10. Seife

Das Oberlehen ist ursprünglich ein Erholungsheim, in das Kinder aus verschiedenen Orten in Westdeutschland für einige Wochen zur Erholung in die herrliche Berglandschaft oberhalb Berchtesgadens geschickt werden. Anfang 1970 wird es für Kinder wie Peter, Hartmut und mich zu unserem neuen Zuhause. Wir sollen, im Gegensatz zu den Erholungskindern, „für immer“ die frische Luft auf dem Obersalzberg einatmen. Uns schicken deutsche Jugendämter dort hin. In unseren Familien gibt es unterschiedliche, Probleme, weshalb wir nicht bei unseren Eltern leben dürfen. Deshalb werden wir im Oberlehen bei Heimleiter Helling und dem Buchhalter Birner untergebracht.

Von den Problemen in meiner Familie weiß ich damals nichts. Ich bin 1970 gerade mal sechs Jahre alt. Deshalb interessiere ich mich nicht für Probleme. Ich interessiere mich dafür, wie es mir dort geht, wohin mich mein Jugendamt hin bringt. Noch bevor ich 1971 in der Bacheifeldschule in Berchtesgaden eingeschult werde, lerne ich, dass die zwei Männer, die sich am Oberlehen meiner Erziehung annehmen, sehr ungehobelte Kerle sind. Beide mögen Kinder nicht besonders. Ihre Haltung können die beiden nicht verbergen. Ich habe das Gefühl, dass die beiden, Kinder nicht nur nicht mögen, sondern sie scheinen sie zu hassen, warum sonst schlagen sie so oft auf mich und die anderen Kinder im Oberlehen ein?

In Berchtesgaden beginnt der August. Die ersten Tage sind heiß und trocken. Die Hitze in der kleinen Fabrik ist beinahe unerträglich. Die Arbeit läuft wegen der umfangreichen Aufträge von Herstellern edler Parfüms auf Hochtouren. Mehrarbeit ist täglich notwendig.

In der Wohnung an der Hochsteinstraße wohne ich seit ein paar Tagen nicht mehr allein. Herbert, ein Student, ist eingezogen. Er wohnt im Zimmer neben den beiden Räumen, die ich seit Wochen bewohne. Herbert kommt aus Norddeutschland. Er absolviert im Rahmen seines Wirtschaftsstudiums ein Praktikum in der kleinen Firma.

Auf Herberts Ankunft bin ich nicht vorbereitet. Sie wird vom Chef und dessen Frau frühzeitig angemeldet, und es wird mit mir vereinbart, dass Herbert in das freie Zimmer zieht. Trotzdem spüre ich, als er ankommt, dass ich nicht darauf eingestellt bin. Eine fremde Person benutzt Wohnung, Bad, Küche und Toilette mit. Eine Wohnung, die ich allein bewohne, bewohne ich anders, als eine Wohnung, die ich mit einem fremden Mitbewohner teile.

In Studentenwohngemeinschaften hatte ich keinerlei Probleme. Ordnung ist für mich kein Problem. Deshalb findet Herbert in Bad und Küche genügend Platz für sich. Auf den Ablagen und Regalflächen breitet er sich aus. Er verteilt Cremes und Körperpflegemittel. Ich lerne, dass ein gepflegter Mensch davon unvorstellbar viel benötigt.

Am Tag seiner Ankunft stellt Herbert mir seine Freundin und sich selbst vor. Beide sind sehr gepflegt und dick geschminkt. Als ich den beiden gegenüberstehe und deren feine Hände schüttle, habe ich das Gefühl schmutzig und ungepflegt zu sein. Die tägliche Dusche scheint mir plötzlich zu wenig. Mein Stück Seife und mein Haarwaschmittel auf der Ablage im Bad, mit dem ich bislang meinen Körperreinigungsbedarf gedeckt sah, scheint mir nicht mehr ausreichend.

Herbert ist Sportler. Mehrere Fahrräder lädt er aus einem Transporter und stellt sie unter dem Vordach zur Wohnung ab. Täglich ist er nachmittags ab halb sechs Uhr im engen, gelben Trikot auf den Bergstraßen unterwegs. Herberts umfangreiche Reinigungsbatterien im Badezimmer erkläre ich mit seinem höheren Bedarf wegen des Fahrradsports, und mit einem gewissen Wettbewerb, dem er sich aussetzt, weil ihn eine stets perfekt gepflegte Freundin begleitet. Deshalb denke ich nach drei Tagen, dass meine Seife und mein Haarwaschmittel weiterhin für mich reichen. Weil Herbert und ich nicht nur aus optischen Gründen nicht zusammenpassen, er eine Sache die ich für die menschliche Fortbewegung als sinnvoll und geeignet betrachte als Extremsport betreibt, aber vor allem, weil wir keine gemeinsamen Themen haben, außer unserem gleichzeitigen Aufenthalt in einer Wohnung, lebt Herbert in seinem Zimmer und ich in meinen beiden.

Herbert ist täglich mit Fahrradfahren, seiner Freundin und der Körperpflege genug beschäftigt, um sich nicht um mich zu kümmern oder zu interessieren. Trotzdem sehe ich heute Morgen, nachdem Herbert die erste Nacht in der Wohnung übernachtet hat, mein Projekt gefährdet. Ich sitze nicht vor meiner kleinen, alten Schreibmaschine. Es hat sich etwas verändert. Meine Gedanken an das alte Oberlehen, an mein Leben auf dem Obersalzberg, kann ich heute Morgen um fünf Uhr nicht sammeln. In der Wohnung lebt ein Mensch, der mich jederzeit fragen kann, wer ich bin, woher ich komme, was ich in diesem Ort zu tun habe.

Ich möchte, was ich tue, was ich schreibe, warum ich zurück komme an diesen Ort, keinem fremden Menschen mitteilen. Ich sehe Herbert, der mit seinem Praktikum in der Fabrik ein klares Ziel vor Augen hat. Es ist sein Studium, dazu gehört dieses Praktikum. Welche Antwort könnte ich dem fremden Mitbewohner geben, sollte er mich auf meine Ziele in Berchtesgaden, in der Fabrik ansprechen? Und der Chef? Welchen Kontakt hat Herbert zum Chef, dem Fabrik und Wohnung gehören, in der nun auch Herbert arbeitet und wohnt? Diese Fragen sehe ich heute Morgen, deshalb tauchen meine Erinnerungen an das Oberlehen nicht auf.

Es rumort in meinem Kopf. Wegen Herbert verschwindet das Oberlehen. Meinen momentanen Alltag in dieser Wohnung, und die Fabrikarbeit, habe ich mir als Legitimation für tägliche Erinnerungsversuche gesucht. Morgens die frühe Stunde vor der Schreibmaschine in meiner Vergangenheit, danach die Fahrt im Wagen des Chefs, täglich die stundenlange Fabrikarbeit und abends meine Müdigkeit auf dem braunen Sofa in meinem Zimmer mit Blick zum Obersalzberg. Das ist eine wunderbare Konstruktion, um die Erinnerungen an mein Leben im Oberlehen vor zwanzig Jahren zu wecken, einzuordnen und abzuschließen. Heute Morgen sehe ich die Konstruktion gefährdet. Ich lebe in Berchtesgaden einen unwirklichen Alltag. Ich blende die Realität um mich herum aus, genauso wie die täglichen Meldungen des Deutschlandfunks über das Morden im zerfallenden Jugoslawien. Mein Alltag scheint plötzlich fern der Realität zu liegen.

Für das Erinnern, Zusammentragen und Aufschreiben der Bruchstücke meiner Vergangenheit reserviere ich die geringste Zeit des Tages. Gewiss habe ich herausgefunden, um welche Zeit ich am besten daran arbeiten kann, welche Zeit des Tages die wertvollste für diese Arbeit ist. Der größte Zeitfresser des Tages bleibt die anstrengende Fabrikarbeit. Sie frisst meine Kräfte, macht mich müde. Die Fabrik passt nicht zu meinem Denken und sie passt nicht zu der Aufgabe, die ich jeden Morgen für eine Stunde angehe. Das ärgert mich mehr und mehr.

Wie ein marodes Gebäude bricht heute Morgen mein Alltag in meinem Kopf zusammen. Widersprüche der Fabrikarbeit, das Erinnern und Aufschreiben, mein tägliches Tun und Denken prallen in meinem Kopf aufeinander. Am Frühstückstisch sehe ich meine Erinnerungsarbeit in einer dicken Staubwolke verschwinden. Sie ist undurchschaubar. Das alte Oberlehen finde ich heute Morgen nicht.

Ich laufe dem gelben Finanzamt entgegen. In meinem Kopf finde ich Gedanken der Angst um mein Projekt. Wegen der Widersprüche habe ich Zweifel am Sinn der Erinnerungsarbeit. Hastig tapse ich die gepflasterte Hochsteinstraße hinunter, bis zur Nonnenstraße. Der Watzmanngipfel ist heute Morgen von Wolken umhüllt. Ich lasse, wie jeden Morgen, eine Autoschlange passieren. Sie durchquert täglich um diese Uhrzeit über die Nonnenstraße den Ort in Richtung Salzburg. Der weiße Wagen rollt an mir vorbei. Ich bin wieder zu spät dran. Jetzt renne ich. In Sekunden bin ich beim Wagen des Chefs.

Mein Laufen verändert mein Denken; Ich werde mein Projekt in diesem Ort zu Ende führen. Morgen früh werde ich meinen Rhythmus des täglichen Schreibens und Erinnerns wieder aufnehmen. Zweifel und Ängste, wegen meines Alltags, wegen meiner Zukunft ohne Arbeit in der Stadt, werde ich zurück drängen. Von meinem neuen Mitbewohner Herbert werde ich mich nicht aus meinem Konzept bringen lassen. Den Zweck meiner Rückkehr habe ich geklärt. Den Alltag in diesem Ort brauche ich, um meine Erinnerung zu beflügeln. Die Konsequenzen aus der Zeit, die ich in diesem Ort brauche, sollen mich erst später beschäftigen. Ich werde in der Fabrik weiterarbeiten. Das Aufschreiben der Vergangenheit kann nur jetzt und hier geschehen. Sinn oder Unsinn in meiner Aufgabe gibt es nicht. Sie muss getan werden!
Ich lasse mich schwungvoll, wie jeden Morgen, im schwarzen Ledersitz im Wagen neben dem Chef nieder.

Um halb fünf Uhr läutet mein Wecker. Draußen dämmert es. Vor dem Obersalzberg hängen Nebelschwaden. Unter der Dusche denke ich an den gestrigen Morgen. Ich denke an Herbert, der mein Denken erschüttert und Zweifel auslöst. Er kommt mir morgens in der Wohnung nicht in die Quere. Er steht später auf. Ich weiß nicht, ob er überhaupt frühstückt. Er verlässt die Wohnung lange vor mir. Er fährt mit dem Fahrrad in die Fabrik. Ich hole Kaffee aus der Küche. Ich setze mich vor meine Schreibmaschine. Draußen steigen die Nebelschwaden schnell am Obersalzberg hinauf. In meinem Kopf zwinge ich mich zurück ins alte Oberlehen.