20. Freiwild

Am nächsten Morgen, als Helling uns weckt, ist es wie jeden Morgen. Helling lässt nicht erkennen, dass er eine schwere Alkoholnacht mit Schießstand im Keller hinter sich hat. Um sechs Uhr reißt er unsere Zimmertüre auf.
„Aufstehen ihr Penner, is schon sechse!“
Er tritt vor Hartmuts Bett, reißt ihm die Bettdecke vom Leib.
„Hier stinkt es wieder wie die Sau! Raus aus der Kiste du Pisser!“
Hartmuts Decke wirft er wütend in der Mitte des Zimmers auf den Fußboden. Er verlässt unser Zimmer und knallt die Milchglastür hinter sich zu. Im Zimmer stinkt es unerträglich. Die Klingeldecke von Hartmut hat nachts versagt. Hartmut nässt nur noch selten ein. Er hat vergessen, sie am Vorabend einzuschalten. Sobald Hartmuts Bett feucht wird, geht ein lauter Heulton los. Der Ton ist so unangenehm, dass ich nachts davon aufschrecke. Deshalb ziehe ich mir meine Decke stets bis über die Ohren. So höre ich den Ton nicht ganz so laut. Peter stopft sich manchmal sogar Toilettenpapier in die Ohren.

Ich glaube Hartmut leidet immer noch sehr unter seiner Einnässerei. Der Ruf des „Pissers“ ist schmerzlich für ihn. Das sehe ich Hartmut an. Er sieht traurig und verbittert aus. Auch mit uns, seinen Zimmerkameraden hat er es nicht leicht. Von uns hört er keine gut gemeinten Worte, weil uns der nächtliche Krach von seiner Klingeldecke und der Gestank seiner verpinkelten Bettwäsche am Morgen nervt.

Hartmut geht es sehr schlecht im Oberlehen. Wenn draußen Fußball oder anderes gespielt wird, hat Hartmut keine Chance in eine Mannschaft aufgenommen zu werden. Wenn sich samstags, nach dem Frühstück alle Kinder im Hof jeweils zu zweit aufstellen, weil wir hinunter in den Ort ins Hallenbad marschieren, ist Hartmut der einzige, der allein da steht. Weil er von Helling und Birner den Namen „Pisser“ bekommen hat, schimpft ihn jeder am Oberlehen mit diesem Namen, und deshalb mag ihn keiner.

Birner und Helling finden das gut. Schließlich haben sie ihm diesen Namen gegeben. Sie wollen, dass Hartmut es schwer hat. Sie wollen, dass er von allen Kindern zum Buhmann gemacht wird. Das funktioniert. Wenn im Oberlehen irgendetwas vor fällt, wenn etwas gestohlen oder zerstört wurde, und ein Schuldiger gesucht wird, fällt der Verdacht immer zuerst auf Hartmut. Alle Kinder am Oberlehen machen sich einen Spaß daraus, Hartmut zu beschuldigen, sie fragen sich untereinander:
„Vielleicht hat es ja mal wieder unser kleiner Pisser getan?“

Deshalb hat Hartmut keine Freunde. Deshalb spricht er kaum. Er zieht sich zurück. Er versucht, so wenig wie möglich aufzufallen. Bei Besprechungen, abends in der Gruppe im Gruppenraum, sagt er nichts. Er sitzt immer in einer Ecke und schweigt. Auch seine Hauswirtschaftsdienste erledigt er schweigend. Mit ihm gemeinsam will niemand einen Haushaltsdienst machen. Meist teilen Helling oder Birner zwei Kinder für den Küchendienst, das Mülleimer leeren, das Fegen im Haus, oder die Sauberkeit ums Haus ein. Freitags nach dem Abendessen, bei der Verteilung der Dienste, meldet sich kein zweites Kind, um mit Hartmut einen Dienst gemeinsam zu machen.

Birner oder Helling bemühen sich nicht, es Hartmut leichter zu machen. Sie tun das Gegenteil. Freitags müssen alle Kinder so lange nach dem Abendbrot am Tisch sitzen bleiben, bis auch für Hartmut ein Partner für einen Hausdienst gefunden ist. Helling und Birner machen Hartmut zu einer Strafe für alle Kinder.

Es geht ihnen nicht um Gleichbehandlung, wie es der Stil der alten Heimleiterin gewesen war. Es geht ihnen darum, Hartmut fertig zu machen, denn sie lassen der Gehässigkeit auf Hartmut freien Lauf. Die beiden Männer wollen, dass Hartmut ein Außenseiter ist. Sie wollen, dass ein Kind, das mit ihm zusammen einen Dienst bekommt, sich bestraft fühlt. Helling und Birner üben Kontrolle am Oberlehen aus. Sie erreichen, dass wir menschenverachtend miteinander umgehen. Schwächere werden gnadenlos bestraft, denn sie sind nichts wert. Sie können grenzenlos beleidigt und missachtet werden. Es ist ein Makel, wenn man sich mit dem wertlosen „Pisser“ abgibt. Helling und Birner suchen Kinder wie Hartmut, um Schuldige an allen erdenklichen Missgeschicken, an Zerstörungen oder Diebstählen zu haben.

Peter erklärt mir, dass es volle Absicht von Helling und Birner ist, Hartmut zu einem Menschen zu machen, der getreten und ignoriert wird.

Sie wollen das, lösen es aus und unternehmen alles, damit es so bleibt. Sie beschäftigen uns damit, genauso auf Hartmut einzutreten, wie sie es tun.“

Wer im Oberlehen schwach ist, weil er Bettnässer ist, wird in der Gruppe vorgeführt. Er wird von Erwachsenen zum Abschuss freigegeben. Helling und Birner kontrollieren und herrschen, indem sie uns damit beschäftigen, uns gegenseitig anzufeinden. Das ist einfach und es funktioniert. So verhindern Helling und Birner zu Feindbildern zu werden. Schwächere sind Störenfriede und stets schuldig.

Wir lernen, dass es immer einen Schuldigen geben muss. Wer einmal der Schuldige ist, bleibt es. Wir erniedrigenden uns gegenseitig und dreschen die Slogans von Helling und Birner nach. Wer Kinder wie Hartmut lautstark beschimpft, wer sich über sie lustig macht, dem ist Anerkennung aus der Gruppe sicher. Wer gemeine Sprüche für solche Kinder erfindet, auf dessen Seite ist das Lachen der Gruppe.

Helling und Birner schweigen nicht nur, sondern sie beteiligen sich. So lernen wir, dass Anerkennung erreicht, wer andere beleidigt, beschimpft, erniedrigt, unterdrückt, lächerlich macht und wie Michael verprügelt. Wer in deren Chor einstimmt, verschafft sich neben Anerkennung in der Kindergruppe die Sympathie von Helling und Birner. Wer deren Sympathie hat, schützt sich vor deren unberechenbaren Übergriffen.

Am Oberlehen entsteht ein Gefühl von Zusammengehörigkeit. Weil es schwarze Schafe gibt, auf die jedes Kind eintreten darf, ist Ordnung in der Gruppe gewährleistet. Gewaltausbrüche von Birner oder Helling, wie Birners Faustschläge im Sandkasten, werden ohne Aufruhr akzeptiert. So etwas gehört halt mal zum Alltag am Oberlehen, denn es trifft eh immer nur diejenigen am härtesten, die ohnehin schuldig sind. Zu denen gehöre ich, deshalb schlafe ich im Zimmer des „Pissers“.

Streitereien mit Helling und Birner, die rein mit Worten geführt werden, gibt es praktisch nicht. Peter erkennt einen Grund dafür:
„Die beiden sind einfach dumm. Ihre Wortwahl ist immer dieselbe. Sie scheinen keine anderen Worte zu kennen. Vielleicht können sie gar nicht richtig mit uns reden. Deshalb schlagen sie zu.“
Heimleiter Helling und Buchhalter Birner schlagen wegen ihrer Sprachlosigkeit zu. Sie werden wütend, weil sie nicht wissen, was sie sprechen sollen. Die Idee gefällt mir.

Hartmut leidet. Er hat keinen Freund im Oberlehen. Hartmuts aufgeweckter, kindlicher und bübchenhafter Gesichtsausdruck weicht mit den Jahren einer kalten Erschrockenheit. Freitags im Speisesaal brüllt Helling Hartmut an:
„Du kleiner Pisser! Du machst diese Woche den Dienst in der Waschküche. Da kannst du deine Pisse riechen!“
HellingsWorte begleitet das spöttische Lachen der Kinder am Abendbrottisch.

Ich sehe Hartmuts Gesichtsausdruck: Erstarrt in Traurigkeit. Das bleibt so bis zum Schluss. Ich sehe Hartmut nie mehr lachen. Ich habe ihn nur in den ersten Wochen am Oberlehen lachen sehen. Hartmuts Blick wird immer starrer, bis er ihn kaum mehr verändert. Hartmut ist ein Kind, aber er sieht aus, wie ein alter, verbitterter Greis. Sein kleines rundliches Gesicht, mit der rundlichen kurzen roten Nase und seinen schmalen, pfiffigen Augen ist matt geworden. Hartmuts kindliche Wachheit ist wegen ein paar gezielter Worte der beiden Männer zerstört. Hartmuts Augen blicken starr und regungslos vor sich hin. Was über ihn gesprochen wird, wie er behandelt wird, frisst er schweigend und regungslos in sich hinein. Auf Beleidigungen und Angriffe reagiert er nicht. Was Hartmut denkt, kann ich in seinem starren Gesicht nicht erkennen.

Hartmut versteckt sich vor jedermann. Nachmittags verschwindet er im Wald. Dort ist er stets allein unterwegs. Er versteckt sich irgendwo und erscheint pünktlich, abends um fünf Uhr zum Schuhe putzen im Keller. Wenn es nachmittags regnet, sitzt er nach den Hausaufgaben im Gruppenraum in einer Ecke. Er tut nichts und spricht nichts. Er kauert dort und ist froh, wenn ihn keiner anspricht. Bei keinem Spiel macht er mit. Er wird von niemandem gefragt, ob er Lust hätte mitzumachen. Mit dem „Pisser“ will niemand was zu tun haben.

Eines Nachmittags treffen wir Hartmut im Wald oberhalb des Oberlehens. Mit gebasteltem Pfeil und Bogen streifen Peter und ich durch Laubbüsche. Überraschend sehen wir Hartmut wenige Meter vor uns. Er sitzt am Rand einer kleinen Erdmulde an einem Baum gelehnt und blickt hinunter nach Berchtesgaden. Peter und ich gehen in die Hocke und beobachten ihn. Er bewegt sich nicht. Er sitzt mit verschränkten Armen und tut nichts. Er blickt über das Tal hinüber zum Untersberg. Von der Seite erkenne ich seinen starren Blick. Er wirkt regungslos und versteinert. Das erinnert mich an einen alten, verbitterten Indianer, der sein Tal überblickt und über sein zerstörtes Land und Leben nachdenkt.

Jahrelang denken wir nicht daran, mit Hartmut zu sprechen. Mit ihm verspüre ich kein Mitleid. Peter flüstert in mein Ohr:
„Ich glaube, man müsste sich um diesen Hartmut kümmern.“
Das erkennt Peter, nachdem wir jahrelang in einem Zimmer nebeneinander her gelebt haben. Ich erkenne es überhaupt nicht. Ab dem nächsten Tag sitzt auch Hartmut mit in unserem Versteck. Es ist der Tag, an dem Peter beginnt, sich in einem gestohlenen Schreibheft aus der Schule manches aufzuschreiben, das wir im Versteck auf dem Speicher miteinander besprechen.

Im ersten Gespräch mit Hartmut im Versteck reden wir darüber, dass Hartmut jahrelang in unserem Zimmer geschlafen hat und wir ihn niemals in unsere Gespräche miteinbezogen haben. Peter sagt, dass ihm das Leid tut. Er habe Hartmut jahrelang missachtet. Wir beide, Peter und ich, wären jahrelang auf der Welle der Ablehnung mit geschwommen. Das hatten die beiden Männer ausgelöst. Jahrelang hätten wir auf Hartmut nicht anders reagiert. Wir waren nicht besser mit ihm umgegangen, als alle anderen Kinder im Oberlehen. Was Helling und Birner anrichten, erklärt Peter, dafür falle ihm nur das Wort „unmenschlich“ ein. Unmenschlich daran ist, dass wir Kinder jahrelang auf engem Raum zusammenleben und dabei doch nichts anderes miteinander zu tun haben, als uns gegenseitig zu bekriegen, anstatt Freundschaften miteinander zu schließen. Lange Jahre waren wir zu keinem Angebot an Hartmut in der Lage. Erst an diesem Nachmittag, auf dem Dachboden, lassen wir Hartmut an unserer Freundschaft teilhaben.