11. Guter Alltag

Herr Neumann sagt, dass es jetzt noch hundert Kilometer sind, bis zum Kinderheim. Draußen regnet es nicht mehr. Frau Michaels sagt, dass es schade ist, dass wir heute wegen der Wolken die Berge nicht sehen können. Bei schönem Wetter könnte man sie jetzt von hier aus schon sehen.

Das Kinderheim liegt auf einem Berg. Eine sehr steile Straße führt hinauf. Ich kenne jede Kurve dieser Straße. Früher war ich auf dem Hof im Kinderheim mit einem Kettcar herumgekurvt. Jede Kurve dieser steilen Straße stellte ich mir dabei genau vor.

Der Heimleiter hatte einen kleinen, roten Fiatbus. In diesem Bus waren wir oft die steile Straße zum Kinderheim hinaufgefahren. Auf einer dieser Fahrten öffnete sich in einer scharfen Kurve plötzlich die Türe. Ein Kind, das sich dort angelehnt hatte, fiel heraus. Der Heimleiter blieb stehen. Das Kind war auf die Wiese am Waldrand neben die Straße gestürzt. Es war zum Glück nichts passiert, nur einige Schrammen hatte es abbekommen. Die Straße hat viele scharfe Kurven. Fährt man sie schnell hinauf, muss man sich im Wagen festhalten, damit man nicht hin und her geworfen wird.

Mit dem Kopf schlage ich leicht gegen die Scheibe des Autos. Ich öffne meine Augen. Matthias sitzt noch neben mir. Frau Michaels und Herr Neumann sitzen auch noch vorne. Aber wir fahren nicht mehr auf der Autobahn. Draußen regnet es stark. Es ist eine kurvenreiche Straße. Wir fahren steil bergauf. Es geht in eine scharfe Linkskurve, dann geht es geradeaus. Die Straße ist sehr steil. Schnell kommt eine scharfe Rechtskurve. Jetzt weiß ich, wo wir sind. Ich kenne die Strecke. Ich war hier früher sehr oft zu Fuß unterwegs gewesen. Manchmal war ich sie im gelben Schulbus oder im roten Fiatbus des Heimleiters mitgefahren. Wir fahren auf der steilen Bergstraße, hinauf zum Kinderheim. Mir bleibt nur noch eine kurze Minute, um über das vergangene Jahr- und darüber nachzudenken, wie es jetzt weitergehen wird. Auf der Autobahn war ich eingeschlafen. Ich hatte nicht gesehen wie wir von ihr herunter fuhren.

Gleich sind wir umringt von Kindern, die ich noch von früher kenne. Sie begrüßen uns, wenn wir auf dem Hof aus dem Wagen steigen. An einem Tisch mit anderen Heimkindern sitzen wir beim Abendbrot. Viele Kinder sitzen, verteilt an vielen Tischen im Speisesaal. In der Mitte des Speisesaals steht ein Tisch, an dem sitzen der Heimleiter, der Buchhalter und unbekannte Erziehe. Der Raum ist hell und kahl. Die Wände sind weiß. An der Decke hängen grelle, helle, viereckige Neonlampen. Im Speisesaal ist es laut. Viele Kinder unterhalten sich. Meinen Bruder und mich fragen die Kinder wie es uns geht.

Der Heimleiter begrüßt uns freundlich. Zum Abendessen stellt er uns einen extra Begrüßungsnachtisch hin. Wir dürfen zwei Quarkspeisen essen. Der Heimleiter ist heute sehr freundlich zu uns. Ab Morgen werde ich wieder versuchen ihm und dem Buchhalter aus dem Weg zu gehen. Ab Morgen wende ich mein Wissen über die Heimregeln wieder an. Ich versuche mich möglichst unauffällig zu verhalten. Vielleicht wird es beinahe so sein, als wäre ich nicht weg gewesen.

Morgen beginnt der Alltag in unserem Kinderheim. Wir schlafen in einem Zimmer mit fünf, sechs anderen Kindern. Nachts weckt uns die Heulsirene eines Bettnässers. Ich kann nicht mehr einschlafen. Ich muss an die Stiefmutter und den Vater in unserem Dorf denken. Ich denke an die Geschwister, die nicht mehr hier sein können. Ich denke an die Oma und den Opa. Nachts nehme ich mir vor, mit meinem ersten Taschengeld bei Oma und Opa anzurufen.

Um sechs Uhr morgens reißt der Buchhalter die Zimmertür auf. Er brüllt: „Aufstehen, ihr Penner!“ Dem Bettnässer reißt er die Bettdecke aus dem Stockbett. Er sieht, dass es nass ist. Er brüllt: „Aufstehen, du alter Pisser!“

Mit verschlafenen Augen stehe ich barfuss im Waschraum. Neben mir und hinter mir stehen viele andere Kinder. Wir putzten uns die Zähne. Danach gehen wir über den Hof. Dort liegt sauber gerechter Kies unter der riesigen Eiche. Wir gehen in das andere Haus. Es ist das Haupthaus des Kinderheims. Hinter der weißen Milchglastür neben der steilen schwarzen Kellertreppe, ist der helle Speisesaal. Wir sitzen auf unseren Plätzen am Frühstückstisch. Ich weiß nicht, ob es die gleichen Plätze sein werden wie vor einem Jahr, als wir Geschwister noch alle zusammen hier waren.

Nach dem Frühstück fegen wir unser Zimmer. Wir machen unsere Betten und dann putzen wir irgendwo herum. Ich weiß noch nicht wo, denn ich weiß noch nicht, welchen Haushaltsdienst der Heimleiter mir in dieser Woche gibt. Vielleicht putze ich das Klo, vielleicht die Waschbecken, vielleicht fege ich den Flur oder das Treppenhaus.

Um sieben Uhr morgens gehe ich hinunter in den Keller, unterhalb des großen Speisesaals. In dem niedrigen, neonbeleuchteten Kellerraum hängen an vielen Haken unsere Jacken und Schultaschen. Vielleicht hängt meine Jacke am gleichen Platz, wie vor einem Jahr. Ich ziehe sie und auch meine geputzten Schuhe an. Meine Schuhe sind ordentlich mit brauner Schuhcreme geputzt, weil ich sie, genauso wie ich es früher jeden Nachmittag um fünf Uhr getan hatte, zusammen mit allen Heimkindern in diesem Keller täglich putzen werde. Der Heimleiter achtet genau darauf, dass alle Kinder täglich pünktlich beim Schuhputzen im Keller sind.

Mit meinen sauberen Schuhen und meiner gelben Regenjacke bekleidet und mit meiner Schultasche auf dem Rücken, laufe ich um Viertel nach Sieben Uhr, zusammen mit den vielen anderen Kindern zur Station Erika, unserer Bushaltestelle. Auf dem Weg dorthin höre ich genau zu, was die großen Kinder miteinander sprechen. Ich will hören, ob sie wieder vom Krieg sprechen, von dem sie im Fernsehen gehört und gesehen haben. Ich will ihnen genau zuhören, weil ich wieder wissen will, wie gut es uns Kindern im Kinderheim geht. Um das richtig spüren zu können, will ich genau wissen, wie schlecht es den vielen Kinder im Krieg auf der ganzen Welt geht.

An der Station Erika warte ich mit den vielen Heimkindern auf unseren gelben Schulbus. Der Bus rollt die schwarze Straße hinunter. Die großen Kinder steigen zuerst ein. Ich und andere, kleinere warten geduldig. Wir sind froh, dass noch nicht Winter ist, weil wir deshalb nicht, kurz bevor der Bus kommt, von den größeren Buben in den eisigen Schnee geworfen und eingerieben werden.

In der Schule kenne ich mich noch gut aus. Morgen früh holt uns der Direktor am Schulbus vor dem Schulhaus ab. Er begrüßt meinen Bruder und mich freundlich. Er bringt uns in unterschiedliche Klassenzimmer. Ich komme wieder in meine alte Schulklasse. Der Direktor steht mit mir vor der Klasse. Dem neuen Lehrer und den Kindern sagt er, dass ich nun wieder da bin. Der neue Lehrer schüttelt mir die Hand. Der Platz neben Manfred ist frei. Ich setze mich wie vor einem Jahr wieder neben ihn. Manfred fragt mich, wo ich so lange gewesen bin. Er bastelt keine Spuckröhrchen mehr. In der Pause erzählt er, dass der neue Lehrer sehr gescheit und sehr streng ist. Weil der Lehrer unbedingt will, dass wir viel von ihm lernen, so erklärt Manfred, hat er mit den Spuckröhrchen endgültig aufgehört. In der Pause treffe ich mich mit Matthias. Ich rede mit ihm darüber, wie es ihm geht.

Mittags fahre ich zusammen mit vielen Kindern in dem gelben Schulbus wieder hinauf in unser Heim. Dort essen wir aus den weißen, zerkratzten Plastiktellern unser Mittagessen.

Jeden Samstag gibt es Cornflakes in Milch zum Frühstück. Weil das etwas Besonderes ist, freuen wir uns schon die ganze Woche darauf. Jeden Samstagvormittag gehen wir hinunter ins Tal. Wir besuchen das Hallenbad. Nach dem Schwimmen bekommen wir das Taschengeld vom Buchhalter ausbezahlt. Im Gebirgsort kaufe ich mir etwas zu essen, weil es Samstagmittag nur Suppe gibt. Vielleicht kaufe ich ein Comicheftchen.

Jetzt, solange noch Sommer ist, gehen wir am Wochenende wieder ins Freibad. Im Naturwasserbecken spielen wir Fischjagd. Ich habe immer noch Angst, dass mich unter Wasser ein winziger Fisch streift. Jeden Nachmittag zwischen der Hausaufgabenzeit und dem Schuhputzen rennen und toben wir oberhalb des Hauses im Wald herum. Wir bauen Baumhütten und spielen Cowboy und Indianer. Auf dem steilen Hügel ist das Gras schon zum zweiten Mal in diesem Sommer abgemäht. Am Samstagnachmittag wenden wir das Heu. Vom Heimleiter bekommt jeder als Belohnung für das Heuwenden eine Limoflasche. Ich streichle das Pony im Stall. Ich setze mich nicht mehr drauf.

Nach dem Mittagessen schreibe ich meine Hausaufgaben in meine Schulhefte. Niemand gibt meinem Bruder oder mir eine Ohrfeige. Beim Schreiben zittern wir noch eine Zeit lang. Die Linien bleiben noch krakelig, wie sie das beim Vater gewesen waren. Irgendwann hört das Zittern auf. Die Linien sind dann fast gerade. Dann schreibe ich lange Aufsätze in der Schule. Dafür bekomme ich manchmal sogar gute Noten. Vor allem beim Hausaufgabenmachen denke ich immer wieder an das Gekreische der Stiefmutter und an den abends schlagenden Vater.

Draußen erkenne ich jetzt alles. An der Station Erika, wo wir täglich auf den Schulbus warten, steuert Herr Neumann den Wagen von der Bergstraße nach rechts ab. Auf der Nebenstraße überqueren wir über eine Brücke die Rodelbahn. Auf dieser Rodelbahn waren wir vier Brüder vor mehr als einem Jahr das letzte Mal gemeinsam hinunter in den Ort gelaufen. Jetzt steuert Herr Neumann den Wagen an der kleinen Pension vorbei, in der Vater übernachtet hatte, als er uns vor einem Jahr im Heim abgeholt hatte.

Es sieht alles unverändert aus. Nur die Straße ist neu geteert. Nach der grauen Mauer, die den Berg davon abhält auf die Straße zu stürzen, biegt Herr Neumann links ab. Jetzt erkenne ich oben die beiden Häuser und zwischen ihnen die riesige, alte Eiche auf dem Hof. Unser Kinderheim. Herr Neumann steuert um die letzte Rechtskurve. Durch das Wagenfenster schaue ich hinunter ins Tal. Dort hängen viele Wolken. Es wird gerade dunkel. Der Regen ist sehr stark, so wie ich das früher an diesem Berg oft erlebt hatte. Die Zeit meines Nachdenkens ist vorbei. Meine Flucht ist hier beendet. Jetzt kommt mir die Zeit in dem kleinen Dorf sehr kurz vor. Meine beiden Geschwister Mark und Christian sind nicht mit uns gekommen.

Das Foto zeigt das Haupthaus des Kinderheim Stadlerlehen (später Kinderheim Salzberg) ca. 1977