13. Keine Regeln

Tagelang ist es ruhig im Oberlehen. Ruhe, wie ich sie noch nie erlebt hatte. Im Hof unter der Eiche rührt sich nichts. Abends ist der Hof leer, kein Stuhlkreis, kein lautes Mittag- und Abendessen im Freien mehr.

Die letzten dreißig Erholungskinder holt ein Reisebus ab. Ihre Zimmer bleiben leer, kein neuer Reisebus mit neuen, erholungsbedürftigen Kindern kommt den Berg hinauf gefahren. Ich fühle mich einsam. Ich glaube, ich spüre das zum ersten Mal in meinem Leben. Obwohl Peter da ist, spüre ich die Einsamkeit. Wir sprechen in diesen Tagen wenig miteinander. Ich glaube immer noch nicht daran, dass Helling und Birner die neuen Herren sind, die uns von nun an sagen, was wir zu tun oder lassen haben. Die Veränderung kann und will ich mir nicht vorstellen.

An einem Abend erklärt mir Peter, dass er und ich die „Vorhut“ sind, von vielen anderen Kindern, die auch „für immer“ im Oberlehen wohnen sollen und dass das Oberlehen als Erholungsheim ausgedient hat. Es ist der Abend an dem Peter mit einem gestohlenen, kleinen Kofferradio aus Berchtesgaden hinauf ins Oberlehen kommt. Peter hat wie ich große Probleme mit der plötzlichen Ruhe. Sein neues Kofferradio dreht er in unserem Zimmer auf, um die Ruhe im Oberlehen zu unterbrechen.

Wir sprechen an dem Nachmittag nicht über unsere Situation. Wir sprechen über dieses geklaute Radio. Ein Diebstahl, den Peter wegen seiner Verzweiflung am Nachmittag ausgeführt hatte. Im Geschäft wurde er nicht erwischt, aber er hat Angst, dass der Diebstahl im Heim herauskommen könnte. Wegen unseres Gesprächs über das Radio, wegen unserer Überlegungen, wie wir den Diebstahl verbergen können, werden wir uns unserer Situation gewahr. Wir wissen, dass der Diebstahl niemandem auffallen wird, dass niemand bemerken wird, dass Peter dieses Radio erst seit diesem Nachmittag hat.

In der Ruhe des Abends spüren wir, dass wir nichts zu verlieren haben. Alle bisherigen Regeln sind nämlich außer Kraft gesetzt. Der Mensch, die alte Heimleiterin, von der die Regeln bisher festgelegt und überwacht worden waren, ist endgültig nicht mehr da. Weil die Heimleiterin verschwunden ist, endet die Beziehung zwischen ihr und uns abrupt. Deshalb diese unerträgliche Ruhe. Sie ist das eindeutige Zeichen für die Veränderung. Ich spüre, dass es in meiner Nähe niemanden mehr gibt, den es ernsthaft interessiert, was ich tue. Es gibt niemanden, den es interessiert, wie es den Kindern am Oberlehen geht. Es gibt niemanden der ein Auge darauf hat, dass wir nicht tun, was wir nicht tun dürften. Ich spüre, dass mit dem Weggang der alten Heimleiterin, die einzige Person verschwunden ist, die immer an uns gedacht hatte. Die Person, an der ich mich orientiert habe, an deren Urteil ich dachte, wenn ich in Gedanken die Idee entwickelte, gegen eine Regel zu verstoßen, ist verschwunden.

Den Gedanken des Verlustes kann ich nicht zulassen. Deshalb träume ich nachts und denke tagsüber, dass sie nur, wie sie es früher oft getan hat, in ihrem Wagen hinunter in den Ort gefahren war. Die alte Heimleiterin sehe ich nie wieder.

Eine neue Idee kommt, wegen der spürbaren Einsamkeit und der Ruhe, durch die ein Loch entsteht, das die verschwundene Leiterin und deren fehlende Regeln und Gesetze auf reißt. Gut an Peters Diebstahl ist, dass es ein Radio ist. Wir benutzen es, um zu konsumieren was gesendet wird. Aber es hat noch eine andere Funktion. Peters Radio unterbricht das unerträgliche Schweigen, die Ruhe in unserem Heim. Es stopft das Loch, das nicht gestopft werden kann wenigstens ein bisschen. Niemals zuvor hat Peter etwas gestohlen.

Es gibt keine Regeln mehr, die Kinder und die Leiterin sind plötzlich weg, Peter und ich wissen deshalb nicht mehr, wie wir uns zu verhalten haben, was wir zu denken und zu sprechen haben, was wir zu tun haben. Natürlich gehen wir täglich weiter in die Schule. Dort gelten weiter die bisherigen Regeln, die Lehrerin bleibt, auch die Schüler bleiben.

Nachmittags sitzen wir im Aufenthaltsraum im Oberlehen. Eine neue Erzieherin kommt. Sie betreut uns bei den Hausaufgaben. Morgens weckt sie uns, macht Frühstück, mittags und abends kocht sie.

Eine Woche später kommen die ersten neuen Kinder. Die Erzieherin erklärt, dass die wie wir „für immer“ im Oberlehen wohnen. Helling und Birner sind von nun an täglich im Oberlehen. Die Erzieherin verschwindet eines Tages plötzlich. Neue Erzieher kommen, bleiben für einige Monate und verschwinden. Helling und Birner verschwinden nicht, sie bleiben „für immer“.