12. Dauergäste

Mit den Fellen, Geweihen und den Gewehren an der Wand im Wohnzimmer von Helling kann ich nichts anfangen. Meine Jägervorstellung entstammt dem romantischen Kinder- und Volksliedersingsang, der mir vom täglichen Gesang der alten Heimleiterin im Ohr liegt.

Ich liebe die alte Heimleiterin. Sie ist eine groß gewachsene Frau. Ich sehe ihr braun gebranntes Gesicht. Sie ist schwarzhaarig und trägt eine große, dunkle Sonnenbrille. Sie spielt Gitarre und sie singt so laut, dass sie auch das am lautesten falsch singende Kind nicht verleitet, eine Melodie falsch zu singen. Im Sommer sitzt sie täglich abends mit uns und den erholungsbedürftigen Kindern im Hof, zwischen den beiden Häusern. Wir sitzen in einem großen Stuhlkreis um die riesige Eiche. Sie singt täglich das gleiche Programm an Volks- und Kinderliedern. Die Lieder hasse ich noch nicht. Sie passen zu der Frau und deren Stil. Jäger und Wandersleute, grüne Wiesen und hohe, gelben Wagen, Müller und Schornsteinfeger, Vögel, Hühner und Kühe, die in den Liedern vorkommen, passen zum Leben bei der Heimleiterin im Oberlehen.

Die Frau zeigt uns und den Erholungskindern die Natur rund um unser Heim und sie weist uns auf die herrliche Landschaft hin. Sie wandert mit uns durch die Wälder, über Wiesen und Flüsse und auf die Berge, die sie genau erklärt und abends besingt. Anstatt abends vor dem Fernsehapparat zu sitzen, verbringen wir viele Abende im Stuhlkreis draußen um die riesige Eiche, wo wir singen und spielen. Die Frau singt deutsch und mir gefällt das, auch Peter macht es Spaß. Im Stuhlkreis ist es lustig, laut und deutsch. Alle Kinder plärren begeistert mit.

Weil wir monatelang das gleiche Liedgut von der alten Heimleiterin erleben und die Erholungskinder im Stuhlkreis alle vier bis sechs Wochen andere sind, können wir mit deren, immer wieder neuen Begeisterung bald nicht mehr mithalten. Die Lieder am Abend unter der Eiche fangen an, Peter und mich zu nerven. Nicht wegen der deutschen Sprache oder wegen Widersprüchen zu unserem Heimleben mit der Heimleiterin. Das alles passt gut zusammen. Es ist einfach langweilig, jeden Abend die gleichen Lieder zu singen, weil wir das Programm auswendig kennen.

Die Heimleiterin bemerkt und versteht unsere Langeweile. Nach drei Monaten kennen wir alle Lieder. Deshalb brauchen abends nicht mehr zu singen. Es genügt der Leiterin, wenn wir neben ihr sitzen und ihre Melodien summen. Das aber müssen wir tun. Darauf achtet sie genau. Sie hört, obwohl sie selbst laut singt und auf ihre Gitarre einschlägt, ob wir neben ihr mit summen oder nicht.

Die Erholungskinder wechseln permanent, fast täglich reisen neue Kinder an und alte ab. Die Heimleiterin aber bleibt. Zwischen ihr und mir entsteht deshalb ein Verhältnis von Abhängigkeit. Ich verhalte mich brav und angepasst, wie nie zuvor und niemals mehr danach. Ich habe keinen Grund, mich zu ärgern, frech zu sein oder gar, wie ich es bei Helling und Birner mache, Wut aufzustauen. Ich tue alles, was die Heimleiterin sagt. Es macht mir Spaß das zu tun, und ich tue es freiwillig. Ich denke nie darüber nach, warum ich alles tue, was sie von mir verlangt. Sie verlangt es freundlich aber bestimmt. Welche Konsequenzen Verweigerung oder Trotz hätten, erfahre ich nicht, weil ich nie aus der Reihe tanze.

Peter und ich putzen und schrubben das Haus, wenn sie es will, wir ziehen die Betten in Zimmern von Erholungskindern ab, die abgereist sind, und wir bereiten die Zimmer für Neuankömmlinge vor. Wir helfen überall im Heim mit. Wir trocknen in der Küche Geschirr, schrubben den Keller und die Toiletten. Die Heimleiterin weiß immer, wo ich bin, was ich tue. Sie kann sich hundertprozentig darauf verlassen, dass ich stets befolge, was sie aufträgt und dass ich niemals aufsässig bin oder gar freche Antworten gebe.

Die alte Heimleiterin arbeitet mit meiner Angst. So lange die Situation, vor der ich Angst habe, nicht eintritt, bereitet mir das keine Schmerzen. Auf die Wirkung meiner Angst verlässt sich die Heimleiterin. Die Wirkung ist mein absoluter Gehorsam. Ich habe Angst davor, dass eines Tages auch die Leiterin abreist, wie ich es täglich mit den Erholungskindern erlebe. Peter hat die gleiche Angst, denn auch er befolgt alles. Wir arbeiten an der Organisation des Alltags der Erholungskinder mit. Erst als Helling und Birner die neuen Leiter sind, werden wir unzufriedener und aufsässiger.

Ich habe nicht das Gefühl, mit der Heimleiterin in einem familiären Verhältnis verbunden zu sein. Sie fordert Gehorsam, Disziplin und Mithilfe, dafür gibt sie Zuneigung, die sie genau dosiert. Es entsteht keine vertrauliche Bindung. Stattdessen gibt es Regeln der Gleichheit, die sie aufstellt. Alle Kinder in ihrem Oberlehen sind grundsätzlich gleich. Auch Peter und ich, obwohl wir „für immer“ bleiben sollen. Wir sind also eindeutig nicht gleich.

Mit der Regelung, dass grundsätzlich alle Kinder gleich sind, schafft sie den Raum, Peter und mir hin und wieder winzige „Zuckerl“ zukommen zu lassen. Damit hält sie uns gehorsam, und sie umgeht eine emotionale Beziehung zwischen ihr und uns aufzubauen. An winzigen Punkten dürfen wir anders sein, obwohl alle Kinder gleich sind. So dürfen wir im großen Stuhlkreis auf dem Hof zu ihren Volksliedern summen. Wir müssen nicht mitsingen, während sie genau darauf achtet, dass alle anderen Kinder singen, und so ihre Lieder lernen.

Wegen solcher Kleinigkeiten, die für Peter und mich wichtig und groß sind, entsteht das Gefühl, dass sie mich gern hat. Weil Peter und ich nicht gleich sind, wo alle anderen Kinder am Oberlehen gleich sind, ist die Leiterin für mich sehr wichtig. Und sie ist wichtig, weil sie nicht einfach weggeht, wie die Erholungskinder.

Helling, der neue Heimleiter und dessen mitgebrachter Buchhalter, Birner, sprechen stundenlang mit der alten Leiterin. Peter erzählt mir in der Pause in der Schule, dass die beiden der „Ersatz“ für die Leiterin seien. Das glaube ich nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es „Ersatz“ für die Leiterin geben kann. Der neue Leiter und sein Buchhalter interessieren sich zunächst nicht für uns.

Die letzten Erholungskinder sind noch nicht abgereist. Ich glaube, die beiden wissen deshalb noch nicht, wer Peter und ich sind, und dass wir als die ersten Dauergäste im Oberlehen bleiben. Die alte Leiterin mit ihrer Gitarre und ihren Erholungskindern verschwindet, ohne sich von mir zu verabschieden. Der Tag an dem sie geht ist schrecklich.