20. Gemeinsames Studieren

In den ersten Semesterferien fuhren wir zusammen in einen wochenlangen Urlaub nach Griechenland. Wir reisten mit Rucksäcken und fuhren per Bahn, Bus und per Anhalter. Regina hatte es geschafft. Sie hatte erreicht was sie wollte. Wir waren ein Paar geworden. Sie war richtig glücklich. Monatelang war ich überrascht wie sich das entwickelt hatte und wie schnell das alles gegangen war. Meine Überraschung aber verflog mehr und mehr. Regina entwickelte sich zu meiner Realität. Ich ließ mich darauf ein.

Sie hatte zwei befreundete Paare aufgetrieben mit denen wir gemeinsam die Reise antraten. Die beiden anderen Paare entpuppten sich als erstaunlich lockere Personen. Ich hatte nämlich zunächst Bedenken, denn ich wollte nicht, dass der Urlaub ein Stresspotential in Richtung Gruppendynamik entwickelte. Außerdem dachte ich, ist das ja immer so eine Sache mit Paaren im Urlaub. Was ich damit genau meinte wusste ich aber nicht, denn so einen Urlaub hatte ich noch nie erlebt. Regina war die erste Partnerin mit der ich so einen Urlaub plante.

Regina setzte sich durch. Tatsächlich gab es keinen Stress. Man einigte sich über die Etappenziele und Aufenthaltsorte. Alles verlief äußerst harmonisch und es kam zu keinerlei Streit. Jedes Paar verfolgte die eigenen Interessen soweit das möglich war. Die gemeinsamen Interessen kamen nicht zu kurz. Der Urlaub wurde zu einem gemeinsamen Ereignis das uns beide enger zusammenbrachte.

Im zweiten Semester war es Alltagsnormalität geworden, in Begleitung von Regina das Studium zu durchlaufen. Es war völlig normal, dass wir uns ständig sahen, miteinander arbeiteten und uns liebten. Ich schöpfte aus dem Kontakt sehr viel Energie die ich am Anfang des Studiums nicht gehabt hatte. Regina war eine tolle Frau an meiner Seite. Das lag vor allem daran, dass sie es perfekt beherrschte in jeglicher Hinsicht eine ungewöhnliche Souveränität auszustrahlen. Diese Souveränität, gepaart mir ihrer Intelligenz, beeindruckte mich. Ihre Unauffälligkeit bestand in ihrer Klarheit, in ihrer deutlichen Sprache, ihrer Gewandtheit sich an richtiger Stelle zum richtigen Zeitpunkt genau passend einzubringen. Sie hatte es in keinem Studienfach nötig sich in den Vordergrund zu spielen. Sie hatte es nicht nötig Aufmerksamkeit zu erregen, sie bekam sie. Dass ich auf ihrer Seite war weil sie mich ausgewählt hatte, schien ihr außerordentlich wichtig zu sein. Sie ließ daran keinen Zweifel. Mir schien ich gehörte in das Bild das sie von sich hatte.

Ich fühlte mich dabei sehr wohl. Es war nach dem gemeinsamen Urlaub mit den zwei befreundeten Paaren so, als gehörte ich schon immer zu ihr. Ich konnte mir keine andere Lebenssituation mehr vorstellen. Was ich zuvor getan hatte, wie ich gelebt hatte ohne sie, das war unvorstellbar für mich geworden. Ich verschwendete keine Gedanken daran, denn ich hatte das Gefühl in meinem Leben mit ihr zusammen angekommen zu sein in dem ich glücklich geworden war, so wie ich das niemals zuvor erlebt hatte. Wie das entstanden war, warum es sich entwickelt hatte oder wie das überhaupt gelingen konnte, diese Fragen stellte ich nicht. Es gab sie nicht denn sie waren unnötig. Es war mit Regina einfach so geworden wie es war und das war gut so.

Nach dem Urlaub schenkte mir Regina ein wunderschönes Foto von sich. Es war ein Schwarzweißfoto das sie vergrößern ließ und mir in einem hübschen Bilderrahmen überreichte. „Damit kannst du deine Studenten-WG-Bude etwas schmücken“, sagte sie lächelnd zu mir. Tatsächlich sah es in meinem winzigen Wohngemeinschaftszimmer nicht gerade edel aus. Das hübsche Bild platzierte ich an verschiedenen Stellen in dem kleinen Raum. Es wollte sich aber nicht gleich der richtige Platz dafür finden. Wegen der Dachschrägen wirkte das Zimmer kleiner als es ohnehin war. Ich wusste einfach nicht wohin mit dem Bild. Also räumte ich es in die Schreibtischschublade.

Ich legte mich auf das Bett und dachte nach. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich eine richtige Partnerin die mir nun auch noch ein hübsches Bild von sich geschenkt hatte. War das ein Traum oder die Wahrheit? Ich versenkte das Bild in der Schublade? Das ging gar nicht! Ich stand auf, setzte mich an den Schreibtisch und öffnete die Schublade. Da lag sie drin. Regina lächelte mir entgegen. Ich nahm das Bild wieder heraus.

Jetzt fand ich das Schreiben, den Brief, den Richards Onkel vor dem Schulabschluss im Jahr zuvor untersucht hatte. Seit dem Nachmittag im Laden von Richards Onkel lag es zwischen Papieren in meiner kleinen Schreibtischschublade. Ich hatte mich nicht weiter darum gekümmert. Es hing auf der Unterseite von Reginas Bild. Es hatte sich hinten am Bilderrahmen an einer Ecke eingekeilt.

Ich legte das Schreiben vorsichtig neben Reginas Bild auf den Schreibtisch. Ich saß und überlegte. Der Bilderrahmen war ein Standardrahmen mit Halterung für die Wand und ausklappbarem Fuß damit man es auf einen Tisch stellen konnte. Mit meinem Taschenmesser öffnete ich vorsichtig den Rahmen. Ich nahm die Vorderseite heraus. Auf die Rückseite des Fotos legte ich das Schreiben. Ich setzte den Bilderrücken wieder ein. Das Bild hängte ich an die Wand an einen Haken neben dem Bett. Vom Bett aus konnte ich es so gut sehen. Das schien mir ein sehr guter Platz für Reginas Foto.

Das Studium entwickelte sich mit Regina zusammen sehr gut weiter. Meine anfänglichen Konzentrationsschwächen wegen der Frau an meiner Seite waren im zweiten Semester endgültig verschwunden. Ich konnte wieder voll mithalten. Wir unterstützten und ergänzten uns gegenseitig. Was ich nicht wusste, wusste sie und manchmal auch umgekehrt. Weil wir ähnliche Interessen hatten konnten wir uns in der Fachauswahl bestens ergänzen.

Der Freundeskreis von Regina entwickelte sich wie selbstverständlich auch zu meinem. Das fing bei den beiden Pärchen aus dem Urlaub an und baute sich rapide weiter aus, so dass ich in Windeseile massenhaft neue Bekannte gefunden hatte. Reginas Stammkneipe war das Café Notfall in Haidhausen. Ich kannte die Kneipe aus früheren Zeiten, als ich noch die Schule besucht hatte. Deshalb wunderte ich mich darüber, dass ich Regina dort damals nie getroffen hatte. Das klärte sich auf. Regina hatte das Café Notfall erst mit Studienbeginn zu ihrer Stammkneipe erklärt. Wir trafen uns dort mehrmals wöchentlich mit all ihren und meinen neuen Freunden. Von meinen früheren Bekannten aus der Schule traf ich in der Kneipe erstaunlicher Weise niemanden mehr. Sie waren alle wie Richard wie vom Erdboden verschluckt.

Im Café Notfall hatten wir jahrelang sehr viel Spaß miteinander. Wir feierten stets, obwohl es eigentlich nie richtig was zum Feiern gab. Das Café entwickelte sich zu einem kultischen Treffpunkt, in dem wir beide bald bekannt waren wie bunte Hunde. Mit beinahe jedem Gast hatten wir mindestens einmal gesprochen. Es entwickelte sich zu einem zweiten Zuhause. Es wurde unser Kneipenzuhause. Wir wussten dort stets Kontakt zu finden. Das musste zuvor nicht telefonisch organisiert werden. Es war eine Wohltat nicht jeden Abend mit Freunden telefonisch die Kneipe vereinbaren zu müssen. Wir trafen uns automatisch im Café Notfall. So etwas hatte ich bis dahin in der Stadt noch nicht erlebt. Es war überaus angenehm und einfach.

Meine Mitbewohner aus der Wohngemeinschaft spielten letztlich auch wegen Regina wieder eine größere Rolle für mich. Regina besuchte mich oft. Sie war eine die sich abends in der WG mit an den Tisch setzte. Die Skatrunden spielte sie bis tief in die Nacht hinein enthusiastisch mit. Das war begeisternd. Denn meine Fähigkeiten beim Skat waren lange Zeit wahrlich begrenzt. Ich hatte damals meist ab elf Uhr Nachts einen schläfrigen, glasigen Blick in den Augen. Um zwölf Uhr nachts war es mir stets wichtig nach jeweils vier Runden für ein Minuten langes Nickerchen auszusetzen. Gegen ein Uhr Nachts konnte ich nur noch verlieren. Beim Ramsch war ich für die Mitspieler das optimale Verlierer-Opfer.

Das war mit Regina in den Skatrunden schnell vorbei. Ich konnte mich nicht weiterhin einfach so gehen lassen. Ich hatte mitzuhalten und ich konnte mithalten. Das war nicht nur für mich persönlich überraschend. Es wirkte sich auf die Mitspieler aus. Den ausgemachten Verlierer gab es nicht mehr. Nachts um drei saß ich am Skattisch und kannte die Blätter in den Händen der Mitspieler. Ich rechnete mit, als habe ich deren Blätter in meiner Hand. Keiner, am wenigsten ich selbst, hatte damit gerechnet. Die Skatrunde endete nachts nicht mehr vor drei Uhr. Ich war nicht mehr müde. Regina und ich waren spät nachts stets die letzten die immer noch weiterspielen wollten. Aber es gab in der Villen-WG keinen dritten Spielpartner der mit uns mithalten konnte.