13. Wohngemeinschaft

Am ersten Schultag in der Fachoberschule spürte ich den Wunsch in Berchtesgaden geblieben zu sein. Dort hatte ich Sicherheit gehabt. Sie bedeutete Routine und Gespräche. Manchmal war das dumpfe bayerische Geplapper und Geplärre der Mitschüler, das ich seit Jahren kannte, nervig aber es war alltäglich. Das fehlte nun völlig denn ich kannte in der neuen Schule niemanden. Mir blieb deshalb Zurückhaltung und Beobachtung.

Richard war ein Blondschopf. Er trug leicht gewellte helle Haare, hatte lange Arme mit riesigen Händen und eine laute tiefe Stimme. Er begann einfach mit den Leuten um sich herum zu sprechen. Eine Gruppe von etwa dreißig Schülern in einem grauen Neonlicht beleuchteten Flur vor verschlossenen Klassenzimmern. Ich stand beobachtend etwas abseits von wo ich Richard hörte:

„In welchem Club sind wir denn hier gelandet?“
Ein kleinerer Typ mit runder John-Lennon-Nickelbrille antwortete Richard, wohl weil er direkt neben ihm stand:
„Das wird doch nicht der Club der grauen Betonköppe sein, so wie die Bude hier aussieht?“
Richard daraufhin:
„Na, na, na, sind wir mal froh, dass die uns hier überhaupt rein lassen. Hast Du auch so eine dämliche Absage bekommen mit Nummer und Option auf einen Platz in dieser Schule?“

Das war mir passiert. Weil ich nicht aus München stammte und das Angebot an Schulplätzen begrenzt gewesen war, hatte ich zunächst eine Absage erhalten. Erst eine Woche vor Schuljahresbeginn fand ich die Zusage im Briefkasten.

Der Typ mit der Nickelbrille hieß Thomas. Er ärgerte sich über den Bau und den finsteren Flur in dem wir warten mussten. Zum Gespräch der beiden, das ich als pauschale Lästerei über das Gebäude, die Schule und die Schulverwaltung erkannte, gesellten sich nun zwei junge Mädchen. Annette und Sofia. Annette wirkte aufgedonnert, ihr blondiertes Haar stand ihr zu Berge. Ein Anfang der achtziger Jahre üblicher Stil zwischen Punk und New Wave. Sie war groß, sprach laut und lachte laut. Ich fand etwas zu laut. Das wirkte herablassend beinahe gehässig. Vielleicht waren ihre Worte sarkastisch? Ich hörte leider nicht was sie Thomas und Richard zu sagen hatte, denn ich stand noch zu weit entfernt. Sofia war klein, schwarz haarig, sie trug sackartige Kleider, die in bunten Farben leuchteten. Sie sprach viel leiser als Annette. Von ihr hörte ich nicht einmal ihr Lachen, während das von Annette unkontrolliert durch den grauen Gang schallte.

Die Gruppe der vier interessierte mich. Sie waren die einzigen unter den neuen Klassenkameraden, die sich an dem Morgen in einem Gespräch näher kamen. Darin sah ich eine Chance. Ich wollte endlich der gespenstischen Ruhe, die sich seit meinem Umzug nach München in mir breit gemacht hatte, entkommen. Ich sagte mir: Du bist nun dran! Ich näherte mich der gesprächigen Gruppe. Jetzt hörte ich was gesprochen wurde. Es war Ärger darüber, dass wir so lange vor der Klassenzimmertür warten mussten.

Auch ich hatte hier zu warten. Ich mischte mich ein. Ich schloss mich dem Schimpfen der vier an. Ich erfand Beispiele dafür, was ich in dem Augenblick besseres zu tun hätte, wenn ich nicht gezwungen wäre vor der Türe in dem grauen Betonflur zu waren. Ich hatte nichts zu tun. Es gab an dem Tag nichts für mich was sinnvoller gewesen wäre. Trotzdem ärgerte ich mich zusammen mit den Viren über die sinnlose Warterei. Der Inhalt unseres Gespräches war Nebensache, er war belangloses Gequatsche. Ich hatte es geschafft. Ich sprach mit den ersten neuen Freunden in meiner neuen Stadt.

Vor meiner Wohngemeinschaft hatte ich ein altes Auto stehen. Darüber sprach ich, denn ich wollte diese alte Karre reparieren, hatte aber keine Ahnung, wie ich das anstellen könnte. Das Auto hatte ich nahe Berchtesgaden bei einem Schrotthändler gekauft. Die technische Überprüfung war jetzt fällig geworden. An der Rostlaube gab es jede Menge Reparaturbedarf.

„Ruft da mal bei Mikes Ersatzteilrampe an“, hörte ich von Thomas.
„Mike schlachtet die Dinger aus und verkauft gebrauchte Teile für jeden Typ. Ein Käfer ist überhaupt kein Problem, dafür hat Mike alles da. Die Telefonnummer kann ich dir aufschreiben.“
Das Auto zu reparieren, war die einzige Beschäftigung, die mir einfiel, die für mich gerade an stand. Ich wollte den Wagen wieder fit machen und verkaufen.
„Wir könnten deine Rostmühle mal zusammen anschauen, wenn du willst. Habe schon einige derartige Schrottlauben repariert.“
Das war ein Angebot. Ich nickte Thomas zu und erklärte ihm wo meine Wohngemeinschaft lag.

Im Klassenzimmer standen die Tische in U-Eisenform. Das ermöglichte es, dass fünf Personen in gesprächiger Nähe zueinander Sitzplätze fanden. Wir setzten uns an eine Ecke dieses U-Eisens so dass Blickkontakt möglich war. Am Ende des ersten Schultages saß ich zusammen mit den vier neuen Klassenkameraden in einer Kneipe. Annette hatte die Kneipe vorgeschlagen. Es war ihr Arbeitsplatz, an dem sie täglich ab siebzehn Uhr anzutreten hatte. Sie bediente dort jede Nacht bis ein Uhr früh. Erst in der Kneipe wurde mir bewusst, dass es tatsächlich ernst zu nehmende Alternativen gab, Zeit zu verbringen. Annettes Alternative war es, die halbe Stunde des sinnlosen Wartens am Morgen vor dem Klassenzimmer einfach länger zu schlafen. Sie war permanent sehr müde wegen des Kneipenjobs. Für mich war die sinnlose halbe Stunde gut. Jetzt hatte ich Kontakt.

In der Kneipe war ich damit beschäftigt meine Verunsicherung zu überspielen. Arbeit diente der Sicherung des Lebensunterhaltes. Annette hatte ihren Job bitter nötig. Sie lebte von dem Geld das sie damit verdiente. Nur mit dieser Arbeit, von Nachmittags bis spät in die Nacht hinein, konnte sie die Miete für ihr Zimmer in ihrer Wohngemeinschaft und Lebensmittel bezahlen. Annette wollte in zwei Jahren den Abschluss an der Fachoberschule schaffen, um dann zu studieren. Ich staunte innerlich, denn sie war in meinem Alter. Ich aber hatte noch nie richtig gearbeitet.

Logik die Annette hinter ihrem Schulbesuch sah, das Ziel, die Klarheit, mit der sie wegen des Geldes für ihren Lebensunterhalt ihren Kneipenjob erledigte, all das war mir fremd. Ihre Eltern hatten sie in der Luft hängen gelassen. Von denen erzählte sie, war für sie nichts mehr zu erwarten. Sie lebte schon seit knapp drei Jahren in einer Wohngemeinschaft mit drei Studenten. Alles was sie täglich benötigte verdiente sie selbst. Von den Eltern komme sie nichts, weil die für sich selbst kaum genügend Geld hätten.

Ich hatte in München ein Zimmer in einer kleinen Wohngemeinschaft gefunden. Es war eine sogenannte Zweckwohngemeinschaft. Davon sprach man, wenn die Bewohner außer dem Zweck des Zusammenwohnens keine weiteren Absichten miteinander verfolgten. Man könnte auch sagen, dass die Bewohner nicht miteinander befreundet waren.

Christian, ein Bekannter aus Berchtesgaden war wie ich nach München gezogen. Er hatte mich wegen der Zweck-WG angesprochen. Er habe eine kleine Dreizimmerwohnung an der Hand. In diese wolle er mit einer Bekannten einziehen. Es würde aber noch ein Mitbewohner fehlen um die Miete zu berappen. Für mich war das Angebot ideal. Ich brauchte mich um nichts weiter als meinen Umzug zu kümmern. Weil ich in München noch niemanden gekannt hatte fand ich Christians Angebot gut. Was eine Zweck-WG war lernte ich erst im Laufe der Zeit.

Ich fuhr meinen kleinen Hausstand in dem schrottreifen Käfer von Berchtesgaden nach München. Die Zweck-WG lag am südöstlichen Stadtrand, direkt an der Autobahn. Vor meinem Fenster im ersten Stock rasten Autos und LKW auf sechs Autobahnspuren Tag und Nacht dahin. Das machte mir nichts aus. Auch Christian störte der Verkehrslärm nicht. Er fiel nach der Arbeit kaputt in sein Bett.

Christian arbeitete abends in einem Fitnesscenter und besuchte tagsüber eine Berufsoberschule. Die tägliche Arbeit neben der Schule war kein Spaß. Das begriff ich wegen Annette und Christian. Ich konnte mir nicht vorstellen beides unter einen Hut zu bringen. Christian arbeitete genauso wie Annette jeden Tag bis tief in die Nacht.

Ich stellte mir einfach vor, beide hätten mit ihrer Arbeit neben dem Schulbesuch einen Weg eingeschlagen, der die Flucht sowohl in das eine als auch das Andere ermöglichte. Wenn es in der Arbeit nicht gut lief, konnte die Schule ein Grund dafür sein, lief die Schule schlecht, war Grund dafür die Arbeit. So dachte ich darüber. Ich suchte nach Gründen die rechtfertigten, dass ich neben der Schule nicht arbeitete.

Arbeit war kein Zeitvertreib, genauso wenig wie die Schule. Damals fragte ich mich nämlich oft, wo denn der rechte Sinn meines Schulbesuchs lag? Ich sah darin überwiegend den Zeitvertreib. Was sonst sollte ich tun? Ich hatte Birners Haus am Obersalzberg hinter mich gebracht, ich war der Bacheischule in Berchtesgaden entkommen und hatte auf dem Obersalzberg die Realschule geschafft. Annette und Christian hatten ganz andere Motive zu arbeiten und die Schule zu besuchen. Sie hatten ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Diese Wahrheit war für mich neu.

Ich stellte mich in der neuen Schule zu einer Gruppe und stieg in die gesprächige Runde um Richard, Thomas, Sofia und Annette ein. War mir die Lust danach, klinkte ich mich wieder aus. Ich ließ mich von Christian in die Zweck-WG aufnehmen und lebte dort neben der Autobahn dahin. Warum ich dort lebte, dass ich nicht arbeitete um die Schule zu besuchen, warum ich den Lärm neben der Autobahn nicht hörte, das wusste ich nicht. Ich sah mich um und hörte zu. Ich stellte mich dazu und beobachtete das Leben und Geschehen um mich herum.