29. Prima

Seit ein paar Wochen geht es mir am Oberlehen täglich besser. Das hängt damit zusammen, dass Helling verschwunden ist, Birner freundlicher geworden ist und heute der Ausflug stattfindet. Seit beinahe sieben Jahren wohne ich in den beiden Häusern auf dem Berg, den ich jetzt in einem großen weißen Wagen hinunter rolle. Die Jahre sollen in einigen Tagen vorbei sein. Bei der großen Frau und deren Mann soll ich in Berchtesgaden ein neues zu Hause finden.

Jetzt steuert die Frau den Wagen an der grauen Steinmauer unterhalb des Oberlehens vorbei. Die Mauer hält den Berg davon ab, auf die Straße zu stürzen. Wir überqueren die Brücke über die Schlittenrodelbahn. Rechts durch das Wagenfenster sehe ich die kleine Pension gegenüber der Bushaltestelle Station Erika.

Die Pension war jeden Morgen mein Ausblick beim Warten auf den Schulbus. Oft habe ich morgens geträumt wie schön es wäre, in der Pension Erika zu wohnen, anstatt im Oberlehen. In Berchtesgaden nur ein Gast am Obersalzberg in der Pension Erika zu sein! Die Idee fand ich jeden Morgen beim Warten auf den Schulbus sehr schön. Ein Tourist sein, wie der Ort sie tausendfach kennt. Eines Tages einfach verschwinden, wieder nach Hause fahren mit meiner Familie nach Irgendwo. Irgendwo, das war mein schönster Traum! Irgendwo war die ganzen langen Jahre am Obersalzberg mein Traum vom zu Hause. Irgendwo war mein großes Glück, auf das ich hoffte, das ich mir ausmalte. Irgendwo waren meine Eltern, die mit mir als Touristen diesen Ort endlich verließen, um zu Hause gut anzukommen. Irgendwo war ich Hause, wo ich endlich leben durfte. Mein Irgendwo finde ich jetzt, anstatt weit weg vom Obersalzberg, ganz in dessen Nähe.

Die Frau steuert den Wagen durch die engen Kurven die steile Bergstraße hinunter. Ich hoffe, dass mein Irgendwo ein schönes Zuhause wird. Mein Irgendwo liegt unten in Berchtesgaden. Es liegt auf einer schönen Anhöhe mit Blick hinüber auf den Obersalzberg. Von Irgendwo sehe ich auch den oft tief verschneiten Hohen Göll, den Jenner und rechts den Grünstein vor dem majestätisch erleuchteten Watzmann.

Vor uns fährt ein großer Wagen mit einem amerikanischen Nummernschild. Das Kinderfest bei den Amerikanern, oben im General – Walker – Hotel, und die amerikanischen Autos gehören zu den einzigen schönen Erinnerungen an die Jahre, die ich am Obersalzberg verbrachte.

Abends bringt mich die Frau, die meine neue Mutter in meinem neuen schönen Irgendwo sein wird, wieder hinauf ins Oberlehen. Sie und ihr Mann, den ich noch nicht kenne, der aber mein neuer Vater in meinem schönen Irgendwo werden wird, überlegen ein paar Wochen lang, ob ich bei ihnen wohnen darf.

1977 sind meine Sommerferien in Berchtesgaden wunderschön. Es ist nicht nur das Wetter, das mich glücklich macht. Das helle Licht, die Sonne Ende Juli, die hellen Farben, die grünen hohen Buchen über den saftigen Wiesen rund um Berchtesgaden finde ich in diesem Sommer ganz neu, obwohl ich die Landschaft seit sehr vielen Jahren kenne. Doch weil ich in diesem Sommer endlich mein neues Irgendwo finde, sieht alles was ich in dem Ort und der Landschaft schon lange kenne, ganz anders aus. Es ist eine frisch Brise, die in Berchtesgaden um meine Nase bläst, sie bringt frische Farben in mein Leben. Ich habe das Gefühl, mein neues Irgendwo macht alles in dem Ort bunter und heller. Selbst der muffige Geruch im Schulhaus, der seit Jahren gleiche Blick aus dem Fenster, hinüber zum stillgelegten Eisenbahntunnel Richtung Salzburg hinter dem Schulhof, scheinen sich verändert zu haben.

Es kommt in Frage. Meine neue Mutter und mein neuer Vater in meinem neuen Irgendwo in Berchtesgaden sind einverstanden. Sie entscheiden sich für mich. Ich ziehe um, hinunter ins Tal. Dort beginnt für mich Irgendwo mein neues Leben.

Ich sitze neben Chef. Wie jeden Morgen überqueren wir auf der breiten Straße Richtung Salzburg, beinahe geräuschlos die Arche. Heute spricht er vom Zeitdruck in seiner Fabrik, wegen eines großen Auftrages von einer weltbekannten Kosmetikfirma. Meine Gedanken sind nicht bei der Arbeit. Ich denke nicht an die Finanzbeamten, die auch heute morgen wieder ihre Aktentaschen in die weißen Kleinwagen laden. Herbert, der mich morgens noch nie beim Tippen auf der Schreibmaschine gestört hat, ist heute Morgen nicht in meinem Kopf. Die Frauen im rustikalen Altenheim habe ich heute nicht beobachtet. Selbst das Oberlehen und der Obersalzberg sind endlich vorbei. In meinem Kopf ist nur Irgendwo, mein neues Leben bei meinen neuen Eltern.

Wenige Tage zuvor bin ich dreizehn Jahre alt geworden. Das Jugendamt hat zugestimmt. Ich betrete die Wohnung meiner neuen Familie. Erwachsene sind Befehlsgeber. Es sind Männer, die vorschreiben und befehlen, was und wie etwas zu tun ist. Dass Erwachsene anders als Helling und Birner sind, weiß ich nicht.

Sie sind anders. Sie wollen freiwillig mit mir zusammen leben. An mir verdienen sie nicht ihren Lebensunterhalt, wie Helling und Birner. Diese Erwachsenen bezahlen freiwillig für mich drauf. Sie unterstützen mich in allen erdenklichen Bereichen. Sie fördern mich, so dass ich beginne zu verstehen, was Erwachsene eigentlich von mir wollen. Sie helfen mir, meinen Kopf von Helling und Birner zu befreien. Sie zeigen mir, wie ich meinen Kopf mit Wissen füllen kann. Bei ihnen lerne ich zu lernen.

Ein halbes Jahr später verstehe ich, was die Lehrer in der Schule erzählen. Plötzlich bin ich nicht mehr das Kind vom alten Oberlehen, das nichts versteht. Ich werde der beste Schüler der Klasse. Nach einem Schuljahr wechsle ich auf eine höhere Schule. Erwachsene unterstützen mich nach Kräften. Ich lerne, und ich nehme deren Unterstützung an.

Mein Leben ist umgekrempelt. Die Kinder vom Oberlehen sind weg. Ich besuche sie nicht. Ich sehe sie nie wieder. Auf der Straße, vor meinem neuen Irgendwo lerne ich neue Kinder kennen. Die Nachbarskinder freuen sich über mich. Ich darf mitspielen, als sei ich schon immer da. Ich unterhalte mich mit ihnen. Das ist neu. Es ist etwas, das ich mit den Kindern am Oberlehen nur mit Peter und Hartmut gemacht habe. Ich muss nicht permanent daran danken, wann ich mich vor Erwachsenen und Kindern wie Michael verstecken muss, sondern ich höre Erwachsenen und Kindern zu, ich verstehe, was sie sprechen, und ich rede mit. Mein früheres Leben im Oberlehen ist wie ausgelöscht.

Ich hole auf, was nach so vielen Jahren am Oberlehen noch aufzuholen ist. Ich habe Kontakte zu Gleichaltrigen, ich treibe Sport, ich lerne vernünftig zu sprechen, ich besuche eine höhere Schule. Für manchen Gleichaltrigen werde ich sogar zum Vorbild. In einer Jugendgruppe sagt ein älterer Gymnasiast zu mir, ich sei meinem Alter voraus. Das gibt mir Ansporn, so weiter zu machen. In der Schule bin ich richtig gut. Ich werde nicht der Streber, sondern ein geschätzter Klassenkamerad. Zu Gleichaltrigen habe ich viel guten Kontakt. Ich bin anspruchsvoll, aber nicht arrogant. Ich möchte vernünftige Gespräche führen, denn ich habe viel nachzuholen. Ich habe Hunger nach Erlebnissen mit Gleichaltrigen. Ich fahre Fahrrad, gehe Wandern in die Berge, gehe Skifahren und ins Freibad. Ich bin nicht übermütig oder gar draufgängerisch. Alles entwickelt sich prima rund um meine neue Familie.

Helling und Birner haben mich geprägt, sie haben mein Vertrauen zu ihnen nachhaltig zerstört. Was mir bleibt ist mein Misstrauen zu Erwachsenen. Erwachsenen gehe ich aus dem Weg. Ich will mit ihnen nichts zu tun haben. Am Obersalzberg versuchte ich Helling und Birner Jahre lang täglich aus dem Weg zu gehen.

Obwohl es die neuen Eltern wirklich gut mit mir meinen, versuche ich auch ihnen aus dem Weg zu gehen. Weil ich mit meinen neuen Eltern nicht über mein vorheriges Leben am Oberlehen spreche, weil meine Erlebnisse am Oberlehen aber Spuren verursachen, funktioniert ein Teil in meinem neuen Irgendwo nicht: Die Beziehung zu den neuen Eltern. Sie ist voll von meinem und deren Misstrauen. Sie haben Angst vor mir, ich habe Angst vor ihnen. Sie wissen nicht, dass ich harmlos bin und nichts anstelle. Sie trauen mir, wegen Nichtwissen nicht. Ich weiß nicht, dass sie nicht so sind, wie die beiden Erwachsenen Helling und Birner. Deshalb habe ich Angst, obwohl sie mir nichts tun als Gutes.