14. München

Die Stadt tobte um mich herum. Ich kannte das nicht. Sie bedeutete eine riesengroße Umstellung. Berchtesgaden mit seinen Bergketten war ein abgelaufener Film. Er war weg wie eine Vision die nach einem Filmabend im Kopf noch kurz weiterlebt. Er war weg wie auch das Gefühl nach dem Kino weggeht in eine andere Welt getaucht zu sein.

Die Stadt war gewöhnungsbedürftig. Sie forderte mich. Nicht weil es in ihr stank und lärmte, auch weil sie voll war von Menschen und weil sie über den Haufen warf, woran ich zuvor naiv geglaubt hatte. Geld und Kommerz waren wichtig in der Stadt. Einkaufen gehörte zu den Hauptbeschäftigungen von Christian und seiner Bekannten.

Die Bekannte sah ich kaum. Sie schien ihr Zimmer in der Zweck-WG als Kleiderlager zu nutzen. Dort stapelte sie im Laufe der Woche einen Berg Kleidung. Christian erzählte mir, dass sie einen Freund habe bei dem sie wohne. In der Zweck-WG erschien sie meist kurz vor sieben Uhr abends um sich umzuziehen. Am Wochenende kam sie samstags mit großen Einkaufstüten, in denen sich neu eingekaufte Kleidung befand. Die sortierte sie in ihre Schränke. Sie verstaute in ihren Einkaufstüten die im Laufe der Vorwoche gestapelte schmutzige Wäsche und verschwand. Montags ging das Spiel von neuem los. Sie erschien um neunzehn Uhr, zog sich in ihrem Zimmer um und verschwand wieder.

Das Leben in der Stadt schien mit meinem Leben zuvor nichts zu tun zu haben. Was die Bekannte von Christian tagsüber machte, warum sie in der Zweck-WG ein Zimmer gemietet hatte, warum sie ständig neue Kleidung kaufte und täglich kam um sich umzuziehen? Keine Ahnung, das musste mit dem Leben in der Stadt zusammenhängen. In der Stadt ging es anonym zu. Da konnte man wohnen, ohne dass jemand nach dem Zweck des Wohnens fragte. Wichtig war vor allem, dass die Bekannte von Christian dafür bezahlte.

Christian interessierte sich nicht dafür was seine Bekannte tat. Er wusste weder wo ihr Freund lebte, noch ob seine Bekannte tagsüber einer Arbeit nachging, zur Schule ging oder nichts dergleichen tat. Das war ihm völlig egal solange sie die Miete für ihr Zimmer regelmäßig an den Vermieter seiner Zweck-WG überwies. Im Gegenteil, nach einigen Wochen des Zusammenlebens hatte ich das Gefühl, dass Christian es gut fand, seine Bekannte in der Wohnung so selten zu sehen.

Christians Hauptbeschäftigung am Wochenende war das Einkaufen. Dafür nahm er sich viel Zeit. Während der Woche hatte er wegen seines Schulbesuchs und seiner Arbeit dafür keine Zeit. Er kam täglich mittags gegen vierzehn Uhr von der Schule kurz nach Hause, zog sich um und verschwand schon um fünfzehn Uhr wieder. Er erledigte Hausaufgaben und Lernen für die Berufsoberschule offenbar irgendwie neben seiner täglichen Arbeit im Fitnesscenter. In der Zweck-WG erschien er abends nach der Arbeit gegen dreiundzwanzig Uhr.

Samstags fuhr er gegen neun Uhr morgens los, um genügend Zeit für das Einkaufen zu haben. Die Stunden bis um vierzehn Uhr die Geschäfte schlossen, graste er alle möglichen größeren und kleineren Möbelmärkte rund um die Stadt ab. Das tat er zusammen mit seiner Freundin die jedes Wochenende am Freitagabend in die Zweck-WG einzog. Jeden Samstag nahmen sich die beiden ein neues Gewerbegebiet irgendwo am Stadtrand vor.

Genauso wie Christian war dessen Freundin begeisterte Einkäuferin. Es ging ihr hauptsächlich um Kleinigkeiten, die aber wohl entscheidend waren. Ein kleines Deckchen hier, ein Kissen dort, ein Farbtupfer auf dem Fernsehgerät, ein hübsches, dekoratives Stückchen auf dem Fensterbrett. Das alles war reine Geschmackssache. Es bewies ihren Stil. Wegen Kleinigkeiten lohnte es sich, am Samstag immer weiter wegzufahren, um in einem neuen Möbelmarkt hübsche Dinge, die sie Accessoires nannte, einzukaufen. Daran konnte sie sich mit Christian zusammen freuen. Das war deren Lohn der Arbeit.

Ich sah die beiden wenig miteinander lachen. Ich hatte oft den Eindruck sie ärgerten sich über ihren Einkauf. Die Qualität der Waren gefiel meist nicht. Das Objekt war oft doch nicht der erhoffte Schlager, weil die Farbkomposition auf dem Fensterbrett an der Autobahn nicht ganz mit dem Ton des Vorhangs harmonierte. Der Verkäufer hatte meist falsch beraten. Er hatte vom ursprünglich angedachten Objekt abgeraten, was sich in der Zweck-WG an der Autobahn stets als „Geschmacks-Katastrophe“ erwies. Das Resultat: Der eigene Geschmack ist doch am verlässlichsten! Die Beratung im Geschäft war mal wieder ein großer Reinfall! Das Objekt wird nächstes Wochenende umgetauscht!

Wohnen in der Stadt war nicht wohnen weil man halt ein Zimmer oder eine Wohnung brauchte in der man wohnte, von der aus man lebte. Es schien eher eine Stilfrage zu sein. Es ging darum die Anonymität der Stadt zu nutzen. Es schien darum zu gehen sich selbst zu zeigen, dass man konnte wie man wollte. Zu können wie man wollte bedeutete frei zu sein. Geld das er verdiente konnte er ausgeben wie er das wollte. Das war seine Freiheit. „Tinnef“, den er zusammen mit seiner Freundin einkaufte war beider Glück. Deren Glück wurde getrübt, wenn beide sich nach jedem Einkauf konsequent über die erworbenen Stücke und die Verkäufer ärgerten. Das wiederum gehörte zu der Art, wie beide Freiheit definierten. Einkaufen und über das Eingekaufte meckern. Das war der Kick! Freiheit war, wenn Waren durch Umtausch am folgenden Wochenende gekrönt wurden.

Dagegen war mein Alltag in der Stadt sehr einfach: Ich fuhr täglich zur Schule. Zuerst fuhr ich mit einem Stadtbus, stieg danach in die U-Bahn um und nahm anschließend noch einen Bus. Ich saß bis dreizehn Uhr im Unterricht und kam täglich um halb drei Uhr zurück in die Zweck-WG. Dort traf ich manchmal auf Christian der um diese Zeit das Haus verließ um zur Arbeit zu fahren. Nachmittags saß ich im kleinen Wohnzimmer. Dort lernte ich und erledigte Aufgaben für die Schule. Am Wochenende besichtigte ich die neuesten Einkäufe und hörte den Einkaufsgesprächen zwischen Christian und seiner Freundin zu. Das war ’s.