23. Gespräche an der Oberfläche

Fast jeden Abend trafen wir im Café Notfall auf viele Freunde. Dort besprachen wir alle möglichen Themen die uns im Laufe eines Studentenlebens beeindruckten. Unsere Kommunikation wirkte intellektuell, war es aber nicht. Was ich sah und hörte war was ich in den achtziger Jahren über das Café Notfall und ähnliche Kneipen der Stadt in den Szeneblättern nachlesen konnte. Ich wusste nicht recht ob die Menschen im Café Notfall so waren weil das so in den Szeneblättchen geschrieben stand oder ob das was in den Blättchen geschrieben stand, tatsächlich von irgend jemandem beobachtet worden war bevor es geschrieben wurde.

Es gab dort offene Menschen, es gab Intellektuelle, es gab eine ganze Anzahl von Blendern, es gab sehr viele Redner, es gab eine Gruppe gestrandeter Journalisten, es gab Musiker, Künstler, Lebenskünstler, echte Künstler, Kunstliebhaber und es gab uns beide. Mein Gefühl war, dass Regina perfekt hineinpasste. Über mich selbst dachte ich, dass ich in diese Szene mit ihr irgendwie hinein gerutscht war.

Hin und wieder dachte ich daran, dass ich im Café Notfall in Haidhausen früher ganz andere Menschen getroffen hatte. Als ich neu in die Stadt gezogen war, um meine Schule zu besuchen, hatte ich doch neue Freunde kennengelernt: Wo waren die geblieben? Wo waren Sofia, Annette, Richard und Thomas geblieben? In der Stadt war es meine Realität geworden ständig neue Freunde zu gewinnen und zu verlieren.

Individuell und intellektuell zu wirken war die angesagte Linie. Das war der Trend im Café Notfall und der Szene. Darüber berichteten die Szeneblätter. Alle Beteiligten fühlten sich gut dabei. Jeder war begeistert und überzeugt, dass hier wichtiges stattfand. Die Zeit wurde hier gestaltet. Die Szene wurde hier entwickelt. Mein Eindruck war, dass die meisten Gäste im Café Notfall nicht sagen konnten was auch immer das bedeuten sollte. Darüber sprach man nicht. Darüber schrieben die Blättchen, in denen im Prinzip immer das gleiche belanglose Zeug zu lesen war.

Meine neuen Freunde im Café Notfall waren und blieben Reginas Freunde und Bekannte. Ich lief dort unter Reginas Namen irgendwie mit. Trotzdem fühlte ich mich irgendwann im Café Notfall wohl. Das Bild von mir zusammen mit Regina in dieser Kneipe gefiel mir immer besser. Eines Tages war mir das alles richtig angenehm geworden. Ich profitierte von ihrer Präsenz, ihrer Ausstrahlung und ihrem Niveau.

Niemals hätte Regina einen Hauch von Macht über mich, oder das Ansinnen ihre intellektuelle Überlegenheit mir gegenüber auszuspielen erkennen lassen. Das erleichterte alles. Ich liebte sie nicht nur, sondern wegen ihrer Souveränität verehrte ich sie. Ich war ein Abhängiger geworden. Den Freunden im Café Notfall war nicht entgangen, dass ich ihr im Grunde nicht das Wasser reichen konnte. Aber keiner der Freunde konnte das Ungleichgewicht nutzen um eine Störung in unserer Beziehung zu verursachen.

Es gab sehr viele die sich für Regina interessiert hatten. Niemals aber habe ich es erlebt, dass Regina auf deren Signale entgegenkommend reagiert hätte. Sie nahm die Signale wahr. Doch sie hatte sich ihren Partner bereits ausgesucht. Ihre Wahl hatte sie gezielt getroffen und dazu stand sie. Wir haben nie darüber gesprochen wie das bei ihr gewesen war an dem Tag als sie die Türschwelle zu dem Seminarraum überschritten hatte, um auf mich zuzugehen.

Im Café Notfall interessierte mich die Gruppe der gestrandeten Journalisten. Das waren drei Leute die allesamt an der deutschen Journalistenschule in München gescheitert waren. Trotzdem, so behaupteten alle drei von sich selbst, hatten sie den Beruf ergriffen und seien nun aktive unabhängige Journalisten geworden. Das fand ich interessant. Mich beeindruckte deren selbstbewusste überzeugende Art, die Fähigkeit das Abgewiesen werden in Kräfte zu verwandeln, die Ziele die sie aus der Abweisung durch sogenannte Profis entwickelten und wie sie darüber im Café Notfall sprachen. Ich fand es schier unglaublich, dass drei sich Journalisten schimpften, aber die Aufnahmeprüfung an der deutschen Journalistenschule nicht geschafft hatten. Sie hatten sich vorgenommen Journalisten zu werden und zogen dieses Ding durch. Das passte ins Café Notfall. Die Szene dort war voll von Machern und selbsternannten geistigen Höhenfliegern.

Die gestrandeten Journalisten hatten stets irgendwelche angeblich wichtigen Aufträge von Blättern für die sie in der Stadt recherchierten. Regina und ich waren für die drei deshalb interessant, weil wir nach deren Ansicht so unterschiedlich wie die Welt waren. Keiner von den Dreien konnte mir erklären was damit gemeint war. Nach vielen langen und Alkohol getränkten Gesprächen an deren Tisch begriff ich, dass sie als Grundlage in ihrem Job vor allem die genaue Recherche sahen. Danach erst kam der Artikel der im Grunde die geringste Arbeit darstellte.

Erst jetzt verstand ich, dass sich Regina mit ihrem Dozenten-Buch-Verlag-Job eine optimale Tätigkeit gesucht hatte. Denn die Recherche, das gesamte Material, alle Themen lieferten ihr die Dozenten fein säuberlich geordnet an. Sie musste daraus nur noch neue vor allem nach Innovation riechende Konzepte zusammen zimmern. Die baute Regina schlüssig auf. Das beste daran war wohl, dass die Konzepte nicht von ihr oder den Dozenten umzusetzen waren, sondern von den Praktikern die sich die Bücher kauften weil die genau solche Konzepte erwarteten. Ob die Konzepte wirklich umsetzbar waren oder funktionierten schien dabei nicht wirklich von sehr hohem Interesse zu sein. Wirklich wichtig aber war, dass die Texte das Funktionieren glaubwürdig und schlüssig wiedergaben.

Regina bemächtigte sich eines Teils der Kompetenz der Gestrandeten. Gegen ein Honorar das ein Bruchteil ihrer Vergütung durch die Dozenten im Buchverlag darstellte, vergab sie an die drei freien Journalisten befristete Rechercheaufträge zu Themen die sie für den Dozenten-Buch-Verlag bearbeitete. Das zeigte mir neben all ihren Fähigkeiten, dass sie zudem auch noch geschäftstüchtig war. Eine Kompetenz die mit völlig fremd war, was meine wirtschaftlich erfolglosen Autobasteleien bewiesen.

Regina traf sich über mehrere Semester immer wider mit den Gestrandeten. Irgendwann war von den Dreien nur einer übrig geblieben. Die anderen beiden hatten sich erneut an der deutschen Journalistenschule beworben und waren erfolgreich. Sie verschwanden aus der Szene und aus dem Café Notfall und versanken der Ausbildung.

Übrig geblieben war Holger. Er übernahm regelmäßig Aufträge von Regina. Daneben arbeitete er angeblich bei einem der Szeneblätter der Stadt. Ich sah das mit Zweifeln, denn ich kaufte mehrfach das Blatt über das er sprach, fand darin aber nie einen Artikel von Holger.

Regina erklärte mir den Zweck ihrer Aufträge an Holger immer genau. Es ging meist darum, und das fand ich am Anfang dieser Aufträge unglaublich, dass sie sich auf Grundlage einer neutralen Recherche der Richtigkeit bestimmter Inhalte der Bücher des Verlages vergewissern wollte. Ihr Wirken an den Büchern brachte es nämlich mit sich, dass auch sie namentlich in deren Autorenverzeichnis aufgenommen wurde. Sie wiederum erkannte bei aller Freude darüber, dass sie bei weitem nicht die Kompetenz besaß wirklich zu beurteilen ob alle Inhalte die sie auf Grundlagen der Dozentenvorgaben formulierte, auch stimmig waren. Also nutze sie die journalistischen Fähigkeiten von Holger um bestimmte Fragen und Themen abklären zu lassen.

Regina hatte mit Holgers Hilfe eine Versicherung installiert. Sie wollte der Gefahr begegnen, dass in irgendeinem der Bücher definitiv falsche Inhalte von ihr aufbereitet wurden. Für mich war das schier Unglaubliche, dass sie im Grunde daran arbeitete ihre spätere Karriere nicht durch derartige Fehler in den veröffentlichten Praxisbüchern zu gefährden oder zumindest schon frühzeitig zu beschädigen. Ihr Vertrauen in das Wissen ihrer fünf Dozenten im Buchverlag sah Regina durch den Sicherheitstrick nicht gefährdet.

Tatsächlich lieferte Holger hin und wieder wertvolle Erkenntnisse bei ihr ab. Auch da hatte Regina eine Sicherheitsschraube eingebaut. Holger war von ihr mit einem Honorarvertrag ausgestattet worden, den sie zuvor in juristischen Seminaren gleich von mehreren Professoren auf Aktualität und Wasserdichte hatte prüfen lassen. Es gab keine Möglichkeit für Holger aus den Aufträgen von Regina, während der Recherche oder danach, noch weiteren Profit herauszuschlagen. Er war hundertprozentig an seinen Auftrag gebunden. Sein Beitrag spielte für die Buchveröffentlichungen keine Rolle. Selbst wenn er einen Skandal gefunden und aufgedeckt hätte, wäre nicht er derjenige gewesen der aufdeckte, sondern seine Auftraggeberin. Anderes Verhalten wäre Holger sehr teuer zu stehen gekommen.

Holger fand nie einen Skandal. Was er fand waren Daten und Fakten, die in manchen Büchern an einigen Stellen zu Korrekturen führten, weil sonst Themen und Bereiche unzulässig miteinander verschränkt worden wären. Er trug so dazu bei, dass die trockene Materie der Theorie und deren Grundlage ab und an von Regina berichtigt werden musste. Seine Arbeit hatte aber auf keines der Praxiskonzepte wirklich eine Auswirkung.

Holger arbeitete immer sauber, zuverlässig und fristgerecht. Alle Verträge erfüllte er stets korrekt. Deshalb hielt Regina bis zum letzten Semester an der Zusammenarbeit mit Holger fest. Am Ende des Studiums veröffentlichte Regina ihre Magisterarbeit in einem Buch des Verlages. Selbst für diesen eigenen Auftrag hatte sie noch Holger eingesetzt.