11. Das Mädchen

Die Zwölfjährige trug ein wunderschönes helles Sommerkleid. Die Tante hatte es ihr aus luftig leichten Stoffresten genäht. Das Mädchen wirkte darin wie eine Prinzessin im Sommerwind. Sie hüpfte auf den Fußabstreifer, rannte über die Türschwelle, während der warme Sommerwind ihr so in das Kleid blies, dass sie aussah wie ein großer Luftballon, der über die Türschwelle des Gehöftes getragen wurde.

„Tante, Tante! Gibt es heute wieder so leckere Klöpse und als Nachtisch Birnenkompott so wie gestern?“
Das Mädchen warf sich auf den Stuhl vor dem riesigen Küchentisch, so dass der laut auf dem harten Steinboden schabend einige Zentimeter nach hinten rutschte, dabei ein fürchterlich kratzendes Geräusch von sich gab, wie die Kreide an der Tafel, weshalb die Tante einen bösen Blick zu dem lachenden Mädchen warf.

„Heute gibt es Kartoffelpuffer mit Apfelkompott aus der frischen Ernte! Kannst du mir bitte aus der Speisekammer ein kleines Einwegglas Apfelmus holen?“
„Lecke, lecker!“, rief das Mädchen, sprang vom Stuhl der laut kratzend vom Tisch abrückte. Sie stürmte mit fliehendem, wehendem Kleid um den Tisch herum, rannte in die auf nördlicher Seite der großen Küche liegende Speisekammer, wo sie abrupt vor einem decken hohen Regal stoppte. Da reihten sich hunderte von Einweckgläsern.

Die Gartenernte aus dem Vorjahr hatte die Tante mit Hilfe des Mädchens den ganzen Sommer über, bis tief in den Herbst hinein, eingekocht. Alle Gläser waren mit handgeschriebenen Etiketten versehen. Die waren im Jahr zuvor vorsichtig in Wasser gelöst worden. Sie wurden auf einem Handtuch an der Fensterbank getrocknet, um Tags darauf in der rechten Schublade des Küchenbuffets zu verschwinden. Dort warteten sie auf ihre erneute Verwendung.

Die Tante suchte für jedes neu eingemachte Glas aus dem Stapel in der Schublade das passende Etikett. Das wurde dünn mit Zuckerwasser befeuchtet und an das neue Glas geklebt. Klebstoff gab es nur für viel Geld und war für diesen Zweck auch nicht notwendig. Denn der Zuckerkleber schmeckte dem Mädchen wunderbar. Sie half besonders gerne beim Kleben. Ihre feuchte Zunge war ein süßer Befeuchter. Jedes Etikett wurde von ihr säuberlich wie eine Briefmarke abgeschleckt. Mit feinem Zucker bestreut, war es eine Aufgabe, die dem Mädchen ein genießendes Lachen in ihr rundes Gesicht zauberte.

Sie half der Tante täglich beim Kochen in der großen Küche. Sie lernte die Tante bei allen anfallenden Aufgaben zu unterstützen. Besonders lieb aber war es ihr geworden, bei Arbeiten zu helfen, die anschließend eine süße Belohnung bereithielten. Das Einkochen war immer süß. Selbst Gemüse aus dem Garten, Salate, Gurken und alles andere wurde beim Einkochen zum leckeren süßen Vergnügen, wegen der zu klebenden Etiketten.

Das Mädchen lernte auf dem Hof von Tante und Onkel alles was für die Haushaltsführung notwendig war. Nach den täglichen Hausaufgaben am Küchentisch hielt die Tante eine Aufgabe bereit, für die sie die Hilfe des Mädchens benötigte. Jeden Tag ging es um das Vorkochen und Vorbereiten des Abendessens zu dem der Onkel etwas deftiges erwartete, weil er in seine tägliche Arbeit immer nur eine Dose mit zwei kleinen Broten, einer Karotte und einem Apfel mitnahm.

Das Putzen der Böden, der Waschbecken, des Badezimmers und der Toiletten lernte das Mädchen. Sie wusste wie die Wäsche in dem Waschkessel eingeweicht wurde und wie das im Feuer unter dem Kessel erhitzte Wasser möglichst gut für die unterschiedlichen Wäschegänge genutzt wurde. Sie lernte sogar den Ofen im Winter ein zu heizen und das vom Onkel klein geschlagene Holz im Schuppen noch kleiner zu spalten.

Die Tante brachte das Mädchen über die Jahre dazu, sich für die Haushaltsführung mit viel Bereitschaft und Spaß zu interessieren. Später wurde das Kochen an festgelegten Abenden zur alleinigen Aufgabe des Mädchens. Sie briet die Kartoffeln in der Pfanne, kochte die Suppe, dünstete das Gemüse und lernte von der Tante einen Braten zu Festtagen zuzubereiten. Der Ekel vor dem Rupfen der im Stall über einem Eimer ausgebluteten Hühner und Gänse war bald vorbei. Die Tante hatte eine Art damit umzugehen, die normal war wie das Sitzen am Küchentisch vor einem großen Topf zu pellender Kartoffeln. Das Mädchen lernte punktgenau einen dampfenden Wildbraten mit Kraut, Beilagen und Soße auf den Tisch zu stellen, so dass der Onkel sich abends nach der schweren Arbeit zufrieden am Esstisch auf seinem Stuhl zurück lehnte.