19. Schießstand

Helling ist leidenschaftlicher Jäger. In der Nähe des Obersalzberges, wenige Kilometer entfernt in der Oberau, unterhält er ein privates Jagdgebiet. Dorthin fährt er regelmäßig mit dem roten Kleinbus des Kinderheimes. Dort erlegt er Hirsche und Rehe. Von dort stammen die Felle und Geweihe in seinem Wohnzimmer.

In einer Nacht, Jahre nachdem mich Michael der Berliner in der Toilette wegen seines frisch lackierten Fahrrades verprügelt hatte, liege ich oben in meinem Stockbett und schlafe. Plötzlich wache ich auf. Hartmut höre ich unten im Stockbett schnarchen. Von Peter höre ich nichts. Den Wasserhahn in der Ecke höre ich leise ins Waschbecken tropfen. Von draußen schimmert durch das milchige Türglas Licht herein. Es ist eine helle Mondnacht. Gegenüber an der Wand erkenne ich die Umrisse von Peters Stockbett. Oben schläft Peter, er liegt verkrochen unter seiner Bettdecke. Nichts rührt sich, ich höre keine Geräusche, nur das Schnarchen und den Wasserhahn. Die Uhrzeit kann ich nicht feststellen, ich besitze keine Uhr. Hartmut hat eine Uhr. Aber er steckt den Arm immer so unter sein Kissen, dass ich die Zeit an seiner Armbanduhr nicht ablesen kann. Ich weiß nicht, warum ich aufgewacht bin. An einen Traum erinnere ich mich nicht. Deshalb drehe ich mich zur Seite und versuche weiter zu schlafen.

Plötzlich höre ich Geräusche von draußen. Es sind Stimmen. Ich glaube, sie stammen von erwachsenen Männern, die sich laut unterhalten. Jetzt höre ich Gelächter. Ich hebe den Kopf, um besser hören zu können. Doch die Geräusche sind schon verstummt. Ich glaube, eine Tür war kurz geöffnet worden und ist nun wieder zugefallen. Den Lärm der Erwachsenen habe ich deshalb nur ganz kurz über den Hof bis in unser Zimmer gehört. Das denke ich und ich denke auch, dass sich im Haupthaus gegenüber etwas abspielt. Deshalb drehe ich mich um. Ich sitze und stütze mich auf meine Ellenbogen. Ich konzentriere mich auf weitere Geräusche. Nichts, nur der tropfende Wasserhahn und gleichmäßiges Schnarchen. Ich sehe hinüber zu Peter. Jetzt erkenne ich, dass auch er wach ist. Er sitzt wie ich in seinem Bett.
„Haste das gehört?“
Ich nicke und frage:
„Waren das Stimmen von drüben?“
„Glaub schon, da scheint irgendwas los zu sein.“
„Was kann da los sein? Welche Leute lachen und quatschen da drüben mitten in der Nacht so laut?“
„Keine Ahnung, wahrscheinlich veranstaltet Helling wieder irgendeine Sauferei.“

Ich habe Helling schon öfter nachts draußen im Hof laut und unkontrolliert herum brüllen gehört. Meist kommt Birner dazu und versucht Helling zu beruhigen. Nur selten gelngt ihm das, weil er Helling immer laut und vorwurfsvoll anbrüllt, wenn der besoffen ist, worauf Helling stets mit noch lauterem Geschrei reagiert. Einmal, es war auch mitten in der Nacht, hatten Peter und ich einen Streit zwischen beiden ganz nah verfolgt. Hellings Stimme hörte sich unkontrolliert, tief und lallend an. Auf dem kalten Holzboden, vor unserer Zimmertüre kniend, versteckten wir uns unter der Holzbrüstung und hörten beiden zu. Plötzlich verpassten sie sich knallende Ohrfeigen. Wir wagten es nur einmal für Sekunden, über die Brüstung zu blicken. Ich sah, dass Helling auf dem Kies im Hof am Boden lag. Birner stand vor ihm. Er sagte etwas, das ich nicht verstand. Schließlich verschwand Birner im Haupthaus. Helling blieb im Hof liegen. Peter und ich schlichen leise zurück in unser Zimmer zurück. Am nächsten Morgen lag Helling nicht mehr da.

„Sollen wir mal schauen, was da drüben los ist?“
Meine Frage meine ich nicht ernst, denn ich habe Angst.
„Meinst du das ernst oder soll das ein Witz sein?“
Peter kennt mich gut. Er weiß, dass ich ein Angsthase bin. Ich bin von mir selbst überrascht. So etwas Mutiges frage ich sonst nie. Wegen Peter glaube ich, dass der Sinn unseres Lebens am Oberlehen auch ist, zu lernen mutiger zu werden. Er ist mutiger als ich. Ich versuche, das zu übernehmen.
„Na klar ist das ernst gemeint. Wir sollten uns leise rüber schleichen und einfach mal sehen, was da drüben vor sich geht!“
„Ok!“
Das sagt Peter sofort.
„Aber Vorsicht, wir dürfen uns von niemandem erwischen lassen. Auf Prügel von Helling und Birner bin ich heute nicht mehr scharf!“

Peter steigt langsam aus seinem Stockbett. Hartmut röchelt unten weiter. Auch ich steige aus meinem Bett. Mein Körper zittert, mir ist sehr heiß. Wir ziehen unsere Schlappen über. Peter hebt die Türklinke mit beiden Händen an, dann reißt er die Tür schnell auf. Deshalb quietscht sie nur kurz. Die Nacht ist sehr frisch. Mein Zittern und Schwitzen wegen meiner Angst, geht in ein Frösteln über. Drüben im Haupthaus sehe ich, dass hinter der gläsernen Eingangstür Licht schimmert. Wir bücken uns unter die hölzerne Brüstung. Peter zieht unsere Zimmertüre wieder zu. Beim Schließen quietscht sie nicht. Wir bleiben in der Hocke hinter der Brüstung. Peter geht voraus. Die Holztreppe arbeiten wir uns gebückt hinunter. Sie endet an der betonierten Terrasse neben dem Hof. Dort verharren wir gebückt hinter dem Treppengeländer.

Im Hof unter der Eiche sehen wir keinen Menschen. Die Nacht ist klar. Der Mond scheint so hell, dass ich ein paar Papierschnipsel auf dem Kies erkenne. Auf ein Startzeichen von Peter überqueren wir schnell den Hof. Mein Herz rast. Am Hals spüre ich das Blut in den Adern pulsieren. Mir ist wieder heiß, mein ganzer Körper zittert. Das ist Mut, denke ich. Wir wagen es zu schauen, was Helling mitten in der Nacht für einen Lärm im Haupthaus macht! Noch bevor wir an der Milchglastür ankommen, hören wir das laute Lachen mehrerer Erwachsener. Ich zucke zusammen, mein Mut verschwindet sofort. Jetzt würde ich gerne über den Hof zurück rennen und oben in unserem Zimmer unter meiner Bettdecke verschwinden. Ich kenne das. Ich wünsche immer, nicht dabei zu sein. Am nächsten Tag, wenn alles gut überstanden ist, bin ich froh, mitgemacht zu haben.

Wir stehen vor der Milchglastür. Langsam öffnet Peter die Tür, das Licht im Eingang brennt. Links neben der Tür führt eine steile, dunkle Steintreppe hinunter in den Keller. Von dort tönen Stimmen und Lachen herauf. Ich erkenne die Stimme von Helling.
„Pass auf, den knall ich ab!“
Ich glaube, er ist wieder betrunken, denn in seiner Stimme schwingt dieses tiefe Lallen. Zweimal hintereinander kracht es laut. Ich erschrecke und zucke zusammen. Auch Peter erschrickt. Er lässt die Glastür zufallen. Sie klappert ins Schloss. Genau in diesem Moment knallt es noch ein drittes mal aus dem Keller herauf.

„Sollen wir wirklich da runter schauen?“
Meine Stimme bebt vor Angst. Von unten höre ich Helling lachen. Peter nickt, zieht die zugefallene Glastür langsam wieder auf. An der Kellertreppe sehe ich Rauchwolken heraufziehen. Es stinkt wie an Silvester. Auf meine Frage erhoffte ich von Peter ein klares „Nein“. Meine Knie zittern heftig. Ich weiß nicht, wie lange ich mich noch auf sie verlassen kann. Ich stehe neben Peter an der Treppe. Vorsichtig steige ich die ersten beiden Stufen hinunter. Weil ich auf den Stufen abrupt stehen bleibe, sieht Peter mich fragend an. Jetzt erkennt er die Angst in meinem Gesicht.
„Nein, lassen wir das Ganze lieber.“
Peter drückt entschlossen an meinem Arm. Er schiebt mich die beiden Stufen hinauf und durch die Tür hinaus auf den Hof. Aus dem Keller knallen zwei weitere Schüsse. Ich spüre Erleichterung. Schnell tapsen wir über den Kies zurück zur Holztreppe am Nebenhaus. Gebückt arbeiten wir uns hinter der Holzbalustrade die Treppe hinauf zu unserer Zimmertür. Wir sind noch nicht ganz an der Tür angelangt, da hören wir Hellings lallende Stimme. Er spricht mit einem Begleiter. Es ist nicht Birner, sondern es scheint einer seiner Jägerfreunde zu sein. Wie erstarrt knien Peter und ich hinter der Brüstung. Wir hören die Schritte der Männer im Kies. Sie laufen über den Hof. Sie kommen sehr schnell näher. Hoffentlich steigen sie nicht die Treppe hinauf. Jetzt stehen beide direkt unter, nahe der Eingangstür zu Hellings Wohnung.
„Der letzte war doch a besonders guater Schuss, oder?“
Ich höre die quietschende Wohnungstüre. Sie fällt laut ins Schloss. Im Hof ist es still. Gebückt tapsen wir unter der Holzbalustrade weiter bis zu unserer Zimmertüre. Peter drückt die Klinke langsam runter und öffnet leise die Tür. Schnell verkriechen wir uns in unsere Betten.

Ich atme tief durch, Ich bin sehr froh, dass Peter meine Angst auf der Kellertreppe erkannt hat und wir nicht weiter runter gegangen sind. Helling hätte uns erwischt. Peter flüstert zu mir:
„Ich glaube, dass Helling im Keller mit seinem Jägerfreund einen Schießstand aufgebaut hat. Morgen früh, wenn wir im Keller unsere Jacken und Schuhe anziehen, schauen wir uns das einfach mal genauer an. Wir haben mords Glück gehabt, dass wir schnell umgedreht sind, sonst wären wir jetzt erledigt.“

Was Peter meint ist klar, wir wären Helling direkt in die Arme gelaufen, so schnell wie der plötzlich mit dem anderen Mann im Hof war. Was Peter morgen im Keller genauer anschauen will, kann ich mir nicht vorstellen, der Rauch da unten ist bis morgen doch längst verzogen.