15. Sandkasten

Ich wache auf. Auf dem grauen Teppichboden erkenne ich ein Trinkglas. Es liegt neben dem braunen Fuß des kleinen Wohnzimmertisches. Bevor ich einschlief, habe ich ein Glas Wasser getrunken. Ich liege auf dem Teppichboden in der Wohnung in der Hochsteinstraße. Ich höre Verkehrslärm, der heute besonders laut ist, weil es stark regnet. Ein schweres Gewitter liegt seit Stunden über Berchtesgaden. Der kurze Fußweg von der Kreuzung unten am Ende des Nonntals hat gereicht, um mich komplett zu durchnässen. Ein Angebot eines Kollegen, mit dem ich täglich nach der Arbeit zurück nach Berchtesgaden fahre, habe ich ausgeschlagen. Kaum war ich aus dem Wagen gestiegen fielen schon die ersten dicken Regentropfen. In der Wohnung zog ich mir trockene Klamotten an. Ich schaltete die Kaffeemaschine ein und setzte mich, mit einem Glas Wasser in der Hand, auf das graue Sofa. An den Kaffee erinnere ich mich nicht. Er muss noch auf der Maschine in der Küche stehen. Die Müdigkeit wegen der Fabrikarbeit hat mich derart ergriffen, dass ich sitzend einschlief. Auf dem Sofa kippte ich zur Seite, das Glas fiel aus meiner Hand, rollte auf den Boden.

Draußen ist es dunkel. Ich habe etwa zwei Stunden geschlafen. Der Lärm einer Feuerwehrkolonne hat mich geweckt. Sie donnerte vor Minuten vom Rathaus, der Feuerwehrstation, die Nonntalstraße hinunter Richtung Salzbergwerk.

Ich stehe auf und gehe in die Küche. Herbert ist offenbar trotz des schweren Regens mit seinem Sportfahrrad unterwegs. In der Küche hängt starker Kaffeegeruch. Den Kaffee kippe ich ins Spülbecken. Durch das Küchenfenster sehe ich ein trübes Bild. Berchtesgadener Straßen und Häuser bei regnerischem Wetter. Trotz der schlechten Sicht ins Tal, erkenne ich links im Fenster eine von Scheinwerferlicht hell erleuchtete Großbaustelle. Dort wird bis spät abends auf Hochtouren gearbeitet. Das Berchtesgadener Hallenbad wurde kürzlich abgerissen, an dessen Stelle entsteht auf der Baustelle das neue Berchtesgadener Erlebnisbad.

Birner bezahlt uns jeden Samstagvormittag, nach dem Schwimmen im Hallenbad, unser Taschengeld. Kurz vor meiner Ankunft und Arbeitsaufnahme in der kleinen Fabrik im April wird das alte Hallenbad abgerissen. Die Wohnungsnachbarn erklären, dass es einem neuen Hallenbad zu weichen habe, von dem sich der Ort weniger Verluste erwarte. Der marode Platten- und Betonbau, in dem Helling jeden Samstag die Wettschwimmen gegen Jugendliche aus dem Oberlehen verliert, sei heute nicht mehr rentabel. Eine Ortsbesichtigung, um meine Erinnerung zu beflügeln, ist nicht mehr möglich. Ich bin nicht, wie bei meinem Besuch am neuen Oberlehen, um Jahre zu spät dran. Nur um Monate habe ich mich verspätet.

Am nächsten Tag nehme ich Urlaub von der Fabrikarbeit. Ich habe Formalitäten wie meine Anmeldung auf der Gemeinde zu erledigen. Wenn ich einen Tag frei nehme, muss ich das gut begründen. Es geht nicht so einfach, wie es an meiner Dienststelle in der Stadt ging. In der kleinen Fabrik geht es persönlicher zu. Mein Gefühl sagt mir, wo es persönlicher zugeht, brauchen solche Dinge Gründe, die gesagt werden sollten. Ich überzeuge den Chef und die Sekretärin im Büro, dass es berechtigt ist, wenn ich einen freien Tag bekomme, nicht weil ich erholungsbedürftig bin, sondern wegen der zwingenden Formalitäten, die nur tagsüber erledigt werden können.

So laufe ich gegen zehn Uhr bei herrlichem, klarem Sommerwetter die Nonntalstraße in Richtung Berchtesgadener Schloss zum Rathaus hinauf. Auf dem kurzen Fußweg dort hin kommt mir ein Gedanke, der sich im Rathaus, auf dem Einwohnermeldeamt verstärkt. Das liegt an Martina, die ich nicht gleich wiedererkenne. Martina sitzt an einem Holztisch auf dem eine grüne Arbeitsunterlage und ein Formular liegen. Sie bearbeitet das Formular. Ich betrete den Arbeitsraum und ziehe die Tür langsam hinter mir zu. Martina legt ihren Kugelschreiber auf das Formular. Sie erhebt sich und bewegt sich langsam auf mich zu. Ich stehe vor dem dunkelbraunen Tresen, sage selbstverständlich „Grüß Gott“ und warte. Ich erwarte nicht, dass mich jemand kennt. Sie streckt ihre weiße Hand über den Tresen und sagt:
„Grüß dich Bernado, wie geht’s?“
Ich bin überrascht, weil mich erkennt, wen ich nicht erkenne. Deshalb schaue ich Martina verwirrt an. Martina bemerkt meine Verwirrung und stellt sich namentlich vor. Jetzt erinnere ich mich an eine Klassenkameradin in der Grundschule. Sie war in der Schule stets unauffällig, so unauffällig, dass meine Erinnerung an sie nur bis in mein Fotoalbum reicht. Dort habe ich ein Foto der zweiten Grundschulklasse. Eine der etwas dicklichen Mädchen auf dem Foto hat im Gesicht Ähnlichkeit mit dieser Frau. Wegen Martina, die offensichtlich in meiner Grundschulklasse in diesem Ort gewesen war, festigt sich mein Gedanke, meine alte Schule aufzusuchen.

Das Schulgebäude hat sich von außen kaum verändert. Der Neubau sieht inzwischen auch alt aus. Er war damals, als ich die Grundschule besuchte, noch nicht ganz fertiggestellt. Das Gebäude betrete ich nicht. Ich habe dort nichts zu suchen. Was soll ein Mensch wie ich nach so langer Zeit noch in seiner alten Schule finden? Weil ich das denke, gehe ich nach einer Umrundung des Schulhauses wieder zurück in die Wohnung.

An diesem Nachmittag sitze ich vor der alten Schreibmaschine, ohne zu fürchten, dass Herbert die Wohnung betritt und an meiner Zimmertür klopft. Das kann einige Stunden lang nicht passieren. Meine Angst, er könnte mich fragen, was ich täglich in die Maschine tippe, ist nicht da. Herbert arbeitet in der Fabrik, und ich habe einen Tag Urlaub. Ein freier Nachmittag an dem ich meinen Kopf von Gedanken an meinen Mitbewohner frei habe und meiner Erinnerung an mein Leben in diesem Ort freien Lauf lasse.

Im Rechenunterricht kann ich mich nicht konzentrieren. Mein Klassenzimmer liegt im zweiten Stock des Altbaus. Durch das Fenster sehe ich hinunter auf den Schulhof mit dem hellen Kies. Dahinter führt eine stillgelegte Bahnlinie nach Salzburg. Ich sehe den Fußweg über die Bahnlinie hinüber Richtung Schießstättbrücke, den wir Kinder immer gehen, nachdem wir samstags unser Taschengeld im Ort ausgeben.

Heute trainiert mein Lehrer mit uns das Kopfrechnen. Wir stehen vor unseren Tischen, jeder Schüler, der zum dritten Mal die richtige Lösung der Rechenaufgaben am schnellsten heraus brüllt, darf sich setzen. Ich stehe als letzter immer noch da. Ich kann mich auf das Rechnen nicht einlassen, denn ich denke an anderes. In allen Schulfächern ist das so. Meine Schulnoten sind deshalb sehr schlecht.

Ich denke vormittags in der Schule daran, was nachmittags oben im Oberlehen geschehen wird. Ich überlege, wie ich Helling und Birner am schnellsten aus dem Weg gehen kann. Im Schulunterricht denke ich nicht an die Schule. Der Unterricht prallt an mir ab. Die Zeit in der Schule, die Ruhe, weil Helling und Birner nicht dort sind, nutze ich, um zu überlegen, was ich nachmittags tun kann, um beiden zu entkommen. Wenn ich in der Schule nicht an Helling und Birner denke, träume ich von einem schönen Leben mit Peter und anderen Kindern. Ich träume davon, mit Peter in unserer Baumhütte oben im Wald oberhalb vom Oberlehen zu wohnen. Ich träume davon, mit den beiden Heimleitern nichts mehr zu tun zu haben. Die Lehrer in der Schule erreichen mich deshalb nicht. Mein Kopf ist voll mit meinem Denken und Träumen, für Rechenaufgaben ist kein Platz mehr.

Nach Unterrichtsschluss fahren wir täglich im orangenfarbenen Schulbus auf den Obersalzberg bis zur Station Erika. Wir laufen ein kurzes Stück auf der Rodelbahn und biegen rechts ab, zum nahen Oberlehen. Nachmittags reche und fege ich mit Peter den Hof und die Wege rund um die beiden Häuser. Unser Dienst nennt sich „Sauberkeit ums Haus“, er ist bei den Heimkindern nicht besonders beliebt, weil er immer mit viel Arbeit verbunden ist.

Zwischen den beiden Häusern muss Ordnung gehalten werden. Der feine Kies soll täglich gerecht werden und sämtliche Papierschnipsel, Glasscherben und ähnliches müssen aufgehoben werden. Der gepflasterte Weg zwischen den Häusern muss täglich gekehrt sein, genauso wie die Betonterrasse. Birner läuft die Strecken mehrmals täglich ab. Er scheut sich nicht davor, mich abends aus dem Waschraum oder meinem Bett zu holen, wenn noch Kieselsteine, Papierschnipsel oder anderes auf den Pflastersteinen liegen.

Diese Woche haben Peter und ich zusammen diesen verhassten Dienst. Ich hasse den Dienst, weil ich ihn von Birner verpasst bekomme. Und ich hasse ihn, weil Kinder mit denen ich gerade zerstritten bin, die Gelegenheit nutzen, um Abfall rund um die beiden Häuser zu verteilen. Es ist eine einfache Möglichkeit, sich an mir zu rächen. Freudig stacheln sich manche Kinder gegenseitig dazu auf, den Hof und das Gelände zu verschmutzen.

An diesem Nachmittag spielt sich eine „Aufwieglerszene“ ab, von der Birner abends spricht, mit der er sein Eingreifen beim Abendessen rechtfertigt. Nach dem Kehren und Rechen im Hof spiele ich mit Peter im Sandkasten. Das hat für uns, obwohl wir schon zwölf Jahre alt sind, immer noch großen Reiz. Mit unseren Matchboxautos, die unter den Sandkörnchen leiden, kurven wir auf Sandpisten die Berchtesgadener Berge auf und ab. Unsere Phantasiereise im bunten Matchboxflitzer führt uns an diesem Nachmittag hinauf auf die Höhenstraße eines hohen Sandberges. Wir nennen unseren Sandkastenberg den Obersalzberg. Von der Höhenstraße an unserem Obersalzberg fahren unsere Matchboxflitzer weiter hinauf zum Kehlsteinhaus. Von ganz oben rauschen wir durch zwei Sandtunnels hinunter. Unterwegs besuchen wir Kinder, die im General – Walker – Hotel, am Obersalzberg bei der Höhenstraße bei den Amerikanern wohnen. Die Kinder sprechen kein Deutsch. Peter erklärt, dass sie in „amerikanischer Sprache“ unterrichtet werden. Unsere Matchboxautos parken wir auf dem sandigen Parkplatz. Gegenüber liegt ein faustgroßer Felsbrocken. Im Sandkasten ist er das General – Walker – Hotel. Dort begrüßen uns freundliche, amerikanische Erwachsene und deren Kinder. Sie laden uns zu Limonade, Cola und Sahnetörtchen ein. Wir feiern, essen und lachen mit den Amerikanern. Nachdem wir alles gegessen haben, verabschieden wir uns mit den Worten: „Yea ok, ok allreit bei, bei tschau, tschau!“

In unseren Matchboxflitzern rasen wir weiter den steilen Berg hinunter. Auf etwa halber Höhe unseres Sandkastenobersalzberges biegen wir nach links ab. Wir fahren auf einen Parkplatz, der von Kindern sauber gefegt wird. Wir begrüßen diese Kinder freundlich. Sie schütteln uns die Hände und werfen sofort ihre Besen in die Ecke, denn sie freuen sich stets über Besuch.

Sie leben im Kinderheim. Selten kommen Fremde vorbei, die sie fragen, wie es ihnen geht. Peter und ich steigen aus unseren Matchboxwagen und fragen, wie es geht. Deshalb versammeln sich viele Kinder um unsere Autos im Sandkasten am Oberlehen. Die Kinder sehen nicht so fröhlich aus wie die Amerikaner, die wir zuvor gesprochen hatten. Sie laden uns nicht zu bunten Sahnetörtchen ein, stattdessen klagen sie uns ihr Leid. Peter und ich erkennen, dass es diesen Kindern schlecht geht.

Sie Kinder erzählen uns, dass sie von zwei erwachsenen Männern am Oberlehen nicht wie Kinder behandelt werden. Die würden sie schlagen und herumtreiben. Das finden Peter und ich interessant. Wir wollen mit diesen Kindern weiter sprechen, auch wenn es nichts Süßes bei ihnen gibt. Peter und ich steigen aus. Wir lehnen uns lässig an unseren Matchboxwagen an und hören den Kindern zu.

Die jammern und erzählen, begründen und fluchen. Ihr Fluchen verändert sich nach einigen Minuten. Es geht über in Ärger und Wut auf diese „gemeinen Männer“. Peter erzählt, dass wir erst Minuten zuvor, weiter oben am Berg fröhliche amerikanische Kinder besucht haben. Wir fragen, warum es den Kindern am Oberlehen nicht auch so gut geht. Die Antworten der Kinder wollen Peter und ich nicht glauben. Sie sagen, die beiden Männer würden dafür sorgen, dass es ihnen richtig schlecht gehe. Es wäre deren Meinung, dass es den Kindern am Oberlehen schlecht gehen müsse, nur wenn es schlecht ginge, wären sie auch brav. Peter und ich staunen ungläubig. Die Kinder erzählen mehr und mehr, und sie werden dabei wütender und wütender. Erst durch unseren Besuch erfahren sie, dass es anderen Kindern viel besser geht und dass diese Kinder trotzdem brav sind. Schließlich brüllen und schimpfen die Kinder ihre Wut ungezügelt aus sich heraus. Sie schimpfen die beiden Männer „Schweine“ und „Arschlöcher“. Schnell steigen Peter und ich deshalb wieder in unsere Matchboxautos. Wir fahren die steile Bergstraße hinunter zur Schießstättbrücke. Dort parken wir unsere Matchboxwagen auf einem sandigen Parkplatz neben der Brücke. Wir ruhen uns ein wenig aus. Wir setzen uns an die schnell fließende Arche und werfen Steine ins Wasser. Dabei beruhigen wir uns. Die Wut der Heimkinder, oben an unserem Sandkastenobersalzberg, hat uns angesteckt. Wir verstehen deren Wut.

Birner verfolgt unser Phantasiespiel. Er steht einige Zeit hinter der Garage, neben dem Sandkasten. Er beobachtet uns und er hört zu. Auch neue Heimkinder, die vor wenigen Tagen angekommen waren, sitzen im Sandkasten und verfolgen aufmerksam mein Spiel mit Peter. Die meisten wütenden Worte stammen von mir. Je stärker ich mich in meine Phantasie steigere, desto lauter und wütender wird mein Schimpfen gegen Birner und Helling. Meine Wut führt mich vom Parkplatz an der Arche noch mal laut plärrend mit meinem roten Matchboxsportwagen die steile Bergstraße am Sandkastenobersalzberg hinauf zum Kinderheim. Dort schreien die wütenden Heimkinder noch mal laut ihre Wut heraus.

Gegenüber den neuen Heimkindern spüre ich eine gewisse Verantwortung. Deshalb ist mein Spiel an dem Nachmittag so laut und ausgelassen. Es ist meine Wut über die Zustände in meinem Heim. Ich will, dass die Neuankömmlinge gleich einen ersten Eindruck vom Oberlehen gewinnen, ich will sie vor Helling und Birner warnen.

Das Phantasiespiel mit Peter erleichtert mir mein alltägliches Kinderheimleben. Auch Kinderspiele im Wald, oberhalb des Oberlehens sind für mich entlastend vom täglichen Heimalltag. Die Gruppen, in denen wir durch den Wald streifen, in denen wir uns gegenseitig verfolgen und jagen, haben immer das Ziel, die Bösen zu besiegen. Unter der Gruppe der Bösen sind stets Helling und Birner. Meist werden sie zum Schluss von mir und anderen Kindern hingerichtet. Helling ist die dicke Tanne gegen die ich mein Taschenmesser schleudere. Birner ist die Birke neben der Tanne. Ihn bespuckte ich und traktierte ihn anschließend mit meinem Taschenmesser. Die gespitzten Pfeile unseres Indianerspiels schießen wir, im Anschluss nach einer aufregenden Verfolgungsjagd, auf die Birke Birner und die Tanne Helling.

Weil mich die neu im Oberlehen angekommenen Kinder heute fragen, was für ein komisches Spiel ich im Sandkasten mit den Matchboxautos spiele, erkläre ich es ihnen so:
„Wenn du nicht sofort parierst, sobald die beiden Männer etwas von dir verlangen, wenn du ihre Befehle nicht sofort befolgst, kriegst eins in die Fresse! Birner schlägt brutal zu, deshalb Vorsicht! Wenn du ihn in deiner Nähe siehst: sofort das Maul halten! Auch Helling ist brutal! Er braucht nur etwas länger, bis er zuschlägt. In deinen Hintern wollen dir Helling und Birner treten. Das ist ein beliebter Spaß von denen, du wirst ihn kennen lernen. Wenn du nicht sofort verschwindest, treten sie kräftig zu. Am besten kommste hier durch, wenn du deine Klappe hältst und alles, was hier los, ist hinnimmst und alles tust, was verlangt wird. Hier brauchst du nicht selbst zu denken. Wenn du anfängst zu denken oder versuchst, dich gegen die zwei zu wehren, haste schon verloren. Die machen dich fertig, wenn du was gegen die sagst oder tust!“

Birner springt rot vor Wut hinter dem Holzschuppen vor. Er richtet seinen eisernen Blick auf mich. Riesig steht er vor mir im Sandkasten. Er trampelt auf unserem Obersalzberg herum. Mein roter Matchboxwagen versinkt im Sand unter Birners großem Schuh. Die Schießstättbrücke liegt zusammengebrochen neben Peters gelbem Sportwagen. Für Sekunden steht mir Birner übermächtig gegenüber. Es herrscht Schweigen.

Für mich sind es schlimme Sekunden, die ich kenne, aber mich nicht an sie gewöhne. Ich habe das schon oft erlebt. Birner löst das in einem gewaltigen Schlag gegen mich auf. Die anderen Kinder sind verschwunden, geflüchtet, auch Peter. Anspannung, Schweißausbruch, glühende Hitze um meinen Kopf. Beben und Zittern am Körper. Ich kenne das seit Jahren. Hautnahe Übermacht die in Ohnmacht mündet. Die ein oder zwei Sekunden des Schweigens versuche ich, zur Flucht zu nutzen. Ich habe das Gefühl, dass Birner immer schneller wird, denn die Sekunden werden immer kürzer.

Ich gehe leicht in die Hocke, versuche mir so Schwung zu geben, um nach rechts aus dem Sandkasten zu springen. Birner erkennt das, setzt deshalb sofort seinen linken Fuß vom zertretenen Obersalzberg auf den Sandparkplatz neben der zerstörten Schießstättbrücke. Ich vor Birner in die Knie im Sand, befinde mich im Absprung. Ich kann meine Körperbewegung nicht stoppen, sehe Birners riesigen Fuß direkt vor meiner Sprungrichtung. Ich springe. Plötzlich wird es dunkel. Mein Absprungbein schlägt gegen etwas hartes, wahrscheinlich Birners Knie. Ich spüre einen heftigen Aufschlag am Kopf. Ich lande nicht sofort im Sand. Birners Faust rifft hart auf mein Auge. Ich keinen Schmerz, sondern ich spüre, wie meine Hände in den Sand greifen. Jetzt schlägt mein Kinn im Sand auf. Ich höre nichts, sehe nichts, spüre keine Schmerzen. Es ist vorbei.

Peter stützt mich hinauf in unser Zimmer. Mein rechtes Auge schwillt an und schmerzt. Ich lege mich in mein Bett. Peter reicht mir einen kalten Waschlappen. Mein Magen schmerzt fürchterlich, mir ist schlecht. Birners Magenschwinger hat mich nicht ganz genau getroffen. Eine Rippe ist blau und schwillt an.

Heute ist Mittwoch. Inzwischen ist es Abend. Unsere Schuhe putzen wir um fünf Uhr im Schuhputzkeller. Mittwochabend gibt es „Strammer Max“. Eine Scheibe Brot mit Schinken und Spiegelei. Das beliebteste Abendessen, das ich im Kinderheim kenne. Alle Kinder finden sich pünktlich an ihren Sitzplätzen ein. Helling leiert das täglich gleiche Gebet herunter.
„Komm, Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast.“
Helling brüllt „Amen!“, sofort beginnt ohrenbetäubendes Messer und Gabelklappern. Der „Stramme Max“ wird hastig auf den zerkratzten Plastiktellern zerteilt. Wer noch einen zweiten „Strammen Max“ möchte, muss als erster fertig sein, denn es gibt nicht für jedes Kind einen zweiten.

Für mich und Peter gibt es heute nichts zu essen. Noch bevor Helling seinen Platz vor der Milchglastür erreicht, von wo er täglich sein Gebet in den Raum ruft, kommt plötzlich Birner in den Speisesaal. Helling faltet die Finger bereits zum Gebet. Birners aufgebrachte Worte an Peter und mich wartet er noch ab. Im Speisesaal herrscht in diesen Sekunden wegen des „Strammen Max“, der auf unseren Plastiktellern dampfend auf Verzehr wartet, hungriges Schweigen.
„Ihr beiden bescheuerten Sandkastenrocker! Für euch gibt’s heute nichts! Verschwindet! Aber sofort! Vor morgen früh will ich euch hier nicht sehen. Der Hof ist nicht gescheit gerecht, gleich nochmal an die Arbeit und danach ins Bett, sonst trete ich euch in den Hintern!“
Strafe durch Essensentzug gehört neben Birners Schlägen zum gewohnten Programm. Einerseits rechnen wir damit, dass Birner uns raus werfen wird, wegen dessen Gewalt vom Nachmittag, andererseits hoffen wir darauf, dass Birner es vergisst. Leider hat Birner abends nicht frei. Er ist da, obwohl sein Porsche nicht auf dem Hof vor dem Haupthaus parkt.

Peter und ich zucken zusammen. Ich rutsche schnell ein Stück von der Holzbank. Birners eiserner Blick trifft mich. Er brüllt irgendwelche Sätze und kommt schnell auf mich zu. Peter springt von der Holzbank, läuft links an Birner vorbei. Er wartet an der Milchglastür neben dem Klavier auf mich. Für Peter und mich ist im Bruchteil von Sekunden klar, dass wir den Raum so schnell wie nur möglich zu verlassen haben. Es geht darum, geschickt an Birner vorbei zu rennen, den Ausgang des Saals zu erreichen, um hinaus auf den Hof zu gelangen. Peter ist schneller als ich. Er befreit sich schneller von seinem Sitzplatz. Ich bin noch zwischen Holzbank und Tisch eingekeilt. Ich renne erst Sekunden später los. An Birner komme ich nicht in ausreichendem Abstand vorbei. Birners Hand erwischt mich. Sie packt mich fest an meinem linken Ohr. Birner zerrt mich die wenigen Meter zur Milchglastür. Peter rennt hinaus auf den Hof. Ich schreie, weil ich Birners harten Griff spüre. An der Tür lässt er von mir ab. Weil mein rechtes Auge noch stark angeschwollen ist, spüre ich brennenden Schmerz wegen meiner Tränen. Den Hof und Peter erkenne ich kaum. Birner brüllt, als ich schon den Kies vom Hof unter meinen Schuhen knirschen höre:
„Jetzt winseln wie eine Ratte, aber sonst halbstark das Maul auf reißen und Lügen verbreiten! Raus hier, du Penner!“
Sein Fußtritt verfehlt mich, denn in dem Moment, als er von meinem Ohr ablässt, renne ich sofort los Richtung Nebenhaus, wo ich Peter erkenne. Leise höre ich aus dem Speisesaal die drei ersten Worte von Hellings Gebet, das alle Kinder laut mitsprechen. Die anderen Kinder am Tisch haben Grund zur Freude, denn sie dürfen den strammen Max von mir und Peter verspeisen.