30. Ein Heft

In der Fabrik arbeite ich heute fleißig, wie jeden Tag. Ich versuche wieder mein Bestes zu geben. Im Laufe des monotonen Arbeitstages an meiner Abfüllmaschine spüre ich aber mehr und mehr, dass meine Zeit in Berchtesgaden zu Ende geht. Warum ich hierher zurückgekommen bin, ist in den Wochen eintöniger Fabrikarbeit klar geworden.

Jeden Morgen habe ich, neben der ermüdenden täglichen Fabrikarbeit, an meiner Schreibmaschine meine Geschichte in diesem Ort aufgeschrieben. Ich habe aufgerollt, was ich bis heute noch nicht aufgerollt habe. Ich habe die Wochen der Zeit in diesem Ort gebraucht, um etwas wertvolles zu erledigen. Meine noch übrig gebliebenen Erinnerungen an das Oberlehen auf dem Obersalzberg habe ich aus meinem Kopf hervor geholt.

Das tägliche Hämmern auf meiner alten Schreibmaschine hatte den Sinn meinem Bedürfnis zu folgen, der Erinnerung den Raum zu geben, den sie braucht, um das abzuschließen, was in Vergessenheit geraten war. Ich habe erfahren, dass der Schein des Vergessenen trügt. Vergessenes verschwindet nicht einfach auf „nimmer Wiedersehen“, wenn es so wichtig ist, wie mein Leben am Oberlehen und wenn es nicht in meinem Kopf so eingeordnet ist, um es als ruhende Vergangenheit ruhen zu lassen. In das Oberlehen habe ich mich zurückgeführt, weil es in Vergessenheit geraten war, ohne abgeschlossen zu sein. Ich habe es heute abgeschlossen, indem ich alles zugelassen habe, was aus mir kam und indem ich das, was kam in die passenden Schubladen in mir eingeordnet habe. Die Last meiner Vergangenheit an diesem Ort habe ich so in meinem Kopf befreit. Mein Kopf ist deshalb heute endlich frei für anderes, für wichtiges in meinem Leben. Es gelingt mir erst heute, die Wichtigkeit meiner täglichen Gegenwart voll zu erkennen, denn die Funktion der Vergangenheit habe ich durch Schreiben und Denken offen gelegt. Vielleicht gelingt es mir eines Tages sogar auch, den Sinn dieser Arbeit in der Fabrik zu erkennen, den ich bis heute nicht begreife.

Heute leiste ich in der kleinen Fabrik wieder Mehrarbeit. Ich arbeite, wie die Kollegen, bis spät abends. Nach der Arbeit fahre ich in der Dunkelheit noch einmal die kurvenreiche, steile Bergstraße hinauf auf den Berg. An der Station Erika biege ich wieder ab. Ich fahre über die Brücke, überquere die Rodelbahn. Kurz sehe ich links, zwischen den vielen Neubauten, das alte Haus, die Pension Erika. Nach der grauen Steinmauer am Berghang biege ich links ab. Meinen Wagen parke ich gleich auf der rechten Seite, vor einem Neubau. Die letzten Meter hinauf zum neuen Oberlehen gehe ich zu Fuß.

Durch einen Nebeneingang dringe ich in das Haupthaus des neuen Oberlehens ein. Es ist eine Holztür mit einem kleinen Fenster. Mit einem Stein schlage ich klirrend die Scheibe ein. Ich greife durch das Fenster und öffne die Tür von innen. Durch das Treppenhaus, vorbei an neuen Wohnungstüren, erreiche ich die Speichertür. Es ist eine Stahltür. Sie ist nicht verschlossen, der Schlüssel steckt. Ich öffne sie. Auf dem Speicher lagern Möbel und alte Matratzen. Ich setze mich auf eine Matratze am Ende des Speichers. Dort ist ein kleines Fenster. Ich öffne es. Die Nacht ist klar. Drüben am Horizont, in der Dunkelheit, erkenne ich die Silhouette des Untersberges. Peter hatte das Heft damals unter einer alten Matratze auf dem Speicher des Haupthauses versteckt, aber ich habe es, als er und Hartmut abgeholt wurden, nicht gefunden.

Ich zünde eine Kerze an und blättere in Peters Schreibheft. Peters Handschrift erkenne ich sofort. Einige Passagen stammen von Hartmut, auch seine Handschrift kenne ich genau. Beide sehen aus, wie meine Kinderschrift. Ich lese, was Peter und Hartmut damals geschrieben haben:

25. Juli 1976.
Ich habe heute in einem großen Supermarkt, der in Berchtesgaden neu eröffnet hat, dieses rote Heft geklaut. Es soll ab heute mein Tagebuch sein. Ich werde zusammen mit Hartmut darin schreiben, wenn wir uns oben im Wald oder in unserem Versteck auf dem Dachboden treffen. Es ist gefährlich zu schreiben, denn ich lebe in einem Kinderheim. Wenn mein Heft von jemandem im Heim entdeckt wird, ist es nicht nur weg, es wird für mich deshalb gefährlich werden, weil ich es gestohlen habe. Helling und Birner werden mich auch deshalb schlagen, weil ich in diesem Heft schreibe, was ich denke. Ein gutes Versteck für das, was ich denke, ist unser Dachboden im Oberlehen.

26. Juli 1976.
Es hat stark geregnet. Oft haben wir schwere Regenfälle in diesem Sommer. Ich habe den Dienst „Sauberkeit ums Haus“. Den hat mir Birner aufgebrummt. Ich sorge dafür, dass es rund um unser Heim schön ordentlich ist. Der schwere Regen hat den Kies im Hof durcheinander gebracht. Die Wege rund um die Häuser sind versaut.
Im Oberlehen leben wir in einer schönen Kinderwelt. Wir sind Taugenichtse. „Du bist nicht mehr als der Dreck auf den Wegen rund ums Oberlehen!“ Das sagen Birner und Helling täglich.

Sie schlagen uns nicht nur, sondern sie versuchen unser Denken zu beeinflussen. Wir sollen nur noch denken, was sie vorgeben. Das tun wir, denn wir tun alles, um deren Schlägen zu entkommen. Wir denken, was sie wollen, was sonst kann der Grund sein, dass wir es nicht schaffen Widerstand zu leisten? Ich will Widerstand leisten, schaffe es aber nicht mir zu überlegen wie, denn mein Kopf ist voll von Angst, Vorsicht und Flucht vor den beiden. Sind Erwachsene Terroristen, die mein Denken beeinflussen und genau wissen, was ich denke?

27. Juli 1976.
Sie heißt Station Erika. Morgens laufen wir in fünf Minuten zur Bushaltestelle. Alle Schulkinder vom Oberlehen warten hier. Jeden Morgen, pünktlich um Viertel nach sieben, kommt der gelbe Schulbus.

Man hört an seiner Sprache, dass er aus Berlin stammt. Heute Morgen begann er sein übliches Spiel. Einem kleineren Buben riss er im Vorbeigehen den Schulranzen vom Rücken. Michael warf die Schultasche einem anderen großen Kind zu. Zwischen beiden flog sie hin und her. Der Kleine wusste, dass es keinen Sinn hatte, wild nach der fliegenden Tasche herum zu rennen. Sich gegen solche Überlegenheit zu wehren, schadet mehr, als dass es nützt. Der Kleine stand und reagierte nicht auf Michaels Provokation.

Beide, Michael und sein großer Freund, vertrieben sich ihre Langeweile. Weil sich der Kleine nicht aufregte, war der Spaß aber nur halb so lustig. Nichtstun des Kleinen stachelte Michael zu weiteren Angriffen auf. Nach wenigen Minuten, den Schulranzen des Kleinen hatte Michael über die flache Wiese hinter die Bushaltestelle geschleudert, packten beide den Kleinen. Sie rissen ihm die Jacke vom Leib und warfen sich nun diese gegenseitig zu, wie zuvor die Schultasche.

Hupend näherte sich der Bus. Michael ließ von dem Kleinen ab, denn er steigt täglich als erster ein, um einen Sitzplatz im Bus zu bekommen. Der Kleine raffte sich hoch, flitzte über die Wiese zu seiner Schultasche, schnappte sich seine schmutzige Jacke vom Straßenrand und stieg als letzter in den Bus.

Bei uns herrscht die Macht des Größeren und Stärkeren. Michael und andere Heimkinder machen nach, was die Heimleiter Helling und Birner jeden Tag vorführen. Birner und Helling bringen das Zuschlagen in meine Leben. Ich habe das vorher nicht gekannt. Beide kommen aus einem Erziehungsheim. Das ist ein Haus, in dem das Zuschlagen normal ist.

Der Kleine appelliert täglich an das Denken von Michael. Er steht wehrlos da, so wie wir Helling und Birner täglich gegenüberstehen. Der Kleine spricht nicht mit Michael, er kennt Michael schon lange, und weiß, dass Sprechen nichts nützt. Auch Helling und Birner gegenüber schweige ich in solchen Momenten. Michaels Angriff auf den Kleinen ist heftig. Er braucht das regelmäßig, um anderen Kindern zu beweisen, dass er überlegen ist. So sorgt er dafür, dass er respektiert wird. Genauso ist es mit Helling und Birner. Jedes Kind weiß, wie stark beide sind. Deshalb ist es am besten, man geht ihnen immer aus dem Weg. Unberechenbarkeit und Launen machen mir Angst. Wie der Kleine an der Busstation von Michael, kann man am Oberlehen jederzeit von Helling oder Birner angegriffen werden.

28. Juli 1976.
„Hetzparolen“. Ich bin ein „Aufwiegler“.
Deshalb gibt es ein geschwollenes Auge, das mir Birner verpasst. Es kann auch eine gebrochene Rippe sein, ein gebrochenes Nasenbein, einen ausgerenkten Arm, oder es wird ein Sturz in eine Glastüre wegen eines Faustschlages ins Gesicht oder in den Magen.

Manchmal werde ich beinahe verrückt. Das liegt daran, dass unser Leben hier so schön aussieht, weil das Oberlehen in einer schönen Landschaft liegt. Es ist schwer zu erkennen, was schief läuft. Oft denke ich, dass das Schlagen und Reden von Helling und Birner ganz normal sind. Manchmal scheint es mir unmöglich herauszufinden, was richtig und was falsch ist. Dann muss ich stundenlang nachdenken, um das Richtige wieder zu erkennen. Dafür brauche ich meine Verstecke, wie den Dachboden.

29. Juli 1976.
Wie Michael ist Birner ein Angeber. Michael ist ein Kind und Birner ist der Erwachsene Heimleiter. Er findet es gut, ohne Rücksicht auf rote Ampeln und Geschwindigkeitsbegrenzungen von seiner Wohnung in seinem weißen Porsche hinauf ins Heim zu fahren. Damit prahlt Birner. Kinder wie Michael glauben deshalb daran, dass es Sinn macht so etwas zu tun, und darauf stolz zu sein. Ich weiß nicht welchen Sinn das hat, doch ich erkenne einen anderen Sinn:

Birner und Helling sind Chefs. Sie verdienen an uns. Das muss so viel bringen, dass Birner sich diesen Porsche kauft. Der Porsche ist also Symbol seiner Schläge, die er uns gibt, mit denen er Geld verdient.

30. Juli 1976.
Samstagmorgens treffen wir uns alle im Hof zwischen den beiden Häusern unter der großen Eiche. Zu zweit nebeneinander stehen wir in einer Reihe. Nach dem Abzählen marschieren wir los. Wir laufen auf der Rodelbahn hinunter nach Berchtesgaden. Unser Ziel ist das Hallenbad. Birner läuft nicht mit. Er fährt in seinem Porsche. Nach dem Schwimmen verteilt er im Vorraum des Hallenbades das Taschengeld.

Von meinem Taschengeld zahle ich meine Schulden bei Michael. Er ist ein Abkassierer. Jede Woche treibt er Schulden ein. Seine Preise sind hoch. Hat man im Sommer ein Fahrrad von ihm geliehen, kann es sein, dass man im Winter noch dafür bezahlen muss. Wer nicht zahlen will, kriegt Prügel.

Nach der Taschengeldausgabe dürfen wir in Berchtesgaden einkaufen. Wer versucht seine Schulden nicht gleich an Michael zu bezahlen, wird von ihm hinters Hallenbad gezerrt, verprügelt und seines Geldes erleichtert. Wer es schafft dem Geldeintreiber bis in den Ort zu entkommen, wird an irgendeiner Ecke von ihm aufgegriffen. Wer es schafft, ihm den ganzen Samstagvormittag zu entkommen, wird an der Bushaltestelle unter die Brücke gezerrt und dort verprügelt. Wer nicht an der Bushaltestelle wartet, sondern zu Fuß den Berg hinauf läuft, wird oben nach dem Mittagessen von ihm in den Keller oder aufs Klo gezogen.

„Hoffentlich haste dein Taschengeld noch nicht verjuxt, sonst gibt’s eins auf die Schnautze druff!“
So brüllt der Berliner Michael in bayerischem Tonfall. Danach blutet meine Nase und ich bleibe auf der Kloschüssel liegen.
„Nächsten Samstag zahlste doppelt, sonst bleibt der Kopp in der Schüssel drinne!“
Am nächsten Samstag zahle ich. Michael hat das von Helling und Birner gelernt. Er beherrscht das Spiel von der Macht des Stärkeren perfekt.

31. Juli 1976.
Buchhalter Birner und Heimleiter Helling kalkulieren unsere Kindheit. Der Buchhalter berechnet, was wir einbringen. Ein Jugendamt bezahlt. Die Gegenleistung sind Schläge, Einschüchterung, Druck und Verängstigung. Wir werden krank und sind bald kaputt. Ich muss bezahlen für diese Kindheit, vielleicht mein Leben lang. Helling und Birner geht es nicht schlecht dabei.

01.08.1976.
Im Oberlehen hat sich was entwickelt, das für mich schlecht sein könnte. Mein Misstrauen gegenüber Helling und Birner ist stärker geworden. Ich beobachte sie argwöhnisch, vor allem Helling. Ich glaube, er merkt, dass mir sein Umgang mit den Heimbewohnerinnen am Oberlehen nicht gefällt.

Die Notizen von Peter enden hier. Am nächsten Tag wurden er und Hartmut auf Anordnung von Helling und Birner durch ein Jugendamt in ein anderes Heim gebracht.

Birner übernimmt ein knappes Jahr später die alleinige Leitung des Oberlehens. Helling wird an einem nasskalten Sommertag von der Polizei abgeholt. Was Helling vorgeworfen wird, weiß ich nicht, doch ich kann es mir vorstellen, denn er hatte sich samstags beim Fernsehgucken oft auf eklige Weise den Heimbewohnerinnen genähert.

Birner ist ein brutaler Kerl. Er ist aber nicht so dumm wie Helling. Er ist kalt und berechnend. Grausamkeiten und Racheakte, die er vollzieht, vollzieht er gezielt. Er will genau das Kind treffen, dem er einen heftigen Schlag verpasst. Er will Macht über das Kind und dessen Willen. Eine eigene Meinung eines Kindes gibt es nicht. Birners Macht ist unantastbar. Kinder macht er sich mit Schlägen hörig.

Helling dagegen agiert gefühlsgeleitet und im Affekt. Er ist Opfer seiner Unfähigkeit, sich selbst und seine Triebe zu kontrollieren. Die Position des Heimleiters wirkt an Helling lächerlich. Ich glaube, dass Helling dumm ist.

Birner aber ist berechnend und intelligent. Bei ihm spüre ich seine Lust an Gewalt. Es ist erschreckend, dass er das Oberlehen nach Hellings Inhaftierung übernimmt und noch mehrere Jahrzehnte allein weiterführt. Doch andererseits ist das nicht erstaunlich, denn er kann seine Grausamkeiten gegenüber Kindern sehr gut verbergen.

Die Hausbesitzerin entdeckt die zerschlagene Fensterscheibe. Sie merkt, dass ich mich auf dem Speicher aufhalte. Sie ruft die Polizei. Ich werde verhört. Als Grund meines Eindringens gebe ich Peters Schulheft an, das ich gesucht habe und schließlich auch gefunden habe. Ich muss es als Beweisstück der Polizei geben.

Für meinen Einbruch am neuen Oberlehen werde ich haftbar gemacht und später verurteilt. Die Polizei findet heraus, dass das Schreibheft von Peter keine zwanzig Jahre, sondern höchstens einen Monat alt ist. Außerdem ist die Schrift eindeutig mit meiner Handschrift identisch. Deshalb wird angenommen, dass es die Personen Hartmut und Peter nie gegeben hat. Dass ich diese Personen als Verfasser des Schreibheftes benenne, was ich als Grund für meinen Einbruch angebe, interessiert die Beamten, die meine Aussagen akribisch protokollieren, nicht.

Die Wohnung in der Hochsteinstraße und meine Arbeit in der Fabrik gebe ich im September auf. Mein Projekt der Rückkehr in meine Vergangenheit ist beendet. Ich ziehe zurück in die Stadt.