22. Familie

Im dritten Semester schlug Regina einen gemeinsamen Besuch bei ihren Eltern vor. Sie hatte ihnen von mir erzählt. Ich war von ihrem Vorschlag überrascht. Wir hatten so gut wie nie miteinander über unsere Familien gesprochen. Das kam mir wegen meiner familiären Situation sehr entgegen.

Durch den Vorschlag von Regina wurde mir klar, dass sie ahnte oder gar wusste, warum ich das Thema bislang umschifft hatte. Sie war mir entgegengekommen indem sie mich damit nie behelligt hatte. Meine familiäre Geschichte war kein Thema zwischen uns beiden. Sie hatte sich darauf eingestellt, dass ich keine Eltern zu bieten hatte. Wir hatten höchstens zwei bis drei Mal über meine Familie gesprochen. Sie wusste, dass ich meine Kindheit bei Birner am Obersalzberg zugebracht hatte.

Ich sah uns beide in unserer Studienausbildung, sah unser beider Freunde im Café Notfall und unsere jeweilige Arbeit. Darin bestand unser gemeinsames Leben. Das war für mich alles. Dass aber die Eltern gefehlt hatten die man sich in einer Beziehung wie wir sie zu dem Zeitpunkt pflegten wohl irgendwann einmal gegenseitig vorstellte, zu denen man Kontakt hatte, die folglich wussten, dass die Tochter sich in einer Partnerbeziehung befand, daran hatte ich nie gedacht.

Eltern relevante Termine, wie Weihnachten oder Geburtstage hinderten mich nicht daran, das Thema weiterhin auszublenden. Ich hatte schon vor Studienbeginn als ich noch auf die Schule gegangen war die Weihnachtstage alleine oder in der Wohngemeinschaft mit anderen Gestrandeten verbracht. Ich dachte nicht daran, dass diese Zeit im durchschnittlichen deutschen Haushalt gemeinsam mit Eltern zugebracht wurde. Ich fand es immer äußerst angenehm, dass in dieser Zeit so gut wie nichts los gewesen war. Keine Anrufe, keine unerwarteten Besuche, keine Autoreparaturaufträge, aber vor allem mal insgesamt Ruhe und keine Hektik auf den Straßen und Plätzen der Stadt. Die Hektik unserer von Stress geplagten Gesellschaft brach jedes Jahr in den Weihnachtstagen einfach in sich zusammen. Das fand ich sehr schön. Wo man sonst jemanden traf, z.B. im Café Notfall oder rund um die Uni war plötzlich beinahe niemand mehr. Ich fand das richtig toll. Ich glaubte jahrelang, dass es allen Menschen wie mir ging oder zumindest ganz ähnlich. Der Alltag war einfach mal abgeschaltet.

Dass es aber die Zeit von Eltern und Familie war, dass Paare sich in dieser Zeit bei Ihren Eltern einfanden, dass in dieser Zeit regelrechte Familientribunale bei Braten und Alkohol abgehalten wurden, dass Paare ihre persönliche und wirtschaftliche Familienbilanz in diese Zeit bei ihren Eltern abzuliefern hatten, dass Unausgesprochenes zwischen Kindern und ihren Eltern in dieser Zeit besonders oft ausgesprochen wurde, weil man das ganze Jahr über nie mit so viel familiärem Erfolgsdruck im Genick auf seine Eltern traf, dass Eltern überhaupt erwarteten, dass die Kinder sich in dieser Zeit bei ihnen blicken ließen, all das war mir über viele Jahre einfach unbekannt geblieben.

Das alles war von mir so weit weg wie die Vogelkundestunde im Sachkundeunterricht der zweiten Grundschulklasse. Es war quasi so, dass dieser mir eigentlich bekannte Vogel „Familientermin: Weihnachten oder Geburtstag“, jedes Jahr aufs Neue zu Weihnachten aus seinem Sommerrevier herein geflogen kam. Er setzte sich jedes Mal irgendwo auf ein Fensterbrett. Dort begann er mit seinem ruhigen Gesang. Ich sah diesen Vogel jedes Jahr und dachte mir: Der kommt mir irgendwie bekannt vor, der singt ja ganz angenehm beruhigend vor sich hin, da kann man ja richtig zur Ruhe kommen. Das war Weihnachten, das war für mich mein Geburtstag. Steckte unter dem hübschen Gefieder dieses Vogels nicht noch mehr? Da steckten doch noch Familiengeschichten und Familiendramen? Alles über den Vogel was ich in der Vogelkundestunde vor vielen Jahren mal darüber gelernt hatte, interessierte mich nicht mehr. Weihnachten und Geburtstage hatten nichts mit Eltern oder Familie zu tun.

Ich blendete das genauso aus wie die Idee mit Regina zusammen zu ziehen. Für mich und für sie war es niemals Thema, dass wir anstatt in unseren getrennten Wohngemeinschaften zu wohnen, auch zusammen in eine Wohnung ziehen könnten. Das war eher für unsere Freunde ein wunderbares Thema. Es war ein Punkt an dem wir beide nach außen erkennbar nicht perfekt im Mainstream unterwegs gewesen waren.

Wir verbrachten unsere Ausbildungen miteinander. Die Zeit meines Jobs verbrachten wir jedes Wochenende in der Pforte der Fabrik miteinander. Abends sah man uns zusammen im Café Notfall. In den Semesterferien fuhren wir zwei, wie beim ersten Urlaub, gemeinsam mit befreundeten Paaren nach Italien, nach Spanien, nach Griechenland, nach Frankreich, nach Sardinien, nach Korsika. Wir lebten zusammengeklebt wie ein altes Paar, das seit vielen Jahren miteinander auskam. Aber wir wohnten nicht zusammen.

„Klar!“, sagte ich, „dass können wir gerne machen!“
Reginas Eltern waren sehr ruhige, gelassene Menschen. Sie arbeiteten täglich in einem Bekleidungsgeschäft in der Innenstadt. Sie waren die Eigentümer des Ladens. Sie begrüßten mich nicht überschwänglich, aber herzlich. Beim Essen erzählten sie abwechslungsreiche Geschichten und die eine oder andere Anekdote aus ihrem Alltag im Laden. Dort verkauften Sie solide Herrenbekleidung an Geschäftsleute und Menschen die sich teure italienische Anzüge leisten mussten oder einfach leisten wollten. Sie wirkten auf mich wie ihre Tochter: Ruhig und intelligent. Ihre Geschichten aus dem Laden erzählten sie nicht wichtig, sondern alltäglich.

Ich war in solchen Situationen immer unsicher. Das war ich, obwohl mich Regina sehr gut vorbereitet hatte. Das Thema Bekleidung war etwas worauf ich noch nie in meinem Leben ein Augenmerk gesetzt hatte. Ich versuchte mich stets unauffällig zu kleiden. Dabei hatte ich immer mein sehr begrenztes Budget im Blick. Der Automechanikerjob brachte es manchmal mit sich, dass ich auf dem Weg zur Uni schnell noch ein Schräubchen hier und eine Mutter da anzuziehen hatte, was manchmal auch auf noch neueren Hosen zu unschönen Ölflecken führte.