33. Jetzt gehen

Die Abreise stand bevor. Martin war ruhig geworden. Seine Begeisterung für das Meer war abgeebbt. Er war in Abschiedsstimmung. Für mich war der Urlaub aber noch nicht vorbei. Deshalb telefonierte ich abends, so wie Martin das in der Woche zweimal getan hatte, mit dessen Schwester. Christine war von meiner Idee ganz angetan. Ich gab ihr einige Daten durch, so dass sie Geld für Martin per Postanweisung schicken konnte.

Martin war wegen meiner Idee völlig aus dem Häuschen. Dass es bald noch viel mehr Meer zu sehen geben würde, als an der Ostseeküste, ließ ihn mehrere Luftsprünge vor Ernas Pension hinlegen. Zum Abschied hatten wir noch mal die Blumenwiese besucht. Martin pflückte für Erna und die alte Dame zwei riesige Sträuße. Er kaufte zwei leere Kassetten. Darauf nahm er im Altenheim gemeinsam mit dem graumelierten Herren dessen Schallplatte mit der Bluesbrothersmusik auf. Die eine Kassette schenkte er Erna, die andere der Freundin von deren Mutter im Altenheim, dazu gab ’s noch, für jede der beiden, ein schönes Polaroid-Foto, das ein Pfleger im Altenheim mit seiner Kamera von Martin gemacht hatte. Man sah ihn darauf, wie er auf der Wiese vor dem Altenheim einen Luftsprung hinlegte, genauso wie bei seinem Showtanz den er am Tanzabend vorgeführt hatte.

Der Abschied war herzlich, kurz aber schmerzlich. Für Martin hatte ich drei Packungen Taschentücher besorgt. Die brauchte er auch. Er fiel Erna dutzende Male um den Hals. Er dankte ihr für alles und fand seine Euphorie für das Meer wieder, für das er Erna schließlich auch noch dankte. Wir warfen unsere Taschen in den Käfer, stiegen ein und fuhren los. Erna und einige Pensionsgäste, denen unser Aufenthalt, vor allem der von Martin, nicht verborgen geblieben war, standen winkend vor Ernas Pension Blickfang.

Martin heulte Rotz und Wasser. Ich war nicht sicher ob die drei Päckchen Taschentücher ausreichten. Auf der Autobahn warf ich eine von seinen vier Kassetten an. Es dauerte Minuten bis ihn seine Lieblingsmusik in das Auto und die Welt zurückholte. Nach dreißig Minuten an der ersten Raststätte lehnte Martin wieder lächelnd und paffend am Auto. Ich prüfte den Ölstand, denn das hatte ich die Woche über bei Erna vergessen. Martin kam interessiert zum offenen Motorraum wo er sich cool aufbaute.

„Luft gekühlt?“, fragte er mich im gleichen Tonfall und mit der gleichen Gestik wie bei seiner aller ersten Frage die er auf dem Rastplatz an mich gerichtet hatte. Er trug dasselbe orange-braun gestreifte Hemd und dazu sein graues Baseballkäppie.
Minuten später, auf der Autobahn, zog Martin eine Sonnenbrille aus seiner Hemdtasche.
„Hier, die ist für Dich!“
Ich sah zu ihm hinüber. Es war die gleiche Brille, die er auf der Nase hatte. Er hatte sie auch bei dem Tanzabend getragen.
„Für mich?“, fragte ich verdutzt.
„Hab ich gerade an der Tankstelle für dich gekauft!“
„O.k., vielen Dank!“ Ich setzte die Brille auf.

So saßen wir nebeneinander und fuhren auf der breiten Autobahn, auf der rechten Spur, in unserem Ulli-Käfer, Richtung Westen. Etwa einhundert Zigarettenpausen und fünfunddreißig Blueskassettenlängen später, sah ich Martin dabei zu, wie er begeistert vor den Riesenwellen des Atlantiks am Strand stand. Ich sah ihn, wie er vor Meter hohen Wellen seine Räder am Strand schlug und einen dreifachen Überschlag hinlegte. Ich sah ihn, wie er in seinem orange-braun gestreiften Riesenhemd, im Wind flatternd, hinauf zum Himmel über den Wellen brüllte:

„Ich liebe das Meer!“

Ende

Ich gebe zu, dass das Ende dieses Buchs etwas abgedroschen, oder kitschig wirkt. Dazu fällt mir mein Song „Sepp“ ein. In meinem Album „alles verspielt“ aus dem Jahr 2014 habe ich in „Sepp“ davon gesungen, dass gerade in dem Augenblick in dem man nicht daran denkt „so ein Sepp daher kommt, der es guat mit dir meint“ …

https://www.jamendo.com/track/1147804/ein_sepp