18. Studium

Es war ein Glücksfall. Viel zu viele Bewerber hatten sich für einen Studienplatz beworben. Die zentrale Vergabestelle hatte mich unter Tausenden ausgewählt für einen Studienplatz in der Stadt. Das Schreiben der zentralen Vergabestelle hätte andere Menschen in Begeisterung versetzt. Bei mir war es anders. Ich hatte nicht recht gewusst was ich eigentlich studieren sollte mit meinem mäßigen Abschlusszeugnis. Nicht nur deshalb, sondern auch wegen meiner mangelnden Interessen wusste ich das nicht. Ich hatte keine Ahnung wo meine wahren Interessen eigentlich lagen.

Nach dem Schulabschluss hatte ich mir einen Job als Nachtwächter besorgt. Nächtelang saß ich an der Pforte einer großen Fabrik herum. Dort sinnierte ich über mein Leben und meine Zukunft. Dabei entstand außer der Idee mich für diesen Studienplatz zu bewerben, allerdings nichts. Ich war froh, dass ich den Job an der Pforte gefunden hatte. Er brachte mir wegen der Nachtschichtzulagen durchaus eine hübsche Summe Geld ein. Aber er entfernte mich von den Mitbewohnern in der Wohngemeinschaft, denn tagsüber schlief ich.

Die Freunde aus der Schule waren nach einem rauschenden Schulabschlussfest schnell von der Bildfläche verschwunden. Ich hatte innerhalb eines knappen viertel Jahres von Juli bis Studienbeginn im Oktober keine neuen Freunde kennengelernt und hatte das Gefühl, alle bisherigen Freunde verloren zu haben. Die einzigen die blieben waren die Mitbewohner zu denen ich wegen der Nachtarbeit aber kaum mehr Kontakt hatte.

Der Studienbeginn brachte mich vom ersten Tag an zurück in die reale Welt. Plötzlich tummelte ich mich täglich in lauten, aufgewühlten Massen von Erstsemestern. Tagelang fühlte ich mich wie geschockt in dieser Menge junger Menschen die sich in Einschreibungs-Schlangen vor Hörsälen und Seminaren drängten. Nach einer Woche stellte ich fest: Ich kenne niemanden. Wo waren meine früheren Mitschüler geblieben? Keinen traf ich im ersten Semester wieder. Zwei Wochen lang bewegte ich mich wie traumatisiert durch die Seminare und Vorlesungen. Ich fühlte mich wie nach einem Jet-lag. Die Umstellung von Nachtbetrieb an der Pforte auf Tagesarbeit als Student kostete mich die ersten zwei Studienwochen.

Ich verstrickte mich schließlich in Zweifel ob so ein Studium für mich überhaupt richtig wäre. Ich dachte darüber nach das Ganze schnell wieder hinzuschmeißen. Ich telefonierte mit der Fabrik und fragte im Personalbüro an ob der Nachtwächterjob, den ich wegen dem Studium aufgegeben hatte, noch frei wäre. Der war aber bereits besetzt.

Die Sekretärin fragte mich verdutzt ob ich denn nun doch nicht mit dem Studium begonnen hätte. Ich erklärte, dass ich mir daneben die Mitarbeit in der Pforte der Fabrik weiterhin vorstellen könnte vor allem auch aus finanziellen Gründen. Sie versprach mir einen Bewerbungsbogen zu schicken.

Tage verbrachte ich in meinem Wohngemeinschaftszimmer unter der Dachschräge. Ich hörte laute Musik und gammelte vor mich hin. Die unbekannten Menschen im Studium hatten mich verunsichert. Die Dozenten wirkten wie Experten von einem anderen Stern die unbekanntes, nicht nur in unbekannter Sprache, sondern auf bis dato vollkommen unbekannte Art und Weise in einer mir fremden Form der Artikulation wiedergaben.

Auf dem Bett in meinem WG-Zimmer hörte ich den Sound von Bands wie Little-Feat und sinnierte darüber, dass ich versuchen sollte den Nachtwächterjob wieder zu bekommen. Ich sah es als Fehler an den Vertrag nur befristet bis zum Studienbeginn geschlossen zu haben und träumte von der Vorstellung, dass dieser Job für mich meine Zukunft bedeuten könnte. Ich überlegte welche Chancen ich hätte die Sekretärin zu überreden den Personalchef dahin zu beeinflussen den neuen Mitarbeiter zu entlassen und mich wieder zu nehmen. Ich schmiedete an einem Argumentationsplan der schlüssig darstellen sollte wie es dazu kam, dass ich den Job mit dem Studienbeginn vereinbarungsgemäß beendet hatte und nun aber wieder einsteigen wollte.

Nach drei Tagen auf dem Bett mit Musik in meinem sonst stillen WG-Dach-Zimmer wunderten sich meine Mitbewohner darüber, dass ich morgens nicht mehr zum Frühstück erschien. Bei der abendlichen Skat-Runde fragten sie mich schließlich wie es denn mit dem neuen Studium so laufe. Da blieb mir nichts anderes als zu behaupten, dass ich ein geistiges Bedenkpäuslein eingelegt hätte. Daraufhin erhielt ich eine Unzahl von gut gemeinten Tipps und Ratschlägen. Die Skat-Runde wurde meinetwegen sogar für diesen Abend ausgesetzt. Ich war darüber nicht traurig, denn mein Skatspiel war trotz häufigen Übens mit den WG-Mitbewohnern auf niedrigstem Interesse für diese Leidenschaft hängen geblieben.

Mit mir wurde nun diskutiert. Es wurden studentische Meinungen zu Engagement und Studienbegeisterung, zu didaktischen Dozentenqualitäten und der Hochschulausstattung, zu studentischer Mitverwaltung, aber vor allem Mitverantwortung für den teuer zu erwerbenden Abschluss besprochen. Zum Schluss der Lehrstunde wurde mir bewusst, dass ich die zurückliegenden drei Tage auf Staatskosten in meinem Bett zu lauter Hippiemusik vor mich hin meditiert hatte. Tagelang hatte ich die einmalige Gelegenheit ignoriert mich in einem gebührenfreien Bildungsbaukasten zu bedienen. Mein Hirn hatte ich der Gefahr ausgesetzt frühzeitig zu vergreisen, indem ich ihm die feil gebotene, zum Gourmetmenü aufbereitete, Nahrung verweigerte. Der Bildungsgourmetbetrieb, aus welchem ich meine Birne nähren könnte, so lernte ich an dem skatspielfreien Abend in der Wohngemeinschaft, sei heute ein qualitativ hochwertiges Produkt unserer Zeit. Ein WG-Mitbewohner verstieg sich zu der Vermutung, dass unsere Bildungszeit von nachfolgenden Generationen vermutlich als „goldene Achtzigerjahre der kostenlosen Bildung“ gelobt werde. Deshalb gäbe es, wenn ein Mensch wie ich den Zugang zum Bildungssystem gefunden hätte, keinen vernünftigen Umstand die goldene Eintrittskarte grundlos zu verspielen!

Das Wohngemeinschaftstribunal befand nach stundenlanger Anhörung, dass ich keinerlei glaubwürdige Argumentation vorzuweisen hatte, die nachvollziehbar begründen könnte, dass ich mein WG-Zimmer auch tagsüber während Studienveranstaltungen frequentierte. Vor allem nicht um mich unnützer Träumereien jedweder Art hinzugeben.

Das war meine Wohngemeinschaft! Von ihr hatte ich ein viertel Jahr lang nichts mehr gespürt weil ich meine Schule abgeschlossen hatte, das Studium noch nicht begonnen hatte, ich mir die Nächte mit dem Job als Nachtwächter um die Ohren geschlagen hatte, um die Tage zu verschlafen.