4. Bilder

Der nächste Tag ist der erste Tag im Juli. Es ist der Tag an dem ich die Arbeit in der kleinen Produktionsfabrik „für immer“ beginne. So ist es mit dem Chef ausgemacht. Die Wochen im April, meinen geopferten Urlaub, nenne ich heute gegenüber dem Chef „positiv“. Ich kann mir gut vorstellen, in seiner Fabrik zu arbeiten. Nicht nur dies, ich erkläre dem Chef, ich wolle sogar gerne und langfristig bei ihm arbeiten. Das freut den Chef. Eigentlich ist es selbstverständlich, dass ich die lebensnotwendige Arbeit und das Geld vom Chef nicht ausschlage. Der Chef strahlt mich an, obwohl ich ihm anstatt selbstverständlichen Dank, nur mein „positiv“ anbiete.

Für immer bleiben“ heißt bleiben, so lange das Arbeitsleben anhält. Ich kann mir das nicht wirklich vorstellen, obwohl ich es dem Chef zusichere. In meiner Kindheit gab es „für immer bleiben“ auf dem Obersalzberg in Berchtesgaden. Dort kamen Kinder aus deutschen Jugendämtern an. Sie wurden, wie ich, mit dem Ziel empfangen „für immer“ bleiben zu dürfen. Meine Kindheit war für mich, wie für jeden Menschen keine Zeit, die „für immer“ blieb. Doch damals begriff ich das noch nicht.

Wegen des verregneten Frühlings erwarte ich in diesem Jahr keinen Sommer. Durch die riesigen Fabrikfenster strahlt die Julisonne. Im ersten Stock der kleinen Firma wird es heiß.

Die Akkordarbeiterinnen stehen in weißen Kitteln an Transportbändern und schwitzen. Rechteckige, hellblaue Glasfläschchen kommen auf einem Förderband vorbei. Nicht einmal ein zehn Milliliter Rasierwasser werden von den Frauen schnell und geübt vom Fließband genommen. Auf den Sprühkopf der Fläschchen drücken sie kraftvoll einen goldfarbenen, dicken Plastikknopf. Die Fläschchen stellen sie in kleine Kisten, die sie mit Paketklebeband zukleben und auf einer Palette stapeln. Diese Tätigkeit beginnen die Frauen morgens um halb acht Uhr und beenden sie nachmittags um fünf.

Jahrelang hatte ich so getan, als wüsste ich nicht, dass in Deutschland noch so gearbeitet wird. Ich glaube, dass geringe Stückzahl und hoher Preis der Parfums und Rasierwasser, Cremes und Salben diese maschinenunterstützte Handarbeit möglich machen. Ich denke an Frauen in teuren Pelzmänteln. Adrett gekleidete Verkäuferinnen. In hell erleuchteten Parfümerien in der Münchner Innenstadt verkaufen sie die Fläschchen. Edle Fläschchen mit glänzenden Plastikköpfen finden in den Boutiquen gegenüber der Münchner Residenz reißenden Absatz. Sie glänzen in weißen Marmorbädern, sie finden weltweit auf großzügigen Ablagen in Badezimmern von Hotels platz.

„Das schafft Arbeitsplätze, deshalb ist es wichtig!“

Diese Überschrift nagle ich als Titel über mein Bild von der Tätigkeit des Chefs in meinen Kopf. Doch die Nägel halten nicht! Sie springen von selbst wieder heraus! Sie springen heraus, wie sich das ein Handwerker bei Abrissarbeiten auf einer Baustelle wünschen würde. Die Nägel hüpfen heraus, als wären sie schon alt und rostig. Sie fallen klirrend, verbogen und unbrauchbar zu Boden. Das riesengroße und schwere Brett mit der Aufschrift: „… schafft Arbeitsplätze … wichtig!“ kracht in meinem Kopf mit Getöse zu Boden und zerbricht. Warum?

Weil ich das nicht weiß, malt mein Kopf weiter. Er malt an einem neuen Bild. In dem Bild geht es um die Frage: Wieso genau dieser Arbeitsablauf in der Fabrik von Morgens bis Abends? Es entsteht ein Bild zu der Frage: Welchen Sinn sehe ich in dieser Arbeit? Ein riesiger Pinsel in meinem Kopf pinselt nervös und hastig an diesem Bild herum.

Der Chef erklärt mir alles. Er erklärt es, ohne dass ich ihn nach dem Sinn, des Arbeitsvorganges, den die Akkordarbeiterinnen acht Stunden täglich zu verrichten haben, frage.

Die Arbeiterinnen stehen links am Fließband. Dort machen sie das: Einen Karton von der Palette heben, auf die linke Seite der Maschine tragen, den Karton mit dem Rasiermesser aufschlitzen, drei leere Fläschchen pro Hand herausheben und nebeneinander auf das Transportband stellen. Rechts am Fließband stehen andere Frauen. Sie machen das: Ein gefülltes Fläschchen vom Band nehmen, einen Plastikdeckel mit der linken Hand greifen und auf die Flasche aufsetzen, fest aufdrücken, danach Fläschchen in die Kiste neben dem Band stellen.

Der Chef erklärt den Sinn durch seine Begeisterung wenn die Stückzahlen stimmen. Wenn die Maschinen reibungslos auswerfen, was verlangt ist, und die Arbeiterinnen reibungslos drei Fläschchen vorne aufs Band stellen und die gefüllten Fläschchen hinten vorsichtig und flink zu-stöpseln, dann lächelt der Chef. Er pfeift ein Liedchen. Er ist zufrieden. Das ist der Sinn! Das ist die Antwort auf meine Fragen in meinem Kopf! So sollte ich in meinem Kopf die Bilder malen! Wenn die Zahlen stimmen, und die verpackten Kisten auf den Paletten bis zur Decke wachsen, ist für den Chef die Welt nicht nur in Ordnung, sondern dann ist sie richtig gut. Der Produktionstag ist sinnvoll und gut! Ich weiß es! Endlich kann ich aufhören, zu denken!

Über das fertige Bild kommt die endgültige Überschrift auf einem großen Holzbrett: „Guter Produktionstag, gute Arbeitswelt!“ Gerade als ich den letzten Nagel fein säuberlich in das schwere Holzbrett über meinem Bild in meinem Kopf schlage, beginnt der unterste Nagel schon wieder mit nervösen Drehbewegungen. Und obwohl ich noch mal fest auf den letzten Nagel einschlage, klirren die Nägel einer nach dem anderen wieder unbrauchbar zu Boden. Das Bild „Guter Produktionstag, gute Arbeitswelt“ kann ich in meinem Kopf nicht fertig malen! Ich kann das Bild nicht mit seinem Titel versehen und in meinem Kopf einfach hängen lassen. Genauso, wie die anderen Bilder, bleibt es nicht an seinem Platz hängen, sondern stürzt zu Boden und zerbricht!

Weil das Bilder malen in meinem Kopf unerträglich zu werden droht, denn kein einziges der Bilder von der Fabrikarbeit gelingt mir, bekomme ich Angst. Tagelang geht es mir deshalb schlecht. Wie soll ich das Leben mit der Arbeit beim Chef leben, ohne Bilder in meinem Kopf malen zu können, deren Titel passen und die hängen bleiben? Ich verschwende viel Energie für das Malen von Bildern, die nicht fertig werden können. Meine Kraft schwindet mehr und mehr, deshalb fühle ich mich krank. Deshalb glaube ich, dass ich mit dem Malen im Kopf aufhören muss. Es droht mich aufzuzehren. Ich versuche mich abzulenken, um nicht mehr an die unfertigen Bilder in meinem Kopf zu denken.

Die Ablenkung versuche ich, indem ich morgens beginne, mir die Landschaft vor meinem Fenster genauer anzusehen. Ich versuche die unfertigen Bilder in meinem Kopf durch die vorhandene Landschaft vor meinen Augen zu überpinseln.

Jeden Tag sehe ich sehr genau hinüber, zum Betonpfeiler am Obersalzberg, gegenüber vom Hochstein, an dem ich wohne. Vom Frühstückstisch sehe ich den Obersalzberg mächtig auf der anderen Seite des Tals zum Himmel hinauf ragen. Der auffällige Betonpfeiler befindet sich etwa auf halber Höhe des Berges. Durch mein Fernglas erkenne ich, dass der Wald dort auf einem erheblichen Stück gerodet ist und ein eigener Zufahrtsweg zu dem Betonmasten führt.

Die Nebelschwaden ziehen auch im Juli morgens durch das Tal, sie sind aber viel dünner als im April und lösen sich, vom Watzmann kommend, kurz vor dem Obersalzberg auf. So habe ich täglich klare Sicht hinüber. Tatsächlich zeigt mein Ablenkungsversuch Wirkung. Schon nach zwei Tagen male ich in meinem Kopf keine unvollendbaren Bilder mehr vom Chef und der Arbeit in der Fabrik.

Nach einer Woche, jeden Morgen habe ich diesen Berg vor meinen Augen, glaube ich daran, dass es der Berg sein könnte, den ich wiedersehen wollte. Mein Denken über die Fabrikarbeit, das Finanzamt, das Altenheim, die Fahrt im Wagen des Chefs, mein Schweigen neben dem Chef: Alles reine Ablenkung von diesem Berg, von diesem Ort, von meiner Vergangenheit hier.

Am achten Morgen im Juli, um zwanzig Minuten nach sechs Uhr, denke ich, dass es kein Zufall sein kann, der mich in diesen Ort zurück führt, und dass es vielleicht auch kein Zufall ist, dass ich ausgerechnet so wohne, dass ich jeden Morgen ab sechs Uhr aufgefordert bin, weil ich keine unvollendbaren Bilder mehr im Kopf malen will, an meine Vergangenheit auf diesem Berg und in diesem Ort zurück zu denken.

Am neunten Morgen im Juli denke ich überhaupt nicht mehr an den bevorstehenden Arbeitstag. Die Arbeit ist so langweilig und eintönig, dass sie meine Gedanken nicht weiter beschäftigt. Ich habe meine sichere Stellung in der Stadt aufgegeben, für eine Arbeit, die mich schon am neunten Morgen nicht mehr beschäftigt? Eigentlich Wahnsinn, aber darüber denke ich am neunten Julimorgen nicht länger nach. Was in der Fabrik auf mich zukommt, jeden Tag, weiß ich genau. Es ist nicht spannend, nicht interessant, sondern langweilig aber sehr anstrengend.

Abends schmerzen mir Füße und Rücken. Wäre ich wegen der monotonen Arbeit abends nicht so abgearbeitet und müde, so denke ich am neunten Morgen, könnte ich mit dem Schreiben abends beginnen. Doch das ist wegen der anstrengenden Fabrikarbeit nicht möglich. Vielleicht können andere Menschen nach einem Tag monotoner Fabrikarbeit abends noch geistig arbeiten, ich kann es nicht. An manchem Abend bin ich so müde, dass ich schon um halb sechs Uhr auf dem grauen Sofa, mit Blick hinüber zum Obersalzberg einschlafe. Meine Augen fallen zu, die Zigarette fällt mir aus den Fingern und brennt ein Loch in den gemieteten Teppich. Das ist mein Leben an den Tagen nach lautem eintönigem Maschinenlärm. Es ist meine Unfähigkeit, nach einem langen Fabriktag, noch wach zu bleiben und zu denken.

Es gibt einen Grund für meine Rückkehr in diesen Ort, aber, wegen der anstrengenden Fabrikarbeit, kann ich abends, wenn Zeit dazu ist, nicht weiter über meine Rückkehr in dieses Tal und meinen täglichen Blick auf den Berg nachdenken. Über diesen Sinn der Fabrikarbeit ärgere ich mich nach dem zehnten Arbeitstag. Ich ärgere mich über Logik in meinem Alltag. Nach einem monotonen, anstrengenden Arbeitstag tue und denke ich nicht mehr viel. Das finde ich am Abend des zehnten Arbeitstages gemein.

Ich sitze auf dem grauen Sofa. Ich spüre, dass mein Kopf nicht mehr denken kann. Selbst mit starkem Kaffee gelingt es nicht. Ich bleibe zwar wach, aber ich kann nicht vernünftig denken. Eigentlich will ich wieder einschlafen, wie an den vergangenen Abenden, nach der Arbeit. Doch das verhindert nun der starke Kaffee.

Jetzt beginnt mein Kopf wieder Bilder zu malen. Ein Titel heißt: „Nach einem guten Produktionstag: Dumm sein und schlafen!“ Das schwere Brett mit diesem Titel bleibt hängen. Es kracht nicht, wie seine Vorgänger, herunter. Die Nägel für diesen Bildertitel halten. Endlich ein vollendetes Bild in meinem Kopf.

Am zehnten Abend, auf dem grauen Sofa im Zimmer an der Hochsteinstraße bleibe ich wach. Wegen einer starken Tasse Kaffee male ich in meinem Kopf ein fertiges Bild. Ich verstehe, dass ich nach Berchtesgaden nicht nur wegen der Fabrikarbeit und dem Chef zurückkomme. In beeindruckender Klarheit sehe ich täglich den Obersalzberg vor meinem Fenster. Der Grund für meine Rückkehr liegt an diesem Berg, in diesem Ort. Hier habe ich noch etwas zu erledigen.

Ich bin Fabrikarbeiter. Täglich wird mein Denken von der Monotonie und Langeweile dieser Arbeit behindert. Das Bild von diesem Berg, von diesem Ort, thront vor den Augen des Fabrikarbeiters. Dieses Bild schüttelt den müden Fabrikarbeiter wach. Es beflügelt sein Denken, es rüttelt ihn auf. Das Bild führt einen Kampf zwischen willen- und mutlos machender, monotoner Fabrikarbeit und dem verschütteten Willen des Fabrikarbeiters. Dessen Wille möchte unbedingt eine verborgene Erinnerung hervor kramen.