10. Die neue Schulklasse

Die Schulklasse war neu zusammengewürfelt worden. Nur wenige Jugendliche in der neuen Klasse kannten sich aus früheren Schulen. Fast alle hatten wie ich eine Prüfung abgelegt um die neue Schule besuchen zu können. Vom ersten Tag an hatte ich auf der Schulbank das Gefühl einer erfolgreich gemeisterten, besonderen Anstrengung. Lehrerinnen und Lehrer vermittelten den Unterrichtsstoff anders. Was sie sagten wirkte intensiver als ich das von meinem Lehrer in der Bacheischule kannte. Nach Wochen verstand ich warum: Lehrer und Mitschüler nahmen mich ernst.

Lernen war hier genauso wenig wirklicher Spaß für mich wie auf meiner alten Schule. Aber es bedeutete etwas ganz anderes. Es ging um Zukunft und nicht darum Ärger auszuweichen. Nicht erledigte Aufgaben bedeuteten, dass ich eine Chance verpasst hatte. Als das der Direktor erklärte, verstand ich etwas ganz neues: Wenn ich eine Hausaufgabe nicht erledigte, hatte ich es verpasst etwas dazuzulernen! Das hatte ich zuvor noch nie gehört, aber es stimmte, denn ich hatte die Prüfung bestanden weil ich bei der Lehrerin neues gelernt hatte und damit eine Chance nutzte. Ich konnte die Schule nur deshalb besuchen, weil ich bereit war, neues zu lernen. Ich hatte die Chance was neues zu erreichen! Ich wollte nicht zurück in die Bacheischule, wo Michael Kopfnüsse verteilte. Ich wollte die neue Schule schaffen.

Die Schule war schwer. Sie vermittelte Dinge, deren Gebrauch in meinem Alltag weit entfernt schienen. Vieles paukte ich stur in mich hinein, ohne es richtig zu verstehen oder den Funken einer Idee zu haben, für welches praktische Gebiet das Wissen gedacht war. Trotzdem blieb es mein klares Ziel die Schule zu schaffen. Diese Schule gut abzuschließen war für mich die Eintrittskarte in meine Zukunft.

Die Lehrer forderten mich heraus. Wenn Aufsätze geschrieben wurden oder Themen bearbeitet wurden, merkten sie, dass ich Hintergrund und Zielrichtung schnell begriff. Im Unterricht kam ich deshalb mehr und mehr zu Wort. Es gelang mir sogar nicht der verhasste Streber zu sein. Bald stand ich gegenüber Klassenkameraden als einer da, der sein gelerntes Wissen und die Ergebnisse aus begriffenen Zusammenhängen gerne weitergab.

Auf der Schulbusfahrt nach oben auf den Obersalzberg schrieben sie aus meinen Hausaufgaben ab. Manche schätzten mich sehr und andere weniger. Es gab keine gehässigen Bemerkungen und Kopfnüsse auf dem Schulhof. Mit der Zeit lernte ich immer schneller. Zu Hause bei Birner musste ich immer weniger wiederholen, denn ich wiederholte und erklärte ständig im Schulbus gegenüber den fragenden Mitschülern.

Die Lehrer erkannten, dass etwas in mir steckte, sie bemühten sich darum es herauszuholen. Der Schuldirektor unterrichtete mich in den Fächern Deutsch, Religion und Geschichte. Er bemühte sich besonders stark und anhaltend. Ich spürte, dass er mich und die anderen Schüler ernst nahm. Das funktionierte indem er einfach zuhörte. Ich merkte, dass er von uns etwas hören wollte. Meine Beteiligung am Geschehen in der Schule und im Unterricht nahm zu. Ich meldete mich, fand Gehör und hatte das Gefühl, mehr und mehr zu wissen.

Mein Wissen war an vielen Stellen viel geringer, als das von manchem Mitschüler, denn ich hatte zuvor in der Bacheischule vieles nicht gelernt. Meine Stärke lag aber darin, schnell zu erkennen, worauf ein Lehrer hinaus wollte. Das hatte ich im Haus von Birner gelernt. Dort durchschaute ich worum es ging. Ich wusste, welche Absichten verfolgt wurden und fand Wege, dessen Schlägen und Anfeindungen aus dem Weg zu gehen. Das machte ich mir an der neuen Schule zu nutze.

In den Unterrichtsstunden versuchte der Direktor mit Gespräch und Diskussion die Themen zu bearbeiten. Den Mitschülern war die Methode neu. Ich erinnerte mich an die Lehrerin. Das Reden fiel mir zunehmend leichter. Mehr und mehr Mitschüler beteiligten sich. Dadurch wurden meine Aufsätze immer besser. Themen, über die zuvor in der Klasse mit dem Direktor diskutiert wurde, konnte ich besser behalten und im Aufsatz argumentieren. Der Direktor besprach die Themen ernsthaft mit uns. Er fand ständig Beispiele aus unserem Alltag. Er wollte wissen was wir dachten.

Der Schulunterricht hatte wenig mit meinem Alltag bei Birner zu tun. In der Schule spielte eine anderen Welt. Die neue Schule blieb für mich wie eine Schublade, die ich morgens öffnete und Nachmittags wieder schloss. Mit den Hausaufgaben flackerten Themen aus der Schule kurz in mein Leben am Obersalzberg ins Haus von Birner. Sie spielten dort aber keine größere Rolle.

Ich durfte meine Hausaufgaben an dem kleinen Tisch in Hartwigs und meinem Zimmer erledigen. Das war ein Privileg. Ich saß nicht mehr in dem lauten Hausaufgabenraum mit allen anderen Kindern. Am Ende der täglichen Hausaufgabenzeit ging ich in das Hausaufgabenzimmer und ließ meine Arbeiten dort von einer Erzieherin kontrollieren. Dieses Privileg hatte ich, weil ich eine andere Schule besuchte. Auf meiner Schule musste ich mehr leisten, deshalb wurde mir für die Hausaufgaben mehr Ruhe zugestanden, deshalb erhielt ich eine Sonderbehandlung. Das brachte mir im Haus von Birner keine neuen Freunde.
Mit meiner neuen Rolle in in der neuen Schule hatte für mich eine neue Zeitrechnung begonnen. Meine Zukunft trat in meinen Blick, sie schien nicht aussichtslos zu sein.