27. Störenfriede

Es ist ein Tag im Sommer. Zunächst fängt er so normal an, wie jeder andere Tag. Morgens um sechs Uhr hämmert Birner laut gegen unsere Milchglastür. Er reißt sie auf und ruft:
„Raus aus den Kisten!“
Scheppernd lässt er die Tür wieder zu fallen. Der Vormittag in der Schule vergeht langweilig. Nachmittags ist alles anders. Vor dem Hauptgebäude parken zwei fremde Autos. Die Kennzeichen kenne ich nicht. Hartmut, Peter und ich sitzen vor unseren Plastiktellern beim Mittagessen. Plötzlich kommt Birner zu uns an den Tisch.
„Peter und Hartmut! Um halb drei Uhr ist für euch Abfahrt. Eure Koffer sind schon gepackt. Die zwei Autos da draußen bringen euch in zwei andere Heime.“

Peter und Hartmut sagen nichts. Auch ich schweige. Birner verschwindet sofort. Er erwartet keine Fragen. Er will kein Gespräch. Die Sache ist klar. Das Vorgehen von Birner ist normal. Störenfriede werden entfernt. Helling und Birner stört irgendetwas an Hartmut und Peter derart, dass beide verschwinden müssen. Bei anderen Kindern, meist älteren Jugendlichen, habe ich mehrmals erlebt, dass sie plötzlich abgeholt wurden. „Erziehungsheim“ war immer das Stichwort. Im Nachhinein hieß es, dass diese Kinder dorthin gebracht wurden, weil sie für das Oberlehen zu frech seien. Ich glaube, das waren immer Willküraktionen der beiden Männer. Diesmal betrifft so eine Aktion nicht irgendwelche anderen Kinder am Oberlehen. Minuten stochern wir schweigend mit unseren Gabeln im Essen auf unseren Plastiktellern. Sehr leise ergreift Peter das Wort.
„Ich habe schon gestern Nachmittag geahnt, dass es unser letzter Nachmittag im Wald sein könnte. Wie spät ist es?“
Hartmut schaut auf seine Uhr.
„Viertel nach zwei Uhr. In einer Viertelstunde fahren wir ab, unglaublich!“

Peter sagt zu mir:
„Helling hat mich überrumpelt! Ich bin völlig unvorbereitet. Kannst du mir einen Gefallen tun?“
Ich nicke.
„Mein Schreibheft, wir wollten es doch auf dem Dachboden verstecken. Heute Morgen habe ich es da oben versteckt, kannst du mir das holen? Es muss unbedingt in Sicherheit gebracht werden, ich will es mitnehmen.“

Vor dem Haupthaus warten zwei Herren. Es sind die Fahrer der Autos, die Hartmut und Peter abholen. Sie lehnen an ihren Wagen und rauchen Zigaretten. Für die anderen Kinder im Oberlehen verläuft der Nachmittag ruhig, wie jeder andere. Hin und wieder werden Kinder abgeholt und weggebracht. Das ist vollkommen normal, es interessiert niemanden. Bei überraschenden Abtransporten, wie dem von Hartmut und Peter, gibt es keine Abschiedsszenen. Kaum ein Kind merkt, dass ein Abschied stattfindet. Beim Abendessen fragen einige Kinder wo denn Peter und „der Pisser “ geblieben sind. Ich antworte:
„Die haben Helling und Birner ins Erziehungsheim gesteckt.“
Darauf höre ich die Antwort:
„Ach so ja. Alles klar!“
Es ist ein alltäglicher Vorgang. Kein Grund für Aufregung oder Traurigkeit. Einige Kinder bemerken nicht einmal, dass zwei fehlen. Nach wenigen Tagen kommen zwei andere Kinder. An Kindern, die einen Platz im Oberlehen brauchen, scheint es nicht zu mangeln. Das Oberlehen ist stets voll.

Manche Kinder verschwinden so schnell, wie die Erzieherinnen. Helling und Birner wollen niemanden in ihrem Oberlehen, der ihren Stil genauer kennen lernt. Über verschwundene Kinder wird im Oberlehen nicht gesprochen. Es wird so getan, als wären sie nie da gewesen. Genauso ist es mit Erzieherinnen. Ich habe das Gefühl, sie verschwinden dann, wenn sie uns kennen und die Gefahr besteht, dass sie Helling und Birner einschätzen können.

Die Suche nach Peters Schreibheft auf dem Speicher kostet mich viel Mühe. Der Dachboden sieht umgeräumt aus. Unser Versteck, das Matratzenlager finde ich nicht wieder.

Stattdessen liegen die Matratzen kreuz und quer auf dem Speicher verstreut. Der Speicher sieht durchwühlt aus. Trotzdem hebe ich jede Matratze hoch und suche nach Peters Schreibheft. Nachdem ich den ganzen Dachboden durchstöbert habe, steige ich ohne Peters Schreibheft herunter. Das Schreibheft ist spurlos verschwunden.

Der Speisesaal ist leer. Peter und Hartmut sitzen nicht mehr am Mittagstisch. Draußen auf dem Vorplatz sehe ich, dass die beiden Autos vor dem Haupthaus weg sind. Ich habe auf dem Dachboden zu lange gebraucht. Im Oberlehen ist alles ruhig. Die Kinder sitzen, wie an jedem anderen Nachmittag im Aufenthaltsraum und machen Hausaufgaben.

Die Betten von Peter und Hartmut sind abgezogen. Unser Zimmer wirkt verlassen, nur meine Sachen sind noch da. Ich laufe über den Hof hinüber ins Haupthaus. Aus dem Keller hole ich meine Schultasche. Mit der gehe ich in den Aufenthaltsraum zur Hausaufgabenkontrolle. Eine Erzieherin, die erst wenige Wochen im Oberlehen arbeitet, schimpft, weil ich zu spät komme. Helling und Birner sind nirgendwo zu sehen. Nach der Hausaufgabenkontrolle gehe ich nicht den Berg hinauf in den Wald in unser Versteck. Ich will dort nicht allein hingehen.

Nachmittags sitze ich allein im Zimmer. Peter hat mich losgeschickt, das Schreibheft zu suchen, weil er nicht wollte, dass ich dabei bin, wenn er abfährt. Den Abschied wollte er mir und sich ersparen. Die Ruhe im Zimmer ist mir unheimlich. In dem Raum bin ich die Stimmen von Peter und Hartmut gewohnt. Hier spricht niemand mehr. Peter und Hartmut kommen nicht zurück. Ich lege mich auf mein Bett und starre an die weiße Decke. Unglaublich, denke ich, nun ist es vorbei. Ich denke daran, wie schön es wäre, wenn dieser Tag nur einer meiner Träume wäre. Ich will wieder aufwachen und Peter neben mir haben. Auch Hartmut soll wieder in seinem Bett liegen.

Ich bin wütend und traurig zugleich. Wütend bin ich darüber, dass Helling diejenigen in einem schnellen Handstreich abschiebt, die ihm zu sehr in die Quere kommen. Traurig bin ich, denn ich fühle mich einsam. Eine Niederlage, die mich zu Boden presst. Das ist etwas, für das ich keine Worte finde. In mir spüre ich Schmerz, den ich nicht von dem Schmerz der üblichen Verletzungen, die Birner oder Helling mir zufügen, kenne. Keine Striemen an meinem Körper, keine roten und blauen Abdrücke der Handflächen von Birner und Helling. Keine Rippen schwellen an. Kein Auge schwillt an und schmerzt. Kein Arm schmerzt wegen des harten Griffs von Helling. Trotzdem fühle ich mich schwer verletzt, auch wenn nicht auf mich eingeprügelt wird. Ich bin geschlagen.

Die Spuren von Störenfrieden, die Helling vom Oberlehen abschiebt, sind nach wenigen Stunden verwischt. Keine Kleidungsstücke, kein Blatt Papier, nicht einmal Haare auf dem Fußboden erinnern an deren Anwesenheit.