in dem kleinen Zimmer. Draußen war Sturm mit viel Regen aufgekommen. Deshalb hatten wir uns nicht am Strand bei den Strandkörben getroffen. Vormittags hatte ich stundenlang auf dem Wasser mit dem riesigen Surfsegel in den Wellen gekämpft. Ich war erschöpft. Es hatte mir nichts ausgemacht, einfach nur auf dem Bett herum zu lümmeln und den drei Burschen beim Quatschen zuzuhören. Ich fand das lustig, weil ich das Norddeutsche in Berchtesgaden nie hörte. Die Drei langweilten sich aber schon nach wenigen Minuten. Martin fragte deshalb, ob wir nicht etwas spielen könnten.
„Oh ja! Wat Spaßliches!“, rief Mischa.
Ich schwieg abwartend.
„Auf dem Speicher könnten wir Verstecken spielen!“, schlug Martin vor.
„Zu viert?“, fragte Mischa kritisch.
„Das geht schon: Drei verstecken sich und Einer sucht!“, meinte Martin.

Wir verließen mein winziges Zimmer und gingen den finsteren Gang Richtung Treppe entlang. Martin öffnete eine Tür, die mir bislang nicht aufgefallen war. Obwohl ich seit drei Wochen täglich die Treppe hinaufgestiegen, und den Gang entlang zu meinem Ferienzimmer gelaufen war, hatte ich die Tür neben dem Treppenabgang übersehen. Eine dunkel gestrichene Holztür, wie die Farbe der Holzverkleidung im Treppenhaus. Der Türgriff war winzig und im gleichen Farbton gehalten. Ich dachte an eine Geheimtür. Warum eine unauffällige Tür, wo nur ein Speicher hinter ihr lag? Ich phantasierte, dass wir Vier bestimmt verbotenes taten. Der Feriengroßvater war mit dem Wagen unterwegs. Ich dachte, dass die Drei wussten was wir taten.

Der Speicher erstreckte sich eine weitere Etage hinauf, die über eine wackelige Holztreppe erreicht wurde. Deshalb breitete sich der Dachboden zwei mal über die Fläche des gesamten Wohnhauses aus.

Unser Spiel erinnerte mich an den Speicher im Haus von Birner am Obersalzberg. Dort lagen Matratzen und stand Mobiliar herum. Wir hatten finstere Lager aus Holzbrettern und Matratzen gebaut. Er lag in einem von Birners beiden Häusern. Dort waren die Mädchen untergebracht. Deshalb hatten Jungs eigentlich keinen Zugang. Zweites Problem war, dass sich die stählerne Tür am Ende des Mädchenwaschraumes befand. Den zu betreten war absolut tabu. Wir brauchten erstens den Türschlüssel, zweitens musste einer von uns Toilettenpapierdienst haben und drittens durfte kein Mädchen im Waschraum sein. Um das Toilettenpapier vom Treppenaufgang zum Speicher hinter der Stahltür zu holen, bekam der Toilettenpapierdienst den Speicherschlüssel. Der Dienst durfte nur wegen des Toilettenpapier das Mädchenstockwerk betreten. Bester Zeitpunkt für unser Versteckspiel in unseren Matratzenlagern waren Samstag und Sonntag am Nachmittag.

Nach Hallenbad und Mittagessen war das ein schönes Programm. Manchmal hatte ich das Gefühl, mit dem Lager über dem Mädchenstockwerk etwas eigenes zu haben. Etwas geheimes auf dem Speicher! Das war etwas anderes als ein Bett oder ein Schrank im Zimmer. Bett und Schrank konnten jederzeit von Erwachsenen kontrolliert und durchsucht werden.

Der Speicher über meinem Ferienzimmer war voll von altem Mobiliar. Viele hohe Schränke boten gute Verstecke. Nahe der Tür war es hell wegen einem Dachfenster. Im oberen Stock ging es zwischen Schränken einen finsteren Gang bis an das Ende des Hauses entlang. Kurz vor dem Hausende waren die alten Schränke so angeordnet, dass sich daraus mehrere finstere Schrankzimmer ergaben. Der Sucher hatte kaum eine Chance die Versteckten zu finden. Der Speicher bot zu viele Möglichkeiten sich zu verstecken.

Aber das Suchen hatte seinen Reiz. Es fand in absoluter Ruhe statt. Jedes Knarren und Knacken erschreckte den Sucher. Das Vordringen in den oberen Bereich und in die drei Schrankzimmer löste bei mir Anspannung aus. In jedem Schrank konnte einer stecken. Jede Schranktür konnte zu einem Aufschrei von Mischa, Martin oder Robert führen. Alte Klamotten konnten auf mich hernieder kommen . Ein Buch konnte mir auf den Kopf fallen. Oder Blechgeschirr schepperte zu Boden, ein alter Stahlhelm konnte aus einem Schrank heraus knallen, und über dem Speicherfußboden eiern.

In vielen Schränken fanden sich riesige Holzkisten. Die waren so groß, dass ich hineinpasste. Meist fand ich Mischa, Martin und Robert aber stehend in den Schränken. Sie versteckten sich zwischen müffelnden Mänteln, Jacken, Hosen und Hemden. Wenn eine Schranktür quietschend geöffnet wurde, sprang ich sofort aus meinem finsteren Versteck. Gefunden zu werden war wie eine Erlösung. Hinter den langen Mänteln in einem Schrank versteckt, hörte ich aufmerksam auf jedes Rascheln, Knacken, Knistern, Knarren. Geräusche konnten von einem suchenden Ferienfreund stammen, sie konnten aber auch von etwas anderem kommen, zum Beispiel von einer Maus.

Einer Maus wollte ich in der Dunkelheit im Kleiderschrank nicht begegnen. Ich stand zwischen den kratzenden Kleidungsstücken und war froh, wenn ich schnell von Robert gefunden wurde. Die Vorstellung, dass eine kleine Maus über meine Hausschuhe laufen konnte, oder gar aus einer alten Jackentasche auf mich springen konnte, ließ mich in schnellen Zügen kurz atmen.

Wir vier hatten Respekt vor dem riesigen Speicher. Wir nutzten seine Größe nicht. Drei die sich da versteckten, steuerten zwar unterschiedliche Verstecke an, diese aber lagen nie weit voneinander entfernt. Wir behielten uns gegenseitig im Auge. Der Speicher war uns unheimlich, wegen dessen Größe und des vielen alten Zeugs, das in den Schränken schlummerte.

Beim Zählen blinzelte ich durch die Finger vor den Augen. Ich wollte eine Ahnung davon haben welche Richtung ich beim Suchen einschlagen musste. Das Suchen hatte keine Chance, wenn nicht ein Anhaltspunkt bestand. Jeder wusste, dass Blinzeln gegen die Regeln war. Jeder machte es und jeder akzeptierte, dass der andere es machte. Keiner sprach darüber, denn jeder war froh, dass der andere ihn darauf nicht ansprach.

Kurz vor Beginn des Hausarrestes war ich das letzte Mal mit den Dreien da oben. Beim Suchen lief ich in das hintere der drei spärlich beleuchteten Schrankzimmer. Der Schrank stand finster in einer Ecke. Langsam öffnete ich die leise knarrende Türe. Sie verdeckte die ohnehin wenigen Lichtstrahlen. So lag das Schrankinnere völlig im Dunklen. Ich tastete mich mit der linken Hand vorsichtig nach vorne. Ich wollte ertasten, ob im Schrank Kleidung hing oder nicht. Es roch modrig aus dem Schrank heraus. Schränke, welche ich zuvor geöffnet hatte, in welchen alte Klamotten hingen, hatten einen anderen Geruch.

Mit der rechten Hand hielt ich die Tür fest. Meine linke Hand tastete ins Leere. Ich führte die Hand von links nach rechts. Da war nichts. Ich ging einen kleinen Schritt nach vorne. Meine Hand erreichte die hintere Schrankwand. Noch einmal tastete ich von links nach rechts: Nichts. Dann ging ich langsam in die Knie, um nach unten zu tasten. Meine rechte Hand glitt an der hölzernen Schranktür langsam nach unten, denn die Tür wollte ich weiterhin offen halten. Mit der linken Hand erreichte ich auf etwa halber Höhe im Schrank ein Holzbrett.

Ich zog meine Hand langsam nach vorne, trat dabei einen Schritt zurück. Ich spürte den Staub über den ich meine Hand zog. Ich tastete mich, am vorderen Rand des Brettes, weiter nach unten. Es war kein Schrankbrett. Ich tastete mich weiter bis auf den Fußboden nach unten. Holz an dem ich mich entlang tastete. Es musste eine große Kiste sein. Nun arbeitete ich mich wieder nach oben. Am oberen Rand der Kiste, drückte ich mit dem Daumen gegen das obere Brett. Ich drückte langsam nach oben, hörte dabei ein leichtes Knarren und spürte, dass sich der Deckel öffnete.

Hätten Mischa, Martin oder Robert sich da drin versteckt, wären sie längst, laut aufschreiend und erlösend lachend, aus der Kiste gesprungen. In solch einer Kiste zu sitzen, zu hören wie von außen daran herum getastet wird, und dann das leise Knarren, des sich öffnenden Deckels zu hören, da wäre keiner von uns vier lange ruhig sitzen geblieben. Mir war klar, dass in dieser Kiste niemand saß. Trotzdem konnte ich mich von ihr nicht abwenden. Meine Neugier war zu groß. Obwohl ich in der Dunkelheit gar nichts sehen konnte, öffnete ich den Kistendeckel weiter und weiter. Die Schranktüre führte ich mit der rechten Hand an meinen Rücken, wo ich sie anlehnte. Meine rechte Hand ließ nun die Schranktür los und griff langsam in die Kiste. Das fühlte sich ähnlich wie auf dem Deckel an. Die Kiste schien voll zu sein. Mit der Rechten tastete ich und hörte jetzt ein ganz leises Rascheln. Dieses Rascheln kannte ich. Es konnte nur von Papier kommen. Eine Kiste voll Papier! Wie langweilig!

Plötzlich ertönte ein lautes Knarren, dann polterte es und ein lauter Schlag einer Tür knallte. Der Lärm kam von unten. Es war die Speichertüre. Ich erschrak so, dass ich den Kistendeckel fallen ließ. Das war ohrenbetäubend. Staub kitzelte in meiner Nase.
„Bernado, wo steckst Du? Komm sofort her!“, schrie der Feriengroßvater von unten zu mir hinauf.

Ich zitterte, zwang mich so laut ich konnte zu rufen:
„Ich komme! Ich komme sofort!“

Die Schranktüre schob ich vorsichtig zu. Es war wieder totenstill. Ich drehte mich um. In dem schwachen Lichtschimmer sah ich aufgewirbelten Staub in der Luft. Einige Meter vor mir, Richtung Treppe, lag ein Stück Papier auf dem Boden. Das hatte vorher noch nicht dort gelegen! Ich war ganz sicher. Beim Betreten des Schrankzimmers hatte ich den Fußboden durch das einfallende, schwache Licht gesehen. Ich erkannte meine Fußspuren im Staub auf dem Boden. Das Papier lag auf einem meiner Fußabtritte im Staub. Ich hob den Fetzen auf, zerknüllte ihn, und stopfte ihn in meine Hosentasche. Von unten hörte ich den Feriengroßvater wütend auf und ab stampfen, er schrie:
„Bernado sofort zu mir!“

Ich polterte die Treppe hinunter. Was mir einfalle auf dem Speicher herum zu turnen! Das sei eine ganz schlimme Pflichtverletzung! Der Feriengroßvater schnaubte vor Wut über mich.
„War es mir erlaubt, den Speicher zu betreten? Nein! Das war es nicht!“
Er brüllte mich fragend an, antwortete sich aber selbst ohne eine Antwort von mir abzuwarten. Weil es nicht erlaubt war, schrie der Feriengroßvater mich an, war es eindeutig verboten!

Am Anfang der Ferien hatte ich zugesichert nur zu tun, was zwischen uns beiden klar vereinbart worden war. Der Feriengroßvater hatte das in seinem Arbeitszimmer mit mir besprochen. Spielen und Herumlungern auf dem Speicher waren nicht vereinbart worden.

„In einem fremden Haus verhält man sich anständig, und vor allem ehrlich!“

Ich sei ein hinterhältiger Saukerl! Er schrie sich in Rage. Freundlichkeit, Bescheidenheit und Zurückhaltung den ganzen Tag vor zu spielen sei bösartig. Es stecke eine betrügerische Absicht dahinter.

Ich verstand nicht was er damit meinte, welche betrügerische Sache ich auf dessen Speicher mit den vielen uralten Sachen im Schilde führen könnte. Er ließ mich nicht zu Wort kommen, stattdessen schrie er:
„Mit deiner Verlogenheit ist jetzt Schluss! Was du dir erlaubt hast ist eine Unverschämtheit, die ihresgleichen sucht!“

Die Ferienmutter hatte wohl von Birner nicht nur gehört, dass ich ein guter Schwimmer war, sondern auch ein besonders schwer zu erziehendes Kind.

„Es ist eine Unverschämtheit mich so zu hintergehen! Menschen die dir ihre Hand reichen versuchst du skrupellos hinters Licht zu führen!“

„Befohlenem ist zu gehorchen! Gerade Du hast zu gehorchen! Dir werden wir Deine Verlogenheit schon noch austreiben!“
Ich hatte bewiesen, dass ich nicht einmal die leichteste Übung bestand. Statt Pflichterfüllung: Vertrauensmissbrauch.
„Für einen deutschen Jungen beschämend! Statt Dank ein versuchter Diebstahl!“
Die großzügige Hand, die der Feriengroßvater mir entgegen gestreckt hatte, versuchte ich auszunutzen.
„Ein dahergelaufener Kerl aus einer Erziehungsanstalt! Das hab ich im Leben nicht erlebt, nicht mal im Krieg!“

Er schickte mich in mein Zimmer. Er werde die Sache mit seiner Tochter besprechen. Stunden später überbrachte mir die Ferienmutter die Entscheidung, die beide gemeinsam getroffen hatten.

„Das gibt Dir die Zeit, über Dein niederträchtiges Verhalten nachzudenken!“

Die letzten vier Tage der Ferien auf dem Gehöft sollte ich in meinem Zimmer verbringen.

Ich lag auf dem Bett in meinem Ferienzimmer. Der Hausarrest sollte noch drei weitere Tage dauern. Ich starrte an die Decke mit der weißen Ballonlampe. Darüber lag der Speicher.

Erst im Jahr 2019 habe ich auf meinem Musikalbum „no experiments“ den Song „noch zu sagen“ veröffentlicht, der nicht direkt mit der Situation der Bestrafung durch Arrest im Zimmer zu tun hat, aber die Stimmung von solcher Art der Bestrafung in meinen Augen wieder gibt.

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