16. Ein alter Onkel

Richards Onkel hatte in einem finsteren Hinterhof in der Innenstadt ein kleines Büro. Über ein paar Außenstiegen ging es hinauf und durch eine schwere Holztür in einen schummrigen Raum. Das Büro war nur wenig größer als meine winzige Dachkammer. Es war voll mit Regalen, in denen sich Bücher stapelten. In transparenten Plastikhüllen steckten alte Geldnoten. Sie lagen stapelweise auf einem kleinen Tisch. Es roch wie auf einem alten Speicher. Ich erinnerte mich an den Geruch, der mir aus der alten Kiste entgegen gekommen war. Altes bedrucktes, verstaubtes Papier.

Der Onkel saß auf einem hohen Hocker hinter einem dunklen schweren Tresen. Dort stand eine beleuchtete große Lupe. Von einer Schnur an der Decke hing ein Lampenschirm. Auf dem Tresen lagen verschiedene Kleinwerkzeuge. Auch hier stapelten sich transparente kleine Plastikhüllen mit alten Geldnoten.

Er blickte freundlich wie ein Zirkusdirektor. Sein Sprechen erinnerte mich an einen früheren Deutschlehrer in Berchtesgaden. Er trug eine Nickelbrille und hatte einen zwirbeligen Schnurrbart.
„Na, da habt ihr mir ja was Hübsches gebracht!“
Wir setzten uns auf zwei Hocker vor dem dunkelbraunen Holztresen. Neugierig sahen wir den Onkel an. Den Brief hatte er in eine größere Plastikhülle gesteckt die auf dem Tresen lag. Daneben hatte er eine Kopie gelegt.
„Ich hab euch das Ganze mal kopiert.“
Er tippte mit einem Zeigefinger auf die Kopie.
„Der Brief ist genau das, woran ich sofort dachte, als Richard dieses gefaltete Papier hier im Büro aus dem Umschlag gezogen hatte. Wehrmachtspost. Ich kenne das selbst noch von früher. Habe damals auch solche Briefe geschrieben. An meine Mama. Genau so ein Brief ist das! Wo hab ihr den denn her?“

Der Onkel fixierte mich, denn Richard hatte ihm natürlich gesagt wer hinter der Sache steckte. Ich wurde sofort rot. Das passierte mir leider oft. Vor allem passierte es wenn eine vernünftige Antwort von mir erwartet wurde.
„Ich habe ihn vor Jahren auf einem Speicher in einer alten Kiste gefunden.“
Die Worte brachte ich kaum raus, verfiel in ein Stammeln, begann zu husten und musste mir von Richards Onkel ein Glas Wasser geben lassen, um den trockenen Hals zu spülen.
„Alles halb so wild“, versuchte der Onkel mich zu beruhigen.
„Das ist ja kein Verhör hier, interessiert mich halt einfach, weil ich damals selbst solche Post geschrieben habe. Der Brief ist vierzig Jahre alt. Genauer gesagt wurde er wohl am dreizehnten Achten fünfundvierzig geschrieben.“
Der Onkel hob die Kopie hoch und deutete auf das dort geschriebene Datum.
„Der Brief muss also kurz vor der Kapitulation und damit dem Kriegsende geschrieben worden sein.“
Richard und ich blickten den Onkel gespannt an.
Anstatt weiter zu berichten, fragte der Onkel mich:
„Also weiter! Woher hast du den Brief und wieso kommt ihr zwei erst jetzt damit zu mir?“
Ich sah Richard an. Der sagte aber nichts, sondern nickte nur. Damit meinte er, ich sollte erzählen was Sachlage ist.
„Ich habe den Brief über etwa acht Jahre im Buchrücken eines Lehrbuches, das ich mit blauem Packpapier eingebunden hatte, vergessen.“ Der Onkel sah mich befremdet an.
„Du hast den Brief also versteckt und behauptest nun ihn vergessen zu haben, verstehe ich das richtig?“
„Ja, so ungefähr.“
Ich trank aus dem Glas Wasser um nicht noch mal zu husten oder gar meine Stimme zu verlieren. Richard nickte seinem Onkel zu.
„Dass der Brief offenbar vergessen war, hab ich mitgekriegt, der flog aus dem Buch wieder raus, weil ich das Packpapier versehentlich abgefetzt habe. War alt und morsch das Zeug, aber der Brief ist dabei zum Glück nicht zerlegt worden.“
„Ok, ok, aber warum hast Du den Brief überhaupt versteckt?“
„Naja, damals war ich erst vierzehn, als ich den gefunden hatte. Ich hatte eben Schiss. Weil ich den Brief auf dem Speicher aus einer Kiste mitgenommen habe, in der ich nichts zu suchen hatte.“
„Was für eine Kiste? Was für ein Speicher? Gibt ’s da noch mehr Briefe?“

Richards Onkel sah mich kritisch an und füllte das Wasserglas nochmal auf.
„Keine Ahnung, das ist schon ewig her. Es war eigentlich ein Versteckspiel. Ich hatte Angst vor dem Feriengroßvater, weil wir auf diesem Speicher eigentlich nicht spielen durften.“
Richard und der Onkel tauschten sich per Blick aus. Beide schauten ungläubig drein.
„Was erzählst Du hier für eine dubiose Kindergartengeschichte? Soll ich die wirklich glauben?„
„Was anderes kann ich dazu nicht sagen. Ich erinnere mich genau. Der Feriengroßvater hatte uns auf dem Speicher beim Versteckspiel erwischt, ich hatte gerade diesen Kistendeckel geöffnet und ihn dann vor Schreck fallen lassen. Dabei flog wohl der Brief heraus, den ich aufhob, zusammenknüllte und in meine Hosentasche stopfte.“
Der Onkel und Richard blickten sich fragend an. Beide nickten sich zu.
„Aha!“
„Wieso Aha? Da gibts nicht mehr dazu zu sagen. Schon damals hatte ich den Fetzen vergessen. Erst nachdem die Sommerferien vorbei waren, tauchte er zu Hause am Obersalzberg wieder aus meiner Hosentasche auf. Er fiel heraus und ich hatte mich daran erinnert, dass ich einen Diebstahl begangen hatte. Vorsichtshalber versteckte ich ihn deshalb im Buchrücken. Das wars.“
Der Onkel sah mich ungläubig an. Richard sah den Onkel ungläubig an. Ich trank aus dem Wasserglas.

„Na gut!“
Der Onkel zog ein Taschentuch aus der Hosentasche und rotzte schnaubend hinein. Das Taschentuch stopfte er zurück in die Hosentasche.
„Jedenfalls schreibt in dem Brief ein junger Mensch, der dürfte damals etwa so alt wie ihr es heute seid, gewesen sein. Es ist mehr oder weniger ein Abschiedsbrief.“
Richard sah seinen Onkel neugierig an. Ich versuchte unbeteiligt zu blicken, denn ich war froh meine Geschichte überhaupt herausgebracht zu haben ohne eine neue Hustenattacke zu bekommen.
„Ich glaube hier verabschiedet sich ein junger Mensch von seiner Mama. Der hat den Brief geschrieben und war sich nicht sicher ob er das, was damals vor ihm stand, überleben würde. Deshalb verabschiedete er sich.“
Richard und ich blickten uns an, dann wandten wir unseren Blick zum Onkel.
„Übrigens der Brief ist echt, da bin ich sicher. Sogar die Adresse der Mutter hat der Knabe im Brief nochmal notiert. Da, schaut: Hier am Ende steht sie. Das scheint irgendwo in Norddeutschland zu sein. Hört sich jedenfalls so an, der Name von diesem Kaff.„
Der Onkel hielt uns den Brief hin und zeigte auf eine Zeile am Ende des Schreibens.
„Der wollte wahrscheinlich sicher sein, dass sein Brief auch zugestellt wird.“