28. Grüne Minna

Der August ist morgens täglich klar und sonnig. In seinem Wagen, auf dem Weg zu seiner Firma, spricht der Chef von einem „tollen Sommer“. Ich weiß warum er das betont. Der Chef ist in Berchtesgaden aufgewachsen. Das dauerhaft schöne Wetter ist keineswegs selbstverständlich.

Im Sommer, in dem ich das Oberlehen verlasse, ist es kalt und nass. Die Frau besteigt ihre weiße Limousine, die sie vor wenigen Minuten auf dem weißen Schotter vor dem Haus geparkt hat. Ich stehe auf dem Vorplatz und sehe zu, wie sie den großen Wagen rangiert. Ich höre den grobkörnigen Kies, der unter dem Gewicht des Wagens knirscht. Mit beiden Händen umgreift die Frau fest das schwarze, dicke Lederlenkrad. Ich finde, die Frau sieht ein bisschen verbissen aus, wie sie mit beiden Händen angestrengt am Lenkrad dreht.

Die Motorhaube schiebt sich nach rechts über den ordentlich gerechten Kies, während das Heck schräg über den Hof geschoben wird. Knirschend rollt der Wagen langsam rückwärts. Nun bleibt er stehen. Ich sehe die roten Bremsleuchten, wie sie grell aufleuchten. Der Wagen steht still. Das Seitenfenster an der Fahrerseite fährt herunter. Die Frau schaut zu mir. Sie lässt eine Hand auf dem Lenkrad liegen und bedeutet mir, einzusteigen. Sie winkt mich an die Beifahrertüre heran, dabei lächelt sie. Ich umrunde das Auto und sehe dabei, wie sich die Reifen noch einmal knirschend über den Kies drehen. Der Beifahrersitz ist groß. Ich greife nach dem Sicherheitsgurt. Die Frau hilf mir dabei, denn ich sitze zum ersten Mal in so einem Auto. Die Frau gibt leicht Gas, der Wagen bewegt sich über den Vorplatz.

Vor Wochen schon war mir gesagt worden, dass ich heute einen Ausflug machen darf. Weil ich genau wusste, dass es heute um zwei Uhr losgeht, war ich gleich nach dem Mittagessen in mein Zimmer gelaufen, um mich auf die Abfahrt vorzubereiten. Ich habe mir eine frische Hose und ein frisches T-Shirt aus dem Schrank genommen. Weil ich heute Vormittag in der Schule meine Turnsachen vergessen habe, waren meine Kleider verschwitzt. Jetzt bin ich froh, dass ich mich umgezogen habe, denn im Wagen ist es sehr heiß. Obwohl ich vormittags nach dem Sportunterricht geduscht habe, war ich nach dem Mittagessen schon wieder völlig verschwitzt. Bisher hat es sehr viel geregnet und die Temperaturen waren kaum über achtzehn, höchstens neunzehn Grad angestiegen, heute ist es fast dreißig Grad warm. Hoffentlich bleibt es noch lange so schön warm.

Frisch bekleidet lief ich die Wiese oberhalb der beiden Häuser hinauf. Um viertel vor zwei Uhr setzte ich mich neben der kleinen Bretterbude oberhalb des Bolzplatzes ins Gras. Von dort beobachtete ich alles, was rund um die beiden Häuser und auf dem Vorplatz geschah. Ich wartete auf den Wagen und auf diese Frau.

Birner hat mich im großen Speisesaal angesprochen:
„Am 19. Juli, kommt eine Frau, die mit dir einen Ausflug machen wird, um dich kennen zu lernen. Du weißt ja, um was es dabei geht. Sie kommt nachmittags um zwei und nimmt dich mit. Also sieh dich vor, dass du pünktlich auf dem Hof stehst!“
Seit Wochen schlägt Birner einen freundlicheren Ton an, als in den vergangenen sechs Jahren. Die Zeiten, in denen er mich angebrüllt oder verprügelt hat, sind endlich vorbei.

Sie braucht keine Gänge einzulegen, der Wagen schaltet automatisch.
„Wie geht es dir?“
Ich weiß nicht, was sie von mir hören möchte. Ich lächle verlegen.
„Mir geht es heute ganz gut, mit dem tollen Ausflug, den ich vor mir habe.“

Aus dem Wagenfenster sehe ich die steile, grüne Wiese mit dem hohen Gras. Im Winter ist das unser Schlittenberg und im Sommer unser Cowboy- und Indianerhügel. Das Gras konnte wegen anhaltendem Regenwetter in diesem Sommer noch nicht gemäht werden. Jetzt bläst ein heißer Sommerwind durch die hohen Halme, ich bin sicher, wenn es weiter so heiß bleibt, wird die Wiese in den nächsten Tagen abgemäht werden. Helling wird mit der Motorsense auf dem steilen Hang auf und ab laufen. Mir fällt ein, dass Helling sie nicht mehr abmähen kann, so wie er es in den vergangenen Jahren jeden Sommer mehrmals getan hat, denn er ist seit Wochen verschwunden.

Die Pfingstferien bei Oma und Opa waren sehr schön, aber sie waren sehr schnell vorbei. Nach meiner Rückkehr war Helling verschwunden. Am Montagmorgen, auf dem Weg zur Bushaltestelle Station Erika, sagte ein Kind zu mir:
„Weißte schon, dass Helling weg is?“
„Nee, keine Ahnung!“
Wenn Helling nicht da war, war ich froh. Leider war er viel zu selten nicht da. Wenn er mal einige Tage weg war, interessierte ich mich nicht dafür, wo er geblieben war.
„Den hamse abgeholt, vor drei Tagen, mit der grünen Minna!“
Ich verstand nicht, dass mit der „grünen Minna“ die Polizei gemeint war. Ich glaubte, dass von Hellings Jägerfreunden die Rede war. Hin und wieder nahm er an Treibjagden teil. Helling und seine Jägerfreunde trugen grüne Jägerkleidung und fuhren mit grünen Jeeps durch den Wald.

Wegen Michael blieb keine Zeit genauer über die „grüne Minna“ zu sprechen. Er kam dazwischen. Ich mag ihn nicht. Ich konnte mit dem Kind nicht weiter sprechen, weil ich auf Michael achten musste. Michael riss Tommi und Paul, das sind die kleinsten von uns, die Schulranzen vom Rücken. Er warf beide Schulranzen einem großen Jungen, der nicht bei uns wohnt, zu. Weil ich dieses Spiel von Michael seit Jahren kenne, tat ich an diesem Morgen, was ich jeden Morgen an der Bushaltestelle tue. Ich flüchtete einige Meter in die Wiese hinter der Bushaltestelle.

Michael sprang dem Buben, mit dem ich gerade sprach, heftig in den Rücken. Er presste das Kind auf die Wiese und riss auch ihm den Schulranzen vom Leib. Den schleuderte er dem anderen großen Knaben zu. Weil der gelbe Schulbus von oben die Straße herunter rollte, warf der große Knabe die Schultasche nicht zurück zu Michael, sondern er schleuderte sie in hohem Bogen weit in die Wiese. Das Kind musste sich beeilen seine Schultasche im hohen Gras zu finden.

Später erfahre ich, dass „die grüne Minna“ mit Hellings Jägerfreunden nichts zu tun hat. „Den Kerl wern mir nimmer sehn!“
„Glaubste wirklich?“, frage ich.
„Klar, so wias den abgführt hamm, den sehn mir hier nie wieder!“
Wie ein Straftäter, so sagt es der Knabe im Schulbus, wurde Helling weg gebracht.