3. Keine Zeit zu verlieren

Oma hatte erzählt, dass es nicht stimmt, dass Mark in einem Erziehungsheim wohnt. Die Wahrheit ist, dass er in einem offenen Heim für Jugendliche lebt. Dort bewohnt er sein eigenes Zimmer, für das er einem Schlüssel hat. Am vergangenen Wochenende hatten wir ihn besucht. Er erzählte, dass es ihm sehr gut geht. In seinem Heim ist es viel besser, als es vorher beim Vater gewesen war. Er geht immer noch in die Lehre. In dem Heim kann er seine Zeit frei einteilen. Er ist alt genug, um selbst zu entscheiden, wann er kommt und wann er geht. Er kann jetzt machen, was er will. Er ist für sich selbst verantwortlich. Für sein Zimmer bezahlt er auch dort eine Miete. Die ist klar festgelegt. Er gibt sie an einem vereinbarten Tag im Büro ab. So kann er sich sein Geld einteilen und dafür sorgen, dass es bis zum Monatsende reicht. Niemand taucht überraschend auf und verlangt mehr Geld von ihm. Niemand brüllt ihn an, wenn er das nicht geben kann. Niemand gibt ihm dann eine Ohrfeige.

Mark hatte gesagt, das Mofa könne der Vater behalten. Es hätte ihn vom Vater abhängig gemacht. Der Vater hätte das geliehene Geld zurückverlangt, wann es ihm passte. Es hätte keine feste Regel gegeben, wann er zahlen sollte. Deshalb sei es besser ohne Mofa. Er gehe lieber zu Fuß.

Ich hatte öfter daran gedacht, dass es sein könnte, dass uns die Stiefmutter und der Vater belogen hatten, dass das Erziehungsheim eine Erfindung von ihnen war. Oma erklärte, dass sie das sicher getan hätten, um uns Angst zu machen. So wollten sie verhindern, dass auch wir von zu Hause abhauen.

Weil ich schon genügend Angst hatte, machte mir ihre Geschichte über Mark im Erziehungsheim nicht mehr viel aus. Ich war weggelaufen, nachdem Mark gegangen war. Meinen Fluchtplan, über den ich so lange nachgedacht hatte, verwirklichte ich an diesem Tag, auch deshalb, weil mir Mark fehlte. Wegen ihm hatte ich stets Hoffnung gehabt, dass der Vater irgendwann aufhört zu schlagen. Wenn Mark zu Hause gewesen war, hatte ich keine Angst. Ich hatte gedacht: Solange Mark da ist, gibt es die Chance, dass wir Geschwister eines Tages wieder zusammenhalten werden. Eines Tages werden wir vielleicht sogar mit dem Vater reden können. Vielleicht werden wir die Stiefmutter rauswerfen, wenn sie nicht anders mit uns leben will. Mit uns kann man nicht so leben, wie sie es tut. Wir brauchen ihr Kreischen nicht jeden Tag und Vaters Schlagen brauchen wir auch nicht. Wir wollen normal mit ihr und Vater reden. Eines Tages wird das gelingen. Mark wird dabei helfen. Solange er da ist, besteht Hoffnung.

Ich hatte das gedacht, weil der Vater Mark nie geschlagen hatte. Ich hatte geglaubt, der Vater hätte gegenüber Mark ein schlechtes Gewissen, wegen seines Schlagens. Irgendetwas hatte den Vater vom Schlagen abgehalten, wenn Mark da war. Vielleicht hatte er gespürt, dass das Schlagen nicht gut ist. Vielleicht hatte er das gespürt, weil Mark früher bei den Besuchen des Vaters im Kinderheim mit dem Vater viel gesprochen hatte. Der Vater musste schon damals gemerkt haben, dass er mit Mark vernünftig sprechen kann. Also hatte der Vater schon lange gewusst, dass Mark vernünftig denken kann. Vielleicht hatte der Vater nicht zugeschlagen, wenn Mark zu Hause war, weil er spürte, dass Mark schon viel erwachsener ist, als wir es sind. Ohne dass Mark darüber sprach, hatte er dem Vater vielleicht gesagt, dass Erwachsene, wie der Vater und die Stiefmutter, eigentlich nicht schlagen sollten, weil das nicht nur weh tut, sondern für immer kaputt macht.

Ich glaube, das hatte dem Vater ein schlechtes Gewissen gemacht. Wegen Mark hatte er zu Hause gespürt, dass Erwachsene eigentlich reden sollten, anstatt zu schlagen. Weil das der Vater nach einem Jahr noch nicht verstanden hatte, hielt Mark es zu Hause nicht mehr aus. Er hatte die Hoffnung so lange nicht aufgegeben, bis der Vater an dem Nachmittag wegen des Geldes auch auf ihn eingeschlagen hatte. Da gab er es auf und ging fort.

Marks Weggehen war für mich das Zeichen gewesen, dass der Vater sich nicht ändern will oder kann. Das Schlagen hätte nicht aufgehört. Es war das Zeichen, dass auch die Stiefmutter nichts verstanden hatte und wahrscheinlich nie verstehen wird. Es war das Zeichen, dass alles bleiben wird, wie es sich eingespielt hatte. Es war das Zeichen, dass sich zu Hause nichts verbessern wird. Zu Hause war deshalb keine weitere Zeit mehr zu verlieren.