22. Rostige Nägel

Nach dem heutigen Arbeitstag, an dem ich in der kleinen Produktionsfabrik beinahe alles falsch gemacht habe, fahre ich nicht mit dem Arbeitskollegen in dessen Wagen zurück nach Berchtesgaden. Am heutigen Feierabend kann ich mich von meinen Gedanken an das Oberlehen nicht lösen. Deshalb gelang mir, an meiner Abfüllmaschine praktisch nichts. Heute ging alles was ich in der Firma angepackt habe schief. Mein Tagesergebnis ist gleich null. Der Produktion, die dem Chef so wichtig ist, habe ich heute keinerlei Nutzen gebracht. Mit mir selbst bin ich am Feierabend um fünf Uhr nachmittags trotzdem ganz zufrieden. Meine Zufriedenheit hat mit meinem heutigen Arbeitsergebnis in der Fabrik nichts zu tun. Sie hängt mit den vielen Gedanken an das alte Oberlehen zusammen, die mir während des heutigen Arbeitstages gekommen sind. Wegen meiner vielen Gedanken weiß ich, was ich morgen früh um fünf Uhr in meine braune Schreibmaschine tippen werde.

Weil der Chef heute nicht in seiner Fabrik gearbeitet hat, war ich heute Morgen ausnahmsweise selbst mit meinem Wagen zur Arbeit gekommen. Deshalb kann ich jetzt, an diesem sonnigen Feierabend, mit dem Wagen die steile Bergstraße hinauffahren. Ich habe genügend Zeit, um in aller Ruhe den Wagen die steile, kurvenreiche Straße auf den Obersalzberg zu steuern.

Weit oben, auf dem Parkplatz vor dem General – Walker – Hotel, an der breiten Höhenringstraße, die hinüber Richtung Hoher Göll und Jenner führt, stelle ich den Motor ab. Ich steige aus dem Wagen. Der Parkplatz ist voll mit japanischen und anderen asiatischen Kleinwagen. Sie alle haben amerikanische Zulassungen. Auf dem Parkplatz finde ich nur zwei große Limousinen amerikanischer Bauart. Wie in meiner Kindheit betrachte ich diese Riesen genau.

Der Parkplatz ist voll von riesigen US-Limousinen. Helling fährt uns mit dem winzigen roten Fiatbus bis vor das Hotel. Auf dem Parkplatz steigen wir neben einer hellbraunen Riesenlimousine aus. Der rote Fiatbus sieht neben den amerikanischen Straßenkreuzern aus, wie eine Maus neben einem Elefanten. Peter ist begeistert. Wir gehen sehr langsam über den Parkplatz, denn die Autos so nah zu sehen, ist traumhaft. Ich vergesse, dass uns das eigentliche Kinderfest noch bevorsteht. Die Autos allein sind wie ein Fest.

Sieh dir den Schlitten an, der sieht genauso aus, wie der riesige Kübel in Lässie!“, ruft mir Peter zu. Tatsächlich hat er einen Kombi gefunden, der außen eine Holzverkleidung zu haben scheint. Ich sehe mir den Wagen genau an, würde am liebsten einsteigen, doch da pfeift uns Helling, der mit einer beleibten Frau spricht, zurück. Die amerikanische Frau führt uns in den Raum, in dem sich die bunten Tortenberge für das Kinderfest stapeln.

Heute, zwanzig Jahre später, möchte ich das Hotel noch einmal betreten. Ich will versuchen, den Raum zu finden, in dem ich damals mit Peter und anderen Kindern das Kinderfest gefeiert habe. Schon stehe ich vor dem Hoteleingang. Dort lese ich ein kleines Schild.
„Entrance only for US-Military“.
Trotzdem trete ich dicht an die Tür heran. Langsam drücke ich sie auf, sie ist sehr schwer. Auf dem Fußboden liegt ein roter Samtteppich. Mein Blick liegt auf einem Paar schwarzer Lederstiefel. Es sind Militärstiefel. Langsam wandern meine Augen an diesen Stiefeln hinauf. In ihnen stecken die Beine eines Mannes. Er trägt Militärhose zu einer Uniform. Ich schiebe meinen Blick über seine graue Militärjacke, komme dort an einigen glänzenden Abzeichen vorbei, erreiche seinen schmalen Hals und lasse meine Augen schließlich an seinem fragenden Gesicht kleben. Der Mann ist Amerikaner, er spricht Englisch.

Auf der Schule habe ich jahrelang Englisch gelernt. Aber heute ist mir, als hätte es diese intensiven Lehrjahre nie gegeben. Von der Sprache, die Peter und mir damals so gut gefallen hatte, in dessen Tonfall und Unverständlichkeit wir geflüchtet waren, verstehe ich heute immer noch nichts. Ich kann dem amerikanischen Soldaten den Grund meines Erscheinens nicht erklären. Stattdessen stottere ich hilflos:
„Sorry Mister, ah Sir! I’m not able to talk to you. I think I have to leave this place. Thank you, good bye.“
Mit diesen Worten lasse ich die schwere Eingangstür vor dem Mann zufallen.

Ich bleibe noch Minuten im Wagen auf dem Parkplatz vor dem ehemaligen Platterhof sitzen. In mir spüre ich Unsicherheit. An meinem Vorhaben arbeite ich seit Wochen. Ich zweifle jetzt aber an dessen Sinn. Meine Gegenwart heute in dem Ort, in der kleinen Fabrik, an den monoton scheppernden Produktionsmaschinen sieht aus, als hätte es meine Vergangenheit am Oberlehen nicht gegeben. Es fällt mir von Tag zu Tag schwerer, meine Vergangenheit aufzusuchen.

Vor der Windschutzscheibe sehe ich eine Gruppe amerikanischer Uniformierter. Sie kommen durch die schwere Eingangstür des Hotels hinter der ich gerade den amerikanischen Soldaten gesehen habe.

Weil die Vergangenheit zu meinem Leben gehört, gehört auch die Suche nach ihr zu meinem Leben. Weil ich die Vergangenheit begreifen möchte, muss ich sie erst wieder finden. Wer finden will, muss suchen. So einfach ist, was mir so schwer zu werden scheint.

Draußen überquert die Gruppe Amerikaner die gepflasterte Straße. Jetzt verteilen sich die Soldaten auf mehrere Kleinwagen und einen der beiden großen US-Straßenkreuzer. Ich höre startende Motoren. Die große, braune Limousine rollt als erste die steile Bergstraße Richtung Berchtesgaden hinunter. Ihr folgen fünf kleine, bunte japanische Autos

Vielleicht bin ich zu spät dran? Die heutige Zeit ist bunt und vielfältig. Jetzt starte auch ich den Motor. Ich lenke das Fahrzeug über den gepflasterten Parkplatz vorbei an den vielen bunten Autos. Jetzt rollt mein Wagen die steile Bergstraße hinunter. Im zweiten Gang bremse ich mit dem Motor. Die Zeit heute ist für mich eine andere geworden. Mich interessiert trotzdem was war. Deshalb kurve ich an diesem Berg herum und suche nach Spuren meiner Vergangenheit. Deshalb mündet mein Vorhaben, in dem schönen Ort zu leben und in der kleinen Fabrik im romantischen Industriegebiet zu arbeiten, in meiner Suche auf dem Obersalzberg.

Rechts durch das Wagenfenster erkenne ich das amerikanische Erholungszentrum mit den Skiliften. Nach mehreren Kurven, noch ein gutes Stück oberhalb der Station Erika biege ich nach links ab. Es ist eine schmale Straße. Ich kenne sie. Ich überquere die Rodelbahn. Den Autofahrer mahnt auch im Sommer ein Warnschild zu Rücksichtnahme auf querende Schlittenfahrer.

Oberhalb unseres Waldes über dem Oberlehen führt diese Straße bis hinüber zur Mittelstation der Gondelbahn mit ihren roten Kabinen. Sie führt von der Schießstättbrücke im Tal hinauf bis an die Höhenringstraße am Obersalzberg. Geräuschlos gleitet eine rote Gondel über meinen Wagen hinweg. In der Gondel sitzen Menschen mit Fotoapparaten und Ferngläsern. Sie suchen in der schönen Landschaft nach Erholung.

Ich bin hier, um zu graben. Ich kann die genauen Ereignisse von damals im Oberlehen heute aber nicht recherchieren. Deshalb versuche ich zu graben, um etwas von meinem Leben am Oberlehen noch einmal zusammen zu bauen. Ich will abschließen, was bisher nicht abgeschlossen und deshalb nicht verschlossen ist. Deshalb mein gieriger, schweifender Blick.

An der Mittelstation der Gondelbahn biege ich von der kleinen Straße rechts ab. Ich fahre auf einer sehr schmalen Straße wenige Meter hinunter. Oberhalb der Gaststätte „Schöne Aussicht“ stelle ich das Auto ab.

Es gibt keinen Grund an diesen Ort zurückzukommen. Ich will hier nicht arbeiten. Ich habe hier keine gute Vergangenheit verloren, die es lohnt, sie nochmal aufleben zu lassen. Die Jahre hier sind verlorene Jahre gewesen. Deshalb komme ich zurück! Was sind verlorene Jahre? Ich bin hier, um zu klären, was das ist, um auch das verlorene abzuschließen.

Deshalb will ich Teile meiner Vergangenheit so aufschreiben, wie sie mein Kopf hergibt. Ich habe eine durchlöcherte Vergangenheit. Das Oberlehen hat Löcher in meine Kindheit geschossen. Sie sind, wie der Mörtel an den Wänden im Schuhputzkeller, nach der Schießerei mit den Jagdgewehren, heraus gebrochen. Ich will die Löcher stopfen! Um mein Denken zu beflügeln, suche ich den Ort auf, an dem sich Stücke finden, die in meine Löcher passen! Meine Vergangenheit ist zerschossen, wie ein Schweizer Käse.

Aber mir fehlt noch die Logik in meiner Suche. Ich tappe ständig in die Löcher. Aber ich finde keine Antworten. Ich erinnere mich immer an die gleichen Fragen. Aber ich kann nichts finden, womit ich erklären kann, was warum geschah. Die Löcher bleiben Löcher. Was ich suche habe ich gefunden. Es ist mein Schicksal, an diesem Ort eine durchlöcherte Kindheit gelebt zu haben. Es war ein dumme Zufall, dass es zwei dumme Männer waren, die mich hier jahrelang in der Hand hatten. Das erkenne ich jetzt und denke trotzdem, dass nur ein Spinner deshalb seine Existenz in der Stadt aufgibt. Wochenlang in einem touristischen Kaff zu arbeiten, um Löcher der Vergangenheit zu finden und noch weiter aufzureißen. Was für ein Spinner muss sein, wer das heutzutage macht!

Auf dem Parkplatz über der „Schönen Aussicht“ werfe ich die Wagentür ins Schloss. Ein steiler Fußweg führt mich begab. Jede Biegung, jede Erhebung erinnert mich an Peter und Hartmut. Wir sind oft hier hinauf und runter gelaufen. Er führt zum Wald, oberhalb des Oberlehens. Dort im Buchenwald finde ich unsere Lichtung wieder. Es ist wie damals. Der trockene Waldboden knistert, denn er ist dick belegt mit braunen und roten Buchenblättern. Ich finde die riesigen Bäume, gegen die wir unsere Taschenmesser warfen. Ich finde undere Spuren an den Bäumen auf unserer Lichtung, die wir mit Taschenmessern den dicken Buchen zugefügt haben. Ich lese an der breiten Buche, am Felsbrocken unseres Aussichtsplatzes, die Initialen von Peter. Ein dickes „P“, dessen Bogenlinie Peter immer mit einem Schwung nach oben versah, so dass es wie ein O aussieht. Das „P“ ist nach so langer Zeit immer noch deutlich zu sehen. Ein gutes Stück darunter erkenne ich auch Hartmuts „H“. Obwohl Hartmut nur einen ganz dünnen Schnitt geführt hat, ist sein „H“ noch nicht von der Buche verschluckt. Mein „B“ kann ich leider nicht finden. Stattdessen erkenne ich noch ein riesiges „M“, das der Berliner Michael Jahr für Jahr an der Buche erneuert hat, um uns zu provozieren, denn er wollte immer der Stärkste sein.

Auf den gewaltigen Bäumen hatten wir Baumhütten gebaut. Dazu benutzten wir riesige alte Nägel, die wir auf dem Dachboden im Oberlehen fanden. Viele Nägel finde ich verrostet wieder. Sie sind über die Jahre mit den dicken Bäumen verwachsen. Vereinzelt sehe ich alte Bretter. Sie baumeln hoch oben im Wind.

Ich suche und finde unter alten Laubbäumen unser Versteck. Jeden Nachmittag saß ich mit Peter und später auch mit Hartmut in der Mulde, die bedeckt ist von Laub. Ich setze mich in die Mulde auf meinen Platz. Im leichten Wind höre ich das Quietschen von einem alten, morschen Brett, das weit oben in einer Baumkrone hin und her geblasen wird.

Im letzten Sommer am Oberlehen verbringen wir nur noch wenige Nachmittage gemeinsam an unserem Platz. Peter macht sich in seinem Schulheft Notizen. Manchmal schreibt Hartmut etwas in Peters Heft. Ich weiß nicht, was beide aufschreiben. Peter bewahrt es in seiner Schultasche auf. Er nimmt es täglich mit in die Schule.

In der Schule freue ich mich jeden Tag darüber, meinen Freund Peter und neuerdings auch Hartmut während der Pausen zu treffen. Als Kind vom Oberlehen geht es mir in der Grundschule und der Hauptschule schlecht. Heimkinder sind was besonderes. Sie sind etwas schlechtes. Mitschüler und manche Lehrer wollen mit Heimkindern nichts zu tun haben. Ich habe oft ein schlechtes Gewissen, weil glaube etwas falsch gemacht zu haben. Nach Jahren habe ich das Gefühl, dass die Mitschüler mit Recht denken, dass wir Heimkinder schlecht sind. Ich glaube daran, denn genau dieses Los habe ich gezogen. Deshalb freue ich mich über Peter in der Schulpause, denn auch das hat er mir erklärt: „Die Mitschüler sind von ihren Eltern vor mir und den anderen Kindern „aus dem Heim da oben“ gewarnt. Wir sind deren Gesprächsstoff, weil wir fremde Kinder sind, die nicht bei Eltern leben. Das muss Gründe haben und das ist Grund genug, uns aus dem Weg zu gehen. Ich spüre das jeden Tag.“

Auf dem Schulhof habe ich keine Streitereien und Auseinandersetzungen mit Mitschülern oder älteren Kindern. Ich will in Ruhe gelassen werden. Trotzdem werde ich misstrauisch von Lehrern und Schülern beobachtet. Ich habe das Gefühl, dass alles, was ich sage, von mir erst bewiesen werden muss, denn es gilt zunächst als gelogen.