21. Arbeiten

Mein Studentenleben finanzierte ich mit verschiedenen Jobs. In der Wohngemeinschaft gab es eine Doppelgarage mit einem großen Vorplatz. Dort reparierte ich Autos von Freunden und Bekannten. Seit ich nach dem Urlaub mit Richard die Bremsbeläge gewechselt hatte, merkte ich, dass mir die Bastelei an Autos lag. Das sprach sich schnell herum, so dass ständig mindestens ein Reparaturfahrzeug vor der Garage stand.

Nachmittags bastelte ich bis in den frühen Abend beinahe täglich an zu reparierenden Auspuffanlagen, schweißte an Löchern in Bodenblechen herum, baute defekte Lichtmaschinen aus, schraubte Zündkerzen rein und raus, zerlegte defekte Wasserpumpen oder reinigte Vergaser und ersetzte Filter. Die Mitbewohner der Wohngemeinschaft sorgten dafür, dass ich mir ein regelrechtes Kundenbüchlein anlegen musste, denn wöchentlich kam mindestens ein neuer Anruf von irgendeinem Studenten, der mir seine Rostlaube vorbei bringen wollte. Dass die Garage und der Parkplatz von mir binnen Monaten zu einer Werkstatt mit Schweißanlage, Auffahrrampe und jeder Menge Werkzeug verwandelt wurden, störte niemanden.

Die Bastelei an den Autos war ein traumhafter Ausgleich zum Studium. Aber ich verdiente dabei kaum Geld. Denn ich lernte, dass ich kein guter Verkäufer war. Meine Kunden hatten wie ich nur wenig Geld. Deshalb verkalkulierte ich mich beinahe bei jedem zu reparierenden Wagen. Ich war nicht in der Lage, die Preise nach oben zu verhandeln. Die Zeit die ich investierte, das Werkzeug das ich kaufte und die Ersatzteile die ich benötigte, fraßen beinahe immer die Zahlungen der Kunden komplett auf. Ich investierte viel Zeit. Ich war ja kein gelernter Mechaniker. Also war beinahe jedes Problem Neuland. Ich hatte mich stets neu einzuarbeiten. Das kostete Zeit und brauchte viel Geduld. Beides nahm ich mir. Für mich stand im Vordergrund selbst bestimmt, genau, aber nicht unbedingt schnell zu arbeiten. Ich arbeitete nach meinem Rhythmus. Das war ein Rhythmus der die Tüftelei, das Lösen eines Problems, wie etwa der Reparatur einer defekten Radnabe ohne Fachwerkzeug beizukommen war, in den Mittelpunkt stellte. Ich widmete mich den Herausforderungen der Schrottlauben der Studenten akribisch wie ein Forscher dem ständig neue Probleme begegneten.

Für manche Klapperkiste, an der ich viele Nachmittage herum schraubte, wäre es wesentlich effizienter gewesen einen Schrottplatz zur Endlagerung anzusteuern. Stattdessen ließ ich mich herausfordern den TÜV davon zu überzeugen, dass hoffnungslos durchgerostete Türschweller, Radläufe und sogar Achsaufhängungen so zusammengeschweißt werden konnten, dass sie höchstens optisch aber nicht technisch zu bemängeln waren.

Bei den Freunden wurde ich schnell bekannt als einer dem zu fast allen Problemen am Auto immer eine Idee einfiel und der mit viel Geduld keinen Aufwand scheute, wenn es darum ging den letzten Müllhaufen von Fahrzeug wieder in einen technisch ordentlichen, fahrbaren Untersatz zu verwandeln. Ich war für viele Studenten die ideale Werkstatt. Eigentlich konnten sich die wenigsten meiner Kunden ein Auto wirklich leisten. Deshalb brauchten sie eine Werkstatt wie mich.

Geld verdiente ich mit einem anderen Job. Den Nachtwächterjob hatte ich mit dem Bewerbungsbogen, den mir die Sekretärin geschickt hatte, erfolgreich in einen Wochenendjob, den ich samstags und sonntags tagsüber erledigen konnte, verwandelt. Die Fabrik war mit meiner Bewerbung einverstanden. Ich hatte mich zufällig unmittelbar nach dem Tod eines zuverlässigen Rentners der das bis zu seinem Ende gemacht hatte, für den Wochenenddienst interessiert.

Dort fand ich viel Ruhe um intensiv zu lernen. Die Tag-Schicht der Arbeiter fand am Wochenende in der Fabrik reduziert statt, der Bürobetrieb der Verwaltung fand gar nicht statt. Unfälle die in der Nachtschicht durchaus regelmäßig den Nachtwächter an der Pforte beschäftigten, gab es praktisch nicht. So konnte ich mit diesem Job nebenher jedes Wochenende alles aufarbeiten was ich während der Studienwoche nicht verstanden hatte.

Regina war zuerst nicht sehr begeistert davon, dass ich jedes Wochenende samstags und sonntags in der Pforte der Fabrik arbeitete. Das hinderte uns an gemeinsamen Wochenendausflügen und Unternehmungen mit Freunden. Ich verstand das gut, konnte mir jedoch keinen anderen Job vorstellen. Denn ich wusste genau, dass ich diese ruhige, regelmäßige Zeit benötigte um mir die Studieninhalte zu vergegenwärtigen. Meine Chancen, die regelmäßigen Semesterprüfungen zu bewältigen oder gar die Vorprüfungen zu meistern, wären ohne den Pförtnerjob am Wochenende rapide gesunken. Ich hätte mich niemals regelmäßig abends oder am Wochenende in der Wohngemeinschaft in meinem stillen Kämmerlein an den Schreibtisch gesetzt. Die Zeitstruktur des regelmäßigen Wochenendjobs war fix festgelegt. Das war für mich optimal um wirklich was zu lernen. Eine feste Zeitstruktur zum Lernen selbstständig festzulegen, hatte ich niemals gelernt.

Regina lernte ganz anders als ich. Sie hatte es nicht nötig in ihrer Studentenwohngemeinschaft in der Innenstadt zu sitzen um zu lernen. Sie lernte schon in der Vorlesung viel mehr und schneller als ich. Sie konzentrierte sich offenbar ganz anders. Das hatte mir unser erstes gemeinsames Prüfungserlebnis in dem mündlichen Kolloquium bewiesen. Während ich noch über irgendetwas sinnierte, hatte sie bereits klare eigene Sätze zum Thema im Kopf. Bis ich begriffen hatte worum es ging, war sie dazu übergegangen das Thema in eigenen Worten perfekt zu bearbeiten.

Regina finanzierte ihr Studium wie ich durch Arbeit. Auch sie erhielt zeitweise ein bisschen Studenten-BaföG, nahm das aber nicht weiter in Anspruch. Der Grund war einfach. Wir waren in eine Gesetzesreform der damaligen Regierung geraten. Die hatte es genau in unserer Studienzeit als geeignete Maßnahme der Bildungsförderung definiert, die BaföG-Förderung auf Volldarlehen umzustellen. Weil das aber bedeutete, dass jeder der diese Art Förderung in Anspruch nahm, nach dem Studium einen gewaltigen Schuldenberg vorfand, verzichteten wir beide darauf. Wir entschieden deshalb das Studium in die Länge zu ziehen und nebenher zu arbeiten um es zu finanzieren.

Regina startete im zweiten Semester eine lukrative und hoch interessante Aufgabe. Sie begann gemeinsam mit einigen Dozenten an der Hochschule bei der Umsetzung von deren Buchprojekten mitzuarbeiten. Für mich war das eine unvorstellbare Aufgabe. Wie konnte es ihr gelingen schon im zweiten Semester an so ein Projekt zu kommen? Noch im ersten Semester hatten wir gemeinsam den zugeknöpften Juristen eher zufällig, oder besser durch einen Glücksfall gerade noch so über den Tisch gezogen, da traf sie sich im zweiten Semester bereits mit Dozenten um an der Veröffentlichung von deren Buchprojekten mitzuwirken?

Hätte ich sie zu diesem Zeitpunkt nach dem ersten gemeinsamen Urlaub nicht schon sehr gut gekannt, ich hätte mich wahrscheinlich aus einer diffusen Angst heraus mit irgendeiner fadenscheinigen Begründung von ihr getrennt. Sie war eine die voll durchstartete. Nur weil ich wusste, dass sie mich wollte und weil ich spürte, dass sie mich liebte, konnte ich neben ihr so leben als sei alles was sie tat für mich völlig normal. Sie aber war auf ganz anderem Niveau als ich unterwegs. Ihr Weg verlief senkrecht nach oben.

Sie hatte das gesamte zweite Semester hindurch zusammen mit fünf Dozenten an der Gründung eines eigenen kleinen Verlages gearbeitet. Der wurde schließlich mit finanziellen Mitteln der Dozenten zum Semesterende gegründet. Es ging um die Idee eine praxisorientierte Buchreihe herauszubringen. Weil sich für diese Absicht auf dem Markt aber kein Verlag fand, gründeten die fünf zusammen mit Regina ihren eigenen kleinen Verlag.

Einer der beteiligten Dozenten war der zugeknöpfte Jurist. Letztlich war er wegen ihres Auftritts in dem Erstsemester-Kolloquium auf sie aufmerksam geworden. Regina hatte den Mann von sich überzeugt. Sie hatte nach Ansicht des Mannes das Zeug, Theorie und Praxis zu verbinden. Sie war in der Lage Texte auf ihre Schlüssigkeit und damit auch Praxistauglichkeit zu prüfen und bei Bedarf gar verständlicher zu formulieren als der Jurist.

In dessen Augen verfügte Regina über bessere Fähigkeiten praktikable Übersetzungen juristischer und anderer Texte zu liefern, als jeder Dozent. Woher der Mann diese Erkenntnis bezog, blieb mir unbekannt. Regina hatte, genauso wie ich, noch nie in der Praxis gestanden. Aber auch ich fand, dass sie wunderbar schnell in der Lage war, neue Dinge, Themen, Daten und Fakten zu erfassen und aufzubereiten. Sie erkannte die Absichten eines Autors oder Vortragenden manchmal schneller als dieser lesen oder vortragen konnte. Regina war in der Lage schnell ein schlüssig formuliertes Konzept zu einem Thema zu zaubern. Ihre Konzepte hörten sich innovativ und immer irgendwie neu an. Was sie vorlegte war immer logisch aufgebaut, frei von Brüchen und verständlich formuliert. Ihre Texte überzeugten.

Regina wusste, dass ich vollkommen anders gestrickt war. Sie respektierte meinen Wochenendjob nicht nur, sondern sie besuchte mich dort beinahe jeden Samstag und Sonntag. Das tat sie anfangs um mich dort bei meinem Lernen zu unterstützen. Außerdem besorgte sie immer ein kleines Mittagessen das wir gemeinsam in einer winzigen Teeküche neben dem Pförtnerbüro zubereiteten.

Dass wir unterschiedliche Jobs, mit weit auseinander klaffendem Niveau hatten interessierte sie nicht. Es war wie selbstverständlich, dass ich Nachmittags Autos zusammen schweißte, während Sie sich mit Dozenten traf, sich mit der Verlagsgründung beschäftigte und erste zu veröffentlichende Bücher redigierte. Es war kein Thema zwischen uns, dass sie mir samstags in der Pforte der Fabrik, den einen oder anderen juristischen Vortrag einer Vorlesung aus der Vorwoche anhand praktischer Beispiele erläuterte. Für sie war es klar mich zu unterstützen. Für mich war klar, dass ich ihre Unterstützung benötigte um das Studium überhaupt bewältigen zu können.

Die Prüfungen am Ende des zweiten Semesters wären ohne sie für mich nicht zu schaffen gewesen. Ich hätte vermutlich das Studium abgebrochen. Solche Idee stellte sich ihretwegen nicht. Ich schrieb die Prüfungen bei weitem nicht so gut wie sie. Aber Dank ihr hatte ich den nötigen Durchblick um es zu schaffen.