2. Rückweg

Im Auto ist es sehr leise, wir sprechen nichts. Ich denke darüber nach, wie es im Kinderheim werden wird, ohne Mark und Christian. Ich denke an die Kinder, die ich dort alle noch kenne. Ich denke an den Wald und den großen Berg, hinter dem Haus, auf dem wir im Sommer Heu wendeten und im Winter Schlitten fuhren.

Mit den Schlitten spielten wir wilde Verfolgungsjagden. Es gab zwei Gruppen, die Cowboys und die Indianer. Beide verfolgten sich gegenseitig. Die Schlitten waren unsere Pferde, auf ihnen jagten wir den steilen Berg hinunter. Unten stand eine kleine Bretterbude, sie war die Ranch der Cowboys. Immer wieder hatten die Indianer die Ranch überfallen. Einer in den beiden Gruppen spielte den Anführer. Er war der Sheriff bei den Cowboys und der Häuptling bei den Indianern. Gemeinsam saßen die Gruppen um ihren Anführer, sie dachten sich einen Schlachtplan aus. Die Cowboys überlegten, wie sie das Indianerlager, oben im Wald bei dem großen Felsen, überfallen könnten. Die Indianer saßen auf ihrem großen Felsen und überlegten, wie sie die Cowboys unten in ihrer Ranch überfallen könnten.

Einmal hatten wir auf dem riesigen Dachboden im Kinderheim ein Paar uralte, braune, hölzerne Skibretter gefunden. Der Anführer der Cowboys durfte mit ihnen den Berg hinunter fahren. Unten hatten wir eine Sprungschanze gebaut. Mark war der Anführer gewesen. Er stürzte schwer. Er verstauchte sich beim Sprung ein Fußgelenk. Zum Glück war sein Bein nicht gebrochen.

Mark oder Christian waren damals oft die Anführer der beiden Mannschaften gewesen. Sie hatten sich immer neue Pläne ausgedacht, wie die Gegner überlistet werden könnten. Manchmal hörten die Kämpfe und Streitereien des Spieles nach dem Spiel nicht auf. Eine gespielte Schlägerei, nach einer Verfolgungsjagd durch den Wald und über die Wiese den Berg hinunter wurde plötzlich, weil ein Anführer nicht verlieren wollte, zu einem ernsthaften Streit. Niemand wollte gerne der Verlierer sein. Mehrmals hatten sich Christian und Mark heftig gestritten. Sie hatten gemeinsam ein Zimmer bewohnt, dort flogen dann die Fetzen.

Nach einiger Zeit, wenn sie sich wieder vertragen hatten, saßen sie weit oben im Wald, abseits der Wege der vielen Heimkinder. In einer Erdmulde zwischen hohen Laubbäumen und kleinen Tannen hatten sie ihr Versteck. Näherte ich mich der Mulde, sah ich dort leichte Rauchwolken vom Boden aufsteigen. Sie saßen in der Mulde und rauchten Zigaretten. Sie hörten jedes Geräusch, der sich nähernden Kinder. Mark machte drei Mal schnell hintereinander das Geräusch des Uhus. Wenn ich darauf nicht sofort drei Mal wie eine Amsel pfiff, war klar, dass sich ein fremdes Kind oder ein fremder Erwachsener näherte.

Oft hatte es im Kinderheim Streitereien gegeben. Mark und Christian waren immer da. Sie halfen uns aus den Schwierigkeiten heraus. Sie mischten sich ein, wenn sie glaubten, dass wir ungerecht behandelt wurden. Wie wird das jetzt werden, wo sie nicht mehr mit dabei sind? Ich bin sicher, dass es viel besser wäre, wenn sie mit dabei wären. Es geht aber nicht, weil Mark seine Lehre weitermachen muss, und weil Christian bald mit der Schule fertig ist und dann auch arbeiten wird.