1. Der Hausarrest

Die Lehrerin hatte gesagt, dass ich nicht von „man“ schreiben sollte, sondern ich sollte von „mir“ schreiben. Manchmal hatte sie unter meine Aufsätze geschrieben: „Gut Bernado! Der Aufsatz ist dir wirklich gut gelungen! Sehr gut wäre aber, wenn du schreiben würdest: Ich habe gestohlen, ich habe gelogen, anstatt zu schreiben: Man hat gestohlen, man hat gelogen… Ist es nicht so, dass du in dem Aufsatz über dich schreibst Warum sprichst du dann von „man“?“

Es war mir nie gelungen der Lehrerin einen Aufsatz zu geben, in dem ich diesen Rat befolgt hätte. Deshalb hatte ich niemals ein „sehr Gut“ von der Lehrerin bekommen. Es war immer bei „gut Bernado, das ist dir wirklich gut gelungen!“ geblieben. Das hat mir nie etwas ausgemacht. Im Gegenteil, ich war sehr zufrieden damit. Ich wollte nicht dadurch auffallen, dass ich ein „sehr Gut“ in einem Aufsatz mit nach Hause brachte. Für mich, so sagte ich mir, ist „gut“ von der Lehrerin gut genug.

Das Zimmer hatte eine Dachschräge mit einem Kippfenster. Dort musste es schon mal rein geregnet haben. Ich sah gelbliche Streifen an der Raufasertapete unter dem Fenster. Mein Blick wanderte am Fenster und der Dachschräge hinauf bis zur weißen Ballonlampe. Die schwang hin und her. Ein leichter Luftzug blies durch das gekippte Fenster in das Zimmer.

Sommerwind strich draußen über die hohen Baumwipfel rund um das Gehöft. Ich hörte deren Blätter, wie sie in dem böigen Lüftchen raschelten. Sie rauschten auf und ab, so dass ich im Halbschlaf, der mich minutenlang umgab, das Rauschen des Meeres zu hören glaubte.

In den Minuten des Dämmerns sah ich mir dabei zu, wie ich im Wind auf dem Brett stand und mit dem Segel kämpfte. Heftige Windböen peitschten dagegen, so dass es hin und her knallte. Ich versuchte den riesigen Gabelbaum und den beinahe vier Meter hohen Mast an mich heran zu reißen. Ich hängte mein Körpergewicht in den Gabelbaum. Ich fand, das sah verzweifelt aus. Es gelang mir nicht das Surfbrett im scharfen Wind über der Ostsee zu beherrschen.

Kurz bevor das Brett Fahrt aufnehmen konnte, gerade im Augenblick, als ich das peitschende Schlagen im Wind und das Springen des Brettes in den Wellen unter meiner Kontrolle glaubte, knallte eine mächtige Böe, schräg von vorn in das Segel. Das Brett drehte in den Wind. Die Böe, sie schien mir irrsinnig, riss mich mitsamt Segel vom Brett ins kalte Wasser. Wieder auftauchend sah ich das Segel, wie es sich aufbäumte, so dass eine weitere Böe es erfasste. Das Surfbrett, jetzt vom Wind getrieben, jagte aufs Meer hinaus. Ich sah es, Gischt auftreibend, vorbei fliegen wie das bunte Ende eines Indianerpfeils.

Ich erkannte eine Schaumkrone. Sie rollte auf mich zu. Ich versuchte seitlich auf sie hinauf zu schwimmen, wollte sie bezwingen, dachte nur von dort oben könnte ich Ausschau nach meinem Brett und dem Segel halten. Doch da sah ich sie schon über meinem Kopf. Tosend brach die Welle auf mich nieder. Es waren Schläge von einem Hammer. Ich wusste gar nicht, dass Schaum und Salz so schmerzhaft sind.

Da war etwas an meinen Beinen. Etwas zog an ihnen. Die Gischt da oben war weich geworden. Ich verlangsamte mein Schlagen gegen den Schaum. Ich erreichte ihn mit meinem Schlagen nicht mehr. Ich wusste, dass da oben Schaum war, versuchte mich darauf zu konzentrieren. Ich wollte fester, entschlossener gegen diesen Schaum einschlagen. Da merkte ich, dass mein Mund weit aufgerissen war. Das Surfbrett war plötzlich wieder da! Ich sah mich darauf liegen, wie auf einer Luftmatratze. Ich hörte ein leises Rauschen, so wie die seichten Wellen am Ostseestrand.

Vom Zimmer in dem Gehöft lag der Strand zu Fuß nur zwanzig Minuten entfernt. Ich hatte schon drei Wochen und zwei Tage dort verbracht. Es waren meine Sommerferien. Ende des Schuljahres 1977 war ich vierzehn Jahre alt geworden. In den vergangenen dreiundzwanzig Tagen war ich täglich ein bis zwei Stunden draußen auf dem Wasser gewesen. Ich kämpfte auf dem Surfbrett mit Wind und Wellen. Heute durfte ich das Meer aber nicht sehen, morgen nicht und die folgenden zwei Tage auch nicht.

Ich hatte eine Strafe zu verbüßen. Ich hatte Zeit. Meine Strafe war die Zeit. Es war die Zeit zu denken. Während ich das tat, also an vieles dachte, fielen mir die Lehrerin und deren Sätze zu meinen Schulaufsätzen ein.

Die Ferientage an der Ostsee bei den Feriengroßeltern hatte ich täglich draußen im Freien verbracht. Das Wetter war wunderschön. Es war sonnig und windig. Mir war der Wind manchmal fast zu viel. Das Surfbrett, mein täglicher Kampf mit den Wellen, das alles war neu für mich.

Die Ferienmutter hatte mich in ihrem großen Wagen auf das Gehöft gebracht. Auf dem Dach des Autos hatte sie das riesige Surfbrett transportiert. Ich könne das Surfen auf dem Wasser üben. Sie habe in ihrem Urlaubsgepäck ein Buch mit vielen bebilderten Tipps. Sie wisse wie wichtig es sei, dass junge Menschen in den Ferien Beschäftigung hätten. Das Surfen mit dem Surfbrett zu lernen, wäre bestimmt eine tolle Ferienbeschäftigung für mich.

„Ich“ lerne das Surfen! So dachte ich, und dass sich mein nächster Aufsatz darum drehen werde, wie „ich“ das Surfen lerne!

Die Ferienmutter nutzte die Zeit während der langen Autofahrt von Berchtesgaden, um mir zu erklären, wie ich das Surfen auf dem Meer lernen könnte. Alles sei genau im Buch mit den vielen bebilderten Tipps beschrieben. An einer Autobahnraststätte hatte sie das Buch aus ihrem Gepäck im Kofferraum gezogen. Ich habe es mir genau angesehen. Ich wollte eine Vorstellung davon entwickeln, wie das mit dem Surfen auf dem Meer funktioniert. Meine Vorstellung sagte mir schließlich: Ich kann das lernen! Deshalb kämpfte ich seit drei Wochen täglich auf dem Wasser.

Die Ferienmutter hatte mich mit ihrem bebilderten Lehrbuch und dem Surfbrett an der richtigen Stelle erwischt. Ich war ein Mensch der sich durchbeißen konnte. Das wusste sie und ich glaube, die Lehrerin wusste es auch, denn einmal hatte sie gesagt, ich sollte nicht schreiben „der Mensch beißt sich durch“, sondern „ich beiße mich durch“.

Die Ferienmutter hatte sich informiert. Sie hatte in Erfahrung gebracht was mit mir in vier Ferienwochen am besten anzufangen sei. Sie hatte herausgefunden, dass ich mich durchbeißen konnte. Deshalb hatte die Lehrerin einmal zu mir gesagt, dass ich schreiben, sagen und tun soll was „ich“ erreichen will.

Gleich am ersten Tag bei den Feriengroßeltern kletterte ich auf das Brett. Ich versuchte tagelang immer wieder das Segel aus dem bewegten Meer zu ziehen. Seit drei Wochen versuchte ich das so lange, bis meine Kräfte schwanden. Oft schaffte ich es nur mit letzter Mühe auf dem Brett liegend, mit den Armen rudernd, zurück an den Strand.

Nicht ein einziges Mal war ich mit dem Surfbrett auf dem Wasser richtig in Fahrt gekommen. Im Buch der Ferienmutter sah ich Männer, die sich am Gabelbaum des Segels fest krallten und mit einer schäumenden Bugwelle vor dem Brett über das Wasser schossen.

Täglich war ich dutzende Male in die kühle Ostsee gestürzt. Viele Male war ich hinter dem davon flitzenden Surfbrett her geschwommen. Das alles hatte mich nicht entmutigt. Auch heute wäre ich längst schon wieder draußen. Ich zog das Surfbrett auf dem kleinen Handwagen aus der Scheune und war damit jeden Tag hinunter zum Wasser gelaufen.

Gähnend beobachtete ich durch das gekippte Dachfenster den Hof. Friedlich lag er da im Sonnenschein, holprig gepflastert, umgeben von hohen Scheunen. Rechts an einer der Scheunen sah ich das frisch gestrichene Tor.

„Na, das sieht ja schon ganz toll aus, Herr Malermeister Klecksel!“

So hatte der Feriengroßvater gerufen.

Seinen Mercedes parkte er täglich im Hof vor dem Tor. Er inspizierte gemeinsam mit der Feriengroßmutter die Fortschritte meiner Malerarbeiten an dem Scheunentor.

Er, die Feriengroßmutter und die Ferienmutter bestiegen meist gegen drei Uhr den Wagen. Ich stand mit dickem Pinsel und großem Malereimer hoch oben auf der Leiter. Es machte mir Spaß meine Fortschritte der täglichen Pinselei an dem Tor zu erkennen. Schon nach vier Nachmittagen war ich mit drei Anstrichen an dem Scheunentor fertig.

Ich konnte sehr gut schwimmen. Darüber hatte sich die Ferienmutter ganz sicher vor Reiseantritt informiert. Bestimmt hatte Birner alle meine Schwimmabzeichen erwähnt. Wahrscheinlich hatte er gesagt, dass die Kinder alle „wahnsinnige Wasserratten“ seien.

Jeden Samstagvormittag liefen wir von unserem Wohnhaus auf dem Obersalzberg hinunter nach Berchtesgaden. Dort trafen wir im Hallenbad auf Birner, der stets mit seinem weißen Porsche dort hin gefahren war.

„Machen Sie sich da mal keine Sorgen! Der ist, wie die meisten unserer Kinder, ein sehr geübter und sehr guter Schwimmer. Der hat alle Schwimmabzeichen schon zweimal gemacht!“

Sie waren auf meine beiden Badehosen genäht, aber die dazugehörigen Papiere waren abhanden gekommen. Das allein wäre kein Grund gewesen noch einmal alle Schwimmprüfungen zu machen. Vielmehr hatte das Jugendamt von Birner gefordert, er möge schriftliche Bestätigungen schicken, die bewiesen, dass ich ein sicherer Schwimmer war. Ohne solche Bestätigungen wäre aus der Ferienverschickung an die Ostsee nichts geworden.

Birner konnte die Beweispapiere nirgendwo finden. Birners Büro, im zweiten Stock des Jungens-Wohnhauses am Obersalzberg, sah immer sehr aufgeräumt aus. Hinter seinem Schreibtisch standen Reihen von sauber beschrifteten Ordnern. Die Auszahlung des Taschengeldes an die Kinder, eine Aufgabe die Birner immer Samstags nach dem Schwimmen im Hallenbad wahrnahm, verlief stets begleitet von akkuraten Mitschriften Birners in ein sauber geführtes Kassenbuch.

Deshalb war ich überrascht als Birner mir gesagt hatte, dass er mich noch einmal zum Schwimmkurs anmelden müsse, weil die Papiere nicht mehr aufzufinden seien. Birner hatte meine Papiere von den Schwimmabzeichen irgendwo in seinem Büro verschlampt! Das war für mich unvorstellbar. So exakt wie der in seine Kassenbücher schrieb, Belege und Quittungen unterschrieb und reihenweise Ordner beschriftet hatte.

Tatsächlich schwamm ich gerne und gut. Die Scheine habe ich im Handumdrehen noch einmal gemacht. Vermutlich hatten Birners Auskünfte über meine Schwimmleistungen die Ferienmutter in ihrer Idee bestärkt, das Surfbrett und das bebilderte Lehrbuch mitzunehmen und mir das als Ferienbeschäftigung anzubieten.

Am Strand zwischen den Strandkörben saßen Nachmittags drei Burschen. Ich sah sie seit etwa zwanzig Stürzen vom Surfbrett in das kalte Ostseewasser. Ich hatte sehr viel Salzwasser geschluckt. Das Schwimmen zum Surfbrett war mir immer schwerer gefallen. Ich paddelte langsam in Richtung Strand.

Sie saßen neben den beiden Strandkörben der Feriengroßeltern. Ich fürchtete, dass sie sich auf meinem Handtuch breit gemacht hatten. Ich hatte es zusammen mit meinen Klamotten neben den roten Strandkorb gelegt. Je näher ich dem Strand kam, desto genauer erkannte ich, dass die Burschen auf ihren eigenen Handtüchern saßen.

Tags zuvor hatte ich meine Malerarbeiten an dem hohen Scheunentor abgeschlossen. Deshalb hatte mich der Feriengroßvater sehr zufrieden gelobt. Er sagte, dass er keine weiteren Aufgaben auf dem Gehöft für mich habe. Da seien ja noch die Ostsee, das Surfbrett, das schöne Wetter und der Wind. Das wäre doch geradezu ideal für eine Wasserratte.

Weil meine Arbeit am Scheunentor beendet war, konnte ich an dem Tag länger am Strand und auf dem Surfbrett bleiben, als an den Tagen zuvor. Ich fragte mich, ob die Burschen jeden Nachmittag um diese Uhrzeit am Strand neben dem roten Strandkorb herum saßen. Als ich mit dem Brett am Strand angekommen war, erhob sich der Längste der Drei.

„Moin ich bin Robert! Du bist doch sicher der Bayerische Lüdd, der uns schon vor Wochen angekündicht wurde!“

Robert reichte mir die Hand. Ich fand er hatte ein irgendwie schelmisches Lachen im Gesicht. Die beiden anderen standen rechts und links neben Robert.

„Tagchen ich bin Bernado und bin tatsächlich der angemeldete Bayer! Aber was ist denn so ein Lüdd?“

Die beiden Anderen schüttelten meine Hand.

„Moin ich bin Martin.“ „Moin ich bin Mischa.“

Wir setzten uns in die Sonne auf unsere Handtücher zwischen den beiden Strandkörben. Ich erfuhr, dass Robert ein Enkel der Feriengroßeltern war und in der Nähe mit seinen Eltern auf einem Bauernhof lebte. Martin und Mischa schienen seine beiden besten Kumpels zu sein, mit denen er täglich unterwegs war.

Die Drei waren etwa gleich alt wie ich. Ihre Schulferien hatten schon zwei Wochen früher als meine begonnen. Dass ich das Windsurfen noch kein bisschen beherrschte, schien die Drei nicht zu interessieren.

„Wie wäre es morgen früh mit einer Bootstour? Wir fahren mit einem Fischkudder zum Blinkern.“, fragte Robert.

Ich kenne Ausflugsfahrten auf Oberbayerischen Seen. Ich dachte sofort, dass das Meer aber etwas völlig anderes ist und dass so eine Bootsfahrt auf einem Fischkutter für mich, einen Menschen aus einem bayerischen Gebirgsort, beängstigend ist, wollte das den Dreien gegenüber aber nicht durchblicken lassen. Ich stimmte der Idee deshalb ohne Zögern zu.

„Ja klar eine Bootstour! Gute Idee für Morgen liebe Leute! Das wird bestimmt ein schöner Spaß werden!“

So rief ich den Dreien zwischen den Strandkörben zu. Es war, als wäre ich am Obersalzberg hinter Birners Haus beim Tischtennisspiel mit den anderen Kindern. Dort war ich ein lauter Schreihals. Oft nervte mein Geschrei Birner, dessen Büro oben im zweiten Stock lag, so dass der herunter schrie: „Halt endlich mal die Klappe du dämlicher Armleuchter!“ Deshalb dachte ich, dass ich als Neuer an der Ostseeküste vielleicht etwas zu laut schrie. Das schien Robert, Mischa und Martin aber nicht zu stören.

Wir Drei sprachen lauthals über das Blinkern und die Bootstour im Fischkutter, die Robert für den nächsten Tag plante. Die Fischerei sollte nicht mit Ködern stattfinden, sondern mit so genannten Blinkern. Soweit ich Robert verstand, würden die Fische durch das auf und ab der Angelrute und einem schweren Blinker angelockt.

Mischa sagte zum Abschied:
„Beim Opa von Robert findest du jede Menge altes Ölzeuch und zum Fischen hab ich ne super Angel daheim. Die bring ich für dich morgen mit an Bord!“