3. Arbeit

Am Ende des Fließbandes krachen die verschlossenen Cremedosen aus der Maschine. Scheppernd knallen sie auf einen weißen Tisch. Ihr Aluminiumverschluss ist noch handwarm. Frauen in weißen Kitteln stehen um den Tisch. Sie leisten Akkordarbeit. Sie verschrauben eilig die Dosen mit weißen Plastikdeckeln. Vorher prüfen sie durch Handdruck, ob der verschweißte Aluminiumverschluss dicht hält. Die verschlossenen Dosen stapeln sie zu hohen Säulen. Andere Frauen verpacken die Dosentürmchen in Pappschachteln. Sind die Schachteln voll, stapeln sie die zu Kartonbergen auf bereitstehende Paletten.

Die Arbeiterinnen unterhalten sich während dieser Arbeit. Sie sprechen schnell und laut miteinander. Den lauten und monotonen Maschinenlärm in der Produktionshalle müssen sie mit ihren Stimmen übertönen. Durch die Halle rufen sie sich bayerische Sätze und Fragen zu, die ich nur in Bruchstücken verstehe. Das ist ihre Heimatsprache. Die Akkordarbeiterinnen leben und arbeiten in dieser Sprache. Mir kommt deren Sprache wochenlang fremd vor, bis ich verstehe, dass ich der einzige in der Fabrik bin, dem es so geht. Ich bin der Fremde, der in deren Heimat kommt und sprachlich nicht mithalten kann.

Täglich stehe ich stundenlang an Maschinen und drücke auf bunte Knöpfe. Die Arbeiterinnen kennen die Knöpfe, deren Funktion und die Maschinen seit Jahren. Obwohl ich die Maschinen kaum kenne, drücke ich schon nach wenigen Tagen Knöpfe. Warum kein Ärger darüber, dass ein Städter in das Industriegebiet im Tal zwischen den idyllischen Bergen kommt, und schon nach wenigen Tagen Verantwortung für die Maschinen übernimmt?

Ich bin überzeugt, dass die Akkordarbeiterinnen seit Jahren genau wissen, welche Knöpfe an den Maschinen zu drücken sind. Das Problem ist nicht ihre fehlende Kenntnis. Ich glaube, sie wissen alles, doch sie bedienen die Maschinen nicht, weil sie nicht dafür eingestellt worden sind. Sie sind für Akkordarbeit vorgesehen und nicht für das Knöpfedrücken an den Maschinen. Sie leisten das, wofür sie vorgesehen sind. Sie tun das, wofür der Chef sie eingestellt hatte. Sie respektierten, dass ein fremder Städter in ihr Tal kommt und Knöpfe drückt.

Ich habe das Bedienen der Maschinen nicht gelernt. Ich habe einen anderen Beruf. Trotzdem stellt mich der Chef zum Knöpfedrücken an. Ware zu verpacken und Dosen zu verschrauben ist nicht meine Aufgabe. Ich tue es nur, wenn in der Produktion jede freie Hand benötigt wird.

Die Frauen tun ihre Akkordarbeit jeden Tag. Sie sind glücklich, wenn sie nicht jeden Tag das gleiche verpacken. Das sagen sie zumindest. Ob das stimmt, oder ob sie das sagen, um es sich mit dem Chef nicht zu verderben, weiß ich nicht. Sie verpacken Dosen und dann Tuben. Sie packen in Kisten und Schachteln. Sie stellen Parfümfläschchen von einem Fließband auf ein anderes, sie schrauben Verschlüsse zu und stecken Kappen auf. Sie tragen verpackte Ware von einer Ecke einer Halle in die andere. Sie leisten schwere Fabrikarbeit, wie Millionen Menschen.

Ich stehe morgens vor dem Finanzamt und denke an meine idyllischen Vorstellungen von Arbeit. Vielleicht deshalb der Spruch des Chefs. Auf den Chef wirke ich so, dass er mich darüber aufklären muss, dass Arbeit keine Hexerei sei. Wenn er mich sieht, ob vor dem Finanzamt oder an der scheppernden, ratternden Produktionsmaschine, glaubt der Chef, dass ich Arbeit für Hexerei halten könnte. Deshalb informiert er mich darüber, dass ich falsch liege.

Es ist eine weiße, große Limousine. Sie sieht sehr schwer aus. Obwohl sie sich schnell nähert, scheint sie mit dem dunklen Belag der Straße fest verhaftet. Jede Unebenheit des Straßenbelages gleicht der Wagen geschmeidig aus, ohne dabei vom Boden abzuheben. Der Chef sitzt am Steuer, die linke Hand fest am schwarzen Lederlenkrad, die rechte auf seinem rechten Knie gelagert. Er sitzt aufrecht mit geradem Rücken, die Bodenunebenheiten scheint er im Wageninneren nicht zu spüren. Spätestens um fünf nach sieben Uhr rollt der Wagen die Straße zwischen Finanzamt und Altenheim herunter. Das Tempo der Limousine reduziert der Chef, nachdem die Leichtmetallfelgen die schwere Karosserie über die Straßenkuppe gleiten lassen, welche den steilen Anstieg hinauf auf den Hochstein markiert.

Auch heute steige ich wieder aufgeweckt, beinahe hastig zu, lasse mich in dem schwarzen Ledersitz nieder. Ich mag es nicht, morgens um diese Uhrzeit im schwarzen Ledersitz, im schweren Wagen neben dem Chef zu sitzen. Ob er das merkt? Er spricht mich nicht darauf an. Im Wagen herrscht Schweigen. Der Chef sagt nicht: „Ich weiß, das Sitzen in meinem Wagen, im schwarzen Ledersitz, um diese Uhrzeit ist kein Vergnügen!“

Er Chef merkt mir nicht an, dass ich darüber nachdenke, wohin ich in seinem schweren Wagen sitzend, gemütlich zurück lehnend, um diese Uhrzeit fahren könnte. Der Chef bemerkt nicht, dass ich darüber nachdenke, wie das Sitzen in seinem Wagen für mich zu einem Vergnügen werden könnte. Er erkennt nicht, dass ich daran denke, in seinem Wagen nach Salzburg zu fahren. Ich will vorbei am Industriegebiet, am liebsten Richtung Meer, am besten gleich bis nach Griechenland. Mit diesem Ziel vor meinen Augen würde die Fahrt für mich zu einem Vergnügen werden. Ich stelle mir den schweren, gepflegten Wagen des Chefs auf einem sandigen Griechischen Campingplatz, direkt am Strand vor. Ich berechne, bis wo hin ich in dem schweren Wagen komme, wenn ich morgens um sieben Uhr vor dem Berchtesgadener Finanzamt einsteige. Das Meer wäre leicht bis zum frühen Nachmittag erreichbar. Nicht das Griechische, sicherlich aber das Italienische. Der Chef sagt zu meinem Denken nichts.

Die Gedanken sind frei“. Das ist der Liedtext, der mir dazu einfällt. „Wer kann sie erraten?“ Das ist die kurze Strophe, die ich als Kind in Berchtesgaden zu singen lernte. Tatsächlich begann ich damals, meine Gedanken in Freiheit zu trainieren. Ich stellte mir oft schöne bunte Wiesen vor, malte in Gedanken Bilder vom Sonnenuntergang oder wähnte mich hoch oben in den Wolken, schwebend über dem Berchtesgadener Talkessel. In meinen Gedanken floh ich vor dem Leben, das ich in dem engen Tal und auf dem Obersalzberg erlebt habe. Wo für mich keine Sonne mehr schien, weil ich in mein Zimmer zum Stubenarrest geschickt wurde, malten meine Gedanken die Freiheit einer weiten bunten Landschaft.

Über was soll ich früh morgens reden, als sein Beifahrer auf den wenigen Kilometern, die sein Wagen eiligst verschlingt? Ich weiß es nicht. Ich sehe nach rechts durch das Wagenfenster hinaus. Dort sehe ich den wolkenumhüllten Obersalzberg, wie er vorbei fliegt. Unten sehe ich die reißende Arche. Braun und aufgewühlt vom vielen Regen rauscht sie unter der schweren Limousine mit den schwarzen Ledersitzen hindurch. Die Wischblätter gleiten langsam und regelmäßig über die Windschutzscheibe. Geräuschlos entfernen sie die Regentropfen. Die getönte Windschutzscheibe sieht makellos aus. Dicke Tropfen knallen auf das Glas wie tausend durchsichtige kleine Spiegeleier. Aus den tief hängenden, grauen Wolken stürzen sie herab, schlagen auf der Scheibe dieses makellosen Wagens auf. Sofort werden sie von dem riesigen Wischblatt beiseite geschoben. Der Fahrtwind verteilt sie in schmalen Bahnen auf den Türen des schnellen Autos. Im Wageninneren spüre ich eine unwirkliche Makellosigkeit. Schnell wäre es mit dieser Sauberkeit und dem teuren Lederambiente vorbei, wenn ich am Industriegebiet vorbei führe, um eine wochenlange Reise nach Südeuropa anzutreten.

Leise surren Klimaanlage und Heizung. Draußen fliegt grüne Landschaft vorbei. Sie wird von der breiten, nass glänzenden Straße zerschnitten. Spritzwasser von den Breitreifen des Wagens verschmutzen die kleinen Gräser am Straßenrand. Ich stelle mir dieses unschöne Geschehen vor. Ich denke an kleine Blümchen und Grashalme, stelle sie mir vom dreckigen Wasser aus Öl, Reifenabrieb und Bremsbelag besudelt vor.

Dunkle Regenwolken hängen tief über dem engen Tal. Die Sonne strahlt über den Wolken. Oben, nahe der schwarzen Wolken, überfliegen viele Menschen das Tal. Ich stelle sie mir angeschnallt in ihren Sitzen vor. Sie lächeln, denn sie sind auf dem Weg in den Urlaub am Meer. Der Chef steuert den Wagen schwungvoll um die Kurve auf seinen Parkplatz vor der Fabrik. Über den Wolken wird ein Fluggast jetzt von einer Dame gefragt: „Do you want Coffe or Tee?“

Mich fragt der Chef nichts. Er weiß nicht, was ich denke. Er fährt jeden Morgen sehr schnell. Er will pünktlich in seiner Fabrik sein.

Plötzlich spricht er über die Reifen seines Wagens. Ich bin überrascht, fühle mich aber nicht angesprochen. Er spricht mit dem Reifenmonteur und dessen Chef. Beide sitzen aber nicht im Wagen. Der Chef ärgert sich über diese beiden und über die breiten Reifen an seinem Wagen, weil die laut surren. Die Reifen sind falsch montiert und sie haben viel Geld gekostet. Das ist ärgerlich und deshalb genügend Grund für den Chef, morgens um kurz vor halb Acht darüber zu berichten.

Ich hasse die engen Umkleidekabinen. Dort stinkt es nach Schweißfüßen und Körpergeruch. Auch heute habe ich wieder kein frisches T-Shirt dabei. Deshalb ziehe ich das vom Vortag noch mal über. Es ist braun verschmiert von einer Tönungsgesichtscreme, die ich am Vortag in große Behälter abgefüllt hatte. Auch der Chef kleidet sich in der engen Kabine um. Täglich hat er ein neues, frisch gewaschenes, weißes T-Shirt. Er nimmt es von seinem Stapel auf einem Blechschrank. Ich glaube, dass der Chef seine Wäsche nicht selbst wäscht.

Vom Chef habe ich jeden Morgen mehrere Bilder in meinem Kopf. Sie entstehen, ohne dass ich beabsichtige, sie entstehen zu lassen. In seiner Fabrik arbeitet der Chef mit, wie jeder seiner Mitarbeiter. Er packt in der Produktion an und macht sich dabei Hände und Kleidung schmutzig, wie jeder seiner Arbeiter. Aber, so zeigt es das Bild in meinem Kopf, zu Hause tut er das nicht. Dort sind die Rollen klarer verteilt. Seine Frau ist für die Wäsche und die Küche zuständig. Wegen meines Kopfes und den Bildern, die ich darin vom Chef finde, bin ich morgens von Tag zu Tag mehr und mehr verunsichert. Der Chef packt überall in der Fabrik mit an. Er reinigt die verdreckten Container und Tonnen von Resten der Cremes und Salben, mit nacktem Oberkörper bedient er den Hochdruckreiniger. Er steht in einem mannshohen Aluminiumbehälter und schrubbt. Deshalb entsteht in meinem Kopf viel Unklarheit über dessen Rolle in seiner Fabrik. Vielleicht will der Chef die Unklarheit? Ich glaube, er will kein Chef hinter einem großen Schreibtisch sein, wie jeder andere Chef. Er will zeigen, dass er die Dreckarbeit in seiner Fabrik kennt und nicht scheut.

Die Verwaltung seiner Firma erledigt er nebenbei, am Wochenende und abends. Tagsüber steht er in der Produktion und bedient Maschinen. So hat der Chef seine Produktion unter Kontrolle. So erkennt er täglich die Arbeitsleistung seiner Mitarbeiter und kann sie kontrollieren. Vermutlich deshalb fällt ihm bei meinem Anblick in der Produktion der Satz mit der Hexerei ein.

Der Chef arbeitet und kontrolliert. Ich glaube, der Chef denkt, dass dieser Stil ein kluger, moderner Zug von ihm ist. Er will nicht, dass ein Mitarbeiter seiner Fabrik glaubt, dass der Chef in seiner Firma etwas besonderes ist. Doch dem Chef gelingt das nicht. Ein Blick auf mein Bild in meinem Kopf zeigt mir sofort, dass der Chef mit diesem Verhalten etwas zu verrücken versucht, was nicht zu verrücken ist: Er ist der Chef und damit ist er etwas besonderes.

Weil er der Chef ist, nimmt er es sich in der Produktion heraus, jeden Facharbeiter an den Maschinen so zu unterstützen, wie er es für richtig hält. Er unterbreitet Vorschläge, die er am liebsten selbst umsetzt. Er fragt den Maschinenführer nicht, warum etwas nicht funktioniert, sondern er begründet warum etwas gar nicht funktionieren kann. Er erklärt, dass etwas aus den und den Gründen und mit Sicherheit auch noch wegen der Tatsache, dass, … überhaupt nicht funktionieren kann. Der Chef greift zu Schraubenzieher und Schraubenschlüssel. Er greift in die Maschinen, er schraubt und dreht. Seine Hände sind mit Maschinenöl verschmiert. Der Chef kennt jede Maschine genau, schließlich hat er alle irgendwann beschafft. Was seine Mitarbeiter können, kann der Chef auch. Mit jeder Maschine hat er sich lange und intensiv befasst. Er bearbeitet seine Maschinen am Wochenende. Das tut er, damit montags die Produktion auf Hochtouren beginnen kann.

Der Chef führt einen Familienbetrieb und er ist begeistert davon. Seine Frau nennt die Firma sein Hobby, aber mein Bild in meinem Kopf zeigt mir deutlich: Die Firma ist sein Leben. Es begeistert den Chef zu sehen und zu hören, wie die Maschinen rattern und knattern und hunderte gefüllte Dosen oder Tuben oder Pröbchen auswerfen. Den Inhalt, die Cremes und Salben mischt der Chef am Wochenende in riesigen Mixern. Manche Creme entspringt seiner eigenen Rezeptur. Der Chef hat viele Ideen. Es sind Tonnen, die nach jedem Wochenende auf ihre Abfüllung in Tübchen und Döschen warten.

Vor Jahren war das vielleicht tatsächlich eine Spielerei, sein Hobby, dem er an kleinen Maschinen zu Hause im Keller nachging. Inzwischen hat er eine Fabrik daraus gemacht, in der er Arbeitsplätze schafft. Das kann kein Hobby, keine Spielerei mehr sein. Mein Bild vom Chef wird langsam fertig: Es ist ein großer Verdienst! Eine riesige Sache, vielleicht sogar das wichtigste im Leben. Es ist etwas, das nur ich nicht kapiere. Arbeiten! Dazu braucht man Arbeitsplätze, wie sie der Chef in seiner Fabrik schafft. Arbeitsplätze, die ein Chef wie er, auf seine Weise kontrolliert. Mein Bild ist endlich fertig: Der Chef gibt den Menschen in diesem Tal Arbeit und Brot, auch mir! Das wichtigste im Leben kommt vom Chef. Deshalb muss ich lernen, zu denken: Nimm das endlich ernst! Konzentriere dich endlich darauf, hier in dieser Fabrik gut zu arbeiten! Denke nicht immer an was anderes, wenn es an die Arbeit geht! Das zu denken versuche ich heute in der Fabrik. Ich hämmere es in meinen Schädel. Es fällt mir schwer, denn es ist ein Denken, das nicht hinein will. Die Gedanken sind frei, doch während der Arbeit sind sie in der Fabrik, der Chef gibt sie vor. Arbeit ist keine Hexerei, wenn die Gedanken, die der Chef hat, dabei sind.