23. Idylle

Samstagabends sitzt Helling immer auf der linken Seite im Aufenthaltsraum. Er sitzt auf der dunkelbraunen Holzbank. Dort liegen rote und grüne Sitzpolster mit grünen Fransen. Es ist der Platz neben der weißen Milchglastür, die in den Speisesaal führt. Dort nähert sich Helling den jungen Mädchen. Peter beobachtet den Mann sehr genau dabei.

Rechts und links von ihm sitzen Heimbewohnerinnen. Helling legt, während im Fernsehen die Hitparade seit dreißig Minuten läuft, seinen schweren Arm auf die Schultern eines Mädchens. Die Mädchen, darunter auch Sofia, lassen es zu. Helling rückt sehr dicht an sie heran. Peter fixiert Helling, starrt ihm gehässig in die Augen. Das merkt Helling bald, denn Peters Blick richtet sich, anstatt zum Fernsehgerät direkt auf Helling. Peter sendet Helling mit seinem hasserfülltem Blick giftige Pfeilspitzen.

In unserem Versteck sagt Peter:
„Du kannst einen Menschen mit Blicken töten. Birner ist darin sehr geübt. Ihm habe ich das abgeschaut. Du musst den gehassten Menschen mit deinen Augen fixieren und dich voll darauf konzentrieren allen Hass den du in dir spürst, durch die Luft auf diesen Menschen zu richten.“

Peter ist in die dreizehnjährige Sofia verliebt. Er beobachtet sie bei Frühstück, Mittag- und Abendessen im Speisesaal. Beim Hausaufgabenmachen verliert er sie nicht aus den Augen. Abends im Aufenthaltsraum, vor dem Fernsehgerät, wünscht er sich, dass Sofia sich in seiner Nähe nieder lässt. Das tut sie nicht. Stattdessen setzt sie sich immer auf die Holzbank, nahe der Speiseraumtür, als habe Helling das befohlen.

Zwischen Peter und Helling kommt es mehr und mehr zu gehässigen Blickkontakten. Nach Peters Meinung vergreift sich Helling an den jungen Mädchen. Ich weiß nicht, wie sich Helling an den Mädchen vergreift. Ich sehe, dass er dicht neben ihnen sitzt und seinen Arm auf deren Schultern legt und dass sie manchmal abends, wenn wir nicht fernsehen dürfen, bei Helling in der Wohnung vor dessen Fernseher sitzen oder er sie samstagnachmittags in seinem Opel Rekord mit nimmt.

Peter kann nicht sagen, wie Helling sich an den Mädchen vergreift. Er spürt es. Helling überschreitet bei Sofia Grenzen. Wir spüren, wenn Erwachsene Grenzen überschreiten. Auch wenn ich und Peter keine Opfer der Grenzüberschreitungen Hellings in der Weise werden, wie Sofia, spüren wir doch, dass Helling Grenzen überschreitet. Im Oberlehen leben wir so dicht aufeinander, dass wir Stimmungen, die wegen dessen Grenzüberschreitungen entstehen, deutlich spüren. Wir sind Gewaltopfer, spüren aber neben unseren Schmerzen noch etwas: Wenn beide uns schlagen, tun sie uns etwas an, wovon kein Außenstehender etwas wissen darf.

Peter sagt in unserem Versteck im Wald:

Die Gewaltausbrüche von Helling und Birner sind deshalb für uns so heftig spürbar, weil die beiden sich sehr bemühen, ihre Gewalttaten nach außen hin zu vertuschen. Erst deshalb merke ich, dass deren Gewalt gegen mich nicht alltäglich ist, wie das tägliche Gebet, das Helling vor dem Abendbrot spricht. Sondern es scheint etwas zu sein, das die beiden Männer machen, aber wohl eigentlich nicht machen sollten oder gar nicht machen dürfen. Warum sonst versuchen sie, ihre brutalen Gewalttaten gegen uns zu verheimlichen? Der Besuch aus dem Jugendamt darf davon nichts merken.“

Das beobachten wir und wir spüren, dass es den beiden Männern sehr unangenehm wäre, würde ein Gast merken, dass wir regelmäßig geprügelt werden. Doch wir wissen nicht recht, wie wir auf deren Grenzüberschreitungen und Gewalt reagieren könnten, um die Schläge gegen uns zu beenden. Peter erzählt eines Tages seinem Vormund, der zusammen mit einem Mitarbeiter des Jugendamtes zu Besuch kommt, dass ihn Helling verprügelt hat, weil er Helling „fettes Schwein“ genannt hat. Der Vormund erklärt, dass Kinder Erwachsene auch nicht „Schwein“ zu nennen haben und dass deshalb die Schläge des Heimleiters berechtigt sind. Der Vormund sagt, dass er nicht gekommen ist, um sich solchen Mist anzuhören, sondern er würde viel lieber Tischtennis spielen. Also spielen wir mit Peters Vormund den ganzen Nachmittag Tischtennis, bis ihn Helling wieder zum Bahnhof bringt. Peter weiß, dass es keinen Sinn hat, dem Vormund oder anderen etwas von der Gewalt der beiden Männer vor zu jammern. Unser Leben am Oberlehen ist nichts besonderes, es ist normal. Es ist so, wie die Zeit ist. Für uns im Oberlehen heißt das, ganz im Sinne des Satzes: „A gscheide Watschn hat noch niemandem gschadet!“, ist unser Leben alltäglich. Es ist alltäglich, zu verheimlichen, das wir geschlagen werden. Wird doch einmal darüber doch gesprochen, dann sagt der Vormund halt, das sei ganz normal und Peter sei selbst schuld, wenn er einen Erwachsenen so provoziert. Peter meint:
„Mein Vormund weiß nicht, dass Helling wirklich ein Schwein ist. Ich kann ihm das auch nicht gut erklären, vor allem nicht beweisen.“

Weil Peter jeden Samstagabend im Aufenthaltsraum mit ansehen muss, dass Helling seinen Arm um die Schulter von Sofia und anderer Mädchen legt, steigt seine Wut auf den Mann. Peter beschimpft Helling. Er nennt ihn ein „perverses Schwein“. Peter ist sehr eifersüchtig, später wütend und er fühlt sich ohnmächtig gegenüber der Macht Hellings. Seine Ohnmacht sagt ihm, dass Helling immer der Sieger ist, denn er verfügt über die Macht des Stärkeren.

Eines Abends kommt Helling wütend in unser Zimmer. Peter muss ihn wieder provoziert haben, ich weiß nicht wie. Helling reißt die Zimmertür auf und brüllt Peter, der wie wir schon im Bett liegt, an:
„Da ziehste den Kürzeren du Schlappschwanz!“
Er knallt die Türe zu und ist weg. Solche Sätze von Helling gehören zu dessen Lieblingssätzen. Doch so aufgebracht, wie Helling in unser Zimmer stürzt, habe ich ihn noch nie gesehen.

Peter weiß, dass er keine Chance hat. Er ist sich nicht völlig sicher, ob das, was Helling tut, überhaupt Unrecht ist. Trotzdem versucht er auf verzweifelte Weise, diesen Mann zu stellen. Peter versucht das Unmögliche. Er will den Machtmissbrauch dieses Menschen nachweisen. Weil er das nicht schafft und nach dem Besuch seines Vormunds fast verzweifelt, stürzt er unvermittelt in Hellings Wohnzimmer, wo Sofia und andere Mädchen vor dem Fernseher liegen. Er schreit Helling ins Gesicht:
„Du perverses Arschloch!“

Wie sollen Kinder, die in der schönsten Idylle leben, beweisen, dass sie von zwei Männern sehr schlecht behandelt werden? Nicht zuletzt tut Helling einiges dafür, dass unsere Lebenssituation am Obersalzberg normal, sogar idyllisch aussieht. Mein Oberlehen ist ein schönes, friedliches Bild von zwei ländlichen Häusern mit Pferdeschuppen und Tiergehege in traumhafter Berglandschaft. Wer soll da schon erkennen, dass Helling und Birner ihre Verantwortung, die sie für Kinder übernommen haben, einfach ignorieren, vielleicht sogar missbrauchen? Ich halte das Oberlehen für mein normales zu Hause, weil ich nichts anderes kenne. Ich lebe meine Kindheit in diesen beiden Häusern. Woher soll ein Kind, das nichts anderes kennt, wissen, dass das Reden und Tun dieser beiden Männer auch anders, vielleicht vernünftiger sein könnte? Woher sollen Kinder, die mit schlagenden erwachsenen Männer zusammenleben, wissen, dass das nicht völlig normal ist? Selbst Peter ist sich jahrelang nicht klar darüber, dass der gewalttätige Stil von Helling und Birner unangemessen ist. Peter hat keine anderen Erfahrungen. Er kennt das Leben bei einem schlagenden Mann vom Leben bei seinem Vater.

Ich sehe begeistertes Lächeln auf den Lippen der Mitarbeiter aus den Jugendämtern. Auch Helling und Birner lächeln, wenn sie die Besucher durchs Oberlehen führen. Kinder leben hier in vollkommener Idylle. Auf der Bergwiese hinter dem Nebenhaus hält Helling in einem Gehege junge Rehe. Im Schuppen am Oberlehen steht ein Pony. Ich glaube die meisten Erwachsenen, die das Oberlehen besuchen, denken, dass für Kinder, die hier leben dürfen, Natur und Idylle völlig ausreichen, um eine gute Entwicklung zu machen. Für erwachsene Besucher liegt es sehr nahe, zu denken, dass in so schöner, gesunder Umgebung auch die verantwortlichen Männer gut zu uns sind.