25. Hirschgeweihe

Mit dem Widerstand beginnen wir in der Nacht. Bei eisiger Kälte und Dunkelheit marschieren wir drei, Peter, Hartmut und ich, mit Taschenlampen bewaffnet los. Peitschender Wind jagt feine Schneeflocken über die steile Wiese hinter dem Oberlehen. Die Sicht ist trotz des hellen Schnees sehr schlecht. Wir stapfen die verschneite Wiese hinauf. In Sichtweite der beiden Häuser, dem Oberlehen, können wir unsere Taschenlampen noch nicht einsetzen. Helling oder Birner würden uns auf dem verschneiten Hang wegen der Taschenlampenkegel entdecken.

Endlich erreichen wir den Waldrand. Im Wald schaltet Peter seine Lampe ein. Meine und Hartmuts Lampen, sagt Peter, bleiben ausgeschaltet, wir brauchen sie später noch. Weil wir einen langen Weg vor uns haben, müssen wir die Batterien schonen. Hartmut stapft hinter mir her. Über meiner Schulter trage ich ein Seil. Das ist sehr schwer. Schon nach einer knappen halben Stunde Fußmarsch, durch den hohen Schnee spüre ich Schmerzen von meinen Schulterblättern. Ich werfe das Seil auf die andere Schulter. Auch von der spüre ich nach kurzer Zeit Schmerzen. In knappen Abständen wechsle ich deshalb das Seil von einer auf die andere Schulter.

Seil und Taschenlampen haben wir gestohlen. Jeder von uns erledigte einen Diebstahl. Unser Diebesgut hatten wir bereits vor Monaten, als es noch Sommer gewesen war, im Schuppen versteckt. Während der warmen Jahreszeit bleibt der stets unverschlossen, weil im Sommer das Pony von Helling dort wohnt. Im Winter aber, ist der Schuppen abgesperrt. Das Pony lebt dann auf einem Pferdehof.

Kurz vor Mitternacht trafen wir uns in der eisigen Kälte hinter dem Schuppen. Peter hat den Schlüssel aus dem Schlüsselkasten geklaut. Wie er das geschafft hat ist mir ein Rätsel. Der Schlüsselkasten hängt im Korridor in Hellings Wohnung. Peter öffnete den Schuppen, ging hinein und kam nach wenigen Sekunden mit Seil und Taschenlampen wieder heraus.

Der eisige Ostwind peitscht heute heftig. Meine Ohren schmerzen von der Kälte. Das heftige, kalte Peitschen lässt oben im Wald, im Schutz der Bäume, ein bisschen nach. Darüber bin ich froh. Ich hasse die eisige Kälte, die der Winter am Obersalzberg bringt. Peter kennt den Weg genau. Um Energie zu sparen, schaltet er immer wieder seine Lampe aus. Er schaltet sie wieder ein, um Löcher und Vertiefungen im Waldboden rechtzeitig genauer zu sehen. Der Fußmarsch durch den tiefen Schnee ist beschwerlich. Peter hat gestern Abend erklärt, dass wir für den Hinweg mindestens zwei Stunden brauchen. Für den Rückweg rechnet er noch länger. Hartmut und ich lassen uns von Peters Warnungen nicht abschrecken. Wir wollen unbedingt dabei sein.

Den Zugang in den Stollen hat Peter ausgekundschaftet. Er ist verfallen, deshalb könne man ihn kaum finden. Es ginge etwa drei bis vier Meter hinunter in die Tiefe. Unten könnten wir stehen. Vor der Dunkelheit im verfallenen Stollen brauchten wir keine Angst zu haben. Wir haben ja die Taschenlampen. Die alte Kiste im Stollen sei schon total vermodert. Deshalb wäre es überhaupt kein Problem, sie aufzubrechen. Es wäre eindeutig eine alte Militärkiste. Sie trüge eingebrannte Naziaufschriften, Hakenkreuze und solche Dinge. Wahrscheinlich ist es ein übriggebliebener Nazistollen. Der Berg, das erklärt uns Peter, wäre durchzogen von solchen Stollen und Bunkern.

Ich will mich auf Peters Plan einlassen. Von der Herkunft des Stollens und der Kiste will ich aber nichts wissen. Der Inhalt der Kiste interessiert mich nicht. Auch für den Grund, warum wir die Kiste oder dessen Inhalt holen wollen, interessiere ich mich nicht. Ich will nur dabei sein, wenn Peter seinen Plan ausführt. Der Anstieg ist noch beschwerlicher, als es Peter vorher ausgemalt hatte. Nach einer knappen Stunde durch tiefen Schnee beginnt Hartmut tief und laut zu atmen. Nach einer weiteren halben Stunde röchelt er. Peter schlägt eine kurze Pause vor. Aber Hartmut lehnt ab.
„Kein Problem für mich, die frische Luft tut gut und für mein verletztes Knie ist das Marschieren das beste Training.“
Mir fällt wieder ein, warum Hartmut sein Knie mit einem Mullverband umwickelt hat.

Nachmittags hat ihn eine Erzieherin in unserem Zimmer verarztet. Für Hartmuts Verletzung ist Birner verantwortlich. Hartmut fliegt zuerst durch die dünne Milchglasscheibe zwischen Speisesaal und Kellerabgang. Dort stolpert er und stürzt dann durch die Eingangstür auf den Kies im Hof. Größere Kinder tragen ihn später hinüber in unser Zimmer. Die Schnittwunden in Hartmuts Gesicht sehen schlimm aus. Als das viele Blut aber abgetupft ist, sieht alles halb so wild aus.

Peter übersieht einen Ast auf dem verschneiten Waldboden. Er stolpert und stürzt in den Schnee. Sofort steht er wieder auf. Er schaltet seine Taschenlampe ein. Jetzt lässt er sie in Dauerbetrieb. Schneefall und eisiger Wind sorgen trotz Taschenlampe für schlechte Sicht. Endlich erreichen wir die Waldlichtung. Peter leuchtet sie ab. Er flüstert:
„Hier irgendwo muss es sein. Es hat viel geschneit in den letzten Tagen. Die Gegend sieht bei Nacht ganz anders aus.“
„Bist du sicher, dass wir richtig sind?“, fragt Hartmut. Sein Ton verrät die Anstrengung des steilen Anstiegs, der hinter uns liegt. Hartmut und ich fürchten, dass wir immer noch nicht am Ziel angekommen sind. Aber Peter nickt, denn er ist sich sicher. Er richtet den Leuchtkegel seiner Taschenlampe nach rechts. Dort liegen dicke, verschneite Baumstämme.
„Das sind die Stämme. Daneben muss das Loch zum Stollen sein.“
Langsam klettert er über die verschneiten Stämme. Dahinter arbeitet er sich sitzend vorwärts durch den tiefen Pulverschnee. Hartmut und ich folgen. Im Schnee vor uns dreht Peter den Kopf zu uns und sagt lachend:
„Wir sind richtig!“

Jetzt spüre ich ängstliches Zittern. Trotzdem folge ich Peter sofort. Ich sitze hinter ihm im Schnee und arbeite mich wie er vorwärts. Hartmut folgt hinter mir. Peter rutscht langsam in ein Loch im Schnee und verschwindet. Ich leuchte mit meiner Lampe hinter ihm her. Der Kegel der Taschenlampe zittert wie meine Hand. Ich sehe Peter nicht mehr. Ich höre aber, wie Stiefel auf matschigen, nassen Boden aufschlagen. Er ruft aus dem Loch zu mir hoch:
„Keine Angst, wir sind goldrichtig hier! Das Loch ist nicht tief. Nur langsam runter rutschen, dann habt ihr gleich wieder festen Boden unter den Füßen. Vergesst nicht das Seil oben am Baumstamm zu befestigen, damit wir leichter wieder raus kommen!“
Ich schiebe mich in das Loch und verliere den Boden unter meinen Füßen. Dann lande ich auf matschigem Boden. Unbeabsichtigt gehe ich in die Knie, die mich wegen meines Zitterns nicht halten wollen. Sofort stehe ich wieder auf. Ich springe zur Seite zu Peter. Hartmut kommt zusammen mit einem Schneehaufen und dem Ende des Seils von oben herunter gerutscht.

Unsere hellen Taschenlampen sind jetzt nötig. Peter geht voraus. Der Stollen ist hoch. Wir laufen ohne uns zu bücken. Rechts und links schimmern die Wände grünlich. Es riecht nach Moder und Schimmel, aber es ist viel wärmer als draußen. Ich beginne zu schwitzen. „Das ist die erste Kammer“, sagt Peter. Er deutet mit seinem Lampenkegel auf einen halb eingebrochenen Zugang. Hartmut und ich leuchten mit unseren Lampen hinein. Auf dem Boden liegen heruntergefallene Steine. Die Wände schimmern grün.

Peter marschiert schnell durch den matschigen Stollen. Er wird schneller und schneller. Ich habe Mühe ihm zu folgen. Ich sehe Peters zackige Schritte vor mir. Am Boden sehe ich den braunen Matsch, den Peters Schuhe verdrängen. Feuchter brauner Schlamm spritzt rechts und links an die moderigen Mauern.

Plötzlich erkenne ich den zackigen Schritt eines Soldaten vor mir. Ist das noch Peter? Ich glaube, er trägt so eine alte schwarze Skihose, wie man sie vor Jahren beim Skifahren getragen hat. Die Hose ist ihm viel zu weit. Deshalb sieht sie aus, wie eine ausgebeulte Uniformhose. Hinter mir höre ich die Schritte von Hartmut. Die Schritte von uns Dreien durch den vermoderten Stollen höre ich rhythmisch. Ich glaube, irgendetwas stimmt da nicht.

Plötzlich marschieren wir drei im Gleichschritt durch den matschigen Stollen. Nur der Matsch, der unter unseren Stiefeln weg spritzt und an die Wände klatscht, sorgt für etwas Unruhe im Takt. Nach wenigen Metern ist der Boden nicht mehr matschig. Er ist jetzt steinhart, dunkel und trocken. Statt klatschendem Matsch höre ich jetzt den Hall unserer Schritte durch den engen, langen Gang.

Peter muss den Stollen gut kennen, denn er läuft zielstrebig vorne weg. Es kommen viele Gänge, die rechts und links abzweigen. Einmal geht er links, dann wieder rechts, dann gerade aus. Mehrmals sagt er: „Alles klar Leute, gleich sind wir am Ziel.“ Von hinten hallt Hartmuts Stimme durch den Stollen: „Ich wusste nicht, dass dieser Tunnel so lang ist. Die Leute die das gebaut haben, müssen viel geschuftet haben.“ „Da sind wir!“, ruft Peter laut. Seine Stimme hallt durch den Stollen.

Durch einen verfallenen Zugang in der Mauer betreten wir eine Kammer. Ich folge Peter, drehe mich um. Hinter mir sehe ich Hartmut. Auch er drückt sich durch den engen Spalt in der Wand. Die Kammer ist groß, leer und feucht. Die Mauern sind voll von Grünspan. Von der Decke tropft Wasser. Peter leuchtet mit seiner Lampe nach rechts. „Da ist sie, wie versprochen!“

In der Ecke steht eine dunkle Holzkiste. Ihr Deckel ist aufgebrochen. Peter geht zur Kiste. Ich bleibe regungslos bei Hartmut am engen Spalt in der Wand stehen. Peter nimmt etwas aus der Kiste. Es ist etwas Großes. Er versteckt es unter seinem Mantel. Jetzt hallen Peters Schritte durch den Raum. Er kommt schnell zu uns zurück. „Ok, alles klar, ich hab’s. Gehen wir wieder.“ Wir verlassen die Kammer durch den engen Spalt.

Auf dem Rückweg werden unsere Schritte durch den engen, langen Korridor sehr schnell. Peter läuft vor mir her. Von hinten erkenne ich, dass Peter in seiner rechten Hand nicht mehr die Taschenlampe hält. Im Takt seines schnellen Schrittes schwenkt Peter einen Hut hin und her. Ich glaube, es ist eine Schirmmütze. Jetzt erkenne ich auch, dass seine Skihose gar nicht schwarz ist. Sie ist grau. Peters Hose ist nicht zu groß, sondern weit, aber sie passt ihm genau. Ich glaube, es ist tatsächlich eine Militärhose.

Auch ich habe plötzlich keine Taschenlampe mehr in meiner rechten Hand. Wie Peter schwenke ich, im Takt meines schnellen Schrittes, eine Schirmmütze. Die Person hinter mir kann ich nicht erkennen. Die schnellen Schritte von Peter erlauben mir nicht, mich umzusehen. An der niedrigen Decke des schmalen Korridors hängen grelle Neonröhren. Deshalb haben wir keine Taschenlampen mehr! In der grellen Neonbeleuchtung erkenne ich hin und wieder die Umrisse von Männern, die uns entgegenkommen. Sie sind alle militärisch gekleidet, genauso wie Peter und ich. Im Vorbeigehen grüßen sie uns. Sie winkeln zackig ihren rechten Arm an, so dass ich kurz deren Handflächen neben den Umrissen ihrer Gesichter sehe. Peters Marschgeschwindigkeit kann ich nur mit großer Mühe einhalten. Die Neonlampen an der Decke fliegen schnell über meinem Kopf hinweg.

Abrupt bleibt Peter plötzlich stehen. Vor ihm steht ein großer Mann. Mit der linken zieht Peter ein Stück weißes Papier aus seiner Hosentasche. Das hält er dem Mann unter die Schirmmütze. Der Mann nickt, und öffnet eine graue Stahltür. Es ist der Ausgang. Von dort fällt helles, blendendes Tageslicht herein. Im grellen Sonnenschein überquere ich dicht hinter Peter einen gepflasterten Parkplatz. Der Parkplatz steht voll mit bunten, ausländischen Kleinwagen mit ausländischen Nummernschildern. Peter besteigt einen bereitstehenden dunkelgrünen Jeep. Es ist das einzige Militärfahrzeug zwischen den bunten Wagen. Ich setze mich neben ihn auf den Beifahrersitz. Jetzt schaue ich nach hinten. Auf dem Rücksitz erkenne ich Hartmut. Auch Hartmut trägt eine Schirmmütze.

Ruckartig fährt Peter los. Peters Anfahrt drückt mich in den Beifahrersitz. Er lenkt den Jeep über den gepflasterten Parkplatz, vorbei an grauen Torbögen. Jetzt erkenne ich die Straße. Wir fahren vom Parkplatz vor dem General – Walker – Hotel nach unten.

Peter lenkt den Jeep an mehreren kleinen Kontrollhüttchen vorbei. An manchen Kontrollhüttchen bleibt Peter stehen und zeigt sein Papier vor. Wenn sich die Schlagbäume anheben, fährt Peter ruckartig an. Wir fahren die sehr steile Straße am Obersalzberg hinunter. Rechts und links sehe ich dichten Nadelwald. Die Straße schlängelt sich kurvenreich hinab. In einer steilen Kurve reißt Peter plötzlich das Lenkrad nach links. Hartmut hält sich hinten an einer Stahlstange des Wagens fest. Auch ich greife eine Stahlstange über der Windschutzscheibe, damit ich nicht aus dem Jeep geschleudert werde. Ich weiß nicht, warum Peter so hastig fährt. Wir erreichen eine helle, enge Schotterpiste. Peter gibt, obwohl der Weg steil hinunter führt, kräftig Gas. Mich drückt es noch mal in den Beifahrersitz. Jetzt erkenne ich den Weg. Wir fahren auf der Rodelbahn hinunter. Eigentlich dürfen auf ihr keine Autos fahren. Ich kenne jede Kurve von vielen Schlittenfahrten auf der Bahn. Seit vielen Jahren fahre ich diese Bahn im Winter mit dem Schlitten hinunter. Jeden Samstag laufen wir auf der Rodelbahn runter nach Berchtesgaden und gehen ins Hallenbad. Jetzt steuert Peter den Jeep durch die Teufelskurve, von der es mich auf meinem Schlitten regelmäßig hinaus trägt. Peter scheint es egal zu sein, dass man hier eigentlich nicht mit einem Auto fahren darf. Er lenkt den Jeep routiniert und geschickt durch die steilen Kurven.

Es ist bereits Sommer geworden. Auf der Rodelbahn liegt der helle Schotter, den ich von den Fußmärschen aus Hallenbad und Schule zurück hinauf ins Oberlehen kenne. Jetzt steuert Peter den Jeep scharf nach links auf einen anderen, schmalen Schotterweg. Wieder gibt er kräftig Gas. Der Motor heult laut auf.

Ich erkenne das Haupthaus des Oberlehens. Es liegt plötzlich im Dunklen. Die Morgendämmerung ist noch nicht eingetreten. Im Haupthaus brennt kein Licht, die Fenster sind dunkel. Aber aus dem Ponyschuppen schimmert Licht. Mist, denke ich in diesem Moment, wahrscheinlich hat Peter vergessen, das Licht auszuschalten, nachdem er Seil und Taschenlampen geholt hatte. Peter fährt mit hohem Tempo auf den Parkplatz vor dem Haupthaus. Scharf bremst er den Jeep ab. Der Jeep rollt noch, aber Hartmut springt hinten schon raus auf den Hof. Eilig rennt er zum Ponyschuppen. Er reißt die Tür auf und schaltet das Licht aus. Komisch, denke ich, warum ist die Tür nicht abgesperrt? Peter hatte sie doch wieder verschlossen.

Das ist jetzt unwichtig. Wir haben es eilig. Hartmut zerrt mich an meinem rechten Ärmel aus dem Jeep. Sofort folge ich Peter über den Kies rund um das Haupthaus. Abrupt bleibt Peter unter der alten Eiche im Innenhof zwischen den Häusern stehen. Kurz sieht er mir ins Gesicht. Er scheint über etwas nachzudenken. Jetzt packt er mich an meiner Schulter und schiebt mich vor sich. Ich soll also vorausgehen. Ich spüre seine und Hartmuts Hände auf meiner Schulter. Beide schieben mich vor sich her. Unsere Schritte knirschen im feinen Kies unter der Eiche. Ich will zur hölzernen Außentreppe gehen. Ich will, wie ich es gewohnt bin, hinauf in unser Zimmer gehen. Jetzt spüre ich Peters harten Griff an meiner Schulter, er ergreift nun auch meine rechte Hand. Er zieht mich vorbei an der riesigen Eiche in die falsche Richtung.

Vor Hellings Wohnungstür bleiben wir stehen. Ich öffne die Tür. Drinnen hängen von der Decke die Hirschgeweihe. Der Fußboden ist übersät von Fellen erlegter Tiere. Hartmut und Peter schieben mich über die Türschwelle in den Korridor. Jetzt höre ich hinter mir Peters stimme: „Du öffnest die zweite Türe, sie kommt gleich rechts.“ Wir stehen bereits vor dieser Tür. Ich kenne sie gut. Es ist die Tür in Hellings Wohnzimmer. Peter schiebt mich dicht an diese Tür heran. Auch über ihr hängt ein riesiges Hirschgeweih. Ich stehe vor der Wohnzimmertür und rühre mich nicht. Ich will diese Türe nicht öffnen. Ich habe sie oft genug geöffnet, um mir von Helling eine Bestrafung geben zu lassen. Weil ich Widerwillen spüre, die Wohnzimmertür zu öffnen, schaue ich nach oben und sehe über der Tür ein riesiges Hirschgeweih. Weil ich Zeit gewinnen möchte, um die Tür nicht gleich öffnen zu müssen, drehe ich mich um und frage Peter: „Ist das die Wohnung eines Jägers?“ Peters Blick ist sehr ernst, er nickt, aber er antwortet nicht. Er weiß genau, dass ich mit dieser Frage nur Zeit schinde. Weil er mir aber keine Zeit mehr lassen will, legt er seine Hand auf die Türklinke. Fest drückt er sie hinunter. Peter schiebt mich langsam, aber bestimmt durch die sich öffnende Tür.

Plötzlich drückt mir Peter einen kalten, schweren Gegenstand in meine Hand. Der Gegenstand ist lang und schwarz. Ich versuche das schwere Ding hoch zu heben, es gelingt mir kaum. In einem großen, grünen Ohrensessel erkenne ich jetzt Helling in einer Ecke seines Wohnzimmers. Neben ihm sitzt Birner auch in so einem großen Sessel. In der anderen Ecke des Zimmers läuft ein Fernsehapparat. Das Programm ist bereits beendet. Auf dem Boden liegen viele Felle von Tieren die Helling auf der Jagd erlegte.

Zwischen den Fellen erkenne ich verschiedene Kindergesichter. Es sind die Gesichter junger Heimbewohnerinnen. Ich erkenne sie alle wieder. Auch Sofia ist dabei. Meine Arme und Hände zittern. Ich spüre diesen schweren, kalten Gegenstand in meiner Hand. Mit aller Mühe hebe ich das Ding hoch. Jetzt halte ich es vor meinen Kopf. Dabei zittere ich stark. Hinten im Zimmer erkenne ich Helling und Birner. Dorthin halte ich das schwere Ding. Zwei Mal knallt es laut. Es ist das gleiche Geräusch, das ich in der Nacht an der Kellertreppe gehört hatte. Auch der Geruch, den ich jetzt rieche, ist derselbe. Es stinkt nach Schießpulver. Plötzlich spritzt rotes Blut durch das Zimmer. Ich glaube, es stammt von den erlegten Tieren. Der Fernseher flimmert noch. Die Sessel von Helling und Birner sind rot. Zerfetzte Lappen und Tierköpfe liegen auf dem Boden. Hirschgeweihe spießen in der Wand. Erst jetzt schleudert mich die Detonation einige Meter zurück gegen die Wohnzimmerwand.

Ich liege auf dem grauen Teppichboden zwischen dem Sofa und dem niedrigen, dunkelbraunen Tisch. Von da sehe ich das Sofa und die runde Papierlampe an der Decke. Sie leuchtet. Der Aschenbecher liegt unter dem kleinen Tisch. Sein Inhalt verstreut auf mir und auf dem Sofa. Mein Trinkglas ist bis unter die Papierdeckenleuchte in die Mitte des Zimmers gerollt.

Langsam ziehe ich mich an dem schmalen Tischbein hoch. Die Tür hinaus auf den Balkon steht offen. Der Wecker auf dem Tisch zeigt halb zehn Uhr. Ich habe drei Stunden geschlafen. Es ist eine warme Julinacht in Berchtesgaden. Von draußen dröhnt Verkehrslärm. Die Wohnung an der Hochsteinstraße ist laut. Ich gehe verschlafen in die Küche. Im Bad plätschert es. Vermutlich duscht Herbert gerade. Der Kaffee steht seit Stunden auf der eingeschalteten Maschine. Ich gieße ihn in den Ausguss. Ich öffne das Küchenfenster. Abgestandener Kaffeegeruch zieht hinaus. Unten an der Hallenbad-Baustelle wird bei Flutlicht gearbeitet.

Ich erfrische mein verschlafenes Gesicht unter dem Küchenwasserhahn. Mein Glas fülle ich wieder mit Wasser. Ich gehe zurück ins Zimmer und schließe die Balkontür. Im Schlafzimmer setze ich mich an den Schreibtisch vor meine alte, braune Schreibmaschine. Ich lege Papier ein und beginne zu tippen.