18. Sauberkeit

Wieder bediene ich heute in der Fabrik eine Abfüllmaschine. In milchfarbene, längliche Plastikflaschen fülle ich eine grün gefärbte Flüssigkeit, es ist ein Duschbad. Mit einem orangenfarbenen Hubwagen gehe ich gemächlich durch das Lager. Den Hubwagen ziehe ich hinter mir her. Die eisernen Rollen des Wagens schlagen gleichmäßig gegen die Fugen zwischen den schwarz gefliesten Steinplatten auf dem Fußboden im Lagerraum. Ich schlendere den dunklen Gang entlang. Das gleichmäßige Rattern des Hubkarrens habe ich im Ohr.

Das spärlich beleuchtete Lager erinnert mich an unser Versteck auf dem Dachboden am Oberlehen. Dort liegt jede Menge Gerümpel herum. Zwischen alten Matratzen haben wir uns ein Versteck gebaut. Wenn wir den Dienst „Sauberkeit ums Haus“ haben, müssen wir neben der Ordnung um das Oberlehen auch für genügend Toilettenpapier auf den Toiletten sorgen. Dieses lagert auf dem Speicher. Unseren täglichen Gang dort hinauf nutzen wir für eine halbe Stunde in unserem Matratzenversteck.

Im Lager des Chefs schiebe ich jetzt meinen Hubwagen etwas umständlich, weil mir die Übung diesen Hubkarren zu rangieren fehlt, in eine Lücke zwischen Paletten mit Parfümfläschchen. Ich denke nicht an die Arbeit in der Fabrik. Ich denke an das Matratzenlager auf dem Speicher und an unser Versteck im Oberlehen.
Plötzlich tritt Jo aus einer dunklen Ecke im Lager hervor. Ich erschrecke, denn innerlich bin ich nicht hier. Jo zerrt mein Denken abrupt zurück in das Lager des Chefs. Er ist ein kleiner und manchmal sehr lauter Mann. Er ist der Lagerist. Er wird vor allem dann laut, wenn Arbeiter und Maschinisten ihre Paletten einfach irgendwo abstellen, wo sie im Lager gerade Platz finden.

In Jos Lager herrscht Ordnung. Dessen Ordnung ist für mich aber nicht zu durchschauen, weil das Lager eigentlich immer bis unter die Decke voll gestopft ist. Platz muss man sich hier meist erst schaffen. Weil ich in der Fabrik einfacher Arbeiter bin und zu den „Nichtlageristen“ gehöre, stelle auch ich meine Palette gerne dort ab, wo sie nicht hingehört, wo aber Platz ist.

Aus dem Mundwinkel von Jo hängt eine glimmende Zigarette. Ich weiß nicht wer von uns beiden schreckhafter ist. Ich überrasche Jo dort, wo er eigentlich nicht sein sollte, und bei einer Tätigkeit, die er im Lager nicht tun sollte. Ich habe sein Versteck entdeckt, weiß jetzt, wo er sich aufhält, wenn man ihn nicht findet, und wo er raucht.

Peter und ich bleiben auf dem Speicher im Oberlehen in unserem Versteck stets unauffindbar. Niemals werden wir dort beim Zigarettenrauchen überrascht. Helling und Birner finden uns dort nicht, weil sie uns nie suchen. Sie lassen uns dann in Ruhe, wenn wir uns nicht in deren Blickfeld aufhalten. Am Oberlehen verhalten wir uns so unauffällig, dass es keinen Grund gibt, nach uns und unseren Verstecken zu suchen.

Nie kommen wir zu spät zu unseren Hausaufgaben, die wir täglich machen. Zum Schuhe putzen, um fünf Uhr nachmittags und zu allen Mahlzeiten erscheinen wir stets pünktlich. Weil wir so sind, haben Helling und Birner keinen Grund nach uns zu suchen. Wir sind unauffällig. Wir finden wir uns mit unserer Kindheit am Oberlehen ab.

Wenn wir uns über Helling und Birner aufregen und meckern, tun wir dies nicht, um beide zu provozieren. Wir meckern, wenn wir glauben, dass beide nicht in unserer Nähe sind. Im Sandkasten, oben im Wald, in unserem Versteck auf dem Dachboden muss unsere Wut auf die beiden einfach raus. An diesen Orten fühlen wir uns sicher und unbeobachtet. Dass der Sandkasten nicht sicher und nicht unbeobachtet ist, um meiner Wut freien Lauf zu lassen, habe ich gelernt. Dort meckere ich seit dem Tag, als Birner mich brutal schlug nicht mehr.

Die beiden Männer lassen uns die Chance, ihnen aus dem Weg zu gehen. Nachmittags sind wir oben im Wald. Wir können unbemerkt auf den Speicher gelangen, wir ziehen uns abends frühzeitig, während die anderen Kinder fernsehen, in unsere Betten zurück.

Dass wir im Oberlehen die Freiheit haben, uns zurückzuziehen, ist gut. Das denke ich jetzt, weil ich Jo im Lager in seinem Versteck überrasche. Der große Vorteil im Oberlehen ist, dass Peter und ich nicht permanent den beiden Männern ausgesetzt sind. Es ist gut, dass wir den beiden Männern in Wahrheit völlig egal sind. Wir versuchen so oft wie möglich aus deren Blickfeld zu verschwinden.

Peter übertreibt, wenn er von Terror spricht. Wir haben Erholungspausen von beiden Männern. Deren Terror hat Lücken, die wir für uns nutzen, denn wir können ausweichen. Weil wir Pausen nehmen, indem wir uns verstecken halten wir es so viele Jahre am Oberlehen aus. Peter hatte bei seinem Vater keine Pausen vor dessen Gewalt. Das war Terror. Deshalb ist er froh, am Oberlehen zu sein.

Helling und Birner sind Ruhe und Ordnung sehr wichtig. Sobald Ruhe herrscht, ist deren Ziel erreicht. Ob wir nun im Versteck auf dem Speicher oder im Wald sind, oder eine Strafe im Zimmer absitzen. Beide wollen nichts mit uns zu tun haben, aber sie müssen. Es ist ihr Beruf. Deshalb schlagen sie uns, denn sie mögen uns nicht, sie hassen uns und sie hassen ihren Beruf, zu dem wir gehören.

Jo steht paffend, vor mir. Ich versuche zu tun, als habe ich nicht kapiert, dass ich Jo in seinem Versteck überrasche. Ich ignoriere, dass er aus einem Winkel im Lager erscheint, wo im Grunde nichts zu tun sein kann. Auch seine Zigarette ignoriere ich. Stattdessen frage ich ihn, und versuche mich dabei im alltäglichen Tonfall des Fabrikarbeiters:
„Ist der Platz hier richtig für das grüne Badezimmerzeug?“
Weil Jo sofort begreift, dass ich mit ihm nicht darüber reden will, warum er mit brennender Zigarette aus dem hintersten Winkel des Lagers vor mir erscheint, geht er sofort zur geschäftigen Routine des Fabrikalltags über. Er brummt mich routiniert an:
„Na, na aber wirklich need! Des Zeigl passt da need her! Aber des macht nix. I schaffs scho da hi, wos hi ghört.“
Das ist mir sehr recht, denn ich finde in dem Lager eh keinen Platz und spare mir dank Jo die Zeit nach Platz zu suchen. Die qualmende Zigarette schiebt Jo hektisch im Mundwinkel hin und her. Sie ist ihm lästig, denn er weiß, dass sie im Lager nicht in seinen Mund gehört. Da sie aber nun mal da ist und qualmt, ändert er nichts daran, sondern versucht, ihr Vorhandensein durch geschäftiges Agieren zu überspielen. Mit der rechten Hand winkt er in Richtung des Lagerkorridors, den ich gerade hinter mir habe. Er zeigt auf den Platz, wo er die Palette unterzubringen gedenkt. Mit der anderen Hand entreißt er mir den Griff des Wagens, dabei schiebt er mich sanft, aber bestimmt beiseite. So übernimmt er das Kommando in seinem Lager. Eilig läuft er durch die dunkle Lagerhalle, zerrt den Hubwagen mit meiner Palette ratternd hinter sich her.

Langsam schlendere ich entlang dem Lagerkorridor zurück in die Produktionshalle. Ich denke an den Dienst „Sauberkeit ums Haus“. Wir erledigen ihn stets nachmittags, nach den Hausaufgaben. Nach dem Abendessen holen wir das Toilettenpapier vom Dachboden. Die Sache mit den Haushaltsdiensten rund um das Oberlehen ist eigentlich nicht schlecht. Durch sie sind wir beschäftigt, wenn wir uns nicht verstecken dürfen. Wir lernen uns um alltägliche Hausarbeit zu kümmern. Wir lernen, dass Ordnung und Sauberkeit nicht selbstverständlich sind, sondern von uns geschaffen werden.

Ich rege mich trotzdem oft über die Dienste auf. Helling und Birner machen eine Show daraus, sie jeden Freitagabend nach dem Abendessen zu verteilen. Die Show nutzen sie, um ihre Größe und Macht zu demonstrieren. Damit treffen sie aber nur die Kinder, die das auch bemerken. Peter merkt genau, warum sie eine Show daraus machen, die Dienste zu verteilen. Es ist deren wöchentliche Gelegenheit, Kommentare und Schimpfworte an uns zu richten. Damit treffen sie uns. Damit lösen sie Hass aus. Die gehässige Art, wie Helling Hartmut „Pisser“ nennt, ihn bis zum Schluss warten lässt, um ihm dann den Dienst zu geben, den keiner machen möchte, verpasst Hartmut jeden Freitag einen neuen Schlag. Alle anderen Kinder nennen ihn weiter „den Pisser“. Helling gibt „dem Pisser“ den verhassten Abspüldienst in der Küche. Das macht er mit der gehässigen Bemerkung „damit du mal was anderes zu tun hast“, und „Zischen ist besser als Pissen!“. So fordert er die anderen Kinder vom Küchendienst auf, sich dem zischenden Schlagen der Köchin mit feuchten Abtrockenhandtüchern jederzeit anzuschließen, damit Hartmut viel arbeitet und „parriert“. Beide Männer haben die Macht, uns während der Erledigung der Dienste zu kontrollieren. Das tun sie, indem sie uns aufeinander hetzen. Deren Ordnung nehmen wir an. Verstehen tun wir sie nicht.

Reicht den beiden ihre Hetze gegen Hartmut nicht. Zwingen sie ihn, den Hof nochmal zu rechen. Auch ich muss oft zusätzliche Aufgaben erfüllen. Sie werden mir spontan aufgetragen. Wenn ich einem der Beiden begegne, schicken sie mich nochmal in die Küche zum Abspülen oder in den Keller zum Aufräumen im Lager. Oft habe ich das Gefühl, dass sie mich zur Wiederholung einer Arbeit nicht wegen meiner schlechten Arbeitsergebnisse zwingen, sondern um deren Überlegenheit zu demonstrieren.

Während Helling im Affekt handelt, ist Birner extrem launisch. Er ist besessen von der Idee so häufig wie möglich Macht zu demonstrieren. Fühlt er sich in seiner Ehre und seiner Machtposition als Buchhalter, stellvertretender Heimleiter und Mann durch ein Kind wie mich verletzt, schlägt er aus der Laune heraus zu. Fühlt er sich einmal provoziert, lässt er nicht mehr ab. Deshalb sind Peter und ich immer auf der Hut vor Birner. Er hat uns in der Hand hat. Das lässt er uns spüren. Er tut das, indem er Dienste beliebig oft wiederholen lässt, das Abendessen streicht, mich ins Zimmer schickt. Es ist sehr wichtig, Birner und Helling immer dann aus dem Weg zu gehen, wenn keine unbedingte Pflicht besteht, ihnen unter die Augen zu treten. Das beste ist es, nachmittags und am Wochenende so schnell wie möglich in unsere Verstecke zu verschwinden.

Der Chef ist heute nicht in der Firma. Wegen Terminen mit Auftraggebern ist er unterwegs. Deshalb fühle ich mich unbeobachtet. Deshalb scheint mir heute die Atmosphäre in der überhitzten Produktionshalle angenehmer als sonst. Es stört nicht, dass ich zur Abfüllanlage mit leeren Händen zurückkomme. Wegen meiner Gedanken und Erinnerungsversuche vergesse ich die einfachsten Dinge in der Fabrik. Deshalb schlendere einfach zurück in das Lager zu Jo. Von ihm lasse ich mich mit einer Palette leerer Duschbadflaschen ausstatten. Gelangweilt schleiche ich mit dem Hubwagen an deckenhohen Stapeln von Kartons und Verpackungsmaterial vorbei, zurück zur Produktionshalle.

Ich bin wieder im Matratzenlager auf dem Speicher im Oberlehen. Ich liege dort oben neben Peter auf einer alten Matratze. Es ist Sommer. Es ist heiß. Es müffelt nach alten Matratzen und den uralten Balken des Dachstuhls. Durch das winzige Fenster im Dachgiebel, es liegt hinaus Richtung Untersberg und Markt Berchtesgaden, fallen feine Sonnenstrahlen. Sie durchleuchten den riesigen Speicher und malen gerade Striche in den Staub der Luft. Peter hat das Fenster gekippt. Er richtet sich auf der Matratze neben mir auf und pafft an einer Zigarette. Den Qualm bläst er durch den Fensterspalt nach draußen. Es gelingt ihm nicht, alles hinaus zu blasen. In den Sonnenstrahlen sehe ich Staub und Rauch langsam den langen Speicher entlang der links und rechts gestapelten Matratzen, durch den Raum ziehen. Peter bläst jetzt Rauchringe in die staubige Speicherluft. Er spricht heute sehr langsam, beinahe bedächtig.
„Du musst versuchen, deine Wut über Birner zu vergessen. Irgendwie musst du das schaffen! Ich rate es dir. Tu so, als hätte dir Birner das blaue Auge niemals geschlagen! Darüber wütend zu sein, nützt dir nichts! Es kostet dich nur sehr viel Energie. Die Energie, die du heute in deinen Ärger über die Macht dieser Männer steckst, ist verpulvert für nichts. Vergiss deshalb möglichst schnell alles, was hier täglich passiert. Du musst Energie sparen. Deine Energie brauchst du, wenn du hier entlassen wirst!“

Peters Logik kann ich nicht folgen. Ich kann ein angeschwollenes Auge in meinem Gesicht nicht einfach vergessen. Trotzdem nicke ich. Trotzdem stimme ich Peter zu. Ich will mehr von ihm hören. Peters Worte strahlen Kraft und Sicherheit aus. Sie helfen mir, über das brutale Zuschlagen von Birner hinweg zu kommen. Sie helfen mir, denn sie klingen vernünftig. Ich kenne das aus der Schule. Worte die vernünftig klingen, die ich aber nicht ganz verstehe, höre ich dort gerne. Mit Peters Worten ist es das gleiche. Weil Peter sie ernsthaft vertritt, weckt er mein Interesse und beruhigt mich. Ich nehme ihn ernst, wie meine Lehrerin und meinen Lehrer, aber ich verstehe eben nicht alles.

Peter durchschaut unser Kinderheim. Ich bin der einzige, den er daran beteiligt. Peter denkt an die Zukunft. Ein Wort, das ich aus seinem Mund zum ersten Mal höre. Er glaubt an seine Zukunft. Er ist überzeugt, dass es eine Zukunft ohne die beiden Männer Helling und Birner gibt. Die Zukunft bereitet er in seinem Kinderkopf vor. Für seine Zukunft will Peter „Energie sparen“.

Mit meiner Palette von Kartons leerer Flaschen komme ich wieder an der Abfüllmaschine an. Erst heute, ich glaube es ist in dem Moment, als ich den grünen Startknopf der Abfüllanlage betätige, wird mir klar, dass Peters Denken im Oberlehen hilft, es dort auszuhalten. Durch ihn weiß ich, dass wir am Oberlehen jahrelang erwachsenen Männern unterworfen sind, die nicht vernünftig sind, wie es erwachsene Menschen sein sollten. Peter ist schockiert über diese Erkenntnis. Er erwartet von erwachsenen Menschen Vernunft und Köpfchen. Das ist Peters kindliche Vorstellung von Erwachsenen. Peters Vater und diese beiden Männer zerstören seine Vorstellung radikal. Erwachsene Männer am Oberlehen sind nicht vernünftig, sondern sie denken vor allem an sich selbst. Dass sie Verantwortung für Kinder übernommen haben, ist ihnen lästig. Peter begreift das. Kinder am Oberlehen können nichts von all dem begreifen. In meiner Kindheit ist es für mich an dem Ort, wo ich bin, einfach so wie es ist. Es ist am Oberlehen einfach so, wie es ist. Wir sind Kinder und diese Männer sind die Erwachsenen, mit denen wir leben müssen.

Genauso wie ich, spürt Peter jahrelang seinen Ärger über die beiden Männer. Aber dabei belässt er es nicht. Er geht einen Schritt weiter. Peter denkt über etwas nach, worüber Kinder nicht nachdenken. Er versucht zu begreifen, warum es am Oberlehen ist, wie es mit diesen beiden Männern ist. Weil ein Kind das nicht begreifen kann, nimmt Peter seine Erinnerung an das eine Jahr, das er bei seinem Vater erlebt hatte zur Hilfe. Das bringt ihn auf die Idee, wie das Oberlehen und diese beiden Männer zu begreifen sein könnten.

Sie tun einfach nur, was ihnen persönlich recht ist. Sie tun, was sie für richtig halten. Vor allem tun sie das, was ihre Bedürfnisse und Meinungen befriedigt. Auch wenn sie für Kinder am Oberlehen verantwortlich sind, tun sie nur das. Am nächsten ist ihnen, so zu sein und zu leben, wie sie sind: Brutal, Gewalttätig und dumm. Helling und Birner verstehen ihre Aufgabe am Oberlehen anders als Peter und ich es uns wünschen. Auch Peters Vater war anderes näher gewesen, als sich um das Kind zu kümmern.

Nach den ersten drei Duschbadflaschen schlage ich kräftig auf den roten Knopf. Die Abfüllmaschine stoppt, das Förderband hält an. Die Akkordarbeiterinnen, in den weißen Kitteln, stehen wie jeden Tag am Ende des Bandes. Sie warten dort auf die gefüllten Flaschen. Jetzt sehen sie mich überrascht an. Ich habe mir von Jo die falschen Flaschen geholt. Sie sind zu klein. Die ersten drei abgefüllten Flaschen laufen deshalb über. Das Transportband ist verschmiert mit grünem Duschbad. Mein schneller Schlag auf den roten Notknopf kann das nicht verhindern. Die Produktion muss ruhen. Die Anlage muss gereinigt werden.

Heute ist nicht mein Tag. Zumindest nicht für die Fabrikarbeit. Der Chef ist aber nicht da, deshalb macht mir das nichts aus. Schnell schnappen sich die Frauen große, weiße Tücher. Damit wischen sie das Förderband ab. Das gleicht einer Sisyphusarbeit, weil das Plastiktransportband tausend kleine Ritzen hat, durch die grüne Brühe tropft. Während die Frauen putzten, ziehe ich erneut mit dem Hubwagen scheppernd über die Steinplatten Richtung Lagerhalle zu Jo.

Von Erwachsenen erhofft sich Peter Gerechtigkeit. Dass Erwachsene brutal wie Helling und Birner auf Kinder einschlagen, weil ihnen ihre eigenen Interessen am nächsten sind, bleibt für Peter unbegreiflich. Deshalb sucht er fieberhaft nach Erklärungen. Weil er bei seinem Vater eine gewalttätige Welt kennen lernen musste, war er in das Oberlehen gekommen. Er hofft, dass der Umgang von Helling und Birner mit Kindern nicht normal sein könnte. Auch die Gewalt seines Vaters begriff er als nicht normal:
„Wir müssen vernünftige Erwachsene werden, trotz Helling und Birner. Wenn das hier alles vorüber ist, dann müssen wir noch Energie zum Leben haben.“ Ich lausche Peters Worten, die klingen wie ein Resümee, das er aus dem Leben bei seinem Vater und unserem Leben am Oberlehen zieht. Er ist einer, der die Hoffnung nie aufgibt.