31. Arbeitszeit

Ein Jahr später laufe ich in einem Amt in der Stadt einen grauen Korridor entlang. Manche der vielen Türen steht offen. Ich sehe hinter Schreibtischen die Gesichter der Menschen, die hier arbeiten. Mancher Blick ist fröhlich, mancher ausgelassen und heiter. Einige Gesichter sehen eher grimmig aus, manch eines wirkt ein bisschen verschlafen. Ab heute werde ich täglich an diesen Bürotüren vorbei gehen, denn ab heute ist hier mein neuer Arbeitsplatz. Ich finde mein Büro ganz hinten in dem langen Korridor. Dort biege ich nach links ab, es ist finster, die dritte Tür führt in mein Büro.

Helling und Birner sind aus meinem Kopf verschwunden. Ich glaube, tatsächlich ist eingetreten, was ich mit meiner Suche nach meiner Vergangenheit in dem schönen Gebirgsort bezweckt hatte. Ich habe das Gefühl, dass die Zeit meiner Kindheit, die am alten Oberlehen von den beiden Männern bestimmt worden war, tatsächlich überwunden ist.

Der Dienststellenleiter, Herr Müller, führt mich durch verschiedene Büroräume. Dort stelle ich mich meinen neuen Kolleginnen und Kollegen vor. Müller öffnet die erste Bürotüre. Es ist ein finsterer Raum. Eine Frau erhebt sich vom Stuhl hinter dem Schreibtisch. Müller stellt mich namentlich als neuen Kollegen vor. Ich schüttle der Frau die Hand, begrüße sie freundlich. Jetzt sehe ich in ihr Gesicht. Während ich sie ansehe beginnt sie zu sprechen.
„Roswita Maier, guten Morgen!“
Es ist eine laute, aufdringliche Stimme, die mir sehr bekannt vorkommt. Jetzt wird ihre Stimme noch lauter, obwohl ich ganz nahe vor dieser Frau stehe, ruft sie:
„Ich glaube, wir kennen uns!“
Zweifel sind ausgeschlossen. Die aufdringliche Stimme kenne ich. An das Gesicht aber kann ich mich nicht erinnern. Diese Roswita Maier muss vor mehr als zwanzig Jahren unter Helling und Birner am alten Oberlehen gearbeitet haben. Aus irgendeinem Grund muss mein Nachname, mit dem Müller mich gerade vorgestellt hat, dieser Frau bis heute in Erinnerung geblieben sein.

Deren aufdringliche Stimme weckt in mir schlimme Erinnerungen an mein Leben im Oberlehen. Roswita Maier muss eine der vielen Erzieherinnen gewesen sein, die damals stets für kurze Zeit am Obersalzberg gearbeitet haben. Roswita war aber keine der Rettungsanker, auf die ich damals bei mancher Erzieherin am Oberlehen gehofft hatte. Roswitas harte aufgebrachte Stimme weckt in mir eine tiefe alte Angst. Sie flackert plötzlich auf. Es ist die Angst, die mich als Kind immer vor Erwachsenen schreckhaft zurück weichen ließ, die mich in eine Ecke trieb, um mich zu verstecken und so klein wie möglich zu machen. Niemals habe ich daran gedacht, dass das wieder kommen kann. In dem finsteren Büroraum vor dem Schreibtisch dieser Roswita ist die Angst und das Zittern in mir wieder da. Das habe ich mehr als zwanzig Jahre lang nicht gespürt. Ich fühle mich wie gelähmt.

Schnell verlasse ich das Büro. Ich möchte mit dieser Roswita nicht weiter reden. Müller weiß nicht, woher Roswita mich kennt und ich will auch nicht, dass es dazu kommt, dass er sich darüber Gedanken macht. Es scheint ihm nichts auszumachen, dass wir das dunkle Büro von Roswita sehr schnell verlassen.

Es ist die Angst, die mich immer überwältigt hatte, wegen der Unberechenbarkeit, die ich wegen dem Handeln der beiden Männer jahrelang gespürt hatte. Angst wegen der unberechenbaren Brutalität, der ich ausgeliefert war, weil ich ein Kind war. Roswita löst mit ihrer harten Stimme alle Gefühle und Erinnerungen in mir aus, als seien sie nicht längst vergangen.

Müller wird im Gang vor einer Bürotüre aufgehalten. Die Gelegenheit für mich, unter einem Vorwand in mein neues Büro zu verschwinden. Dort sitze ich Minuten lang am Schreibtisch und konzentriere mich auf das Hier und Jetzt.

In den nächsten Tagen suche ich Roswita erneut auf, denn ich habe in meinem Kopf mit meinem Leben am Oberlehen endgültig abgeschlossen. Ich will aber wissen, was sie über das Oberlehen am Obersalzberg denkt.

Deren Erinnerung ist vollkommen anders als meine. Sie erinnert sich an die schöne Natur und die Wälder rund um mein Heim. Sie findet, dass wir naturverbunden und in kindgerechtem Lebensraum aufwachsen durften. Roswita schwärmt von der grünen Natur und den Bergen rund um das alte Oberlehen. Sie betont laut und deutlich, was sie damals bewogen hatte, am alten Oberlehen für etwa ein halbes Jahr lang zu arbeiten: Die reizvolle und wunderschöne Umgebung und der Schnee auf den hohen Bergen hatten es ihr angetan. Von der Gewalt der beiden Männer gegenüber Kindern weiß sie nichts.

Ich spüre die Erwartung an mich, sie darin zu unterstützen, ihre guten Erinnerungen an ihre Arbeitszeit in der herrlichen Naturlandschaft, wieder zu beleben. Ich lerne eine sehr neugierige, beinahe distanzlose, laute Frau kennen. Mehrfach muss ich deren aufdringliche Fragen zu meinem Leben am alten Oberlehen, die sie stets sofort beantwortet wissen will, abblocken. Ihr Interesse an meiner Vergangenheit ist oberflächlich. Es ist davon geleitet ihre persönliche Erinnerungen an ihre Zeit auf dem schönen Obersalzberg wieder aufblühen zu lassen.