24. Klopapier

Freitagabend nach dem Abendessen, die Haushaltsdienste sind verteilt, sagt Peter zu mir:
„Sofia hat mir gestern erzählt, dass Helling jeden Freitag, wenn alle duschen müssen, im Waschraum bei den Mädchen bleibt. Er steht da und sieht ihnen beim Duschen zu.“

Ich nicke, aber ich bin nicht überrascht, denn ich bin so naiv, dass ich nicht erkenne, was daran schlimm sein soll. Das erklärt Peter:
„Endlich verstehe ich, warum Helling die Erzieherinnen jeden Freitagabend frühzeitig nach Hause schickt. Die stören ihn nur.“
Ich verstehe immer noch nicht, was Peter so schlimm findet.

Wir sollten nachsehen, ob er jetzt drüben im Mädchenwaschraum steht. Wir brauchen aber einen guten Grund, weswegen wir da rein marschieren“
„Meinst du das ernst?“

Peter sitzt auf seinem Stockbett und blättert in einem Comicheftchen. Ich stehe in der Ecke unseres Zimmers und beuge mich über das Waschbecken. Ich putze meine Zähne. Meine Zahnbürste nehme ich aus dem Mund und blubbere, so dass der weiße Schaum ins Waschbecken und ein bisschen daneben tropft. Während ich den Schaum ins Becken spucke, sage ich:
„Wir haben doch diese Woche Klopapierdienst. Wir könnten einfach rüber latschen, im ersten Stock die Mädchenduschraumtür aufreißen und dann ganz erschreckt tun, wenn wir dort Helling und die nackten Mädchen sehen!“
Ich finde meine Idee super und spucke Schaum in das Waschbecken.
„Wir könnten sagen, dass wir völlig vergessen haben, dass gerade Duschzeit ist. Wir sagen, dass wir auf dem Weg sind, um von dort das Klopapier zu holen.“
Ich sehe zu Peter hinauf:
„Auf den Dachboden zum Klopapierlager kommen wir nur, wenn wir durch den Mädchenwaschraum gehen! Das wäre ein guter Grund für unser Auftauchen!“
Ich wende mich zurück zum Waschbecken und schrubbe mit der Zahnbürste weiter in meinem Mund herum. Ich finde meine Worte sehr mutig. Ob ich wirklich tun will, was ich gerade gesagt habe, darüber habe ich noch nicht nachgedacht.

Meine Worte haben Wirkung. Peter ist begeistert. Ich glaube das liegt daran, dass meine Idee so klar ist. Peter wirft sein Comicheftchen aufs Bett. In einem Satz springt er vom Stockbett herunter. Die Holzdielen knallen und knarren unter seinem Gewicht. Aufgeregt steht er dicht neben mir.
„Würdest du das echt machen?“
Ich halte meine Zahnbürste unter laufendes Wasser. Ich komme mir ziemlich mutig vor, habe mich aber, wegen Peters überraschendem Sprung aus dem Stockbett, am Schaum der Zahncreme verschluckt. Ich huste, beuge mich unter den Wasserhahn, um mit der Hand Wasser in den Mund zu schaufeln. Dicht vor meinen Augen sehe ich am Waschbeckenrand die bunte Zahncremetube. Auf der steht: „Strahler 80! Strahlerküsse schmecken besser!“ Ich lese das Wort „Strahlerküsse“. Das bringt mich auf den Gedanken, dass ich noch nie ein Mädchen geküsst habe, geschweige denn eines nackt gesehen habe. Erst deshalb wird mir die Vorstellung, dass Helling alle Mädchen am Oberlehen jeden Freitagabend nackt im Duschraum sieht, richtig klar.

Ich habe nicht den Gedanken, dass Helling deshalb etwas unrechtes tut. Die Idee, dass Helling in die Intimsphäre der Heimkinder eindringt, so Grenzen überschreitet und eigentlich eine Erzieherin die Mädchen beim Duschen beaufsichtigen sollte, habe ich nicht. So denke ich nicht. Für mich ist in diesem Moment einzig der Gedanke reizvoll, die Mädchen des Haupthauses alle nackt unter der Dusche zu sehen. Helling dabei zu überraschen ist nicht mein Ziel. Das ist Peters Interesse. An diesem Abend will er Helling endgültig nachweisen, dass er Grenzen überschreitet. Ich spucke den Schaum ins Becken. Die Tube mit den Strahlerküssen halte ich unter laufendes Wasser, so dass die Sterne darauf glänzen.

Peter und ich sind aufgeregt und angespannt. Mein Herz klopft viel schneller als sonst. Meine Anspannung kann ich nur ertragen, weil ich mir vorstelle, dass Peter und ich Schauspieler in einer amerikanischen Krimiserie sind. Ich stelle mir vor, dass alles was wir tun, schon lange geprobt ist und deshalb reine Routine. Die Vorstellung beruhigt mich. Es ist eine Methode, die ich auch in der Schule anwende, wenn mich der Lehrer nach meinen Hausaufgaben fragt, die ich im Oberlehen vergessen habe.

Heute denke ich, dass ich ein Schauspieler aus der amerikanischen Fernsehserie Kojak bin. Ich denke, dass Peter Kojak, der Kriminalkommissar, ist. Kojak sehe ich in unserem Zimmer auf und ab laufen. Er unterhält sich mit mir über seinen neusten Fall. Was wir gerade miteinander besprechen, wie wir Helling im Mädchenduschraum überraschen wollen, das kennen wir beide auswendig, denn Peter und ich sind gute Schauspieler, wir haben unser Drehbuch genau studiert und auswendig gelernt. Alles haben wir schon oft geprobt. Die sehr spannende Szene ist deshalb nicht mehr so aufregend. Ich sehe Peter an:

Ja das ist mein Ernst!“
Der rechte Daumen von Kojak steckt lässig in Peters Gürtel. Er kommt zu mir ans Waschbecken. Mit der linken Hand nimmt er meinen Zahnputzbecher. Den hält er unter Leitungswasser und lässt ihn voll laufen. Wie der Inspektor seinem Assistenten, reicht Kojak mir den Plastikbecher der, statt mit Kaffee mit Wasser gefüllt ist. Er schaut mich sehr ernst an.
„Also dann, lass uns überlegen, wie wir vorgehen!“

Wir beide sprechen über unser aufregendes Vorhaben. Dabei bleiben wir ganz ruhig. Das ist nur möglich, weil ich denke, dass wir Schauspieler sind und die Szene lange geprobt ist, ich kenne alles. Es ist klar, wie es weiter zu gehen hat. Das Drehbuch steht fest. Ich nehme den Wasserbecher aus Peters Hand. Wir sehen uns an. Ich glaube, uns beiden ist in dieser Situation klar, dass wir nichts zu verlieren haben. Die nackten Mädchen unter der Dusche interessieren uns beide. Dabei Helling zu ertappen wäre zumindest peinlich für den. Auf den ersten Blick ist meine Idee gut.

Wir laufen vorbei an der riesigen Eiche hinüber ins Haupthaus. Je näher wir dem Mädchenwaschraum im ersten Stockwerk kommen, desto langsamer werden unsere anfangs munteren Schritte. Vor der Waschraumtür spüre ich wieder dieses Zittern meines ganzen Körpers, das mich auch in der Nacht überfallen hatte, als ich mit Peter an der Kellertreppe stand. Der lange Gang mit den vielen Türen in die Zimmer der Mädchen ist leer. Aus dem Waschraum hören wir die Duschen plätschern.

Ich bringe keinen Ton heraus. Mein Körper zittert. Ich denke an nichts. Von Mut keine Spur. Es ist Angst, die jetzt meinen Kopf im Griff hat, sie macht Denken unmöglich. Kojak taucht in meinem Kopf nicht mehr auf. Der Film ist abgelaufen. Was kommt, steht nicht mehr im Drehbuch. Ich kann meine Beruhigungsmethode nicht einsetzen. Wie festgenagelt stehe ich vor der Türe. Ich zittere wie eine elektrische Zahnbürste. Ich merke, dass ich ein ängstlicher Waschlappen bin. Peter kennt das von mir. Deshalb übernimmt er sofort das Kommando, er flüstert:
„Ich zähle bis drei, dann drück ich die Klinke runter und wir rennen einfach los. Wenn Helling drin ist, werden wir ihn schon sehen, wie wir es besprochen haben.“
Peter beginnt leise zu zählen. Seine rechte Hand liegt auf der Türklinke.
„Eins .. zwei .. drei!“
Peter drückt fest auf die Klinke. Ich höre einen dumpfen Schlag. Peter knallt mit dem Kopf gegen die Tür. Sie ist verschlossen. Jetzt fällt mir Kojak wieder ein. Der hätte an diese Möglichkeit gedacht. Ein Gangster wie Helling trifft während seiner Taten Vorsichtsmaßnahmen, er sichert sich davor ab, ertappt zu werden. Eine naheliegende Maßnahme, um im Waschraum mit den Mädchen nicht überrascht zu werden, ist sie einfach von innen abzusperren. Peter hält seinen Kopf und die Schulter. Sein Gesicht ist vom Schmerz verzerrt.
Helling ruft aus dem verschlossenen Duschraum:
„Was ist los, wer ist da, was gibt es da draußen?“
Peter flüstert:
„Immerhin wissen wir jetzt, dass Helling da drin ist.“
Ich sage nichts. Nach kurzem Schweigen brüllt Peter:
„Äh, nichts besonderes! Wir wollten nur Klopapier holen! Wir haben Klopapierdienst!“
Helling von innen:
„Haut mal lieber ganz schnell ab ihr Penner, sonst mache ich euch Beine!“
Peter flüstert:
„Komm, wir verschwinden!“