14. Wettschwimmen

Unter den neuen Ankömmlingen ist Hartmut. Helling und Birner verteilen die neuen Kinder auf deren Zimmer. Hartmut schicken sie zu uns. Hartmut ist Bettnässer. Ein Problem, das er ins Oberlehen mitbringt, ein Problem, das sich erst dort für ihn zu einem wirklichen Problem entwickelt.

Schnell gewöhnen sich Peter und ich an die Neuankömmlinge nicht aber an den Umgangsstil der Heimleiter. Helling und der Buchhalter Birner strahlen Brutalität und Gewalt aus. Für beide sind Schläge mit der Faust ins Gesicht oder die Magengrube alltägliche Erziehungstechniken.

Von nun an besteht eine neue Ordnung am Oberlehen. Gewalt gegen Kinder und Beschimpfungen wie: Du Armleuchter! Du Volltrottel! Du Arsch mit Ohren!. Du hirnamputierter Depp! Du Pisser! Helling und Birner bringen Orientierung, sie verschaffen sich Respekt durch tägliche Demonstration von Muskelkraft und erniedrigenden Worten, mit denen sie uns betiteln. Deren Überlegenheit und ihre Macht stärken beide täglich indem sie sich Respekt verschaffen mit regelmäßigen Kopfnüsse, Ohrfeigen, Faustschlägen. Innerhalb weniger Wochen krempeln beide das Oberlehen um.

Helling, ein kleiner, korpulenter, kräftiger Mann, bringt uns schnell bei, ihn zu fürchten Er ist unberechenbar. Dessen Schläge kommen oft im Affekt. Der Faustschlag, der mich durch die Glastür schleudert und die Kellertreppe hinunter stürzt, kommt völlig überraschend. Helling schlägt in Momenten zu, in denen ich nicht mit solcher Gewalt rechne. Es sind seine Überraschungsangriffe und Übergriffe, die ich fürchte. Wenn er den Aufenthaltsraum betritt, schrecke ich innerlich zusammen. Ich denke sofort darüber nach, welchen Anlass ich ihm gegeben haben könnte, um wieder unvermittelt zuzuschlagen.

Auch wenn Helling kein Wörtchen sagt, wenn er seine Hand nicht zum Schlag erhebt, spüre ich Angst vor dem Mann. Er hat Macht durch Kräfte, die er benutzt, um mich ganz klein zu kriegen. Obwohl ich schon ganz klein geworden bin, schlägt er weiterhin auf mich ein. Offenbar bin ich einer, der für Helling eine permanete Herausforderung ist. Es kann sein, dass er mich nochmal schlägt, für etwas das er bereits vor Tagen bestraft hat. Obwohl er mich schon am Ohr durch den Flur geschleift hat, mir eine Woche Stubenarrest gegeben hat, wegen meines Geschrei im Klo des Nebenhauses, als Michael mich in die Kloschüssel drückt, kann es sein, dass er mich deshalb im Vorbeigehen, Tage später nochmal kräftig ohrfeigt. Ich bin einer, auf den Helling immer wieder einprügelt. Ich bin ein Kind.

Weil Hartmut Bettnässer ist, nennt ihn der Heimleiter „Pisser“. Helling betitelt alle Kinder mit Spitznamen. Dessen Spitznamen werden zu unseren neuen Namen. Mit ihnen rufen wir uns gegenseitig. Hartmut wird seinen Spitznamen „Pisser“ am Oberlehen nicht mehr los. Kein Kind entkommt der Rolle, die Helling durch einen Spitznamen zuweist. Helling merkt nicht, dass Hartmut nach Jahren längst aufgehört hat, einzunässen.

Manche Erzieherinnen verheimlichen vor Helling, wenn sie morgens feststellen, dass Kinder im Oberlehen einnässen. Sie verhindern, dass Helling diese Kinder auch mit solchen Spitznamen wie Hartmut beschimpft. Sie helfen den Kindern dabei, morgens ihre nasse Bettwäsche heimlich in die Waschküche zu schaffen. So schützen sie uns vor Hellings Hass, Wut und dessen Unberechenbarkeit. Doch keine Erzieherin schafft es, uns wirklich zu helfen, denn Helling und Birner schicken sie stets nach Monaten wieder davon und holen neue Erzieherinnen.

Hellings Regeln und dessen Worte akzeptieren wir am Oberlehen sofort. Dem Respekt vor Hellings Schlägen entkommt kein Kind. Widerstand ist zwecklos. Helling und Birner geben uns keine Chance. Sie überwachen alles. Irgendwann glaube ich sogar, dass beide Männer alles wissen. Sie scheinen zu wissen, was ich denke.

Eines Tages lässt mich Birner in seinem Büro antreten. Ich ahne nicht warum. Dann spricht er von einem neuen Kassettenrecorder, den ich mir vom Taschengeld kaufen möchte. Ich weiß nicht, wie er auf diese Idee kommt. Aber ich habe daran tatsächlich gedacht, denn mein alter Rekorder ist schon lange Zeit kaputt. Birner muss wissen, was ich denke, was ich will. Er erklärt, dass ich keine Chance habe, auf einen neuen Rekorder zu sparen, denn ich müsse noch lange Zeit für die Glasscheibe bezahlen, die ich kaputtgemacht habe, als Helling mich mit einem kräftigen Hieb durch sie gestoßen hat.

Ich verstehe, das es um das Siegen geht und dass Sieger nur derjenige sein kann, der die entsprechende Kraft und Macht hat. Buchhalter und Heimleiter sagen: Was zählt in diesem Leben, ist Kraft und Stärke. Entscheidend ist, wer der Stärkere ist. Siegen wird stets der Mächtigere.

Schläge der Heimleiter Helling und Birner bedeuten Knochenbrüche, Prellungen, blaue Augen und solche Dinge. Das schlimmste aber ist, dass keine Auflehnung, keine Solidarität unter uns entsteht. Stattdessen regiert mich meine Angst vor den beiden.

Heimleiter und Stellvertreter entwickeln und unterstützen unsere kindliche Brutalität. Wir sind „Schlappschwänze, Halbstarke oder Sandkastenrocker“. Muskelkraft ist die wichtigste Sache im Leben. Gewalt und Brutalität unter uns sind beste Maßstäbe, um voran zu kommen. Im Oberlehen geht es Kindern am besten, die, wie der Berliner Michael, die Kraft haben, ein System von Fahrraddiebstahl und Abkassieren schlagkräftig durchzusetzen. Wie Helling und Birner, setzen Kinder im Oberlehen die eigenen Interessen wirkungsvoll mit Gewalt durch. Der Lebensstil von zwei Männern ergreift uns, und lässt uns nicht mehr los.

Kinder bekämpfen sich gegenseitig. Courage, Mut oder gar Widerstand gibt es nicht. Aufstacheln und Ärgern anderer Kinder sind gute Taten. Schwäche zeigen ist verboten, denn das provoziert Gewaltausbrüche andere Kinder. Uns regieren Hass und Ablehnung. Wir brüllen uns gehässig an und verprügeln uns. Helling und Birner finden das gut. Beide behalten uns damit im Griff.

Helling legt sich mit meinem Freund Peter an. Es geht um die jungen Mädchen, die im Heim wohnen. An die macht sich Helling abends vor dem Fernseher heran. Die nimmt er in seinem grünen Opel Rekord mit, um irgendwo hinzufahren. Mit ihnen verschwindet er in seine Wohnung im Erdgeschoss des Nebenhauses.

Morgens sehe ich Helling, die Sonne ist gerade aufgegangen, wie er zusammen mit einer jugendlichen Heimbewohnerin hinter dem Haus die Wiese herunter läuft. Am Vorabend fand oben am Berg ein Lagerfeuer statt. Ich bin gerade auf dem Weg zur Toilette. Draußen, vor meinem Zimmer, verstecke ich mich um halb sechs Uhr für Sekunden unter der Holzbrüstung. Von dort sehe ich, wie Helling mit dem Mädchen in seiner Wohnung verschwindet. Über meine Beobachtungen mache ich mir keine weiteren Gedanken, denn ich bin froh, dass Helling mich nicht sieht. Das wäre Anlass für ihn mir wieder Schläge und kräftige Kopfnüsse zu geben.

Helling weiß, wessen Eifersucht er herausfordert, wen er ärgert, wem er seine Überlegenheit und Macht demonstriert, indem er vorführt, dass er sich ein Mädchen aus der Heimgruppe einfach nehmen kann. Es ist mein Freund Peter, den er damit ärgert. Was Helling mit den Mädchen in seiner Wohnung macht, weiß ich nicht. Samstags sehe ich ihn, wie er abends vor dem Fernseher seinen schweren Arm auf die Schultern von Heimbewohnerinnen legt.

Weil Helling sehr unsportlich, klein und korpulent ist, verliert er beim Wettschwimmern im Hallenbad immer. Wir sind gut trainiert, denn wöchentlich gehen wir mit der Schulklasse ins Schwimmbad. Jeder von uns hat verschiedene Schwimmabzeichen. Helling verliert das Wettschwimmen, zu dem er uns heraus fordert. Er ist beleidigt wie ein Kind. Weil er kein Kind ist, sondern der erwachsene Heimleiter, fordert er keine Revanche.

Er wartet, bis Peter, gegen den er das Wettschwimmen an diesem Samstag verliert, vom tiefen Wasser in das seichte kommt. Im seichten Wasser spielen wir im Stehen mit Wasserbällen. Peter denkt nicht mehr an das Wettschwimmen, sondern konzentriert sich auf das Ballspiel. Helling nutzt die Gelegenheit. Er schleicht sich von hinten heran und packt Peter. Ein typischer Überraschungsangriff, der zu Hellings Unberechenbarkeit gehört. Er rächt sich, wenn man nicht damit rechnet, weil man an das, wofür er sich rächt, nicht mehr denkt. Helling erträgt es nicht, wenn er einem untergebenen Kind im Wettstreit unterliegt. Er ist nachtragend und er ist das älteste und stärkste Kind unter uns. Ihm sind wir ausgeliefert.

Er presst Peter in den „Schwitzkasten“. Peters Kopf wird von Hellings kräftigem Oberkörper zur Seite gedrückt. Dann reißt Helling den Kopf kräftig unter Wasser. Ich sehe Hellings zynisches Lächeln, es spielt immer rund um seine Lippen, wenn er der Sieger ist. Hellings leicht eingefallenes Gesicht wirkt durch dessen zynisches Lächeln noch faltiger.

Peters Kopf bleibt so lange unter Wasser des Berchtesgadener Hallenbads, bis irgendetwas in dessen Trommelfell passiert. Nachdem Heimleiter Helling von Peter ablässt, platscht Peter benommen ins seichte Wasser. Er verliert kurz den Gleichgewichtssinn. Er liegt im Wasser und scheint langsam unterzugehen. Obwohl er mit den Füßen den Boden berührt, sinkt Peters Körper. Helling dreht sich weg. Er klettert an der Treppe aus dem Wasserbecken. Jetzt watet ein anderer Junge durch das Wasser zu Peter. Er zieht dessen Kopf aus dem Wasser. Tagelang klagt Peter über starke Kopfschmerzen und Schmerzen in einem Ohr. Nach knapp einer Woche wird er im Berchtesgadener Krankenhaus wegen eines Badeunfalls behandelt.

Im Oberlehen ist nicht mehr die Gruppe im Stuhlkreis wichtig, in der sich die Kinder abends erzählen, was sie tagsüber erlebt haben. Es werden keine Lieder zu singen gelernt. Wichtig ist nun, wer der stärkste und schnellste ist und wer vom Heimleiter und seinem Stellvertreter am wenigsten mit Schimpfworten, Kraftausdrücken, Spitznamen und Schlägen belegt wird. Wichtig ist, unverletzt davon zu kommen. Menschen, wie die alte Heimleiterin, die Abends Gitarre spielt und singt, sind Schwachköpfe, die Helling und Birner „bescheuert“ nennen, wie Kinder.