21. Löcher

Vor dem Frühstück biegen Peter und ich, anstatt geradeaus in den großen Speisesaal zu gehen, nach links die Kellertreppe hinunter. Unten riecht es nicht mehr nach verbranntem Pulver. Die hintere Kellertür steht offen. Frische Luft zieht in den Keller. Peter knipst das Licht an. Auf den ersten Blick sehen wir keine Spuren. Die Vorgänge der vergangenen Nacht scheinen ungeschehen. Unsere Jacken hängen an ihren Haken, die Schuhe stehen sauber aufgereiht, alles sieht aus, wie gewohnt. Peter streift mit einer Hand die gelben Regenjacken entlang. Ich bin enttäuscht von der alltäglichen Disziplin, welche die ordentlichen Schuhreihen und gelben Jackenreihen ausstrahlen. Ich hoffe an diesem Morgen das absolute Chaos in unserem Bekleidungskeller anzutreffen. Ich erhoffe mir, sehen zu können, was Helling und sein Jägerfreund nachts im Keller angerichtet haben. Ich hoffe auf einen verwüsteten, von Gewehrschüssen zerschossenen Raum. Stattdessen hängt und steht alles ordentlich aufgereiht wie jeden Tag.

Keine Spuren vom Lärm der vergangenen Nacht. Vielleicht habe ich von der Knallerei nur geträumt? Vielleicht habe ich von einer wilden Jägerschießerei in unserem Kleiderkeller geträumt, weil ich Helling und Birner so hasse. Vielleicht habe ich davon geträumt, dass Peter und ich nachts leise über den Hof tapsen, im Dunkeln an der Kellertreppe stehen und Schüsse aus dem Keller hören. Vielleicht haben wir nachts gar kein verbranntes Schießpulver an der Treppe gerochen. Dann zitterte ich in der Nacht auch nicht ängstlich auf den ersten Kellertreppenstufen, dann hörte ich Hellings betrunkene, lallende Stimme gar nicht dröhnen. Weil ich das denke, sage ich zu Peter:
„Komm Peter, wir gehen lieber schnell nach oben zum Frühstück.“
Peter nickt. Ich glaube, auch er zweifelt an dem Vorfall der vergangenen Nacht in diesem Keller.

Ich stehe auf den ersten Stufen der Kellertreppe hinauf zum Speisesaal. Peter streift noch mal über eine Reihe gelber Gummijacken. Da fällt etwas herunter. Es schlägt auf dem steinernen Kellerfußboden auf. Das klirrt metallisch. Es ist ein helles, rundes Metallteil. Es rollt auf dem schwarzen Steinboden, an der Linie grüner und gelber Gummistiefelspitzen vorbei. Langsam tapse ich die ersten Treppenstufen wieder hinunter. Vor einer grünen Gummistiefelspitze sehe ich die Metallkapsel. Peter hebt das Ding auf. Es ist eine Patronenhülse, die da auf dem schwarzen Steinboden liegt. Unser gemeinsames Erlebnis der vergangenen Nacht, an dem wir gerade gezweifelt haben, entpuppt sich als die Wirklichkeit.

Vom Treppenabsatz schaue ich zu Peter. Der nimmt die gelbe Regenjacke, hinter der das Metallteil heruntergefallen war vom Haken. Da fällt ein Brocken Mörtel von der Wand und prallt auf den sauberen, schwarzen Steinboden. Beim Aufprall zerbröckelt er in tausende größere und winzigste Stückchen. Sie flitzen auf dem glatten Boden entlang. Die saubere Disziplin geradliniger Kinderschuhreihen auf dem hochglanzpolierten, dunklen Steinfußboden ist vorbei. Wir nehmen mehr und mehr Jacken vom Hacken, überall bröckelt es wegen Einschusslöchern. Den Fußboden und unsere sauber geputzten Schuhe bedeckt zerborstener Mörtel.
„Die haben hier tatsächlich herum geballert! Das haben wir also nicht geträumt“, flüstert Peter ungläubig. Er hängt die Jacken wieder an ihre Haken.

Nach dem Frühstück, beim Anziehen von Jacke und Schuhe, finden Peter und ich, dicht neben unseren vom Mörtel verstaubten Schuhen eine weitere Patronenhülse. Andere Kinder finden hinter ihren Jacken die Einschusslöcher. Einige Kinder haben Einschusslöcher in ihren Regenjacken. Die Jägerfreunde von Helling haben bei ihrer Schießübung nicht dafür gesorgt, die Jacken abzuhängen.

Für Helling ist die Meldung der Kinder, dass ihre Jacken durchlöchert sind, ohne Bedeutung. Er reagiert uninteressiert. Er macht keine Anstalten, den fragenden Kindern etwas zu erklären. Er versucht aber auch nicht, etwas zu vertuschen. Er sagt:
„Es kommt halt mal vor, dass alte Jacken löcher haben.“
Zwei Kinder, die sich mit ihren durchlöcherten Jacken bei Helling melden, schickt er in die Kleiderkammer.
„In der Kleiderkammer gibt es genügend Jacken ohne Löcher!“