29. Ankunft

Vier jeweils neunzig Minuten lange Bluesbrotherskassetten und zwölf Zigarettenpausen später erreichten wir in der Dämmerung unser Ziel. Die Ostsee lag im Licht des abnehmenden Mondes spiegelnd und glatt vor uns. Oberhalb der Dünen hatte ich an einem weiten Strand mitten in der Flensburger Bucht einen kleinen Parkplatz gefunden. Martin und ich saßen im Wagen auf dem Parkplatz und überblickten unten einen weitläufigen, im Mondlicht hell schimmernden, breiten Sandstrand. Auf ihm verteilten sich hunderte verstreuter kleiner schwarzer Punkte. Das waren Strandkörbe die tagsüber von Badegästen bevölkert wurden die bei der Hitze in diesen Wochen bestimmt die kühle Ostsee zu schätzen wussten. Martin war begeistert. Er schrie neben dem Auto stehend zum Strand:

„Ich liebe das Meer!“

Wir liefen in der Dunkelheit am Wasser einige hundert Meter auf und ab. Martin hüpfte wie ein riesiges Kind zwischen Wasser und Strand hin und her. Dabei juchzte er vergnügt und sang immer wieder lauthals „I’m a soulman – baa, baba, bapp“! Als ich Martin so in der Dämmerung des Mondscheins am Meer herum springen sah und ihn dabei diesen rhythmischen Song trällern hörte, erkannte ich, dass er sich den Rhythmus von „Soulman“ und den Beat des Bläsersatzes in dem Lied als Tür-Klingel-Rhythmus zu eigen gemacht hatte. Während der Ankunft bei seiner Schwester hatte er vorgestern nämlich genau zweimal hintereinander exakt in diesem Rhythmus an deren Haustüre geläutet.

Jetzt versuchte Martin am Strand ein Rad zu schlagen. Ich traute meinen Augen nicht. Denn schließlich wog er mindestens achtzig, vielleicht sogar neunzig Kilo. Aber er schaffte es. Schließlich sprang er auf mich zu. Er überschlug sich dabei dreimal und kam genau vor mir zum Stehen. Das wirkte akrobatisch und einstudiert. Als er genau vor mir zum Stehen kam, kurz bevor er mir um den Hals fiel und vor Freude weinte, wurde mir klar woher er diese Akrobatik übernommen hatte. Es war das Springen aus dem Bluesbrothersfilm. Jake und Ellwood brachten in ihrer Musikshow in dem Film genau solche nach vorne gewandten springenden Überschläge auf die Bühne.

„Hey Martin, jetzt beruhige dich mal wieder. Wir sind nur an der Ostsee!“
„Ja, ich bin ja ganz ruhig. Bin völlig entspannt. Ist echt cool hier am riesigen Teich!“

Am Strand aßen wir ein paar Brötchen und Salate, die uns Martins Schwester vom Fest eingepackt hatte. Die waren wegen der Hitze des Tages bedenklich in sich zusammengefallen, was man in der Dunkelheit aber gut übersehen konnte. Geschmacklich waren sie noch einwandfrei. Wir tranken jeder zwei Flaschen warmes Bier und legten uns schließlich in zwei nebeneinander stehende Strandkörbe. Hinter uns rauschte leise das Meer und über uns strahlte der Mond. Ideale Bedingungen um schnell in unseren Schlafsäcken einzuschlafen.

Morgens war das Geschrei groß:
„Was seid ihr denn für zwei freche Lüdden?“
Da stand eine große Frau. Beide Arme in die Hüften gestemmt, musterte sie uns, die wir verschlafen aus unseren Schlafsäcken zu ihr auf glotzten.
Martin fragte mich:
„Was sind den solche zwei frechen Lütten?“
Ich fragte in Richtung der Frau:
„Entschuldigen Sie bitte! Aber wüssten Sie vielleicht eine schöne, preiswerte Pension für zwei Lüdden?“
„Da kann ich Euch zween schon weiterhelfen!“
„Du weißt, was das ist, so ein Lüttchen?“, so fragte mich Martin und gähnte dabei lauthals, ohne auch nur den Ansatz zu unternehmen sich die Hand vor den aufgerissenen Mund zu halten.
„Wir sind das!“
„Wir sind freche Lüttchen?“
„Lüdden!“, rief jetzt die Frau.
„Ihr seid wohl kaum von hier oder?“
„Nein wir sind weit gereist, gestern mit unserem Bluesmobil das dem Ulli gehört der aber nicht so cool ist wie der hier.“
Martin zeigte jetzt mit dem Zeigefinder auf mich.
„Lass das jetzt mal Martin! Wir müssen sehen, dass wir hier wegkommen glaube ich. Sonst könnte es vielleicht Ärger geben.“
„Das glaubste nicht nur meen Jung, das ist so! Der Korb ist nämlich Privatbesitz, auch wenn er nicht verschlossen ist!“
Wir beide standen auf, warfen uns die Schlafsäcke über die Schultern und suchten nach unseren Schuhen.
„Ne Müllkippe ist das hier erst recht nicht!“
„Klar! Wir nehmen alles wieder mit.“
„Ganz logisch werte Madam!“
Das rief jetzt Martin.
„Da sind wir ihnen einiges schuldig. Und deswegen sind wir auch ganz Gentleman. Darf ich mich vorstellen? Martin mein Name. Was sind wir Ihnen schuldig? Wir lassen es uns selbstverständlich nicht nehmen unseren geschuldeten Obolus für die klare Nacht an dieser herrlichen weiten See ihres wunderschönen Landes in ihrem gemütlichen Strandkorb zu entrichten.„
So reichte er der Frau die Hand und neigte den Kopf ehrfurchtsvoll nach vorne, während er mit der anderen Hand an seine Gesäßtasche griff und seinen Geldbeutel hervorholte.
„Wie war gleich Ihr werter Name?“
Mit dieser Frage blätterte er in seiner geöffneten Geldbörse, die er der Frau unter die Nase hielt.
„Ich geb Dir gleich was! Macht Euch mal lieber hurtig in den Wind ihr zwee!“
Martin sah die Frau verständnislos an. Jetzt drehte er sich um, schob die Geldbörse wieder in die Gesäßtasche und blickte auf das Meer.
„Ich liebe das Meer! Soweit sind wir gereist in Ullis Blues-Klitsche! Kein Weg war uns zu lang, bis wir dich spät nachts endlich hier finden konnten!“
Und zur Frau gewandt: „Das ist doch wirklich wie ein Traum hier! Oder werte Madame?“
„Jetzt aber mal hoplahopp!“
Ich schlug Martin leicht auf die Schulter.
„Komm Martin, wir müssen. Haste dein Zeug alles beisammen?“
„Ernas Blickfang fiele mir da ein.“
„Was ist das?“, fragte ich die Frau.
„Eine kleine Pension. Gleich da oben auf der Düne.“
Die Frau deutete in die Richtung.
„Ist echt nett die Erna. Sind von hier ungefähr fünfhundert Meter.“
„Aha! O.k. das wäre vielleicht was für uns oder Martin?“
„Erna? Hört sich echt cool an.„
Martin wandte sich der Frau zu:
„Madame! Es war uns eine Ehre! Wir stehen in Ihrer Schuld. Bis auf bald!“
Er verneigte sich noch mal leicht und trat zwei Schritte zu Seite, als würde er von einer Bühne abtreten.
Die Frau schüttelte den Kopf während sie ihre Badetasche auf die Fußablage des Strandkorbes stellte und ihr Handtuch im Korb ausbreitete.

Ernas Blickfang war ein wunderschönes mit Holz verkleidetes Haus das direkt über dem Strand zwischen den Dünen auf einer schönen kleinen Aussichtsanhöhe stand. Das Haus war ein wirklich hübscher Blickfang. Die Aussicht vom Haus aufs Meer aber war berauschend.

Martin schien bei unserer Ankunft dort wieder kurz vor einem Freudentaumel zu sein. Deshalb fragte ich ihn ganz offen, ob er nicht noch schnell, bevor wir versuchen in Ernas Blickfang einzuchecken, ein paar Freuden-Purzelbäume hinter den Büschen unterhalb der Düne schlagen wollte.

„Spinnst Du denn jetzt endgültig?“
Das fragte mich Martin. Dabei äffte er mich in Stimme und Gestik nach, so wie ich ihn im Auto auf dem Parkplatz, nach der Sache mit dem Cabriolet, angebrüllt hatte. Dann trat er an die Haustür und läutete:
„Baa, baba, bapp!“

„Alles klar, ist echt spitze, wirklich cool!“
So rief Martin und schüttelte Erna die Hand. Wir standen mit der Pensionswirtin in einem herrlichen Doppelzimmer. Draußen vor dem breiten Zimmerfenster sah man die weite Ostsee, die hellen Dünen und den riesigen Strand auf dem wir übernachtet hatten. Das Zimmer war preiswert und sehr sauber. Ernas Pension war von guter Hand geführt. Ein Gast hatte seine Reservierung Tags zuvor wegen Erkrankung zurückgezogen. Wir waren also ein Glücksfall. Auch für Erna, denn sie sagte:
„Das trifft sich hervorragend, dass Sie beide heute hier auftauchen. Ich hab da für ne Woche noch ein Zimmer frei. Wie der Zufall es will, ist es gestern frei geworden und ab heute beziehbar!“
Martin fiel der Frau um den Hals. Ich musste ihn von ihr wegziehen.
„Ist schon gut Martin. Du kennst die Frau doch noch gar nicht.“
Das gefiel Erna. Sie lächelte Martin an und sagte dabei:
„Rauchen ist hier drin und auf meinem Grundstück strengstens verboten! Wegen Gestank und Brandgefahr in der Düne.“
„Alles klar Madame!“

Wir bezogen das Zimmer, bekamen ein leckeres Mittagessen und machten es uns nachmittags am Strand gemütlich. Martin tobte im Meer wie ein großes Kind.