32. Wandertag

Seit beinahe dreißig Jahren lebt Birner von Kindern, für deren Entwicklung er Verantwortung übernimmt. Es ist ein warmer Julitag 1999, dem letzten Jahr dieses Jahrtausends. An diesem Tag geben Jugendämter immer noch Kinder in die Obhut von Birner. Birner führt ein Haus, ähnlich dem Oberlehen. Es liegt auf einem niedrigeren Berg, gegenüber dem Obersalzberg in Berchtesgaden. Es ist ein kleineres Haus.

Ein kleines Kind ist unterwegs in die Schule. Es verlässt um halb acht Uhr das Haus von Birner. Wie jeden Tag schlendert es langsam die schmale Straße vor dem Haus hinunter. Heute trägt es keinen schweren Schulranzen auf dem Rücken, denn heute wird kein Unterricht abgehalten. Es ist der Wandertag, den die Schule einmal im Jahr macht. Die Schulklasse wird einen schönen Ausflug auf einen der nahen Berge unternehmen. Das Wetter ist wunderschön.

An einem Aussichtspunkt bleibt das Kind einige Minuten lang stehen. Auf der anderen Seite des Tals sieht es den Obersalzberg. Der Himmel ist blau, einige winzige Schäfchenwolken ziehen oben am Kehlsteinhaus vorbei. Das Kind freut sich nicht über das schöne Wetter. Es steht traurig am Weg und schaut über das enge Tal.

Den Ort unten und die umliegenden Berge sieht das Kind verschwommen. Immer wieder wischt es sich die Augen. Das Bild des schönen Tals wird nicht klarer. Immer wieder rollen Tränen aus den Augen des Kindes, so dass es den Waldweg unter seinen Füßen nicht mehr klar erkennen kann. Trotzdem setzt das Kind seinen Weg fort. Es möchte nicht, dass die Lehrerin bei Birner anruft, und fragt, warum es noch nicht da ist. Birner hat gestern wieder gezeigt, welche Macht er hat, und wer der Herr in seinem Haus ist. Birners Gewalt kann das Kind nicht entkommen. Das Kind hat Angst, wenn Birner ihm gegenüber tritt.

Das Kind betritt das Schulhaus. Es läuft schnell hinauf in seinen Klassenraum, wo alle anderen Kinder schon warten. Auch die Lehrerin wartet auf das Kind, denn vor fünf Minuten schon sollte der Ausflug beginnen. Das Kind war noch nie zu spät in die Schule gekommen. Die Lehrerin sieht sofort, dass mit dem Kind etwas nicht in Ordnung ist. Obwohl die Schulklasse jetzt losgehen möchte und deshalb sehr unruhig ist, nimmt sie das Kind kurz zur Seite. Sie schickt die anderen Kinder hinunter in den Schulhof, dort sollen sie warten. Sie fragt was los ist. Das Kind weint. Sekundenlang vergisst das Kind die Angst. Es erzählt von Birner. Es zittert vor Birner. Das Zittern ist immer da, es mag nicht mehr aufhören. Die Lehrerin tröstet das Kind.

Minuten später geht die Lehrerin mit dem Kind hinunter zur Schulklasse. Der Ausflug kann beginnen. Unterwegs denkt die Lehrerin darüber nach, ob sie verschweigen muss, was sie von dem Kind erfahren hat. Zunächst glaubt sie daran, dass sie nichts unternehmen darf. Weil das Kind sehr verstört ist, kann die Lehrerin sich nicht vorstellen, dass es erfunden hat, dass Birner es schlägt und ihm permanent Angst macht.

Vom Freibad, das die Lehrerin nachmittags mit der Schulklasse besucht, ruft sie das Amt an. Sie denkt sich nicht viel dabei, nur dass sie glaubt, sie muss es tun. Sie glaubt nicht, dass sie das Kind, den Schuldirektor, oder gar Birner fragen muss, ob sie das tun darf. Sie tut es einfach, weil sie glaubt, dass es einem Kind schadet so verstört zu sein. Was die Lehrerin am Telefon sagt findet das Amt so interessant, dass gleich ein Mitarbeiter losgeschickt wird, um in Birners Haus zu überprüfen, um festzustellen ob dort Dinge passieren, welche die Angst des Mädchens erklären könnten.

Birner ist nicht in seinem Haus. Stattdessen trifft der Mitarbeiter des Amtes auf eine junge Frau. Sie arbeitet seit ein paar Monaten im Haus von Birner. Der Mitarbeiter des Amtes spricht bei einer Tasse Tee mit der Frau. Die Frau fasst Mut und erzählt von einzelnen Vorfällen, die das Kind verängstigen. Sie erzählt von körperlicher und psychischer Gewalt, denen die Kinder wegen Birner ausgesetzt sind. Sie erzählt von Lasten die Kinder, wegen der Verletzungen, die Birner ihnen zufügt zu tragen haben. Sie erzählt von Verletzungen, die Peter damals gemeint haben könnte, als er in unserem Versteck am alten Oberlehen vom Terror der beiden Männer sprach. Sie erzählt, dass Birner stets sein Handeln in ein Licht rückt, dass es sehr schwer macht, das Unmenschliche darin zu erkennen. Der Alltag in Birners Haus sehe immer ruhig und unauffällig aus. Birners Gewalt aber mache die Seelen der Kinder kaputt. Angst und Einschüchterung seien Birners Mittel der Wahl gegen Kinder.

Weil das Amt am nächsten Tag ankündigt, Birners Haus ab sofort sehr genau zu kontrollieren vielleicht sogar zu schließen, schlägt Birner die Frau brutal zusammen. Sie wird im Krankenhaus behandelt. Birner behauptet damit nichts zu tun zu haben. Es sei ein Unfall geschehen. Das Amt reagiert. Es bringt die Kinder aus Birners Haus in anderen Orten unter. Birner sagt, dass er sowieso geplant habe, mit der Arbeit aufzuhören.