16. Gute Aussicht

Peter glaubt, dass Birner für seine Aufgabe im Oberlehen der falsche Mann ist. Er sagt einfach:
„Wer so brutal wie Birner ist, kann kein guter Erwachsener sein.“
Auch von Helling meint er, dass der mit Kindern nicht umgehen kann:
„Helling kann mit Kindern, außer dass er uns beschimpft und unkontrolliert auf uns einschlägt, nichts anfangen.“
Peter hört am Oberlehen von älteren Jugendlichen, wie Meiko, dass beide aus einem Heim für sogenannte schwer erziehbare Jugendliche zu uns kommen. Deshalb sagt er:
„Die beiden haben sich ihren brutalen Stil wahrscheinlich bei den schweren Jungs angewöhnt. Dass wir keine schweren Jungs sind, sondern ganz normale Kinder, wollen die zwei nicht begreifen oder sie sind zu doof es zu begreifen. Vermutlich werden die das nie begreifen. Solang die zwei hier regieren, haben wir keine Chance!“

Ich versuche genau zuzuhören, wenn Peter in unserem Versteck, zwischen den Matratzen auf dem Speicher erzählt. Ich merke, dass er sehr viel mehr über die zwei Männer nachdenkt, als ich. Er hat weniger Angst vor den beiden. Beide haben ihn noch nicht so oft verprügelt, wie mich. Ich begreife nur langsam, was Peter über beide denkt und wovon er spricht. Mit „schwach anreden“ meint Peter die alltägliche Wortwahl Hellings. Der diffamiert und demütigt uns. Er lacht zynisch. Er freut sich, wenn er Wut und Hilflosigkeit in unseren Gesichtern sieht, nachdem er uns als „Pisser“, „Maulaffe“ oder „Hosenscheißer“ beschimpft. Peter begreift das. Er spricht nicht mit den beiden, aber er scheint sie sehr genau zu beobachten. Er liest in deren Gesichtern, was beide denken, während sie auf Kinder einprügeln oder wütend auf uns sind.

Abends, wenn es dunkel in unserem Zimmer ist, und wir in unseren Stockbetten liegen, spricht Peter darüber, was tagsüber am Oberlehen los war. Er erklärt, wie er die Situation sieht. Helling hat ein fieses Lächeln auf den Lippen, wenn er Hartmut „Pisser“ nennt. So ein Lachen hat Peter einmal im Fernsehen gesehen, in einem Kriminalfilm. Der Mann mit dem Lächeln, war in dem Film ein Mörder, der mehrere Menschen umgebracht hat, immer bei Nacht und Nebel.

Ich liege in meinem Bett, höre Peter zu und bekomme Angst. Peters Vergleich ist schauderhaft. Was Hartmut denkt, weiß ich nicht. Er liegt unter Peter im Stockbett und sagt nichts, obwohl Peter von ihm spricht. Peter ist es egal, ob Hartmut ins Bett macht, oder nicht. Er scheint das zu kennen. Es scheint ihm aber wurscht zu sein. Ich finde Hartmuts Bettgepisse sehr unangenehm. Ich mag es nicht, dass morgens unser Zimmer stinkt, wie auf dem Klo. Ich hasse Helling, der die Zimmertür aufreißt, laut brüllt wegen „dem Pisser“, Hartmut die Decke wegreißt, so dass es noch mehr stinkt, die Zimmertür offen lässt, so dass eisige Luft von draußen herein kommt.

Spricht Peter abends nicht über das, was er über Helling und Birner denkt, dann beginnt er eine erfunden Gruselgeschichte zu erzählen. Das ist unser Spiel. Nach einigen Minuten muss Hartmut weiter erzählen, danach bin ich mit der Fortsetzung dran. Schon nach Peters ersten Sätzen liege ich zitternd im Bett. Peters Geschichten fangen fast immer mit Birner oder Helling an. Ich liege in meinem Bett und kann mir gut vorstellen, dass einer der beiden unser Zimmer betritt, um einen von uns, vielleicht mich, umzubringen.

Eine von Peters Geschichten geht so:
Ein Kind liegt nachts in seinem Bett. Das Bett ist zu klein für das Kind, deshalb hängen die Füße des Buben hinten herunter. Bevor das Kind ins Bett geht, sieht es im Fernsehen einen Film. Der Film war nicht lustig, sondern sehr ernst. Er handelte von den Eltern eines Jungen, die schon gestorben sind. Der Film heißt „Die Nacht der reitenden Leichen“.

Hier stoppt Peter und Hartmut ist dran, der weiter erzählt:
Der Vater des Jungen in dem Film ist Helling. Er ist schon tot, weil ihn ein Kind aus dem Oberlehen mit einer seiner Jagdgewehre erschossen hat, während er mit einem Mädchen in seiner Wohnung vor dem Fernseher saß. Seitdem ist Helling auf dem Friedhof der „reitenden Leichen“ begraben. Heute Nacht kommt der Junge zum Friedhof, denn in der Stadt haben sie ihm gesagt, dass heute in der Vollmondnacht die Leichen auferstehen. Am Friedhof öffnet sich tatsächlich das Grab von Helling. Er kommt blutig, wie er erschossen wurde, heraus. Der Junge möchte mit ihm reden, schließlich ist Helling sein Vater. Helling aber schlägt ihm mit dem Gewehrkolben ins Gesicht, so dass der Junge sofort tot ist. Dann reitet Helling mit seinem Pony und dem Jagdgewehr zum Oberlehen, wo er das Ponny im Schuppen neben dem Sandkasten abstellt. Er schleicht sich in das Haus und das Zimmer des Jungen, dessen Bett zu klein ist. Hellig greift mit seinen riesigen, blutverschmierten Händen zu den Beinen des Jungen und zerrt ihn aus dem Bett.

Jetzt endet Hartmuts Fortsetzung und ich bin dran. Ich zittere in meinem Bett so vor Angst, dass ich kein Wort raus bringe und schweige.

Peter glaubt, dass der Schaden, den Helling und Birner anrichten, unsichtbar bleibt. Nur manchmal sieht man ihn. Die geschwollenen Augen, Wunden und Blutspritzer, die man sieht, verschwinden aber wieder. Was Peter mit dem unsichtbaren Schaden meint, kann er mir nicht genau erklären. Er sagt, es wäre etwas, das in uns passiert. Angst und Hass wären schlimm für uns. Beides würde schaden, weil wir nicht wissen, ob es vorüber gehen wird. Peter glaubt, davon würde etwas in uns für immer bleiben und das wäre für unsere Zukunft schlecht.

Vom Oberlehen haben wir eine wunderbare Aussicht. Wir blicken hinunter auf das Berchtesgadener Tal. Wir sehen den Ort Berchtesgaden und auf der anderen Seite des Tals den Untersberg. Links sehen wir den meist leicht verschneiten Watzmann. Die schöne Aussicht genießen wir aber nicht. Im Gegenteil, manchmal hasse ich sie. Ich hasse sie, weil ich denke, sie sei mein Gefängnis. Ich denke, mit der Aussicht bezahle ich dafür, dass ich mit diesen beiden Männern am Oberlehen leben muss.

Im Markt Berchtesgaden gibt es viele Touristen. Sie wollen diese Aussicht genießen und bezahlen dafür. Wenn sie nicht mehr wollen, gehen sie wieder und bezahlen danach auch nicht mehr. Ich kann nicht gehen, muss bleiben und bezahle später. So denke ich. Die Aussicht ist wunderschön. Aber für gefangen gehaltene Kinder, ist der Blick auf die schönen Berge, wegen der Überwachung durch Birner und Helling eine Gemeinheit.

Besucher am Oberlehen betört die Bergwelt. Deshalb bleiben deren Augen vor anderem verschlossen. Der Besucher sieht am Oberlehen Sauberkeit und Ruhe. Helling und Birner verhalten sich freundlich und zurückhaltend. Sie stehen mit den Besuchern von deutschen Jugendämtern auf der Terrasse. Von dort genießen sie die Aussicht auf die wunderbare Bergwelt. Sie machen einen Rundgang durch die beiden aufgeräumten Häuser. Dann unterhalten sie sich bei einer Tasse Kaffee und blicken über die weißblauen Bergketten.

Ist ein Jugendamt zu Besuch im Oberlehen oder kommen Eltern zu Besuch, ist es friedlich im Heim. Die Begeisterung der Besucher von unserem schönen Heim, in der überwältigenden Panoramalage einer einzigartigen Bergwelt, steht in deren Gesichtern geschrieben. Peter glaubt, die Besucher kommen in unser Heim, um schönes zu sehen. Berchtesgaden kennen viele von Fotos, Postkarten, Zeitungsartikeln. Peter weiß, dass es ein beliebter Ausflugs- und Touristenort ist, an dem wir leben. Deshalb kommen sie gerne von weit entfernten Jugendämtern angereist. Sie wollen sehen in welch schöner Lanschaft und Luft wir leben.

Die Frauen und Herren von den Jugendämtern saugen die Ruhe des Tages am Obersalzberg in unserem schönen Heim in sich auf. Im Ruhrpott, von wo Hartmut stammt, stinkt es erbärmlich nach Abgasen. Sie kommen aber auch von einem Jugendamt aus Hessen oder Baden Württemberg, wo die Landschaft nicht gebirgig ist, wie in Berchtesgaden und die Luft nicht so klar. Auch aus Berlin kommen sie, von dort stammt Michael.

Peter meint, weil sie von so weit her kommen, wollen sie genießen, was es in ihren Städten nicht gibt: Die sonnige Aussicht vom Obersalzberg ist einmalig. Alles im Heim ist sehr gut auf den Besucher eingestellt und perfekt vorbereitet. Nur ein sehr aufmerksamer Besucher, der die Optik der Bergwelt außer acht lassen würde, könnte mit viel Mühe an unseren Gesichtern ablesen, wie wir von den beiden Männern geleitet werden. Zu solchen Beobachtungen kommt es nicht. Peter beobachtet jeden Besucher ganz aufmerksam. Er liest aus den Gesichtern der Mitarbeiter deutscher Jugendämter. Er sieht deren Begeisterung und Freude, weil sie endlich mal nach Berchtesgaden kommen dürfen, um hier atemberaubende Ruhe und Landschaft zu sehen. Ein Mensch, der hier unglücklich ist, kann nur ein sehr undankbares Kind sein.

Helling und Birner beschäftigen den Jugendamtsbesuch von dessen Anreise bis zur Abreise. Sie holen ihn am Berchtesgadener Bahnhof ab und bringen ihn dort hin zurück. Die romantische Bergwelt und die freundlichen Worte der Heimleiter überzeugen. Den Kindern am Oberlehen muss es sehr gut gehen.