12. Wohnen bei der Ferienmutter

In dem Augenblick, als ich unten auf der schmalen Straße den schweren Mercedes vorfahren sah, klingelte die Eieruhr.

„Da kommen sie!“, rief ich zur Ferienmutter von der Terrasse im ersten Stock in die Küche.
„Wunderbar!“, hörte ich die Ferienmutter aus der Küche rufen.
„Der Braten ist gerade fertig!“

Die Begrüßung zwischen der Ferienmutter und ihren Eltern war herzlich. Sie reichte beiden die Hand und umarmte sie. Wir setzten uns an den edel gedeckten Tisch. Die Ferienmutter hatte mir aufgetragen, die goldenen Serviettenringe mit einem Lappen und einer hellen Paste zu putzen. Ich bemühte mich, doch ich schaffte es nicht den Ringen zu dem erwarteten Glanz zu verhelfen. Schließlich hatte sie selbst diese Aufgabe übernommen, während sie mich vom kalten Terrassentisch, an dem sie das Silber putzte, anwies wie der Tisch zu decken war. Ich hatte meine Mühe damit. Weder Tischordnung, noch Gedecke richtig zu legen waren mir jemals beigebracht worden. Im Haus bei Birner wurde der Teller hingestellt, das Besteck daneben gelegt und fertig. Das war bei der Ferienmutter ganz anders.

Ich war in deren Haushalt eingezogen und begann neben der Schule, in der fast alles für mich neu gewesen war, nun auch dort alles neu zu erlernen. Sie hatte klare Vorstellungen davon wie Haushalt und Küche zu organisieren waren. In der Küche gab es eindeutige Strukturen und Zeitpläne, die exakt eingehalten wurden. Das hatte ihr die Tante nach dem Krieg Jahre lang auf dem Gehöft ihrer Eltern beigebracht. Der Esstisch war stets nach der gleichen Ordnung zu decken. Die Ordnung wurde noch penibler geprüft, wenn hoher Besuch angemeldet war. Die Eltern der Ferienmutter waren allerhöchster Besuch.

Tischdecken, Gläser, Besteck, Serviettenringe, alles hatte in exakter Ordnung seinen Platz auf dem Tisch und es hatte sauber zu blitzen. Die Ferienmutter bemühte sich darum mich in diese Ordnung einzuführen. Sie ließ keinen Zweifel daran, dass die Ordnung auch wenn ich sie nach zwei Jahren in ihrem gut geführten Haushalt immer noch nicht richtig gelernt hatte, unverzichtbar in einen zivilisierten Haushalt gehörte. Dass ich das wohl nicht mehr lernen würde, offenbarte sich von Jahr zu Jahr stärker. Das war für sie aber kein Grund, ihre Bemühungen um mich einzustellen. Im Gegenteil: Ich wurde immer wieder aufs Neue eingewiesen.

Wenn der Feriengroßvater von der weiten Ostsee zu Besuch kam, dann verdiente er es einen Teil des Regimentes im Haushalt der Ferienmutter zu übernehmen. Das Tischgebet, sonst von der Ferienmutter gesprochen, war Angelegenheit des Feriengroßvaters. Sein Dank für die Speisen auf dem Tisch galt Gott allein. Den machte er ausführlich für alle Gaben verantwortlich von denen ein guter Mensch in schlechter aber vor allem guter Zeit profitierte.

Der Feriengroßvater sprach am Tisch nicht mit mir. Er unterhielt sich mit seiner Tochter über mich. Es sei ein bewundernswert löblicher Zug einen Menschen der offensichtlich dringend Hilfe benötigte aufzunehmen. Er und die Feriengroßmutter, die lächelnd zustimmte, sahen ein breites Lernfeld das ich unbedingt benötigte. Die Feriengroßmutter sagte wenig. Sie vertrat größtenteils schweigend die gute Meinung ihres Mannes. Einzig als der Dank an Gott besprochen wurde, sagte sie, dass es der Tochter sicher sei, eines Tages in den Himmel zu kommen, weil sie letztlich meiner Aufnahme nicht nur zugestimmt habe, sondern sich sehr aktiv bei Birner dafür eingesetzt hatte.

Das Wildmenü schmeckte den beiden vorzüglich. Dunkles Fleisch so zart zuzubereiten, dass es beinahe auf der Zunge zergehe, sei eine hohe Kunst. Der Feriengroßvater berichtete ausschweifend von der letzten Jagd, die leider erfolglos verlaufen war, nachdem sein sicher geglaubter Treffer sich beim Annähern an das Reh als Streifschuss erwies. Das Tier war vor seinen Augen verletzt in den Wald geflüchtet, noch bevor er seine Büchse erneut auf es anlegen konnte.

Abends auf dem Gehöft genoss der Onkel das feine Birnenkompott. Am Abendbrottisch berichtete er, dass in der Arbeit ein neues Räumkommando und ein Räumungsplan für die kommende Woche beschlossen worden war. Das wäre endlich die lange erwartete Freigabe für den riesigen Kartoffelacker am Waldrand hinter dem Gehöft. Wenn alles gut ginge und keine Blindgängerbombe den breiten Acker in einen tiefen Krater zersprenge, dann könne der Gemüseanbau schon in der übernächsten Woche beginnen.

Die Tante war von dieser Nachricht begeistert. Sie freute sich darauf das riesige Feld bald zu bewirtschaften. Die Versorgungslage war katastrophal. Zwar hatten alle Menschen auf den umliegenden Höfen wegen ihrer kleinen Gemüsegärten genug zu essen, doch im Ort gab es noch viele Menschen die nach wie vor hungerten. Nächtliche Einbrüche in den Höfen, vor allem in deren Speisekammern, waren häufig. Erst in der Vorwoche wurde ein junger Mann beinahe zu Tode geprügelt, weil er auf dem Nachbarhof beim Eierdiebstahl erwischt worden war. Seine schwer kranke Mutter hatte ihn beauftragt auf dem Markt einzukaufen, doch die Preise waren so gestiegen, dass der Speiseplan unmöglich zu bezahlen war.

Das Mädchen hörte den Gesprächen von Tante und Onkel am Tisch jeden Abend aufmerksam zu. Sie freute sich, wenn der Onkel eine Geschichte aus der Arbeit mitbrachte, die die Tante lächeln ließ. Solche Geschichte gab es selten.

Der Räumungsplan, um eventuelle Blindgänger aus den Feldern und Wäldern aufzuspüren und zu entfernen, war so eine Geschichte. Die ganze Umgebung des Hofes war für das Mädchen und für die Arbeiterinnen auf dem Feld tabu. Täglich las die Tante in der Zeitung von Unfällen auf Grund von Explosionen. Bauern die keine Geduld aufbrachten, die Räumungspläne mit ihren Kommandos abzuwarten, fuhren mit ihren schweren Traktoren und Pflügen, manchmal auch nur mit einem Handpflug oder Pferdekarren auf Blindgänger auf.

Den unsäglich vielen sinnlosen Toten des Krieges, so sagte der Onkel am Abendbrottisch, folgten noch unsäglich viele Unvernünftige nach. Das waren solche die entweder selbst Hunger litten, nicht selten aber auch welche die Hungernden ihre Lebensmittel auf dem Markt für viel Geld verkaufen wollten. Einen Bauern aus der Nachbarschaft zählte der Onkel dazu. Er hatte Wochen zuvor seinen Sohn verloren, weil er ihn auf ein Feld geschickt hatte. Dort zerfetzte die Bombe den Sohn so, dass der unauffindbar in einem Krater unter gesprengten Erdmassen verschluckt von braunen Steinen und Lehm begraben worden war.

Manchmal erschrak das Mädchen wegen solcher Geschichten. Aber der Onkel sagte, dass es wichtig sei das zu hören und zu wissen. Denn solange nicht geräumt und freigegeben war lauerten tödliche Gefahren auf den Feldern und in den Wäldern. Das Mädchen bewegte sich Nachmittags nicht weg vom Hof. Vormittags zur Schule ging sie stets auf dem befestigten Weg der vom Hof hinunter zum Deich an die Ostsee führte.

Der Onkel wurde von den Besatzern als Experte für Logistik, Strategie und für die Planung der Räumung eingesetzt. Seine Erfahrung als anfänglich hoher Befehlshaber im zurückliegenden Krieg hatte ihn dazu befähigt. Er galt den Besatzern als jemand, der seine Karriere aus Überzeugung nicht weitergeführt hatte. Sie gewannen ihn als Partner für die Aufgabe.

Im Krieg war er von seinen Ämtern nicht suspendiert worden, sondern er wurde schlicht nicht weiter eingesetzt. Er hatte sich in seinem Amt so weit zurückgezogen, dass andere an seiner Stelle in militärische Würden versetzt wurden. Zuletzt war er straf versetzt worden und so trotz seines hohen militärischen Ranges endgültig in militärische Bedeutungslosigkeit geraten.

Einzig sein Bruder hatte ihn weiterhin in seinem militärischen Rang gesehen. Noch zu Kriegsende hatte ihn der Bruder am Mittagstisch in strengem Ton als verantwortungslosen General beschimpft. Die Sache des Führers und Sieges, so der Bruder, sei noch lange nicht verloren. Verrat werde letztlich jeden sträflich treffen der sich aus Verantwortung und Pflicht am Volke ohne Not entbunden habe.

„Was willst Du damit behaupten?“, schrie der Onkel seinen Bruder an.
Es war eines der letzten Gespräche auf dem Gehöft zwischen beiden, kurz vor dem Kriegsende. Die Tante erschrak so, dass sie kurz die Augen schloss, sich aber gleich wieder fand. Sie stand vom Tisch auf um in der Speisekammer nach einer Glasschüssel mit Kompott vom Vortag zu sehen.

„Damit sage ich Dir, dass wir diesen Krieg dem Endsieg entgegen führen werden und nicht Ruhe geben bis erreicht ist wozu wir uns dem Führer verpflichtet haben: Den Bolschewisten endgültig auszurotten um uns und den Führer in die Freiheit von diesem Teufelsjoch zu führen!“
Der Bruder hatte geschrien, als habe er einen Verurteilten vor sich, dem er die letzten belehrenden Worte eines Urteils um die Ohren warf.
„Und das mit Millionen Toten und nichts als Rauch und brennender Landschaft in ganz Europa?“
Der Onkel hatte das sehr ruhig gefragt und seinem Bruder dabei fest in die Augen gesehen. Der aber bebte vor Wut. Er erhob sich vom Tisch, riss die Tischdecke ein Stück mit sich, packte seine Frau bei der Hand, die sich daraufhin sofort mit ihm vom Mittagstisch erhob.
„Komm wir gehen! Wir haben im Haus eines Deserteurs, der sich immer noch General schimpft, aber in Wahrheit ein feiger Fahnenflüchtling ist, endgültig nichts weiter verloren!“

Der Onkel blieb wortlos am Tisch sitzen, während der Bruder zusammen mit seiner Frau eilig stampfend die Wohnung verließ. Das war die letzte Begegnung zwischen beiden Brüdern vor Kriegsende gewesen. Der Bruder und Vater des Mädchens verschwand wenig später in einem Gefangenenlager. Sein Schicksal blieb jahrelang ungewiss.

Nach Kriegsende sah sich die Mutter des Mädchens nicht in der Lage das Kind alleine zu erziehen. Sie war über die Kriegsgefangenschaft ihres Mannes schwer krank geworden. Deshalb bat sie die Tante und den Onkel um Hilfe. Beide zogen auf das Gehöft, wo sie sofort bereit waren das Kind aufzunehmen. Die verbitterte Mutter lebte jahrelang in einer Wohnung im Ort, wo sie die Rückkehr ihres Mannes aus der Kriegsgefangenschaft abwartete. Als der viele Jahre nach Kriegsende zurückkehrte, bezogen beide wieder das Wohnhaus auf dem Gehöft.

„Ist es richtig, dass Du Deine besten Jahre jetzt für die Erziehung dieses Buben aus einem Kinderheim opferst?“
Auf seine Frage bei Tisch erwartete der Feriengroßvater von der Ferienmutter keine Antwort. Die reichte ihm die Schüssel mit der Nachspeise.
„Ob sich Dein Opfer lohnt, das werden wir wohl erst in Jahren erfahren. Wie ich höre macht der Junge aber schon deutliche Fortschritte?“
Nun erwartete er eine Antwort. Die Ferienmutter sagte:
„In der Schule hat er es zu wirklich guten Noten gebracht, binnen nur eines Jahres stehen da heute nur noch Zweien im Zeugnis.“
Die Ferienmutter sah mich ermunternd an, während sie dem Feriengroßvater weiter antwortete:
„Es ist halt mühsam das Lernen jeden Nachmittag. Aber die Mühe zahlt sich mehr und mehr aus.“

Ich nickte und lächelte. Tatsächlich waren meine Noten, seitdem ich in den Haushalt zur Ferienmutter gezogen war, viel besser geworden. In der Schulklasse war ich zu einem der besten Schüler geworden. Jeden Nachmittag saß ich zusammen mit der Ferienmutter über meinen Schularbeiten. Sie erzog mich zu regelmäßigem, stundenlangem Lernen in meinem kleinen Zimmer. Dort hatte ich einen kleinen Schreibtisch und jeden Nachmittag viel Ruhe. Täglich erhielt ich ab Punkt vier Uhr Nachmittags ihre Unterstützung. Sie fragte mich Vokabeln ab und sie korrigierte mit mir gemeinsam meine vielen Fehler in den Schulheften. Die Fehler wurden immer weniger.

„Dann wird ja hoffentlich ein ordentlicher Junge aus dir.“
Jetzt sah der Feriengroßvater mich an. Er hatte mich angesprochen. Ich nickte und lächelte, antwortete aber nicht.
„Es ist schlimm genug, was in diesem Land mit jungen Menschen geschieht. Da ist jeder der vor dem Abgrund gerettet wird wichtig. Denn man kann sich heute ja kaum mehr hinaus auf die Straße trauen. Das junge Gesindel, das überall bedrohlich zunimmt, weiß nichts mit sich anzufangen! Das ist erschreckend und es ist eine große Gefahr. Aggression gegen Alte, die ihr Leben lang gearbeitet haben, ist da nicht weit!“
„Das wollen wir bei dir mal nicht hoffen“, sagte jetzt überraschend die Feriengroßmutter. Sie hatte das Mittagessen hindurch geschwiegen.
Sofort übernahm der Feriengroßvater wieder das Wort.
„Genau solche Gefahr: Das unnütze herum Gammeln der Jugend habe ich hier im Ort schon oft gesehen. Deshalb ist es wirklich Pflicht dem Buben zu helfen, damit etwas aus ihm wird!“

Die Räumung der Felder um das Gehöft brachte es mit sich, dass eine Vielzahl von Fahrzeugen, schwerem Gerät und ein großer Räumtrupp tagelang auf dem Gehöft und in dessen Ställen einquartiert wurde. Die Tante und das Mädchen hatten eine Woche lang für mehr als zwanzig Menschen zu kochen.

Vor Beginn der Unterbringung und der Arbeiten des Räumtrupps mussten im Haus alle Spuren der Kriegsvergangenheit des Vaters des Mädchens, der in Kriegsgefangenschaft war, beseitigt werden. Der Onkel fürchtete nämlich, dass der Räumtrupp die Spuren im Haus fälschlicher Weise ihm zuordnen könnte. Das hätte die Zusammenarbeit mit dem Räumtrupp behindert, weil es ihn unnötig in Erklärungsnot gebracht hätte.

Vor dem Eintreffen des Räumtrupps wurden ein ganzes Wochenende lang Uniformen, Kleidung, alte Fotos, kistenweise Schriftstücke und eine Vielzahl militärischer Dinge wie Helme, aber auch Orden hinauf auf den Speicher gebracht. Im Wohnhaus wurden Schränke abgebaut und auf dem riesigen Speicher wieder aufgestellt. Darin wurde alles verstaut, was zuvor aus Schränken und Zimmern in Erdgeschoss und erstem Stock des Hauses zusammengetragen worden war.

Der große Speicher lag versteckt hinter einer Tür im ersten Stock. Der Onkel ließ die Holzverkleidung im Treppenhaus und die Speichertüre von der Tante frisch streichen. Der Speicher wurde vom Onkel gut verschlossen. Nichts im Haus sollte an seinen Bruder und dessen Überzeugung erinnern. Die Aufklärungen nach dem Krieg waren bei weitem nicht abgeschlossen. Der Onkel wollte auf keinen Fall, dass ein Verdacht, der im Grunde seinem Bruder zuzuordnen war, auf ihn gelenkt wurde. Er war überzeugt von der Wichtigkeit seiner Arbeit. Ihm war es wichtig gewesen, möglichst schnell die Räumung gefährlicher Blindgänger zu organisieren, weil davon der normale Lebensalltag der Menschen in der Gegend und deren Versorgung abhängig waren. Ein falsches Gerücht, wegen alter Kriegsgegenstände im Haus, hätte die Zusammenarbeit mit dem Räumtrupp gefährdet.

Ein Prozess der dem Bruder in Kriegsgefangenschaft galt, hatte kurz vor Beginn der Räumungsarbeiten begonnen. Der Onkel musste mehrfach in die Stadt fahren um sich dort verhören zu lassen. Er wurde als Zeuge vernommen.

Dem Bruder und drei Soldaten die unter dessen Kommando standen, wurde vorgeworfen, kurz vor Kriegsende zwei junge Burschen nicht vor deren sicheren Tod bewahrt zu haben. Der Vorwurf lautete, dass die Burschen wegen Feigheit von den drei Soldaten erschossen worden seinen, was wiederum der kommandierende Bruder angeordnet habe. Nichts ungewöhnliches im Krieg. Entscheidend in dem Prozess war aber, dass zu dem Zeitpunkt, als der Bruder den Tod der zwei Burschen anordnete, der Krieg schon vorbei gewesen war. Hauptklärungsfrage in dem Prozess war gewesen, ob der befehlshabende Bruder, oder die befehlsausführenden Soldaten wussten, dass der Krieg beendet war. Zu dieser Klärung konnte der Onkel keinen Beitrag leisten.

Abends am Tisch erzählte der Onkel von den Belastungen aus dem Prozess. Das Mädchen hörte aufmerksam zu. Der Onkel betonte, dass sein Bruder und Vater des Mädchens formal kein Unrecht getan habe. Außer Pflichterfüllung sei ihm nichts vorzuwerfen. Der Onkel berichtete dem Gericht zwar von unterschiedlichen Meinungen, die hin und wieder in Gesprächen zwischen den Brüdern aufgetaucht seien, das sei aber normal zwischen Geschwistern. Politisch seien die Auseinandersetzungen zwischen den Brüdern während des Krieges nie gewesen. Grundsätzlich glaubte er nie und nimmer, dass seinem Bruder das vorgeworfene Verhalten ernst gemeint zur Last gelegt werden dürfe. In seinen Augen sei er kein Überzeugungstäter gewesen, sondern gehorsamer Befehlsempfänger. Folglich sei es wohl sehr unwahrscheinlich, dass der Bruder, wenn dem bekannt war, dass der Krieg vorbei war, noch Befehle zur Erschießung Fahnenflüchtiger erteilt habe.

Das Räumen der Felder war mühsam aber lohnend. Es wurden drei Blindgänger gefunden die vor Ort entschärft werden konnten, weil ihre Lage in der Erde so gut war, dass sie zum Entschärfen nicht bewegt werden mussten. Es gab keine Sprengung. Der Wald, der Tümpel, die Felder und die gesperrten Feldwege wurden allesamt nach einer Woche freigegeben. Sofort begann der Onkel unterstützt durch Nachbarn mit dem Anbau auf den Feldern. Die Arbeit erledigten die Bauern aus der Nachbarschaft, während der Onkel weiter die Räumungen in anderen Gebieten plante. Die Versorgungslage in der Gegend wurde von Jahr zu Jahr besser. Mehr und mehr Bauern konnten ihre Felder und Höfe wieder bewirtschaften.

Das Mädchen war bei Onkel und Tante erwachsen geworden. Sie half nach Kräften in der Landwirtschaft. Daneben besuchte sie die Schule und machte schließlich Abitur. Die spätere Rückkehr ihres Vaters aus der Kriegsgefangenschaft brachte der Familie nicht nur Freude. Sofort brachen zwischen dem Onkel und dem Bruder alte Streitigkeiten auf. Der Bruder war überzeugt, dass der Krieg moralisch rechtens gewesen war und der sichere Sieg nur von feigen Fahnenflüchtlingen und Kollaborateuren des Feindes vereitelt worden war. Er schimpfte über das Unrecht das er in Gefangenschaft erlebt hatte.

Onkel und Tante mussten wegen der vielen Streitigkeiten mit dem Bruder schließlich aus dem Gehöft ausziehen. Das Mädchen wohnte zu dem Zeitpunkt schon ein Jahr lang in der Stadt, wo sie mit einem Studium begonnen hatte. Viele Jahre später stieß sie auf mich, den Bedürftigen aus Birners Haus am Obersalzberg, um zunächst meine Ferienmutter beim sommerlichen Besuch ihrer Eltern auf dem Gehöft an der Ostsee zu sein, und um mich wenig später für einige Jahre bis zu meinem Volljährigkeitsalter in ihr Haus aufzunehmen.