2. Sommer

Monate später, morgens im warmen Juli, sitze ich wieder im Wagen neben dem Chef. Wie er es seit Jahren täglich tut, steuert er das Auto in Richtung Königseer Arche. Glaube ich tatsächlich an ein ausgewogenes Leben und Arbeit in diesem schönen Ort, ohne dass meine Vergangenheit, die ich in dieser schönen Landschaft erlebt habe, eine Rolle einnimmt? Lasse ich mich blenden von diesem Ort, der auf den ersten Blick wie ein, von den Problemen der Welt abgeschirmtes Paradies wirkt? Zweifel flammen erst auf, als es in Berchtesgaden sommerlich warm ist. Ich habe meine sichere Anstellung in der Stadt endgültig aufgegeben.

Nach wenigen Sekunden im Wagen des Chefs frage ich mich: Was sollte mein Träumen vor dem Finanzamt im April? Warum mein träumerisches Beobachten der trügerischen Idylle zwischen Finanzamt und Altenheim? Ich weiß es nicht. Im warmen Juli merke ich, dass ich die Zeit in dem Ort brauche, denn ich möchte genau das herausfinden, was ich nicht weiß.

Nach drei Tagen kenne ich die kleine Firma, wie im April. Ich kenne die Menschen, die in ihr arbeiteten, und die Maschinen, an die ich mich heran traue.
„Das alles ist keine Hexerei“, sagt der Chef mehrmals am Tag zu mir.

Ich habe das Gefühl, seit April nicht weg gewesen zu sein. Könnte das Hexerei sein? Warum fühle ich schon nach drei Tagen wieder die gleiche Langeweile? Ich muss mich sogar bemühen, dass mein gespieltes Interesse an der Fabrikarbeit nicht als klares Desinteresse entlarvt wird. Ich sehe mich schon nach drei Tagen auf einem Weg, den ich seit vielen Jahren aus der Stadt kenne. Dort bemühte ich mich täglich um das Schauspiel der Arbeit. Das Spiel besteht in der täglichen Übung, auf der Bühne etwas täuschend echt aussehen zu lassen, etwas perfekt vorzutäuschen, so gut, dass keiner auch nur daran denkt, dass ich ein Schauspieler bin.

Seit Jahren täusche ich Interesse daran vor, täglich die nahezu gleiche Arbeit zu verrichten: Ich finde sie immer noch interessant, obwohl ich sie kenne, und eindeutigen Widerwillen in mir spüre. Bloß nichts anmerken lassen, von dieser Langeweile! Ich bin engagiert und interessiert. Jeden Tag laufe ich mit wachen Augen durch meine Arbeitsstätte, mit täuschend echten Blitzen in den Augen, die ausstrahlen, dass ich ein zuverlässiger leistungsstarker Mitarbeiter bin. Mein perfektioniertes Spiel funktioniert. Es verschafft mir beste Zeugnisse und einen sehr guten Ruf. Mein Abschied von meinem Arbeitsplatz in der Stadt, wurde von allen Kollegen und den Chefs tief bedauert. Leistungsträger kommen und gehen. Wann ihre Zeit um ist, wissen sie selbst am besten. Auch das vorzutäuschen gehört zum Spiel.

Warum sollte die Arbeit in dieser Fabrik Hexerei sein? Täglich füllen die Maschinen monoton und laut ratternd ihre weiße oder bräunliche Masse in Cremedosen. Warum muss der Chef, der darauf hofft, dass ich in seiner Fabrik eine neue Heimat finde, oder meine alte Heimat wieder finde, betonen, dass Arbeit keine Hexerei ist? Sieht man mir an, wie ich über Arbeit denke? Bisher hatte ich nicht an Hexerei gedacht. Wie arbeitet ein Mensch, der so etwas denkt? Arbeitet er wie ich? Schnell, sauber, zuverlässig. Ein angepasster Stil, der Erwartungen nicht enttäuscht.

An Hexerei denke ich nie bei der Arbeit, vielmehr denke ich oft über den Sinn dieser Arbeit nach. Wo bleibt der Sinn stiftende Moment? Wo bleibt das, wovon ich täglich in den Zeitungen lese? Millionen von arbeitslosen Menschen, die keinen Sinn mehr sehen, weil sie keine Arbeit haben. So lese ich um sechs Uhr Morgens vor meiner dampfenden Kaffeetasse. Welchen Sinn haben diese Millionen verloren? Einen Sinn, den ich nicht einmal erkenne, obwohl ich in der Fabrik Arbeit habe! Mit der Suche nach Sinn bin ich überfordert, vielleicht bin ich mit der gesamten Arbeit in dieser Fabrik überfordert.

Was aber ist daran anders, als an meinem Arbeitsplatz in der Stadt? Vielleicht hängt meine Überforderung gar nicht mit der täglichen monotonen Arbeit zusammen, sondern mit der Frage, warum ich ausgerechnet in diesen Ort zurückgekommen bin, um zu arbeiten?

Draußen sehe ich treibende Nebelschwaden. Dichte aufeinander geschichtete Nebelbänke. Sie treiben gemächlich vom Grünstein, dem grünen Berg am Fuße des Watzmanns, durch den Berchtesgadener Talkessel. Über der kalten, vom anhaltenden Regen im Monat zuvor, vollen Arche treiben sie hinweg. Aus deren Wasser steigt er auf und verbindet sich mit den oben treibenden Schwaden. Die Nebelmassen treiben am Obersalzberg vorbei. Die undurchsichtige Menge nimmt ihren Weg durch das breiter werdende Tal Richtung Salzburg. Sie treibt meinem Arbeitsplatz entgegen.

Ich beobachte das Nebeltreiben vor meinem Zimmerfenster. Wie ein Kind denke ich jetzt daran, mich mit treiben zu lassen. Ich träume von der Schönheit des Landes aus dem Blickwinkel dieser langsam treibenden Nebelbänke. Unten stelle ich mir blumenreiche Wiesen zwischen den steil aufragenden, bewaldeten Berghängen vor. Ich erkenne da unten Kühe, wie sie auf den Wiesen grasen. Plötzlich sehe ich auch die breite Straße nach Salzburg. Ich schiebe etwas Nebel beiseite, um besser sehen zu können. Ich erkenne den geraden, grauen Strich mitten in den grünen Wiesen. Es ist die Straße. Bunte Autos flitzen dort hin und her. Laut dröhnt deren Lärm in meine Nebelbank herauf. Ich rieche eine stinkende Mischung aus feuchtem Nebel und den scharfen Abgasen. Ich lehne mich deshalb schnell zurück in meine Nebelbank und ziehe dichten Nebel vor mich. So träume ich einige Minuten lang und bedauere später sogar noch, dass ich nicht wirklich in einer Nebelwolke, als Beobachter von Oben sitzen kann.

Ich schalte das Radio ein. Es meldet sich der Deutschlandfunk. „Viertel nach Sechs, guten Morgen“, verkündet der Sprecher. Unglaublich, in diesem Gebirgstal den Deutschlandfunk zu hören. Das hatte es früher, in den siebziger Jahren, selbst Anfang der achtziger hier nicht gegeben. Damals konnte ich nicht einmal das dritte Programm des Bayerischen Rundfunks empfangen. Seit einigen Jahren gibt es in dem Tal alles zu empfangen, was die Menschen wollen. Den Grund dafür sehe ich täglich um Viertel nach sechs Uhr. Dann nämlich, wenn die Nebelschwaden im unteren Teil des Obersalzberges kurzfristig ein Loch bieten. Für Minuten habe ich dann freie Sicht auf die Mitte des Berges. Da oben erkenne ich einen riesigen Betonpfeiler. Ich frage Mitbewohner im Haus nach der Bedeutung dieses Betonriesen. „Des is zwengs am Radio und am Fernseher und wegen unserm Funktelefon.“ Ich freue mich, dass man die Welt nun auch in Berchtesgaden empfangen kann. Der Betonpfeiler auf halber Höhe des grünen Obersalzberges garantiert es. Er ist die Garantie, dass dieser Ort und der Berg kein abgeschirmtes Paradies sind.

Die erste Meldung des Deutschlandfunks ist, dass in Sebrenica ein Massaker an Zivilisten stattgefunden habe. Die UN habe das Morden trotz ihrer Präsenz nicht verhindern können. Details der Gräueltat seien noch unbekannt.

Krieg und Morden sind mitten in Europa jederzeit möglich. Ich lenke mich mit dieser Horrornachricht von meiner Aufgabe, derentwegen ich nach Berchtesgaden komme, ab. Ich stelle mir das unvorstellbare Leid der Menschen vor, die nur wenige hundert Kilometer südlich von hier leben. Dort habe ich in den siebziger Jahren als Kind die Ferien verbracht. Daran habe ich schöne Erinnerungen. Die Wochen am Meer in Istrien waren unbeschwert. Das Kinderheim, nein, diejenigen Kinder, wie ich, die nicht nach Hause zu ihren Eltern fahren konnten, wurden für zwei warme Wochen von Berchtesgaden nach Jugoslawien ans Meer gebracht.