30. Suchen

Am nächsten Morgen hatte Erna ein wunderbares Frühstück mit Rührei und Speck zubereitet. Martin und ich erschienen erst zum Frühstück als die letzten Gäste bereits Richtung Strandkörbe unterwegs waren. Erna setzte sich zu uns an den Tisch.

„Bisschen spät geworden gestern?“
„Ich liebe das Meer! Deshalb konnte ich mich da gestern kaum loseisen. Die halbe Nacht war ich am Strand gelegen. So was tolles gibt ’s bei uns gar nicht was Sie hier haben, liebe Frau Erna! Ihr Frühstück sieht ja super aus. Ich mag Rührei mit Speck!“

Martin zauberte mit seiner Begeisterung einen Hauch von Lächeln in das Gesicht von Erna. Ich war mir nicht sicher ob sie sich aus Interesse zu uns gesetzt hatte, oder ob sie vorgehabt hatte, uns darauf hinzuweisen, dass die Frühstückzeit um halb elf Uhr Vormittags eigentlich längst beendet war. Martin jedenfalls sorgte dafür, dass diese Regel für uns beide außer Kraft gesetzt blieb. Erna fragte nach den Gründen unserer Anwesenheit an der Ostsee am Strand in ihrer beschaulichen Pension.

„Ich liebe das Meer! Meer und Urlaub, deshalb sind wir hier“, meinte Martin.

Ich hielt mich zurück. Martin erzählte von der langen Autofahrt und davon, dass er die Reise nur ausgehalten habe, weil er seine Lieblingsmusik aus Ullis Autokassettenrecorder hören durfte. Die Hitze vertrage er nämlich ganz schlecht. Deshalb sei er auch unendlich froh gewesen, als die Ostsee vor seinen Augen erschienen war und dass er sich in ihr jetzt täglich abkühlen könne. Ob Erna einmal seine Lieblingsmusik hören wollte, fragte Martin unvermittelt.

Erna antwortete, dass sie eigentlich nicht besonders viel Musik höre. Sie sei einmal in der Woche Freitags am Abend drüben im Ort im Altenheim. Dort finde eine Tanzveranstaltung mit Musik für die alten Leute statt. Da könne man zu Musik tanzen. Das sei eigentlich alles was sie mit Musik zu tun habe.
„Das ist aber schade! Musik ist wichtig im Leben, da kommt Spaß auf. Musik muss man oft haben, damit man Spaß haben kann!“
Erna nickte Martin verständnisvoll an. In ihren Augen glaubte ich die Frage zu sehen, die Martin sogleich beantwortete.
„Ich höre besonders gerne Bluesmusik. Die Bluesbrothers gefallen mir besonders gut! Da sind viele Bläser mit riesigen Trompeten und Saxophonen dabei und die tanzen auch ganz toll dazu. Vielleicht so wie sie in ihrem Altenheim? Kennen sie die Bluesbrothers?“
Erna schüttelte lächelnd den Kopf.
„Das ist schade. Die muss ich Ihnen unbedingt mal vorspielen. Echt toll der Sound.“
Martin verschlang das Rührei mit riesigem Appetit. Das wirkte als habe er drei Tage nichts gegessen. Erna sah Martin begeistert beim Essen zu. Sie verschwand kurz in der Küche, um mit einer weiteren Pfanne zurückzukommen.
„Das ist schön ihren großen Appetit zu sehen.“
Zu mir gewandt sagte sie:
„Da sollten Sie sich mal ein Beispiel dran nehmen, junger Mann!“
Ich fragte Erna:
„Kennen Sie hier in der Nähe ein größeres Gehöft? So mit Ställen und großem Innenhof?“
„Hier gibt ’s viele solcher Höfe. Alles Bauernhöfe. Es gibt hier viele Landwirtschaften. Die ganze Gegend lebt vom Ackerbau, vom Fischfang, vor allem vom Dorsch und einige Wenige wie ich, leben von Euch, den Touristen.“
Martin nickte:
„Wir sind auf Urlaub und bringen Geld. Das hat meine Schwester auch gesagt, dass das teuer wird! Deshalb hat sie mir was in die Geldbörse rein getan.“
Martin stand auf und zog die Geldbörse aus der Gesäßtasche hervor.
„Lass das mal Martin. Wir zahlen erst bei unserer Abreise.“

Erna fragte freundlich:
„Was ist das für ein Gehöft, das Sie suchen?“
„Das kann ich nicht ganz genau sagen. Ich war da mal vor etwa zwölf Jahren. Ich habe dort damals ein paar Urlaubswochen verbracht. Es war ein altes Ehepaar. Ich glaube der Feriengroßvater war irgendwie wichtig im Krieg gewesen. Jedenfalls erinnere ich mich daran, dass in seinem Arbeitszimmer viele alte Fotos hingen auf denen es um das Militär ging.“
Erna sah mich skeptisch an.
„Und da wollen sie jetzt irgendwie drin herum stochern?“
„Nein, ich hab da was von damals, das ich zurückbringen will.“
Martin gähnte ausführlich. Er schien genug Rührei gegessen zu haben, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und trank Orangensaft aus einem großen Glas.
„Hmm“, stöhnte Erna und blickte zum Fenster hinaus.
„Ein wichtiger Mann aus dem Krieg ist vor Jahren gestorben. Der wurde drüben im Ort auf dem Friedhof beigesetzt. Er hatte einen Hof, vielleicht fünfzehn Kilometer entfernt von hier. Ich glaube seine Frau wohnt noch dort. Aber ob der das ist, den sie meinen?“
„Können Sie mir den Weg zu dem Hof beschreiben?“
„Na klar, da finden sie schnell hin. Ob die Frau Telefon hat weiß ich nicht, glaube es aber nicht. Seit ihr Mann gestorben ist, hat die sich ziemlich zurückgezogen. Ich sehe sie nie im Ort und auch zu den Tanzabenden freitags ins Altenheim kommt sie nie.“
Martin wurde bei dem Stichwort wieder aufmerksam.
„Dürfen wir mitkommen zum Tanzabend?“
Ich hoffte inständig, dass Erna ein klares Nein für diese Frage hatte. Denn ich war der Meinung, dass wir uns auf keinen Fall in einen Schunkelabend im Altenheim einmischen sollten.
„Na klar junger Mann! Der Abend ist offen für den ganzen Ort. Da sind auch junge Leute gern gesehen! Die kommen nur nie.“
„Prima! Wir kommen gerne!“
Martin sah mich von der Seite an und nickte begeistert.
„Musik und Tanzen! Das wird toll!“

Die Strecke zum Gehöft führte über eine schmale Schotterpiste die zwischen hoch stehenden Rapsfeldern hindurch verlief. Kurz vor dem Gehöft sah ich links hohe Bäume. Dort war eine breite Blumenwiese. Dahinter lag ein grüner Weiher. Das musste der kleine, von hohen Bäumen bewachsene, Tümpel sein, an dem ich damals abends mit Robert, Martin und Mischa saß. Wir tranken dort heimlich aus Bierflaschen die Robert von Einnahmen aus dem Dorschverkauf spendiert hatte. Der Schotterweg war damals ein im Sommer mit Gras bewachsener Feldweg. Jetzt war er richtig mit Schotter befestigt. Mir schien aber, dass er nicht häufig befahren wurde, denn das Unkraut wucherte an einigen Stellen hoch aus dem Schotter, es verschwand unter der Haube des Käfers und stellte sich nach dem Drüberfahren hinter dem Wagen wieder auf.

Ich fuhr langsam eine Steigung hinauf, die mich daran erinnerte wie anstrengend es damals gewesen war, den Handwagen mit dem riesigen Surfbrett hoch zu ziehen. Deshalb war ich froh gewesen, dass ich das Brett in den letzten Tagen vor dem Hausarrest unten am Meer in einer Scheune nahe dem Deich auf einem anderen Hof abstellen durfte. Ich fuhr sehr langsam am Eingang des Haupthauses vorüber. Ich sah durch die Seitenscheibe an Martin vorbei genau zur Eingangstür. Es war die gleiche schwere Tür. Neben der Tür hing aber kein trocknendes dunkles Hirschfell.

Martin fragte mich besorgt:
„Ist dir schlecht geworden? Du siehst plötzlich so bleich aus.“
„Nein, es ist nichts. Ich bin nur ein bisschen aufgeregt, denn ich war hier nur einmal im Leben und weiß jetzt gar nicht so genau ob das richtig ist hier wieder her zu kommen.“

Ich fuhr den Käfer auf den leeren Hof. Alles war von Unkraut überwuchert. Aus den Ritzen der groben Pflastersteine sprießten Gräser und Löwenzahn. Ich lenkte das Auto bis vor das hohe, braun gestrichene Scheunentor. Dort stellte ich den Motor ab. Ich sah mir durch die Windschutzscheibe das Tor an. Die braune Farbe war schwer verwittert. Sie blätterte an vielen Stellen ab. Sie sah aus, als habe sie seit damals keinen neuen Anstrich mehr erlebt. Ich erinnerte mich der kurzen, scharfen Stimme des Feriengroßvaters, wie er die zügig voranschreitende Arbeit des Malermeister Klecksel an dessen Scheunentor lobte.

Noch im Wagen sitzend sagte Martin:
„Tief durchatmen, ganz tief atmen, das ist das beste. Viel Luft braucht der Mensch, wenn ihm schlecht geworden ist. Frische Luft bringt den Kreislauf wieder in Schwung.“
Ich drehte mich zu Martin, lachte ihn an und sagte:
„Geht schon wieder, mit mir ist alles klar.“
„O.k. Kumpel“, sagte Martin, hielt mir die flache rechte Hand hin. Ich klatschte meine Linke darauf.

Wir stiegen aus. Das Haus sah so aus wie ich es in Erinnerung hatte. Es war nur viel kleiner. Aber das Dach, die Fenster, der rankende Wein rund um das Haus, alles war wie damals. Kein Mensch war zu sehen. Wir schlenderten langsam Richtung Eingangstür. Ich musterte die Scheunen, alles sah so aus wie in meiner Erinnerung. An der Tür fand sich derselbe Klingelknopf. Martin drückte drauf: „Baa, baba, bapp!“ Wir warteten, aber es rührte sich nichts. „Baa, baba, bapp!“ Nach fünf Wiederholungen stoppte ich Martin.
„Da scheint niemand zu Hause zu sein.“
„Da wohnt gar niemand“, sagte Martin.
„Wie kommst du denn da drauf?“

Martin lotste mich von der Haustüre zur Terrassentüre, hinter der sich nach meiner Erinnerung das Arbeitszimmer des Feriengroßvaters befand. Neben der Terrassentür zeigte mir Martin ein Fenster. Ich verstand nicht was Martin dort gesehen hatte. Er deutete auf das Fenster. Ich neigte mich nach vorne und sah hinein. Das war das Arbeitszimmer. Aber es war leer. Es war völlig leer geräumt, kein einziges Möbelstück war zu sehen. Die Wände waren kahl, kein einziges Foto hing dort.

Ich nickte Martin zu.
„Du scheinst Recht zu haben. Bewohnt sieht das nicht aus.“

Wir gingen um das Haus und sahen zu vielen Fenstern hinein. In keinem Zimmer standen Möbel. Das Haus schien leer geräumt worden zu sein. Der Obst- und Gemüsegarten war überwuchert von Gräsern und Unkraut. Martin fand trotzdem einige Beeren die er zupfte und genüsslich verschlang.

Je länger wir uns aufhielten desto klarer wurde, dass der Hof wohl seit einiger Zeit unbewohnt war. Ich sah vom Gemüsegarten aus nach oben in den ersten Stock. Auch dort schien sich kein Mobiliar mehr in den Räumen zu befinden. Vorhänge, an die ich mich erinnerte, fehlten. Vom Hof aus sah ich mir die Fenster an der Vorderseite im ersten Stock genau an. Alle waren ohne Vorhänge, auch das winzige Dachfenster des Speichers. War denn da je ein Vorhang? Warum sollte da einer gewesen sein? Das Speicherfenster sah seltsam aus. Es war klar und sauber. Sauberer als alle anderen Fenstergläser. Martin merkte, dass sich meine Aufmerksamkeit auf das winzige Speicherfenster richtete. Auch er sah dort hinauf.

„Keine Glasscheibe mehr drin gell?“
„Scheint so“, antwortete ich, denn das war es was dort anders war. Da spiegelte sich nichts. Das Glas fehlte, oder das Fenster stand einfach offen.

Das riesige Scheunentor ließ sich mit vereinten Kräften öffnen. Drinnen stand der alte Mercedes des Feriengroßvaters. Die Nummernschilder fehlten. Martin öffnete eine Wagentür und erschrak, weil darin viel Leben herrschte. Mehrere Tauben flatterten aufgebracht hinauf bis zur hohen Decke. Oben landeten sie auf Querbalken die von vielen Tauben besetzt waren.

Ich blickte nach oben. Da hing sie auf der Seite an der Wand. Eine riesige Leiter die mir der Feriengroßvater damals gegeben hatte, um das Tor zu streichen. Die Metalleiter war weiß von Taubenkot. Wir schleppten sie zusammen in den Hof hinaus. Dabei verscheuchten wir in der Höhe der Scheune einige Tauben, denn wir schlugen mit der langen Leiter mehrfach gegen die Deckenbalken. In der Scheune herrschte minutenlang helle Aufregung.

Die Leiter war alt aber in Ordnung. Wir lehnten sie an dem Dachfenster an. Martin wollte auf keinen Fall da hoch steigen. Das fand ich sehr gut, denn sein Gewicht hätte der Leiter fast die doppelte Belastung abverlangt wie meines. Ich setzte mir meinen Rucksack auf den Rücken und begann langsam auf der Leiter hinauf zu steigen.

Martin hatte ich zuvor erklärt, dass ich mich da oben nur ein bisschen umsehen und etwas ablegen wollte, was ich vor vielen Jahren von dort gestohlen hatte. Martin hörte mir beim Stichwort „gestohlen“ sehr aufmerksam zu. Ich zeigte ihm das Schreiben in der Plastikhülle aus meinem Rucksack.

Martin sah mich fragend an.

Ich erklärte ihm, dass man irgendwann im Leben auf seine Missetaten zurückgeworfen würde. So sei es zum Beispiel, wenn man etwas gestohlen habe. Das vergesse man meistens nie und irgendwann tauche es dann so stark wieder auf, dass man sich auf den Weg machte. Ich sei hier auf so einem Weg. Ich hoffte darauf, dass ich nicht zu spät dran war. Es sähe zwar nicht gut aus, denn leider wohnten der Feriengroßvater und dessen Frau wohl nicht mehr hier, doch es gäbe noch eine kleine Chance. Wenn oben in diesem Speicher die Kiste noch da sei, würde ich das Schreiben einfach wieder hineinlegen. Die Kiste würde vielleicht eines Tages, genauso wie das Mobiliar von den Erben oder den ehemaligen Hausbewohnern noch abgeholt werden. Damit wäre der Diebstahl zumindest soweit erledigt, dass die Nachfolger des Besitzers das Schreiben wieder zurückbekommen hätten.

Martin fand es seltsam, dass ich überhaupt ein Schreiben geklaut hatte und fragte warum ich das nicht einfach weggeschmissen hätte. Minutenlang dachte ich darüber nach.
Ich antwortete:
„Ich dachte damals, als ich da oben auf dem Speicher in der Kiste wühlte, dass es vielleicht Geld sein könnte. Das konnte ich in der Dunkelheit aber nicht erkennen. Als ich sah, dass es ein Stück Papier war, musste ich es einstecken weil es aus der Kiste heraus auf den Boden gefallen war. Ich hatte Angst, dass der Feriengroßvater es finden und mich als Dieb entlarven würde. Denn wer sonst außer mir hätte es aus der Kiste nehmen sollen? Seitdem habe ich mich nicht getraut das einfach weg zu schmeißen. Obwohl es uralt ist, könnte es wichtig für seinen Besitzer oder dessen Nachfolger sein. Der Brief lag vielleicht Jahre lang hier in diesem Haus auf dem Speicher herum, ohne jemals dort anzukommen wohin er versendet worden war. Vielleicht will der Besitzer ihn jetzt versenden, wenn er ihn hier wieder findet?“

Martin verstand nichts von dieser seltsamen Erklärung.

Das Dachfenster war winzig aber es reichte für mich. Nachdem ich eingestiegen war, winkte ich zu Martin der unten die Leiter hielt. Ich knipste meine Taschenlampe an und leuchtete durch den Speicher. Der war leer. Kein Schrank stand mehr oben an der Holztreppe. Stattdessen war der Speicher voll von Tauben. Schallendes, wildes Geflatter tobte um mich herum. Ich arbeitete mich gebückt vor. Tausende von Tauben schienen über meinen Kopf hinweg zum winzigen Fenster zu fliegen. Gebückt arbeitete ich mich zur Speichertüre weiter. Der Boden war übersät mit Taubenkot. An der Türe angekommen, drückte ich die alte Klinke hinunter. Das schaffte ich nur mit beiden Händen. Also machte ich die Lampe aus. Ich stemmte mich auf die Türklinke, die sich knarren nach unten bewegte. Laut quietschend öffnete sich die Tür. Ich trat in den Gang und warf die Tür hinter mir fest zu.

Im Lichtkegel der Taschenlampe bewegte ich mich den Flur entlang nach links. Dort sah es so aus wie vor zwölf Jahren. Der Boden und die Wände schienen seit damals nicht verändert worden zu sein.

Ich bewegte mich bis zur Kammer in der ich damals gewohnt hatte. Die Türklinke ließ sich viel leichter herunter drücken als die der Speichertüre. Ich öffnete langsam die Tür. Zu meiner Überraschung stand in dem Zimmer noch das Bett auf dem ich damals geschlafen hatte und an der Decke hing immer noch die weiße Ballonleuchte aus Papier. Unter dem Fenster sah ich getrocknete, gelbe Streifen von Wasser, so wie ich sie damals auch schon gesehen hatte. Ich ging zum Fenster und öffnete es vorsichtig. Ich lehnte mich hinaus. Unten sah ich Martin an der Leiter stehen. Ich winke ihm zu und rief hinunter:
„Alles klar Martin, ich komme gleich wieder runter!“

Links sah ich das Speicherfenster aus dem immer noch Tauben heraus flogen. Das Zimmer war abgesehen von Bett und Lampe völlig leer. Ich schloss das Fenster. Ich blieb noch Sekunden in dem Zimmer, sog den Geruch ein. Es roch wie damals.

In diesen Sekunden wurde mir bewusst, dass ich hier völlig unsinniges im Schilde führte. Warum war ich an den Ort zurückgekommen? Ich wollte das Schreiben seinem Besitzer oder seinem Adressaten bringen. Was ich hier tat war anderes. Ich war in ein Haus eingedrungen, in dem ich nichts zu suchen hatte. Was war mit mir geschehen? Wollte ich das Schreiben hier abliefern obwohl die Hausbesitzer gar nicht mehr hier lebten? Was sollte der Unsinn? Warum sollte das Schreiben wieder dort hinkommen, von woher ich es hatte?

Ich verließ das Zimmer. Im Lichtkegel der Taschenlampe ging ich langsam den Gang entlang. Vorsichtig stieg ich durch das verstaubte Treppenhaus hinunter. Unten war ich kurz in Versuchung einen Rundgang durch die Zimmer zu machen. Doch mir wurde erneut bewusst, dass ich in diesem Haus nichts zu suchen hatte. Deshalb ging ich sofort zur Eingangstür. Sie war nicht verschlossen, sondern sie war nur ins Schloss gefallen. Ich trat hinaus und stand in der Durchfahrt zum Hof. Ich zog die Tür hinter mir zu.

Martin war überrascht, dass ich so schnell zurückgekommen war und dass ich dazu nicht mehr die Leiter benutzt hatte.
„Hundertachtundneunzig Stück und das hört immer noch nicht auf!“
Er hatte die Tauben gezählt die aus dem Dachfenster geflogen waren.
„Komm, lass uns die Leiter wieder wegschaffen und verschwinden.“

Wir trugen die Leiter in die Scheune, hängten sie an den Haken, stemmten gemeinsam das Scheunentor wieder zu und fuhren langsam im Käfer auf dem Schotterweg hinunter in Richtung Meer.

Abends nach dem Abendbrot erzählte ich Erna von unserem Besuch auf dem verlassenen Gehöft. Sie hatte inzwischen im Ort ermittelt, dass die ehemalige Feriengroßmutter kurz nach dem Tod ihres Mannes auch gestorben war. Seitdem stehe das Gehöft wohl leer. Angeblich soll es demnächst abgerissen werden um für einen Feriengasthof Platz zu machen. Das könne aber noch dauern, weil sich die Erbengemeinschaft wohl ziemlich uneinig wäre. Erst jetzt fragte mich Erna was ich denn auf dem Hof überhaupt zu suchen hätte. Nach Kriegstrophäensammlern sähen wir beide nämlich nicht aus.

Ich erzählte Erna die Geschichte von dem Schreiben und zeigte ihr eine Kopie davon. Erna konnte die alte Schrift lesen! Die Straße in der Adresse kannte sie im Ort aber nicht. Sie könnte aber ihre Mutter danach fragen, denn es war viel gebaut worden seit dem Krieg. Da könne es gut sein, dass die Straße inzwischen einen anderen Namen bekommen hatte. Sie treffe ihre Mutter morgen.