1. April

Aus meinem Zimmerfenster habe ich morgens um sechs Uhr, bevor der kalte Aprilregen einsetzt, eine herrliche Aussicht. Draußen sehe ich grüne gebirgige Landschaft. Nebelbänke ziehen gemächlich durch das enge Tal. Für einen kurzen Moment strahlt die Sonne durch ein Wolkenloch. Ihre Strahlen hüllen die hohen Berggipfel rings um meine kleine Wohnung in rote Farbe. Spätestens um Viertel vor Sieben stehe ich jeden Morgen im Badezimmer. Ich rasiere mich und putze die Zähne. Dabei beobachte ich durch das Badfenster, wie sich draußen die Wolkendecke verdichtet. Langsam schieben sich dunkle Wolken an den Berggipfeln herab. Obwohl der Tag erst beginnt, wird es draußen dunkler. Um sieben Uhr beginnt es täglich zu regnen.

Seit wenigen Tagen bewohne ich eine Dreizimmerwohnung mit Aussicht auf das wunderschöne Tal. Vor der Wohnung liegt eine gepflasterte Straße. Es ist die Hochsteinstraße. Sie führt steil auf den Hochstein hinauf. Von den drei Zimmern in der Wohnung, bewohne ich ein Durchgangszimmer mit einem kleinen Balkon hinaus Richtung Hochsteinstraße und ein Schlafzimmer. Das dritte Zimmer ist unbewohnt. Die Wohnung stellt mir der Chef kostenlos zur Verfügung. In dessen Fabrik arbeite ich seit meiner Rückkehr nach Berchtesgaden.

In der kleinen Fabrik, hinten in dem wunderschönen Tal, produziert der Chef Körperpflegemittel. Heute weiß ich noch nicht, ob es sich lohnt meine sichere Stellung in der Stadt aufzugeben. Ich weiß noch nicht so recht, ob mir die Arbeit Spaß macht. Spaß während der Arbeit, egal welcher, hatte ich in meinem Leben bislang eigentlich noch nie gespürt. Im Grunde hatte ich mich bei keinem meiner vorherigen Arbeitsplätze gefragt, ob Spaß dabei wäre. Hauptsächlich war es um die Frage gegangen, ob die Arbeit erträglich ist. Auch hier in Berchtesgaden geht es also um diese Frage. Es ist meine Aufgabe, mir ernsthaft zu überlegen, ob ich meinen sicheren Schreibtisch in München aufgeben möchte, um in diesem herrlichen Gebirgstal zu leben. Leider ist der April eiskalt und verregnet. Doch das nasskalte Wetter soll meine Entscheidung nicht beeinflussen.

Mein neuer Arbeitsplatz liegt in einem winzigen Industriegebiet. In meinen Augen ist das, wie ich ein Industriegebiet eigentlich nicht nennen sollte; romantisch. Jeden Morgen finde ich es mitten im Grünen. Es liegt eingekeilt zwischen hoch aufragenden Bergen. Neben dem Industriegebiet fließt ein wilder, romantischer Fluss.

Die Arche ist zu einem braunen, reißenden Strom angeschwollen. Sie führt das eiskalte Wasser von zwei wunderschönen Gebirgsseen mit sich. Dem Hintersee und dem Königsee. Am Industriegebiet fließen die Wässer beider Seen vorbei, um sich in Österreich in die Salzach zu verdünnen und in Salzburg für einen momentan sehr hohen Wasserstand zu sorgen. Parallel der reißenden Arche führt eine breite Landstraße nach Salzburg. Über die Straße fahre ich täglich zur Arbeit.

An den ersten Tagen habe ich durch die hohen Fenster täglich die reißende Arche und die Natur rund um das Industriegebiet beobachtet. Ich richtete meine Aufmerksamkeit auf die grünen, dicht bewaldeten Bergfüße. Morgens sah ich draußen die hohen, von Nebel umhüllten Berge. Tagelang habe ich mich an der grünen Natur und der wilden Landschaft erfreut. Die viel befahrene Straße, hinter den dicht wachsenden Bäumen an der Arche, sieht im Frühling und Sommer nur, wer sie sehen möchte. In den ersten Tagen wollte ich Berge, Bäume und Gräser sehen, denn ich komme aus der Stadt.

Jeden Morgen um sieben Uhr stehe ich unter meinem schwarzen Regenschirm vor dem gelb gestrichenen Berchtesgadener Finanzamt in der Nonnenstraße. Das Amt liegt nur wenige Schritte unterhalb der Hochsteinstraße. Ich stehe auf dem Bürgersteig und warte. Auf der gegenüber liegenden Straßenseite beobachte ich das Altenheim. Es ist ein rustikales Gebäude mit dunkelbraunen Holzbalkonen.

Täglich bleibt mir nichts anderes, als am Straßenrand zu stehen und das bisschen, was sich um die frühe Stunde tut, zu beobachten. Jeden Morgen stehe ich zwar nur wenige Minuten vor dem Finanzamt, doch ich genieße jede Sekunde unter meinem Regenschirm, denn ich brauche die Zeit der Stille, bevor ich im Wagen neben dem Chef sitzen muss, um zu meinem neuen Arbeitsplatz zu gelangen. Ich warte und sauge die Ruhe konzentriert in mich auf. Ich höre den Regen, wie er auf meinen Regenschirm hernieder prasselt. Ich denke daran, wie schön es wäre, in einem Zelt zu liegen, das Geräusch des Regens zu genießen, und einen ruhigen Urlaubstag auf einem verregneten Zeltplatz, ohne Aufgabe, ohne Vorhaben für den Tag, vor mir zu haben. Ich genieße den Gedanken so sehr, dass ich das Gefühl habe, den Geruch der Zeltwand, auf die der kalte Regen nun heftig nieder schlägt, in der Nase zu haben. Ich rieche den modrigen Geruch von Feuchtigkeit, der entsteht, weil das alte Zelt den Winter über im Kellerschrank lag.

Der Chef hat mir angeboten mich morgens in seinem Auto mitzunehmen. Er hat es sehr gut gemeint mit diesem Angebot. Weil er ohnehin jeden Morgen nahe dieser Straße unterwegs sei, mache es für ihn nur einen winzigen Umweg, mich am Finanzamt einzuladen. Es sei egal, ob er morgens dort vorbeifahre, oder auf der breiten Straße an der Arche bleibe. Das freundliche Angebot des Chefs konnte ich nicht abschlagen. Das hätte mir große Schwierigkeiten bereitet. Nachvollziehbare Argumente, nicht auf das gut gemeinte Angebot einzugehen, gab es nicht. Begeistert wie der Chef mir die Arbeit in seiner Fabrik erklärt hat, bietet er den winzigen täglichen Umweg an.

Durch die Fenster im Finanzamt sehe ich drei Beamte. Sie sitzen hinter leuchtenden Computermonitoren. Zwei andere fahren in weißen Kleinwagen auf dem Gehsteig vor. Schwarze Aktentaschen werden über zwei Fensterbänke im Erdgeschoss gehoben. Die Männer steigen aus ihren Dienstfahrzeugen. Sie holen die Taschen und verstauen sie in den kleinen Kofferräumen. Den Vorgang beobachte ich täglich nicht allein. Drei alte Damen stehen hinter den Fenstern ihrer Zimmer. Ich sehe deren Umrisse hinter weißen Vorhängen. Um besser beobachten zu können, schieben sie die Vorhänge ein winziges Stück beiseite. Die Frauen stellen fest, dass rund um das Finanzamt täglich alles beim alten bleibt. Die Beamten steigen immer pünktlich in ihre Kleinwagen und fahren los.

Weil ich seit einer Woche hier stehe, bin ich ein bisschen Alltag der alten Damen geworden. Ich gehöre noch nicht richtig dazu, so wie die Finanzbeamten, die schon seit vielen Jahren da sind, aber ich mische mich in ein alltägliches Bild. Ich warte geduldig im Regen. Ich bleibe so lange stehen, bis der Wagen des Chefs das leichte Gefälle vor dem Amt herunter rollt. Die drei alten Frauen verliere ich dann kurz aus den Augen. Stattdessen sehe ich den beiden Wagen der Finanzbeamten nach, wie sie tosend die Steigung der Hochsteinstraße nehmen. In der Mitte der Steigung begegnen beide dem Wagen des Chefs. Dessen schwere Limousine rollt sehr schnell heran, kommt am Straßenrand zum Stehen, damit ich einsteigen kann. Die alten Frauen sind kurz wieder in meinem Blickfeld. Ich sehe eine Dame im ersten Stock, während ich die Wagentür öffne. Sie zieht den Vorhang zu. Jetzt bücke ich mich, um in den Wagen zu steigen, die Dame im zweiten Stock zieht den Vorhang zu. Die dritte Dame sehe ich noch für Sekunden durch das Fahrerfenster, während ich dem Chef die Hand schüttle.

Weil ich gegenüber dem Chef keinen Eindruck von Müdigkeit entstehen lassen will, setze ich mich schwungvoll neben ihn in das schwarze Leder. Ich denke nicht an den herannahenden Arbeitstag in dessen kleiner Firma. Ich denke nicht an den Chef. Meine Gedanken sind noch bei den alten Frauen. Was tun sie den ganzen Tag, während ich hinter monoton lärmenden Abfüllanlagen und Verpackungsmaschinen stehe? Wie sieht deren Alltag im Altenheim gegenüber dem gelben Finanzamt aus? Steigen die dichten Wolkenmassen an den Bergen empor und geben mittags endlich den Blick hinüber zum Obersalzberg frei, damit die Damen eine schöne Aussicht genießen können? Werden die Damen heute im Ort spazieren, um etwas einzukaufen oder in einem Café zu sitzen? Ist ihr Leben in diesem schönen Ort interessant, vielleicht sogar schön?

Auf dem Weg zur Arbeit spüre ich, dass ich zu so früher Tageszeit sehr ungern spreche. Ich spüre, dass ich die Minuten, morgens zwischen meinem gemieteten Zimmer, dem Finanzamt und meiner neuen Arbeitsstätte am liebsten überspringen würde. Ich wünsche, sie wären nicht da, denn ich darf nicht allein sein auf dem Weg zur täglichen Arbeit. In der Stadt war ich diesen Weg immer allein gegangen. An jedem vorherigen Arbeitsplatz war ich morgens allein auf dem Weg. Es war noch nie anders. In Berchtesgaden ist es jetzt anders, ganz anders.

Ich sitze schweigend neben dem Chef und suche Gründe für mein Denken. Es sind Minuten der täglichen Besinnung und Beschaulichkeit. Minuten in denen ich an einem neuen Tag einen ersten Blick in mich selbst wage. Es könnten heute die einzigen Minuten sein, in denen ich noch allein bin. Noch keine Routinegespräche zwischen Vorgesetzten, Kollegen, Lieferanten und anderen Arbeitskräften. Deshalb sind es wichtige Minuten. Es könnten meine ruhigsten Minuten des Tages sein, denen mich der Chef beraubt.

Der Arbeitsalltag presst mein Gehirn in maschinelle, monotone Denkschemen. Mein Körper, meine Konzentration, mein Denken, all das zwingt der Arbeitsalltag in diese Firma. Schnelle Produktion, beste Qualität, hohe Maschinenleistung und Erfolg sind die Kriterien an die zu denken ist, die zu realisieren sind. Deshalb brauche ich die freien Minuten am Morgen! Das sind Minuten der klaren Gedanken. In ihnen ist ungezügeltes Denken noch möglich. Der Kopf ist noch frei. Er ist noch nicht von der täglichen Arbeit gemartert und beschnitten. Weil ich abends, nach dem langen Arbeitstag, immer müde bin, dass ich meist schnell einschlafe, sind es die letzten Minuten des Tages in denen mein Kopf noch klar ist und mein Denken noch frei. Sie verstreichen im Wagen neben dem Chef.

Vielleicht deshalb mein Schweigen am Morgen. Morgens im Wagen neben dem Chef erreiche ich nach wenigen Sekunden einen Tiefpunkt. Vielleicht ist das ein Zeichen dafür, dass an dieser Situation morgens im Wagen des Chefs etwas nicht stimmt. Vielleicht ist es sogar ein Anzeichen dafür, dass an meiner gesamten Situation, meiner Rückkehr in diesen Ort und meiner Arbeitsaufnahme in dieser Firma etwas nicht stimmt. Seit Tagen versuche ich herauszufinden was hier nicht stimmt. Bislang erfolglos.

Ich darf mit dem Chef in seinem Wagen in seine Fabrik fahren. Jeden Tag habe ich das Gefühl, dass der Chef für mich am wenigsten geeignet ist, für ein Gespräch. Weil seine kleine Fabrik so nah ist, vergeht die Autofahrt schnell. Mir fällt kein Gesprächsthema ein. Auch heute Morgen nicht. Ich weiß nicht, was zu der Situation in seinem Wagen, um diese Uhrzeit passt. Ich weiß nicht, was ich mit ihm zu besprechen hätte, das zu dem angesteuerten Ziel passt. Deshalb spreche ich in seinem Wagen nur das Nötigste. Deshalb denke ich jeden Morgen zunächst an die Finanzbeamten und die alten Damen, die ich vorher gesehen habe.

Ich weiß noch nicht wohin mein Denken mich führen wird. Im Moment habe ich Urlaub. Von meiner Dienststelle in der Stadt bin ich beurlaubt, um hier in dieser Fabrik zu arbeiten. Am fünften Arbeitstag meines geopferten Urlaubs im April denke ich nur noch wenige Sekunden an die alten Frauen hinter den Vorhängen. Die Finanzbeamten vergesse ich völlig. Auch über den Chef denke ich nicht nach. Die fünf Minuten Fahrzeit neben dem Chef nutzte ich fast vollständig um an mich zu denken.

Ich bin in diesen Ort zurückgekommen um zu arbeiten. Jeder Mensch in meinem Alter hat zu arbeiten, wenn er nicht krank ist. So begründe ich heute meine Anwesenheit hier in diesem Ort. Es geht um meinen Lebensunterhalt. Den bekomme ich nicht umsonst. Ich bin nicht zurückgekommen um die Landschaft zu genießen. Ich bin nicht hier, um die Menschen in Finanzamt und Altenheim morgens um sieben Uhr zu beobachten und über deren Alltag nachzudenken. Bin ich gekommen, um über etwas anderes nachzudenken? Bin ich wirklich nur zurückgekommen, um in dieser Fabrik zu arbeiten? Ich weiß es noch nicht.

Ich komme aus der Stadt. Dennoch bin ich kein Außenstehender in diesem Touristenort. Ich tauche wieder ein in das Alltagsleben dieser bayerischen Menschen. Ich tue das, weil ich arbeiten und Geld verdienen muss. So begründe ich das heute. Ich wohne zwischen beliebten bayerischen Gebirgsgipfeln mit Ausblick hinüber zum Obersalzberg. So schön kann ich in der Wohnung des Chefs wohnen! Er stellt sie mir zur Verfügung damit ich in seiner Fabrik arbeiten kann. Ich lebe und arbeite in einem Ort, von dem vielleicht mancher Mensch aus norddeutschen Industriestädten träumt, wegen der schönen Natur. Diese Landschaft diente so manchem erfolgreichen Heimatfilm als Kulisse. Ich opfere meinen Urlaub, um mitten in dieser idyllischen Landschaft zu arbeiten. Während ich so denke, gibt der Chef im Wagen kräftig Gas.

Ich glaube, dass ich in der Hauptsache zurückgekommen bin, um zu arbeiten. So denke ich am sechsten Arbeitstag und so denke ich immer noch am siebten. Vielleicht wähle ich diesen schönen Ort, weil ich insgeheim hoffe, mit dieser Wahl mein zwiespältiges Verhältnis zu Arbeit jeder Art zu ordnen? Vielleicht möchte ich in der Schönheit dieser Landschaft meine Einstellung zur Arbeit sogar verbessern? Daran denke ich am Morgen des achten Arbeitstages. Vielleicht hoffe ich insgeheim darauf, dass mir dies in der hübschen, reizvollen Kulisse gelingt?

Ich komme nicht als Tourist, das ist von Beginn an sicher. Der Ort ist sehr touristisch. Er liegt unterhalb des unrühmlich geschichtsträchtigen Obersalzberges. Er liegt eingekeilt zwischen Untersberg und Hohem Göll. Oder hat mein Zurückkommen doch mit Tourismus und Landschaft zu tun? Ich komme nicht als Saisonarbeiter. Ich wähle diesen Ort nicht als vorübergehendes Sommerquartier. Ich will hier nicht nur einige Monate einen finanziellen Reibach machen. Ich will überhaupt keinen Reibach machen, sondern geplant ist hier zu arbeiten und zu leben.

Ich erhoffe ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Arbeit und Leben. Deshalb stehe ich um sieben Uhr Morgens vor dem Finanzamt, warte auf den Wagen des Chefs und lasse mich dabei voll regnen. So denke ich schließlich am letzten Arbeitstag im April. Ich hoffe auf die Realisierung einer persönlichen Philosophie, einer Utopie. Ein ausgewogenes und positives Verhältnis zwischen beidem erwarte ich ausgerechnet in diesem Ort! Ein schönes Leben in herrlichster Landschaft mit guter Luft. Dazu die notwendige Arbeit. Das habe ich hier gefunden, so denke ich heute am letzten Tag meines geopferten Urlaubs.