17. Müdigkeit

Peter ist ein paar Jahre älter als ich. Ich glaube, deshalb und wegen seiner Erfahrungen sieht und versteht er mehr. Von den beiden Männern, Birner und Helling, fühlt er sich oft verletzt. Unser Leben am Oberlehen nennt er eines Tages „Terror“. Ihm fallen Worte für unser Kinderheimleben ein, die ich nicht kenne. Er sagt:
„Ich finde, wir sind Gefangene. Wir sind dem Terror dieser beiden Männer beinahe wehrlos ausgeliefert. Ich kenne das. So ein Leben habe ich vor Jahren bei meinem Vater kennen gelernt. Dort habe ich ein Jahr lang gelebt. Von ihm bin ich fortgegangen, weil er und die Frau, mit der er zusammenlebt, auch auf mich einschlugen und mich kontrollierten, beinahe so, wie Helling und Birner es hier im Oberlehen tun. Ich und du, wir alle müssen versuchen, irgendwie mit diesem Terror zurechtzukommen. Ich glaube, es gibt keinen anderen Platz für uns, wo wir leben könnten. Wir müssen hier lernen, mit diesen Männern klar zu kommen, denn wahrscheinlich sind alle erwachsenen Männer ganz ähnlich.“

Ich liege in unserem finsteren Zimmer in meinem Stockbett. Ich höre Peter zu. Ich versuche mir vorzustellen, was Peter schon alles erlebt haben mag. Aber ich merke, dass ich das gar nicht so genau wissen möchte.

Was am Oberlehen passiert, finde auch ich schlecht. Ich weiß aber nicht genau, warum ich es so schlecht finde, und ich bin mir nicht sicher, ob es richtig ist, dass ich es schlecht finde. Peter ist sich sicher. Er weiß, dass es am Oberlehen schlecht ist, und er findet es richtig, das auch festzustellen. Das schlechte Leben kennt er von dem Jahr, das er bei seinem Vater verbracht hat. Davon erzählt er abends im Bett. Das vergleicht er mit unserem Leben bei Helling und Birner am Oberlehen. Ich liege unter meiner warmen Bettdecke und höre Peter zu:
„Ich glaube, wir haben ein Recht zu leben. Ich glaube auch, dass wir ein Recht darauf haben, festzustellen, ob es uns hier im Oberlehen gut geht oder schlecht. Nur wenn wir das feststellen, können wir vielleicht etwas verändern. Ich kenne das, denn bei meinem Vater war mein Leben schlecht. Nur weil ich das festgestellt habe, konnte ich etwas verändern. Ich habe mich entschieden, ihn zu verlassen. Ich habe im Jugendamt erklärt, dass ich von ihm für immer fort gehen will. Dann bin ich drei mal ins Jugendamt in die Stadt geflüchtet. Erst nachdem sie mich zwei mal zurück gebracht haben, haben sie mich hier her gebracht. Das andere Heim, in dem ich einmal war, wollte mich nicht mehr haben. Von hier kann ich nicht mehr fortgehen, denn ich kenne keinen anderen Ort, wo ich leben könnte. Birner und Helling sind lange nicht so schlimm, wie das Leben bei meinem Vater war. Den beiden können wir täglich aus dem Weg gehen. Wir können uns im Wald und auf dem Dachboden in unseren Verstecken vor ihnen verkriechen. Das war bei meinem Vater nicht möglich. Bei dem und seiner Frau war ich Tag und Nacht bedroht. Ich konnte mich nirgendwo verstecken. Die wussten immer wo ich war. Ich konnte mich nicht ausruhen.“

Ich verstehe Peter erst viele Jahre später. Trotzdem spricht er abends im Bett immer mehr davon. Manchmal höre ich ihm nicht genau zu. Die Gedanken von Peter machen mir Angst. Ich fürchte, das stimmt, was er erzählt. Peters Vorstellungen vermischen sich mit meiner Phantasie und meinen täglichen Erlebnissen. Beim Einschlafen entstehen Träume, aus denen ich nachts hoch schrecke. Die Träume enden oft mit der Vorstellung, unser Leben am Oberlehen könnte sich so schlecht weiterentwickeln, wie es bei Peters Vater gewesen sein muss. Wenn Helling und Birner unsere Verstecke finden, oder wenn sie versuchen, uns nachts umzubringen, dann werden Peter und ich das Leben bei diesen beiden Männern nicht mehr aushalten.

Es gibt aber kein anderes Leben für uns. Mit solchen Gedanken wache ich nachts auf und kann nicht mehr einschlafen. Ich spüre, dass wir am Oberlehen schlecht behandelt werden, ich kann aber nicht genau erkennen, was konkret das schlechte ist. Vielleicht möchte ich es auch nicht erkennen. Manchmal spüre ich, dass ich mich einfach gehen lassen will. Eigentlich will ich über mein Leben am Oberlehen nicht nachdenken. Ich will täglich diesen beiden Männern aus dem Weg gehen und meine Ruhe vor deren Gewalt haben. Darauf versuche ich mich jeden Tag zu konzentrieren, dafür verwende ich all meine Kräfte.

Peter will auch Ruhe haben, aber gleichzeitig will er genauer nachdenken und erkennen, was am Oberlehen vor sich geht. Peters Schlussfolgerungen sind von Abend zu Abend radikaler. Mir fällt es mehr und mehr schwer, ihm zuzuhören, denn ich habe Angst. Er sagt:
„Eigentlich versuchen Helling und Birner, uns zu töten. Sie wollen dich nicht töten, indem sie dein Leben beenden. Das ist ihnen zu wenig. Sie wollen töten, was in dir steckt. Deinen Willen wollen sie brechen. Sie wollen dein Denken brechen. Dann wollen sie, dass du denkst, was sie es befehlen. So darfst du dann weiterleben.“

Peters Gedanken kann ich mir nicht vorstellen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie so etwas funktionieren soll.

Plötzlich, an einem Abend, als Peter wieder so spricht, in unserem Zimmer, kommen meine Gedanken vom Sterbenwollen. Es ist der Abend nach meinem geschwollenen, blauen Auge im Sandkasten und dem von Birner gestrichenen „Strammen Max“. Ich bin sehr wütend auf Birner und jammere von meinem Stockbett zu Peter:
„Dieses Schwein Birner. Ich hasse ihn! Wenn ich ihn umbringen könnte, täte ich es! Leider geht das nicht!“
Ich komme auf eine Idee:
„Also bringe ich mich selbst um!“
Zu Peter:
„Komm Peter, wir machen’s gemeinsam. Dann haben wir alles hinter uns, und wir haben endlich unsere Ruhe!“

Meine Idee überrascht Peter nicht. Er versteht meine Wut sehr gut. Das aber kommt für ihn nicht in Frage. Wenn wir uns umbringen, erklärt er, dann haben die beiden Männer ihr Ziel erreicht. Sie haben zwar nicht unseren Willen gebrochen, aber sie wären doch die Sieger über uns.
„Helling und Birner sind kein guter Grund, um zu sterben. Die beiden sind unseren Tod nicht wert! Ich weiß, was für ein fieses Spiel beide mit uns spielen.“

Peter erklärt das Spiel. Es sei dasselbe, das er auch bei seinem Vater erlebt habe. Peter glaubt, es ginge Helling und Birner nur um den eigenen Vorteil. Sie wollten möglichst wenig mit uns zu tun haben, und es ginge ihnen um Macht. Auch die Ehre sei starken Männern wichtig. Sehen beide ihre Ehre gefährdet, würden sie sich wehren, als wären sie Tiere im Kampf ums Überleben. Solche Tiere schlagen unkontrolliert um sich. Grundsätzlich wollen sie aber ihre Ruhe haben. Würden wir sterben, hätten sie uns endlich los und damit Ruhe. Sie hätten was sie wollen.

Manchmal denke ich, dass ich noch viel zu klein bin, um das alles zu verstehen. Manchmal will ich zu klein sein, um es nicht zu verstehen. Ich will meine Welt am Oberlehen nicht so radikal zerstört sehen. Peter will das auch nicht, sondern er versucht alles zu erklären. Ich will die Kinderidylle an meinem Oberlehen behalten. Manchmal verstehe ich Peters Worte so wenig, wie die Worte meiner Lehrer in der Schule.

Peter geht mit seinem Denken ein Wagnis ein. Er lässt einen riskanten Kitzel zu, den ich nicht bis zum Ende zulassen kann. Irgendwann höre ich nicht mehr zu und verlasse ihn und sein Denken. Ich will niemanden provozieren, indem ich nachdenke und wie Peter herausfinde, was am Oberlehen los ist. Auch ich will in Ruhe gelassen werden. Ich glaube, ich kann am Leben im Oberlehen nichts verändern.

In der Wohnung in der Hochsteinstraße riecht es ein bisschen nach Moder. Im Winter muss es darin feucht und kühl sein. Heute ist wieder so ein klarer Morgen. Es ist halb fünf Uhr. Ich sitze vor meiner kleinen Schreibmaschine. Den langen, monotonen Arbeitstag in der kleinen Fabrik sehe ich jetzt noch nicht vor mir.

Stattdessen ist mein Kopf voll von den Gedanken meines Freundes Peter. Aber ich kann dessen Gesicht oder seinen Gang nicht erkennen. Ich sehe ihn zwar über den säuberlich gerechten Hof zwischen beiden Häusern, unter der Schatten spendenden Eiche hindurch laufen, aber so sehr ich mich auch anstrenge, ich kann mich nicht an sein Aussehen, seinen Gang oder seine Bewegungen erinnern.

Das Wichtigste erkenne ich. Es ist das, was Peter seit dem Tag, an dem die alte Leiterin mit ihrer Gitarre und der riesigen, dunklen Brille verschwunden war, für mich am Oberlehen bedeutet. Von diesem Tag an ist Peter für mich mein Freund, meine Orientierung. Mit ihm vereine ich mich. An ihm halte ich mich fest. Ich verstehe, dass ich die alte Leiterin geliebt habe, aber auch, dass sie mir nie wieder gegenüberstehen wird und nie wieder, ohne mit mir zu sprechen, wissen wird, wie es mir geht. Diese Rolle übernimmt Peter.

Ich sehe Peter im Bett in unserem Zimmer im Oberlehen. Ich erinnere mich an die langen, dunklen Abende in unseren Stockbetten. Das schimmernde Licht der Nacht fällt durch die Milchglastür herein. Ich liege oben, verkrieche mich, wie jeden Abend, tief bis zur Nase unter meiner Decke. Ich bin sehr müde, so dass ich manchmal schon nach wenigen Sätzen von Peter in ein Dösen verfalle. So höre ich Peter täglich in einer Art Halbschlaf von Helling und Birner sprechen. Peter beschützt mich vor den zwei Männern, denn er weiß genau, das die tun und warum sie es tun. Er kann in deren Tun ablesen, was sie denken. Damit beschützt er mich, denn wenn Peter herausfindet, dass sie uns umbringen wollen, wird er rechtzeitig Bescheid geben, damit wir fliehen können.

Ich erkenne nicht, dass es ein „für immer“ in diesem Kinderheim nicht geben wird. Im Oberlehen begreife ich noch nicht, dass meine Kindheit von vorübergehender Dauer ist und dass wir, wenn wir erwachsen sind, von Helling und Birner befreit sein werden. Peter spricht in Zeitvorstellungen, die für mich unvorstellbar sind. Peter überrascht mich eines abends mit folgender Idee:
„In zwanzig Jahren werden wir uns nur noch dunkel an diese beiden Männer mit ihrer Hölle aus Macht und Gewalt erinnern. In dreißig Jahren haben wir die beiden wahrscheinlich sogar vergessen.“
Um fünf Uhr morgens sitze ich an meiner kleinen Schreibmaschine und denke nicht an den kommenden Arbeitstag in der Fabrik? Stattdessen denke ich an Helling und Birner. Beinahe zwanzig Jahre sind seither vergangen. Die beiden Männer habe ich noch nicht vergessen.

Peter fügt seiner Idee, dass Helling und Birner darauf warten, dass wir uns selbst töten noch etwas hinzu:
„Die beiden töten, indem sie nicht töten! Das ist eine Sache, die ich von meinem Vater kenne. Aber mein Vater hat es nicht geschafft, mich zu brechen. Ich habe seinen Versuch, dies zu tun, überlebt. Seitdem ich von Helling die Worte gehört habe:
‚Dich werde ich schon weich kochen‘, vergleiche ich die beiden Männer mit meinem Leben bei meinem Vater.“
Ist Peter in Fahrt, kann ihn nichts stoppen. Im dunklen Zimmer liegt er auf seiner Matratze, starrt zur Zimmerdecke und denkt über Begründungen und Entwicklungen nach:
„Ich finde, was Helling und Birner wissen müssten, aber nicht wissen wollen, ist das Schlimmste an unserem Leben hier im Oberlehen: Es ist ein Schaden unter dem wir Kinder erst später zu leiden haben werden. Sie zerstören unsere Zukunft. Deren Terror macht uns müde und kaputt. Weil die beiden dumm sind, schicken sie uns nicht auf höhere Schulen. Weil sie uns schlagen und anbrüllen, verheizen sie unsere Kräfte. Weil wir täglich überlegen müssen, wie wir ihnen entkommen können, werden wir schwächer und schwächer. Kräfte, die wir heute dafür verbrauchen, fehlen uns als Erwachsene. Müde vom Terror unserer Kindheit kommen einige von uns als Erwachsene gar nicht richtig auf die Beine.“