2. Die Bootstour

Am nächsten Morgen musste ich sehr früh aufstehen. In den Ferien hasste ich das besonders. Der Feriengroßvater hatte Abends zuvor mit seinem Enkel Robert telefoniert. Die Sache mit der Bootstour schien eine bereits lange abgesprochene Angelegenheit zwischen den beiden zu sein. Es ging nur noch um den Treffpunkt am Steg im Hafen der kleinen Ostseestadt und die exakte Uhrzeit des Treffpunktes.

„Also juut! Um Punkt siebene sssteeht der Jung in Gummistibl un Ölzoiich veerpackt am Fischeersteech!“ Ohne Abschiedsworte knallte der Feriengroßvater den schwarzen Hörer auf die Gabel.

Um sechs Uhr Morgens saß ich mit ihm und der Feriengroßmutter am Frühstückstisch. Sie besprachen den Ausflug in den Ort mit Einkäufen auf dem Markt zu verbinden. Die Feriengroßmutter notierte Einzelheiten die der Feriengroßvater, in für mich teils unverständlichen Worten, in deren Richtung murmelte. Die laute, sonore Stimme des Feriengroßvaters hörte sich früh Morgens wie ein leises Grummeln an.

Im Hafen stank es fürchterlich nach Fisch. Ich lief hinter dem Feriengroßvater her. Sein Tempo konnte ich nur mit Mühe halten. Immer wieder verfiel ich in einen Laufschritt um an ihm dran zu bleiben. Er eilte die grob gepflasterte Straße, von der rechts und links Bootsstege abzweigten, wie ein Flüchtender entlang.

An den Stegen wurden Fischkutter entladen. Weiße Plastikkisten von Fisch und Eis stapelten sich an ihnen. Gabelstapler fuhren auf und ab. An Stegen und Schiffen herrschte Reinigungsbetrieb. Stinkende Kübel wurden geschrubbt, Netze auf den Bootsstegen ausgerollt, Decks mit Wasser abgespritzt und mit Schrubbern bearbeitet. Das alles war begleitet von lauten Zurufen, Geschrei und Lachen der Arbeiter.

Der Feriengroßvater bewegte sich sicher durch das Chaos. Zielstrebig eilte er im Stechschritt an den Bootsstegen vorbei. Hin und wieder grüßte er nach rechts oder links, indem er den rechten Arm akkurat nach oben schlug. Einmal schlug er die Seitenfläche der rechten Hand zackig grüßend an den Kopf, dabei blieb er für eine Sekunde stehen, schlug beide Hacken zusammen, so dass es laut krachte. Sofort wandte er sich von dem so Begrüßten ab um eilig weiter seinem Ziel entgegen zu streben.

Ihm fehlte ein Stock, den er rechts unter seinem angewinkelten Arm hätte tragen können. So ein Bild hatte ich in einem Fernsehfilm gesehen. Wahrscheinlich hatte er die zackig begrüßten Menschen schon sehr oft gegrüßt, vermutlich kannte er sie schon lange. Wir erreichten endlich eine Ecke, die wohl nahe dem Ziel lag. Dort ging ein langer Steg ab. Knallend schlug er, einen alten Herrn der an der Ecke auf einem kleinen Stuhl saß, grüßend die Hacken zusammen. Dann eilte er hinaus auf den betonierten Steg.

Am Ende des Stegs angekommen erkannte ich Robert, Martin und Mischa. Die Drei lehnten an der Reling eines rot-weiß gestrichenen Schiffs. Sie trugen wie ich gelbes Ölzeug, das in der Morgensonne glänzte. Mir war in dem Gummizeug heiß geworden. Der Feriengroßvater gab mir nicht die Hand zum Abschied, sondern er deutete mir, dass ich schleunigst über ein Holzbrett auf das Schiff hinauf laufen sollte. Das tat ich sofort. Ich rannte ein schmales Brett hinauf. Dabei zwang ich mich nicht daran zu denken, dass unten das finstere Wasser im Hafenbecken schwappte. An der Reling des Schiffs angekommen schnappte sich Robert meine rechte Hand und zog.

„Moin Bernado!“

Das Laufbrett wurde sofort hinter mir eingezogen.

Auch Martin und Mischa schüttelten mir die Hand. Mein Blick suchte unten den Steg nach dem Feriengroßvater ab. Ich konnte ihn in der Menge der Arbeiter die sich dort bewegten nicht mehr ausmachen. Schon hörte ich den Schiffsmotor aufheulen.

Das Schiff wurde durch die Kräfte dreier Männer von seinen Leinen, die um drei riesige eiserne Poller gelegt waren, gelöst. Der Motor qualmte wie eine Dampfmaschine. Der Kahn bewegte sich langsam vom Steg weg. Hinten rührte die Schiffsschraube Schaum auf. Rund um das Schiff bewegte sich aufgeschäumte Salzwasserbrühe. Das Hafenbecken schien, als würde es von einem Schneebesen durch gerührt. Die drei Freunde schoben mich langsam Richtung Heck. Dort hatten sie Angelruten, einen Eimer, mehrere flache Plastikkisten und einen Werkzeugkasten an der Reling deponiert.

Das Schiff tuckerte vorbei an den Stegen Richtung Hafenausfahrt. Es war voll von Menschen, die alle in Regenjacken oder Ölzeug, Gummihosen und Gummistiefeln steckten. An der Reling waren viele lange Angelruten festgebunden. Flache Plastikkisten stapelten sich neben Eimern und Fischerkästen.

Gemächlich ging es an zwei Leuchttürmen vorbei. Ich lehnte mich an die Reling und blickte vor Richtung Bug. Da draußen sah ich das offene Meer. Wir fuhren an einer schmalen Landzunge entlang, die sich ein Stück ins Meer hinaus schob. Auf den Felsen sah ich Angler.

Am Ende der Landzunge erkannte ich noch einen weiteren Leuchtturm. Er blitzte in der Morgensonne. Der Wind blies von Backbord. Im Schutz der Landzunge war er an Bord kaum zu spüren. Draußen auf dem Meer sah ich aber einen langen hellen Strich, der wie gemalt aussah. Ich wusste, dass es die Spur starker Böen war, die ab dem Leuchtturm am Ende der Landzunge, in deren Schutz das Boot noch fuhr, über die Ostsee peitschten.

Am Strand beim Feriengroßvater gab es auch eine Landzunge. Wenn ich mit dem Brett darüber hinaus nach draußen getrieben wurde, war ich dem böigen Wind und hohen Wellen ausgesetzt. Bevor es soweit kam, legte ich das Segel auf das Surfbrett, setzte mich auf es und begann mit den Händen zurück Richtung Strand zu paddeln.

Die Männer auf dem Schiff riefen, lachten und werkelten an deren Angeln. Sie bastelten mit kleinen Werkzeugen aus ihren Fischerkästen an Angelruten und Schnüren herum. Nebenbei tranken sie aus kleinen Flachmännern, die sie aus den inneren Seitentaschen ihrer Regenjacken hervor zogen. Leere Flaschen wurden über Bord geworfen. Flachmänner, Dosen, Plastiktüten, Kronkorken, Butterbrotpapier, das alles und weiterer Müll wurde über die Reling hinaus in die See geschleudert.

Das überraschte mich, denn ich kannte das nicht. Ich wusste nicht, dass es an Bord normal war. In ein Gewässer, aus dem man lebenden Fisch zog, solchen Müll zu werfen fand ich seltsam. Ich hatte mir einen Kaugummi in den Mund gesteckt. An Deck suchte ich vergeblich nach einem Mülleimer für das Kaugimmipapierchen. Also warf ich es über Bord, was nicht einfach war, denn der Wind blies es zurück, so dass es auf dem grünen Boden davon getrieben wurde.

Im Sommer war ich in Berchtesgaden mit der Schulklasse oder mit Birner und den vielen Kindern, die in dessen Haus auf dem Obersalzberg wohnten, im Wald in den Bergen unterwegs, um dort Müll einzusammeln, der wohl von rücksichtslosen Wanderern weggeworfen worden war. Das war mein Begriff von Umweltschutz. Das wurde mir von meiner Lehrerin Jahre lang beigebracht.

Umweltschutz hieß, dass Dreck in eine Tonne geworfen wurde und nicht in die Landschaft. Die Lehrerin zeigte im Unterricht Lehrfilme über den Umweltschutz. Das war modern. Im Klassenzimmer wurden die hohen Fenster mit Gummivorhängen verdunkelt. Schwere Filmrollen wurden von ihr in einen großen ratternden Projektor eingefädelt. Auf der Leinwand, die von der Lehrerin vor der Tafel aufgebaut wurde, sahen wir rauchende Müllberge, die bald der Vergangenheit angehören sollten, denn der Müll würde künftig in Anlagen verbrannt, wo hohe Schornsteine dafür sorgten, dass unten auf den Straßen die Luft sauber blieb. Voraussetzung dafür sei auch, dass Müll nicht mehr in der Landschaft verteilt werde oder am Straßenrand gesammelt und verbrannt werde. Auch sei es generell schlecht, wenn er auf qualmenden Deponien lande. Müll sollte gleich in der Tonne anstatt im Wald landen, um in neuen Verbrennungsanlagen abgefackelt zu werden. Das aber sei noch ein langer Weg, weil erwachsene Menschen sich nur schwer dazu erziehen ließen.

Tags nach solchen Filmvorführungen wurden wir von der Lehrerin in den Berchtesgadener Wald begleitet, um dort Müll zu sammeln. Der wurde in Säcken zu Sammelstellen getragen, von wo er auf einem Lastwagen in die neue Müllverbrennungsanlage abtransportiert wurde. An Bord des Kutters lernte ich nun, dass das auf dem Meer ganz anders war. Das Meer schien eine Abfalltonne zu sein.

Robert, Mischa und Martin verhielten sich wie die Erwachsenen an Bord. Sie hatten eine Brotzeit dabei. Die packten sie, nachdem wir die Landzunge hinter uns gelassen und das Schiff mächtig gegen Wind und Wellen zu stampfen begonnen hatte, aus.

„Magst ne Stulle Alter?“, schrie Robert gegen den Wind in meine Richtung.

„Na klar, gerne!“

Robert gab mir ein Butterbrot und eine Colaflasche. Er zerknüllte das Butterbrotpapier, schleuderte es über die Reling, genauso wie den Kronkorken und später die leere Flasche. Ich fragte nicht lange was das denn sein sollte, sondern akzeptierte diese neue Regel und tat es den andern Menschen gleich. Es gab keine Mülltonnen an Deck. Das hatte mich anfangs ganz schön irritiert.

Böiger Wind peitschte Gischt über die Reling an Deck. Erst jetzt wurde klar, welchen Sinn es hatte, dass der Feriengroßvater mich angewiesen hatte, das gelbe Ölzeug anzuziehen. Trotz Sonnenschein war mir längst nicht mehr zu heiß. Der schnelle Marsch über das Hafengelände, schien Stunden zurück zu liegen. Aus Schweiß an meinem Körper war ein Frösteln geworden. Ich knöpfte die gelbe Gummijacke bis oben zu, zog die Kapuze ins Gesicht und band sie mit den Schnüren fest. Die Ostsee war schwer in Bewegung. Schaumkronen schlugen von rechts vorne gegen das Schiff. Sie donnerten vom Unterschiff hinauf an die Reling, wo der starke Wind dafür sorgte, dass Gischt in breiten Fontänen über das Deck schlug.

Robert zupfte an meiner Gummijacke. Wind, Wellen und Schiffsmotor waren so laut geworden, dass ich Robert kaum hören konnte. Er deutete auf eine rostige Stahltür an Deck, die offen stand. Dort sah ich Leute in gelbem Ölzeug verschwinden. Ich folgte den Dreien.

Hinter der Tür ging es eine steile Treppe hinunter ins Unterschiff. Unten gab es einen Kiosk, eine Theke und viele Tische. An denen saßen Männer, die rauchten und tranken. Robert bugsierte uns in eine Ecke an einen freien Platz. Wir legten unsere angebissenen Butterbrote auf den Tisch. Die halb leeren Colaflaschen landeten in Metallhaltern, die an den Seiten der Tischplatte angeschraubt waren. Wir befreiten uns von den nassen Gummijacken, die Robert an eine Reihe von Hacken hängte.

Mein Eindruck war, Robert hatte beide Freunde an diesem Tag, genauso wie mich, zum ersten Mal mit auf die Bootstour genommen. Mischa und Martin wirkten unsicher, so als würden sie sich mit den Abläufen an Bord wenig auskennen. Ich kannte mich überhaupt nicht aus.

Wir saßen in einem von Neonlicht beleuchteten Gastraum unter Deck. Es herrschte die Atmosphäre einer kleinen verqualmten Bahnhofshalle mit niedriger Decke. Auf den Seiten befanden sich Bullaugen gegen die das Meerwasser schlug. Der Schiffsmotor dröhnte so laut, dass man sich gegenseitig anbrüllte, um verstanden zu werden.

Ich fand das alles in Ordnung. Ich war zufrieden in diesem trockenen Raum am Tisch zu sitzen, denn ich fror nicht mehr und ich wusste was oben an Deck los war.

„Wie wärs mit nem kleinen Spielchen?“, rief Robert in Richtung Mischa und Martin. Beide nickten sofort. Es schien den beiden klar zu sein welches Spielchen Robert meinte. Zu mir gewandt rief Robert:
„Kennst du Poker?“
Ich nickte und rief:
„Ja klar! Das spielen wir oft!“
„O.k.! Alles paletti!“

Robert zog ein Kartenspiel aus der Hosentasche und begann die Karten zu mischen. Es interessierte ihn nicht, wen ich mit „wir“ meinte. Wahrscheinlich fragte er nicht danach, weil es so laut war und er nicht mehr brüllen wollte, als für das Pokerspiel unbedingt notwendig.

Das Spiel kannte ich aus Berchtesgaden. Ich spielte es oft mit anderen Kindern bei Birner am Obersalzberg. Der Einsatz bestand aus Pfennigen vom wöchentlichen Taschengeld. Dessen Taschengeld für uns stammte von Jugendämtern, die mich und andere Kinder in Birners Haus am Obersalzberg untergebracht hatten. Birner tat aber jeden Samstagvormittag so, als zahlte er sein persönlich verdientes Geld großzügig an uns Kinder aus. Er hatte Spaß daran, dass sich dreißig Kinder nach dem Schwimmen im Eingangsbereich des Hallenbades um ihn scharten.

Birner zeigte mir, dass Geld etwas wichtiges war, denn es diente dazu über uns Kinder zu herrschen. Birner herrschte aber nicht nur mit der Macht des Taschengeldes, das ihm anvertraut worden waren.

Einmal hatte er mich im Sandkasten hinter seinem Haus am Obersalzberg so heftig verprügelt, dass ich ein angeschwollenes Auge bekam und Schürfwunden, die von einer Erzieherin mit Jod behandelt werden mussten, was mir seht weh tat.

Ich hatte einem Kind, das Tags zuvor neu von einem Jugendamt zu Birner gebracht worden war, von Dingen erzählt die Birner nicht gefielen. Ich sprach von meinem Hass auf ihn, weil er ein brutaler Kerl sei. Genau in diesem Moment war er am Sandkasten vorbeigekommen. Das war mein Pech.

Birner schlug oft zu. Zum Glück nicht immer so brutal wie an diesem Tag. Er war getrieben von tiefem Hass auf Kinder. Warum das so war, weiß ich nicht. Aber ich hörte nicht auf Gründe für dessen immer präsenten Hass am Obersalzberg zu suchen. Ich begann irgendwann damit, Begründungen für dessen Gewaltausbrüche zu erfinden. Eine meiner Erfindungen war, dass der Mann generell Kinder nicht mochte. Dumm daran war, dass meine Erfindungen meist neue Fragen auf warfen. Warum lebte der Mann dann mit Kindern zusammen? Das war so eine neue Frage für die ich Antworten erfinden musste.

Ich war seiner harten Faust oft im Weg. Dass ich in seinem Haus wohnen musste, hatte mit meinen Eltern zu tun, die mich nicht selbst erziehen konnten. Warum ausgerechnet einer wie Birner dazu besser geeignet war, verstand ich nicht und begann auch dafür Antworten zu erfinden. Er war schlau. Das zeigte mir sein ordentliches Büro im zweiten Stock, von dem aus er unser Taschengeld verwaltete. Er war so schlau, dass Jugendämter ihm Kinder und Geld anvertraut hatten. Ich übte mich täglich darin der Gewalt von Birner und anderer mit denen ich am Obersalzberg zusammen lebte, aus zu weichen und darin Antworten und Gründe für die Gewalttätigkeit unter der ich und andere litten zu erfinden.

Michael hatte von Birner den machtvollen Umgang mit Geld perfekt erlernt. Er war bei Birner zu einem Geldverleiher geworden. Auch Michael wurde von einem Jugendamt nach Berchtesgaden geschickt. Weil ihm das Taschengeld von Birner nicht genug war, nahm er Zinsen, die er von Schuldnern kassierte, um sie beim Pokern einzusetzen. Stets setzte er nur soviel ein, wie er zuvor verdiente Zinsen von anderen Kindern in die Tasche bekam. Er stieg rechtzeitig aus. Oft ging er als Gewinner aus den Pokerrunden hervor. Nie sah ich ihn als Verlierer gehen.

Wenn am Obersalzberg jemand in Schulden geriet, dann wurde Michael gefragt. Es gab neben ihm niemanden bei dem man Geld leihen konnte. Michaels Schuldner hielten stets einen Platz im Schulbus für ihn frei. Beim Essen waren ihm zusätzliche Schinkenscheiben sicher. Sie hatten den Käse am Tisch für ihn reserviert oder sie stellten sich im Sommer für Michael in der Schlange am Kiosk im Aschauer-Weiher-Schwimmbad an. Um für Michael eine Cola am Schul-Kiosk zu besorgen, riskierten sie noch vor dem Pausenläuten den Direktor im Schultreppenhaus zu treffen, weil sie für Michael als erste am Kiosk stehen wollten.

Im Anschluss an die Taschengeldausgabe sollte kein säumiger Schuldner versuchen der Zinszahlung zu entgehen. Vor Jahren, als Michael mit den Geldgeschäften angefangen hatte, verprügelte er mich. Das machte er längst nicht mehr selbst. Wenn einer am Samstag nach der Taschengeldausgabe nicht die wöchentlichen Zinsen an Michael bezahlte, wurden dessen Geldeintreiber aktiv.

Samstagnachmittags spürten sie mich im Wald am Obersalzberg auf. Sie schleiften mich über den Waldboden zu einer kleinen Lichtung, wo sie mich an einen Baum banden. Dort durchsuchten sie meine Taschen. Wenn sie nichts fanden, verpassten sie mir ein paar kräftige Bauchschwinger. Dann banden sie mich wieder los und sagten mir, wie hoch die Zinsen seien, die ich am nächsten Samstag zu bezahlen hatte. Am folgenden Samstag bezahlte ich.

Einmal hatte ich mich in einem Pokerspiel mit Michael darauf verständigt, dass meine Schulden sich verdoppelten, sollte ich verlieren oder, dass sie mir erlassen seien, wenn ich gewann. Sechs Wochen lang zahlte ich danach mein Taschengeld konsequent an Michael.

Vor den Sommerferien hatte ich zwei Mark fünfzig Schulden bei Michael. Das ergab nach vier Wochen Ferienverschickung eine Mark Zinsen für Michael. Es warteten also drei Mark fünfzig Schulden auf mich. Michael hatte mir erklärt, dass ich ihm dankbar sein könne, dass er auf den Zinseszins verzichte. Ich wusste nicht was er damit meinte. Er erklärte, dass er stattdessen wöchentlich fällige Zinsen immer dann neu errechne, wenn die Schuld bei ihm um eine volle Mark angestiegen war. Sein Zinssatz von zehn Prozent wöchentlich bliebe immer gleich. Ich brauchte etwas Zeit, um Michaels Rechenmodell zu kapieren. Seither wusste ich warum Hartwig und andere Kinder so tief bei Michael in der Kreide standen.

Das Pokerspiel an Bord drehte sich um nichts. Es gab keinen Einsatz, nicht einmal Pfennige. Man sagte nur: „Ich gehe mit.“ Aber es lag kein Einsatz in der Mitte des Tisches.

Das verwirrte mich. Zunächst hatte ich sofort zu meinem kleinen Geldbeutel in der Hosentasche gegriffen. Ich wollte prüfen wie viele Pfennige ich darin hatte. Mein Griff zu meinem Geldbeutel bemerkte keiner der Beteiligten. Ich ließ die Geldbörse stecken und lehnte mich erst mal zurück, denn ich wollte beobachten, welche Regeln an der Ostsee galten. Wo der Müll über Bord ins Meer geworfen wurde, konnten auch andere Pokerregeln als am Obersalzberg gelten.