17. Die zweite Prüfung

Die Abschlussprüfungen fanden nach den Osterferien statt. In der Lerngruppe hatten wir vereinbart einen gemeinsamen „Lernurlaub“ zu machen. Die Idee stammte von Richard, auch das Ziel stammte von ihm. Mit dem Villen-WG-Kombi fuhren wir nach Südfrankreich.

Richard war ein begeisterter Starkwindsurfer. In Südfrankreich kannte er einen Campingplatz an einem windigen See. Dorthin verschleppte er uns. Ich erzählte Richard, dass ich das Windsurfen gelernt hatte. Jahre nach dem Ostseeaufenthalt hatte ich einen Kurs belegt und die Technik erlernt. Ich war aber kein begeisterter Starkwindsurfer wie Richard geworden. Mir reichte mittelmäßiger Wind und schönes Wetter. Richard hatte mich mit dem Surfen für den Urlaub geködert. Thomas, Sofia und Annette waren von der Idee „Lernurlaub“ in Südfrankreich sofort begeistert. Also war die Sache klar. Richard hatte ein schrottreifes Kleinfahrzeug, das wir für diesen Urlaub gegen den Kombi der Villen-WG eintauschten. Thomas fuhr mit einem Kumpel in seinem R4.

Zu der Urlaubsgruppe hatten sich noch mir unbekannte Freunde von Annette und Sofia angemeldet. So waren wir insgesamt zehn Personen geworden. Es gab einige Absprachen über die Autos in denen wir das Ziel ansteuerten, den Campingplatz und ein großes Zelt, das Annette aufgetrieben hatte. Sie hatte über ihre Arbeit in der Kneipe einen Menschen kennen gelernt, der bei einem Zeltverleih arbeitete. Von dort lieh sie kostenlos ein riesiges Zelt, das für Partys verliehen wurde. Die unbekannten Freunde von Annette und Sofia fuhren in einem metallic lackierten, getunten VW-Käfer. Dass ein Käfer so aussehen konnte war mir neu. Ich hatte meinen Schrottkäfer ein letztes mal durch den TÜV gefahren und verkauft. Ich finanzierte den Urlaub aus dem Erlös.

Obwohl das geliehene Auto aus der WG stammte in der ich wohnte, ergriff Richard Besitz von dem Wagen. Dass die WG meine WG war und ich das WG-Auto von den Geschwistern geliehen hatte, interessierte Richard nicht. Er hatte eine selbstverständliche Art das Auto zu vereinnahmen und eine noch selbstverständlichere Art seine Insassen in Richtung Südfrankreich zu steuern. Richard prügelte den Peugeot-Kombi dorthin. Wir fuhren nachts und nur auf Landstraßen weil Richard die Autobahnmaut nicht bezahlen wollten. Eine Nacht und einem Tag später erreichten wir unser Ziel nahe Montpellier. Thomas, der das Zelt von Annette transportierte, kam erst fünf Stunden später in der Dunkelheit dort an.

Unter dem Einfluss der Freunde von Annette und Sofia war in Frankreich keine Rede mehr davon, dass wir irgendetwas für die bevorstehenden Prüfungen lernen wollten. Stattdessen ging es darum, möglichst cool durch Tag und Nacht zu stolpern. Die Sache wurde anstrengend und feucht. Das Wetter war kühl und stürmisch. Der Campingplatz verwandelte sich eines Nachts bei Sturm in ein Schlammloch. Das einzige Zelt das den heftigen Sturm überstand war unseres. Grund dafür war, dass es schwer und massiv dastand und dass ein Schlammbach quer durch das Zelt verlief jedoch genau so, dass die Verankerungen nicht unter spült wurden. Dafür hatte Richard beim Aufbau gesorgt. Er hatte den Stellplatz für unser Zelt offenbar nach den Kriterien Starkwind, Bodenneigung und Wasserverlauf bei Regen ausgesucht.

Er hatte in der Gegend schon manchen Sturm erlebt. Ihm war klar gewesen, dass zu dieser Jahreszeit mindestens ein heftiger Sturm kam. So plante Richard ohne mit uns darüber zu sprechen. Richard sorgte dafür, dass wir das Zelt in der Dunkelheit, nachdem auch Thomas mit seinem R4 eingetroffen war, so aufbauten, dass man in den großen Zelteingang von einem geteerten Weg mit dem Auto hineinfahren konnte. Genau dies tat Richard während der Sturm tobte. So konnten wir alles trocken in den Wagen laden. Wir zogen für den Rest der stürmischen Nacht in einen Bungalow im oberen Teil des Zeltplatzes. Am Tag nach dem nächtlichen Sturm schien die Sonne wieder. Es wurde langsam wärmer. Schon Nachmittags konnten wir wieder in das getrocknete große Zelt einziehen.

Ich lernte Richard besser kennen als in den zurückliegenden zwei Schuljahren. Er war ein Macher. Er war ein sehr unruhiger und getriebener Zeitgenosse. Sein Starkwindsurfen war wie sein Autofahrstil. Schnell, ein bisschen riskant und ein bisschen besessen. Richard war immer sehr direkt. Er stieg nur dann auf sein Surfbrett, wenn dunkle Wolken ein Gewitter ankündigten und deshalb ein gutes Erlebnis sicher war. Er setzte stets seinen Kopf durch. Kritische Rückfragen kamen erst dann auf, wenn die betreffende Situation bereits erledigt war und deshalb nicht mehr der Rede wert schien.

Dass er auf der Reise die ganze Nacht und den folgenden Tag am Steuer saß und den Kombi über die Landstraßen jagte, wurde von seinen Begleitern nicht in Frage gestellt. Auf welche Weise das Ziel erreicht wurde, welches eigentlich Richards Ziel war, bestimmte er ohne lange darüber zu diskutieren. Ich dachte nicht daran mich einzumischen.

Abends fuhr Richard in jeweils andere Orte, wo wir bis Mitternacht in Kneipen saßen. Dort unterhielt ich mich jeden Abend mit Thomas, dessen Kumpel Mike und Richard. Annette und Sofia waren jeden Abend mit ihren Freunden unterwegs. Tags darauf wurde im Café auf dem Campingplatz darüber gesprochen was man abends zuvor gemacht hatte. Es war stets das Gleiche. Sofia und Annette erzählten, dass sie mit ihren Freunden in irgendeinem Ort in der Kneipe herum gesessen hatten. Wir berichteten in welchen Kneipen wir herum gesessen hatten.

So vergingen die Tage des Urlaubs zwischen See, Campingplatz, Café und Kneipe. Ein, zwei Mal unternahmen wir kleine Spaziergänge. Einmal fuhren wir nach Montpellier. Hin und wieder versuchte ich mich auf Richards Surfbrett. Der Wind war mir aber insgesamt zu stark, so dass ich es nach dem vierten oder fünften Versuch ganz aufgab. Auf der Heimreise prügelte Richard den Kombi über die Autobahn. Die Bremsen des Wagens waren schwer angeschlagen. Der Bremsbelag war soweit abgefahren, dass bei jedem Bremsmanöver das Schaben von Metall auf Metall zu hören war.

Zurück in der Villen-WG wurde es schließlich mein Job, das Fahrzeug von außen und innen zu reinigen und neue Bremsbeläge zu montieren. Richard hatte damit nichts zu tun. Er übernahm wieder seinen schrottreifen Kleinwagen. Annette brachte das Zelt zurück zu ihrem Partyzeltverleih. Thomas transportierte in seinem R4 eine riesige Batterie Weinflaschen aus Südfrankreich in die Villen-WG. Die hatte ihm Richard in Frankreich unbemerkt in den R4 geladen. Richard hatte den Wein unter der Zeltplane im Auto verstaut. Im Hof vor der Villen-WG lud Richard seinen Wein in seinen Kleinwagen um und verschwand. Der Urlaub ging so belanglos vorbei, wie er begonnen hatte. Die Freunde von Annette und Sofia verschwanden unbekannt, so wie sie zu der Reisegruppe gekommen waren. Ich sah sie nie wieder. Die Reise der Lerngruppe entsprach dem Stil, wie ich die Zeit Mitte der Achtziger Jahre erlebte: Unverbindlich und belanglos. Menschen trafen sich und trennten sich.

Kurz vor den Abschlussprüfungen wurde in der Schule das neue Schwimmbad eröffnet. Das Schulgebäude war ein Neubau der ein dreiviertel Jahr zuvor bezogen worden war. Die Fertigstellung des Schwimmbades hatte sich verzögert. An einem regnerischen Tag hatten sich Richard, Thomas und ich in einer Unterrichtspause in dem neuen Schwimmbad auf einer Sitzbank am Beckenrand niedergelassen.

Der Zugang dorthin war offen, jedoch war es wohl nicht erlaubt, sich da einfach hinzusetzen. Das Wasser war am Tag zuvor eingelassen worden. Wir saßen auf der Bank und unterhielten uns. Nach wenigen Minuten erschien der Hausmeister der Schule. Zu Recht wies er darauf hin, dass das Schwimmbad nicht betreten werden dürfe, schon gar nicht mit Straßenschuhen. Deshalb erhoben wir uns und machten Anstalten, das Schwimmbad Richtung Eingang wieder zu verlassen. Dort aber stellte er sich uns in den Weg.

„Solches Studenten- und Schülerpack wäre früher längst vergast worden!“
„Das meinen sie doch nicht wirklich?“
„Ihr seid ’s doch solche Deppen, da hätten ’s früher längst kurzen Prozess gemacht.“
Richard wurde rot vor Wut. Er schrie den Hausmeister an:
„Wie bitte?“
„Euch hättens früher nicht alt werden lassen, des sag ich Euch!“
Richard schnaubte vor Wut.
„Das kann doch wohl nicht sein!“
Thomas und ich waren am Hausmeister durch den Eingang der Schwimmhalle schon vorbeigegangen, Richtung Aula der Schule. Richard aber war direkt vor dem Hausmeister stehen geblieben. Fassungslos stand er vor ihm. Er stemmte die Arme in die Hüften. Er sah dabei aus, als würde er am ganzen Körper zittern. Er bebte vor Wut.
„Das können Sie unmöglich ernst meinen!“
Der Hausmeister schob Richard jetzt an der rechten Schulter weg. Er versuchte ihn so in unsere Richtung zu bewegen. Richard schlug die Hand des Hausmeisters von seiner Schulter und versuchte den Mann von sich weg zu stoßen.
„Lang mich nicht an, du Sau-Bub du damischer!“
„Ich habe Sie nicht als erster angefasst!“
So schrie Richard den Mann nun an. „Dich hätten ’s als ersten erschossen, du Hunds-Krüppel, du depperter!“
So schrie der Hausmeister Richard an.
Richard drehte sich um, so dass er dem Hausmeister nun erneut direkt gegenüber stand. Er war wütend. Sein Gesicht war rot geworden. Er sah den Mann an, sagte aber nichts. Der Hausmeister packte Richard jetzt an der Schulter. Er versuchte ihn zur Eingangstür zu schubsen. Richard schmetterte jetzt dessen Hand von sich. Er schubste den Hausmeister kraftvoll an den Schultern von sich. Das tat er eins, zwei, drei Mal. Der Hausmeister wich zurück, ein, zwei drei Schritte. Vielleicht waren es fünf, sechs Meter. Jedenfalls reichte das bis zum Beckenrand. Da stand er nun und blickte Richard in die Augen:
„Das tust du nicht, du mieser Sau-Hund!“
Richard verpasste dem Hausmeister einen letzten leichten Schubs mit der rechten Hand. Platsch! Der Mann stürzte ins Wasser. Er ruderte im Wasser hin und her und schrie Richard zu:
„Das hat Konsequenzen, ihr Sau-Pack!“ Richard drehte sich um. Er kam zu uns in die Aula. Zusammen gingen wir zurück in unser Klassenzimmer im Obergeschoss.

Noch in der gleichen Woche wurde Richard von der Schule suspendiert. An der Abschlussprüfung konnte er nicht teilnehmen. Er hatte sich in einem Disziplinarverfahren und einem Strafverfahren wegen Körperverletzung zu verantworten. Nach seiner Entlassung aus der Schule habe ich ihn nur ein einziges Mal wiedergesehen. Es war in einem Gerichtsverfahren, in dem Thomas und ich als Zeugen über den Vorfall aussagen mussten. Richard wurde zu einer Geldbuße verurteilt. Er meldete sich bei mir nie wieder. Auch Thomas und die anderen Freunde hörten nichts mehr von ihm. Er war wie vom Erdboden verschluckt.

Die Prüfungszeit war schnell gekommen. Ich hatte mich zuvor noch vier, fünf Mal mit Thomas getroffen. Er konnte mir wichtige Tipps in Sachen Mathematik geben. Mit seiner Hilfe habe ich mich erfolgreich durch die Prüfung gekämpft. Ich machte das ganz schematisch. Bei jeder Aufgabe arbeitete ich soweit ich konnte genau nach einem Schema das Thomas mir beigebracht hatte. Das funktionierte zumindest soweit, dass ich die Prüfung bestehen konnte. Die Logik die sich hinter der tatsächlichen Lösung der Aufgaben verbarg, hatte ich bis zum Abschluss der Schule nicht wirklich verstanden. Ende Juni hielt ich ein mittelmäßiges Abschlusszeugnis in Händen. Ich hatte es gerade noch geschafft!