15. Umzug

Nach einem halben Jahr in der Zweck-WG tauchte eine weitere Bekannte aus Berchtesgaden auf. Ich traf sie eines Abends in einer Studentenkneipe. Sie erzählte, dass sie in der ehemaligen Wohnung ihrer Eltern eine Wohngemeinschaft mit ihren drei Geschwistern starten wollte. Es sei ein altes villenartiges Haus am Stadtrand. Ihre Eltern hatten sich in Berchtesgaden endgültig niedergelassen und das Haus in der Stadt aufgegeben. Die alte Familienvilla würden sie nun für die nächsten Jahre den Kindern überlassen so lange diese noch studierten.

Die Bekannte bot an mir das Ganze zu zeigen. Im zweiten Stock in der Villa sei noch ein kleines Zimmer frei. Ich war begeistert. Ihr unverbindliches Angebot machte ich sofort zu etwas Verbindlichem. Ich vereinbarte einen Termin gleich für den nächsten Abend. Ich traf pünktlich in der Villa ein. Dort traf ich auf die Geschwister der alten Bekannten. Ich kannte sie alle aus Berchtesgaden.

Mein Zimmer war winzig. Es war eine gemütliche, kleine Dachkammer. Dachschräge, Fenster, ein in die Dachschräge hinein gebauter Schreibtisch und sogar eine winzige Nebenkammer. Das war ein begehbarer Schrank unter dem Dach. Die Miete war traumhaft niedrig. Es ging nur um die Kosten für Heizung, Strom und anfallende Nebenkosten. Diese wurden anteilig nach der jeweiligen Zimmergröße berechnet. Ein Topangebot. Ich sagte sofort zu.

Die Villen-WG war interessanter als die Zweck-WG. Ob es auch eine Zweckwohngemeinschaft sein würde, wusste ich noch nicht. Zeitweise wohnten dort zehn Leute. Es waren Studenten die unterschiedlichste Fächer studierten und unterschiedlicher nicht sein konnten. Einkaufen als Freizeitbeschäftigung gab es nicht. Einkaufen war lästige Pflichtübung die zum Alltag gehörte. Es gab eine WG-Kasse in die jeder einzuzahlen hatte. Die Einkaufsrechnungen wurden daraus beglichen. Die Einkaufsmengen waren gigantisch. Die WG hatte ein Auto das ihr die Eltern und Hauseigentümer überlassen hatten. Ein Traum. Mit dem Wagen, einem großen Kombi, ging es am Samstag in einen Einkaufsmarkt wo alles besorgt wurde was sich im Laufe der Woche auf einer langen Einkaufsliste am Küchenschrank angesammelt hatte.

Die Freizeitbeschäftigungen der WG-Bewohner waren unterschiedlich. Im Gegensatz zur Zweck-WG an der Autobahn wurden teilweise am Wochenende auch gemeinsame Dinge unternommen. Das ging von Wandertouren in die Berge über Schwimmbad, Kino usw. bis zu gemeinsamen Campingurlauben in den Semesterferien. Je nach Interessen setzten sich die Personen für solche Unternehmungen zusammen.

Bei vielen Dingen mischte ich mit, andere ließ ich. Es machte mir Spaß in dem großen Garten zu arbeiten, den Rasen zu mähen, Laub zu rechen. Das wollten andere gar nicht. Ich hielt mich dafür beim Kochen zurück. Das Ganze war für studentische Verhältnisse luxuriös. Mein kleines Dachzimmer war ein Glücksfall.

In die Villen-WG konnte ich Schulkameraden einladen. Es gab dort nämlich genügend Platz in einem riesigen Wohnzimmer und dem großen Garten mit breiter Terrasse. Es war ein sehr altes Haus. Die Mitschüler Richard, Thomas, Annette und Sofia lud ich nach wenigen Wochen ein. Wir gründeten eine so genannte Lerngruppe für die Schule. Die traf sich in der Folge ausschließlich bei mir in der Villen-WG. Der Platz war wegen der großzügigen Atmosphäre sehr gut. Unsere gemeinsame Lernarbeit dagegen war oft nicht sonderlich effektiv. Die Treffen endeten meist spät abends. Dabei kam es zu Alkoholkonsum, begleitet von lauter Musik aus dem Plattenspieler. Der Spaß schob sich mit jedem Treffen weiter in den Vordergrund. Trotzdem brachten diese Treffs auch etwas für die Schule. Gerade vor wichtigeren Tests und Prüfungen gab es Absprachen in der Lerngruppe, wodurch wir besser vorbereitet waren.

Richard fand oft heraus was zur Prüfung an stand und von wo Informationen zu den Prüfungsfragen zu bekommen waren. Er nutzte einen Kontakt in die Staatsbibliothek. Dort kannte er eine Sekretärin. Über die beschaffte er manchen Text den sich Lehrer für die Englischprüfung oder den Test in Deutsch von dort holten.

Meine Beiträge für die Lerngruppe waren dünn. Mein Wissen war eher auf mein Bemühen beschränkt. Meine Kontakte in der Stadt waren gleich Null. Interessant war, dass manche mir fehlende Wissensgrundlage auch Thomas, Richard, Sofia oder Annette fehlten.

Beim Grübeln über ein mathematisches Grundsatzproblem erinnerte ich mich an die Lehrerin. Ich erinnerte mich daran, dass die mathematische Problemlage bereits von der Lehrerin in ihrem Büchlein behandelt worden war. Also erklärte ich der Lerngruppe, dass ich eine Idee hätte unser Problem zu lösen. Ich suchte nach dem Büchlein, fand es aber nicht und verschob deshalb die Problemlösung bis zum nächsten Treffen.

Die nächste Lerngruppe fand drei Tage später statt. Zu dem vereinbarten Termin war aber nur Richard gekommen. Das zu lösende Problem hatte Richard bereits untersucht und uns in der Schule auf sein Ergebnis aufmerksam gemacht. Ich hatte das Büchlein in einer alten Schuhschachtel verwahrt. Die hatte ich in meiner winzigen Dachkammer in dem kleinen begehbaren Kleiderschrank auf einem Regal in der hintersten Ecke verstaut. Richard wollte wissen was ich da für ein Büchlein hatte. Ich hatte das Problem und dessen Lösung in dem Büchlein zuvor tatsächlich gefunden. Ich wollte die Lösung präsentieren, doch Richard interessierten stattdessen schon Detailfragen. Ich blätterte im Büchlein, suchte nach der Seite auf der das Problem geschildert wurde. Richard war ungeduldig. Ich las und versuchte zu erklären. Für Richard war die Lösung längst klar. Ich las etwas von Pythagoras, Richard gähnte und sagte er wollte sich das selbst mal ansehen.

Er griff nach dem Büchlein. Ich wollte es ihm nicht sofort geben, denn in dem Augenblick glaubte ich das entscheidende Detail gefunden zu haben. Richard hatte den Buchdeckel erfasst und zog. So riss das uralte blaue Packpapier auf. Richard entschuldigte sich. Ich klappte das Büchlein zu, legte es auf den Tisch, versuchte den Einband zu glätten. Das ging nicht, denn das Packpapier war so alt, dass es mehr und mehr riss.

„Das macht gar nichts, ich entferne es einfach komplett.“

Ich zog das Packpapier vom Buch. Übrig blieb auf der Buchrückseite ein Stück Papier. Es war das Schreiben. Graues, vergilbtes, sehr dünnes Papier. Es war am Buchrücken fest geklebt.

„Was ist denn das?“, fragte Richard und zeigte auf das Stück Papier.
„Das ist doch absolut uralt!“
Richard nahm mir das Buch ab, hielt den Buchrücken an das helle Fenster, blies seitlich an den Buchrücken, so dass das Papierstück leicht flatterte. „Ist das ein alter Brief?“
„Ich weiß es nicht, es ist ein uraltes Schreiben.“
„Woher stammt das und warum klebt es an diesem Buch?“
„Ich habe es vor fast acht Jahren im Urlaub auf einem alten Dachboden gefunden.“
„Aha und deshalb klebt es auf dem Buchrücken dieses mit uraltem Papier eingewickelten Schlaubergerschulbüchleins? Hast du eine feine Pinzette und ein glattes Stück sauberes, weißes Papier?“
„Was willst du denn damit?“
„Ich will das fein säuberlich ablösen, ohne dein Schreiben zu ruinieren.“
Richard sah mich neugierig an.
„Ich interessiere mich für solche uralten Sachen, von alten Dachböden.“
„Das sollten wir uns wirklich vorsichtig anschauen. Das Schreiben muss uralt sein. Ich weiß das noch von damals, als ich es das letzte Mal gesehen habe und in dem Packpapier auf dem Buchrücken versteckt habe.“

Ich ging ins Bad und sah mich dort nach einer Pinzette um. Die fand ich im Waschbeutel einer WG-Mitbewohnerin. Richard hob mit der Pinzette vorsichtig eine Ecke des gefalteten Papiers an und schob eine Seite glattes, weißes Schreibmaschinenpapier zwischen Ecke und Buchrücken. Mit dem weißen Bogen löste er langsam das Papier vom Buchrücken.

„So das hätten wir. Aber das Entfalten wird schwierig.“
„Wieso?“, fragte ich.
„Weil das Ding offenbar irgendwie zusammenklebt. Wenn wir das einfach so auseinander ziehen, reißen wir wahrscheinlich auch die Schrift mit ab, und wenns ganz schlecht läuft, reißen wir sogar das Papier ein.“ Ich sah Richard fragend an. „Ich habe einen Onkel der sich mit alten Geldnoten beschäftigt und alte Bücher über Geldnoten sammelt. Der kennt sich aus mit altem Papier. Der hat Erfahrung und Werkzeuge und eine kleine Papierwerkstatt. Da flickt er auch alte Geldnoten wieder zusammen. Vielleicht könnte der das Papier so öffnen, dass der Text erhalten bleibt. Außerdem können wir mit dem Text eh nichts anfangen. Der scheint so alt zu sein, dass wir die Schrift wohl gar nicht entziffern können.“
„Du meinst, dein Onkel könnte das vorsichtig öffnen und vielleicht sogar die Schrift für uns entziffern?„
„Glaub schon, dass der das drauf hat.“
„Wann und wo?“