25. Abschied

Am Tag nach dem Abschlussfest besuchte ich Regina in ihrer Wohngemeinschaft. Es war ein sehr kühler, verregneter Sommertag. Deshalb kochte Regina Tee. Ich ließ mich auf dem Sofa in ihrem Zimmer nieder und blickte durch den Raum der bei dem Regenwetter beinahe wie im Herbst wirkte. Ich sah mir alles genau an. Ich ließ meine Augen vom Fenster über das Bett zum Schreibtisch über den Schrank, die Kommode zu den Bildern an der Wand gleiten. Ich saß sehr ruhig da, sehr gelassen, atmete langsam aber tief durch, entspannte mich bei dem ersten Schluck Tee. Ich sagte lange nichts. Ich saß einfach in ihrem Zimmer auf ihrem Sofa.

Dort hatten wir beide gemeinsam über die Jahre schon oft gesessen, denn wir trafen uns meist bei Regina, bevor wir ins Café Notfall gingen. Das Café lag nur wenige Straßenzüge von ihrer Wohngemeinschaft entfernt. Auf dem Sofa neben mir sitzend, hatte mir Regina so manchen Plan und manches Vorhaben erläutert über dem sie gerade mit ihren Buchprojekten brütete. Manchmal konnte ich ihr den ein oder anderen nützlichen Tipp oder eine gute Anregung geben. Oft habe ich in diesem Zimmer bei ihr übernachtet. Wir liebten uns immer nur dort, denn mein Wohngemeinschaftszimmer, vor allem aber mein Bett war viel zu klein. Seit Wochen hatte ich nicht mehr bei ihr übernachtet.

Regina setzte sich mit ihrer Teetasse auf die Bettkante gegenüber dem Sofa. Das war ganz anders als sonst. Wir beide hatten uns in diesem Zimmer nie gegenüber gesessen. Wir saßen immer dicht beieinander auf dem Sofa. Sie schwieg. Ich blickte jetzt langsam durch den Dampf meiner Teetasse, die ich mit beiden Händen hielt, zu ihr hinüber an das Bett.

Da sah ich sie wieder, die Frau die strahlend durch die Tür des Seminarraumes in der zehnten juristischen Vorlesung trat, sich umsah und schließlich gezielt auf mich zu kam. Ich sah sie wie sie das erste Mal Samstagmittags bei mir in der Pforte der Fabrik erschien, mit ihrem Fahrrad war sie dorthin gefahren. Aus ihrem Fahrradkorb nahm sie einen kleinen Picknickkorb mit dessen Inhalt sie in der winzigen Teeküche ein Mittagessen zubereitete. Ich sah sie wie sie zum ersten Mal mit dem Chef in der Fabrik sprach, der daraufhin zwei alte Computer für uns beide in die Pforte schaffen ließ. Ich sah sie wie sie im Urlaub trampend allein am Straßenrand stand und wie sie dem verdutzten Fahrer in perfektem Englisch versicherte, dass auch ich, ihr „Husband“ mitfahren würde.

„Wie lange läuft das schon?“
Ich fragte das sehr leise und blickte sie dabei an. „Seit einem dreiviertel Jahr.“ Sie sah mich nicht an. Sie blickte vor sich auf den Teppichboden. Sie wirkte dabei wie erstarrt. So hatte ich sie noch nie zuvor gesehen.

Ich wandte meinen Blick von ihr ab. Sah hinüber zum Fenster. Dort beobachtete ich sekundenlang die Wasserperlen wie sie sich langsam in Bewegung setzten, sich mit darunter liegenden Perlen vereinten, um schließlich so schwer zu werden, dass sie in schnellem Tempo nach unten rollten. Ich wandte mich jetzt wieder in ihre Richtung. Unsere Blicke trafen sich in Höhe ihres Schreibtisches.

„Wie machen wir jetzt weiter Regina?“

Ich spürte, dass meine Stimme an Ruhe verloren hatte. Ich bemerkte in ihr ein leichtes, sehr verunsicherndes Beben. Die innere Ruhe die in meinem Körper zuerst aufkam als ich mich sehr langsam auf das Sofa gesetzt hatte, war verschwunden. Der Tee stand neben mir auf dem Tisch. Er würde mich beruhigen. Doch ich traute mich jetzt nicht zur Tasse zu greifen weil ich fürchtete so sehr an den Händen zu zittern, dass ich den heißen Tee verschütten könnte.

Sie hatte mich nie belogen. Sie hatte alles in unserem Leben zu steuern gewusst, ohne dabei zu lügen. Sie brauchte nicht zu lügen, denn sie regelte alles auch das Komplizierteste und Widersprüchlichste. Sie war in meine Falle getappt. Ich hatte wieder gefragt was ich schon wusste. Das hatte ich seit sehr langer Zeit nicht mehr getan.

Schweigen von Regina hatte mir stets gesagt, dass ich meine Frage selbst beantworten konnte. Beim Lernen mit Regina in der Fabrikpforte hatte sie immer geschwiegen, wenn ich ein Thema ansprach und dazu eine Frage stellte, von der sie meinte, dass ich die Antwort selbst wusste. Sie musste nur lange genug schweigen. Tatsächlich kam die Antwort meist binnen weniger Minuten aus mir heraus. Das war ihre wunderbare Methode, die es mir ermöglichte alles aus mir herauszuholen was ich wusste. Durch ihre Methode merkte ich, dass ich fast alles bereits wusste, wonach ich sie fragte.

Gleiches bedeutete ihr Schweigen jetzt. Deshalb fragte ich mich in der Ruhe unseres Schweigens, was ich alles wusste. Ich wusste was ich gerade gefragt hatte selbst. Ich wusste, dass es nicht weiter gehen würde mit uns beiden. Als ich dieses Zimmer betrat wusste ich, dass es heute das letzte Mal sein würde. Ich wusste, dass wir beide uns nie mehr an die Hand nehmen würden, dass wir uns nie mehr küssen würden, dass wir uns nie mehr lieben würden. Ich wusste, dass wir nie mehr miteinander lernen würden, in der Pforte der Fabrik arbeiten würden und dass wir keinen Urlaub mehr miteinander verbringen würden.

Ich saß auf dem Sofa schloss meine Augen und spürte, dass da Tränen waren die raus wollten. Ich versuchte sie aufzuhalten, das gelang mir aber nicht. Deshalb nahm ich jetzt die Taschentücher vom Tisch neben dem Tee. Dabei bemerkte ich, dass meine Hände wieder ruhig geworden waren. Deshalb nahm ich die Teetasse in beide Hände und trank einige Schluck.

„Warum Holger?“

Meine Stimme zitterte wieder, obwohl ich sie mit dem Tee geölt hatte. Ich brachte die beiden Worte meiner Frage kaum heraus. Ich dachte daran weiter zu fragen. Ich wollte einfach nach den Dingen fragen, welche in solcher Situation, die für mich neu und deshalb ungeübt war, vielleicht üblich waren. Mir fielen die Fragen „warum gerade er?“, und „was hat er, was ich nicht habe?“, ein. Doch ich fragte nicht weiter. Ich saß und schwieg. Ich wusste, dass ich auch das bereits wusste. Ich nahm mir vor nicht mehr nach den Dingen zu fragen, die ich bereits wusste.

Holger war attraktiv, intelligent, selbstbewusst und sehr aktiv. Er war ein hoch agiler, in meinen Augen manchmal beinahe hyperaktiver Intellektueller. Was er organisierte hatte Hand und Fuß. Wo er auftrat scharten sich interessierte Menschen. Interesse der Menschen weckte er, indem er letztlich durch gezielte Propaganda für deren Interesse sorgte. In meinen Augen schaffte es Holger, dass die Menschen nicht merkten, dass deren vermeintliches Interesse an Themen die Holger propagandistisch bearbeitet hatte, in Wahrheit dessen Interesse war. Er war ein Demagoge. Ihm verfielen alle, denn er konnte gar nicht anders, als alle von sich zu überzeugen.

„Warum gerade er?“

Ich blickte sie bei dieser Frage die ich eigentlich nicht stellen wollte wieder an. Sie wich meinem Blick aus. Sie wandte ihren Blick zum Fenster, wo inzwischen alle Perlen verschwunden waren weil der Regen so stark geworden war, dass die Tropfen wie kleine Bächlein an der Scheibe hinunter liefen ohne dass sich zuvor Perlen bilden konnten.

Holger hatte schon seit langer Zeit mit ihr geschlafen. Das ging schon seit Jahren. Ich wusste das seit der ersten Begegnung mit den gestrandeten Journalisten im Café Notfall. Ich sah sie auf der Bettkante mir gegenüber sitzen, wie sie sich von mir abwandte und zum Fenster hinüber blickte.

Sie saß im Café Notfall am Tisch und sog die Signale von Holger aus der Gruppe der drei Gestrandeten auf. Holger war nicht zufällig der übrig gebliebene aus der Gruppe. Es war kein Zufall, dass er nicht genauso verschwand wie seine beiden Freunde. Seine Bewerbung an der deutschen Journalistenschule, sein Erfolg den er dort in Wahrheit hatte, war für ihn nicht, wie bei den beiden anderen, Anlass gewesen von der Bildfläche im Café Notfall zu verschwinden. Holgers Behauptung, er schreibe für das Szeneblättchen in dem ich seinen Namen nie fand, seine Ansage er gehöre zu den drei Gestrandeten und sei an der deutschen Journalistenschule gescheitert, gehörte zu Holgers Strategie. Holger nahm mich von Beginn an nicht ernst, er spielte sein Spiel, dessen Wahrheit ich mich nicht zu lüften traute, denn ich war ein Abhängiger.

„Was hat er, was ich nicht habe?“

Regina blickte zu Boden auf den Teppich vor dem Bett. Ich sah am Fenster, dass die einzelnen Bahnen des Regens verschwunden waren. Es war draußen dunkel geworden, weil ein schweres Gewitter über München lag. Der Regen schlug gegen die Scheibe, so dass keine Bahnen mehr zu sehen waren, sondern die Scheibe sah aus wie eine einzige Wasserbahn über die in einem glatten Bach der Regen hinunter lief.

Es war das was ich nicht hatte. Es war das was Regina über viele Jahre von mir nicht bekommen hatte. Dessentwegen war ich jahrelang im Anschluss an das Café Notfall, morgens um drei Uhr, nach Hause in meine Villen-WG gefahren. Holger war der über den wir beide nie sprachen. Seit der ersten Begegnung im Café Notfall war er immer präsent geblieben.

„Warum?“

Auch meine letzte Frage konnte ich selbst beantworten.

Draußen auf der Scheibe war jetzt eine Veränderung eingetreten. Der Regen hatte an Schärfe verloren. Es schlugen wieder einzelne Tropfen gegen die Scheibe. Jetzt sah ich die Perlen endlich wieder. Das Schauspiel begann erneut. Perlen liefen langsam hinunter, sie verbanden sich mit weiteren Perlen, so dass ihr Gewicht sie schnell nach unten trieb. Unten auf dem Fensterbrett zerplatzten sie.

Auf meinem Album „calling back“ aus dem Jahre 2016 habe ich den Song „noises“ veröffentlicht. Ich finde der Song beschreibt die innere Stimmung an dieser Stelle in meinem Buch ganz passend.

https://www.jamendo.com/track/1392039/05_noises