Archiv für den Monat: November 2018

Wenigstens Entlassung – Erzählung

Im Jahr 1982 beginnt für den achtzehnjährigen Bernado Wenigstens in Traunstein ein neues Leben. Er besucht die Fachoberschule im technischen Zweig. Dort lernt er Ausgrenzung und Hass von Lehrern genauso kennen wie Konkurrenz der Mitschüler aber auch die Hoffnungen eines Mitschülers, der anders zu sein scheint. Anders und deshalb ähnlich wie er.

Die Eltern sind Vergangenheit, bei ihnen darf er sich nicht mehr melden. Die Kindheit ist endgültig vorbei, aber auf Schritt und tritt bleibt sie für Bernado Wenigstens fast täglich präsent.

Neue Freunde in Traunstein findet Bernado Wenigstens am Straßenrand und während der Mitarbeit in einer Jugendgruppe. Das bringt für den jungen Menschen die Hoffnung darauf, dass sein Leben nach Entlassung aus der Kindheit endlich eine neue Perspektive verspricht. Er sammelt alle Kräfte um die Brutalität, Ausgrenzung und den Hass, geschürt an der Fachoberschule in Traunstein schließlich hinter sich zu bringen.

Impressum
Bernd Thümmel
Wenigstens Entlassung – Erzählung Erstveröffentlichung 2019, Aktualisierung und Veröffentlichung als N-Book® am 30.08.2019

Titelgestaltung:  Bernd Thümmel
Alle verwendeten Fotos und Bilder:Bernd Thümmel
Alle Texte: Bernd Thümmel

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.

Alle Personen und geschilderten Ereignisse entspringen nicht nur der freien Phantasie des Autors. Personen und Handlungen sind vom Autor nicht nur frei erfunden und haben nicht ausschließlich keinen Bezug zu lebenden Personen oder realen Geschehnissen. Alle genannten Orte und geschilderten Geschehnisse an diesen Orten sind vom Autor teilweise frei erfunden, genauso wie alle geschilderten Häuser, Wohnungen, Landschaften, Städte, Dörfer, Bilder, Fotos usw.

Mutter

Nachmittags schickte die Mutter den Siebenjährigen zum Metzger. Sie gab ihm einen Zettel auf dem sie alles vermerkt hatte. In seine Geldbörse steckte sie aber kein Geld. Es waren Briefmarken, die sie da hinein tat. Das Geld war ihr am Tag zuvor aus gegangen, denn sie hatte viele Hefte gekauft. Eine langjährige Freundin hatte sie besucht. Beide lasen sich Vormittags gegenseitig aus den Heften vor. Mittags kaufte die Mutter der Freundin alle Hefte ab. Die Freundin trennte sich nur ungern davon, konnte der Mutter aber deren Wunsch nicht verwehren.

Täglich erleuchteten hunderte Kerzen die Kirche. Die Mutter und deren Freundin hatten sie entzündet. Beide hatten in den Heften darüber gelesen, dass brennende Kerzen in der Kirche ein gutes Opfer an den Herrn seien. Das Opfer, die vielen Kerzen zu kaufen, so hatten beide das verstanden, sei vor allem dann besonders groß, wenn man, so wie die beiden, nur wenig Geld besaß. Das sei ein gutes Opfer für den Herrn. Zu teilen oder her zu geben, wovon man nur wenig besitze, das liebe der Herr besonders. Herzugeben wovon man kaum besitze, verursache viel Schmerz, dessentwegen das Opfer erst ein dem Herrn würdiges Opfer werde.

Die Mutter glaubte fest daran, dass es eine Fügung des Herrn sei, dass sie ihre Freundin kennen lernen und so oft treffen durfte. Genauso war es eine Fügung des Herrn, dass die Freundin die Mutter in die Kirchengemeinde eingeführt hatte.

Sie war vor Jahren mit den drei Kindern und dem Vater in den Ort gezogen. Auch das war in den Augen der Mutter eine Fügung des Herrn, genauso wie der Ehemann, den der Herr der Mutter geschenkt hatte, so wie die drei Kinder.

Neben dem uralten Schloss, unweit des Schlossplatzes, hatte die Familie eine Wohnung im ersten Stock gefunden. Das war eine göttliche Fügung. Der Vater hatte auf eine Tafel im Rathaus des Ortes einen Zettel geheftet: „Familie sucht dringend kleine, preiswerte Wohnung“. Wochen später hatte sich beim Vater eine Frau gemeldet. Ihre Nachbarwohnung sei frei geworden und die Miete sei günstig. Sofort war der Vater zur Stelle und sorgte dafür, dass die Familie binnen weniger Wochen in den Ort umzog. Der Umzug verkürzte den Weg des Vaters zu seiner täglichen Arbeitsstelle in einer Konservenfabrik um eine knappe Viertelstunde. Das sparte nicht nur Zeit, sondern auch Geld, denn der VW-Käfer brauchte täglich weniger Sprit.

Die Metzgersfrau schickte den Buben nicht nach Hause. Stattdessen gab sie ihm von der Gelbwurst, die der Junge gierig verschlang. Sie griff zum Telefon und wählte die Nummer der Mutter. Die Nummer schien sie im Kopf zu haben. Der Bub beobachtete, wie sie mit Rechts zackig die Wählscheibe traktierte, während sie mit der anderen Hand kräftig an der Fleischwolfkurbel arbeitete.

Zwanzig mal ließ sie es läuten. Aber die Mutter hatte das Haus bereits verlassen. Sie war mit der Freundin unterwegs zur Kirche. Die Metzgersfrau schlug den schweren Hörer klangvoll auf die schwarze Gabel. Sie stopfte einen Batzen roten Fleisches oben in den Fleischwolf und kurbelte weiter, während sie nun mit einem Holzpropfen das Fleisch in den glänzenden Trichter presste.

Mit dem Buben sprach sie kein Wort. Hinter der Verkaufstheke hatte sie ihm den Rücken zugewandt, griff immer wieder in den Fleischberg neben dem Fleischwolf, während sie mit der Rechten weiter kurbelte. Minuten später war der Fleischberg abgetragen. Die Reste kratzte sie mit den Händen zusammen, um auch sie in den Trichter zu stecken.

Schließlich wandte sie sich dem Jungen zu, der geduldig vor der Verkaufstheke wartete. Sie nahm den Zettel, den der Bub ihr gegeben hatte, und blickte angestrengt drauf. Schließlich begann sie von unterschiedlichen Würsten auf zu schneiden.

Der Metzger kam hinter dem Vorhang, rechts der Verkaufstheke hervor. Er sah den Jungen, warf deshalb einen grimmigen Blick zu seiner Frau. Die ignorierte das. Der Metzger verschwand mit einem großen Messer hinter dem Vorhang. Die Metzgersfrau packte den Aufschnitt in eine Papiertüte. Sie notierte einen Betrag in ein kleines Heft, das neben dem Telefon lag.

Der Junge nahm die Tüte und reichte der Metzgersfrau die Geldbörse, die die Mutter ihm mitgegeben hatte. Die Frau sah darin eine spärliche Anzahl von Briefmarken. Sie nahm nichts davon heraus, sondern gab die Börse dem Kind zurück. Der Bub verneigte sich jetzt fast.

Vielen Dank!“ Schon war er zur Tür hinaus, hüpfte auf dem Gehsteig am großen Ladenfenster vorbei.

Bis zum nächsten Mal!“ Das rief er ohne dass es die Metzgersfrau noch hörte, denn er hatte sich auf dem Gehsteig schon mehrere Meter vom Laden entfernt.

Der Weg nach Hause führte das Kind am Bäckerladen vorbei. Dort war Frau Mayer beschäftigt den Fußboden mit einer groben Bürste zu schrubben. Das tat sie jeden Mittwoch um diese Uhrzeit. Der Junge presste seine Nase an das große Fenster der verschlossene Ladentür.

Das Kind beobachtete Frau Mayer. Deren dicker Hintern bewegte sich in ihrem hellblauen Kittel hin und her. Die Frau kniete, bewegte die grobe Bürste in einem fort auf dem grauen Steinboden von rechts nach links. Sie klatschte die Bürste in einen großen Stahlkübel. Da spritzte Wasser heraus. Sie wrang einen grauen Lappen über dem Eimer aus. Mit dem wischte sie über die zuvor gebürstete Fläche. Den Lappen warf sie schließlich in den Metalleimer, rückte auf dem Boden einige Zentimeter rückwärts Richtung Ladentür, um den Lappen erneut aus zu wringen. Der Junge presste die Nase fest an die Glasscheibe. Die Frau schlug die grobe Bürste spritzend in den Wassereimer. Der Bub klopfte an das Ladentürglas.

Als wüsste die Frau, dass der Bub schon minutenlang beobachtend auf dem Fußabstreifer vor dem Laden wartete, griff sie in ihre Kitteltasche. Dort fand sie den Ladentürschlüssel. Schwerfällig erhob sie sich. Lächelnd kam sie dem Jungen entgegen, nahm an der Tür eine braune Papiertüte, die sie dort in der Schaufensterauslage deponiert hatte. Klimpernd sperrte sie die Ladentür auf.
„Na, ist zu Hause alles in Ordnung?“
„Ja, ja“, nickte der Bub, der die Frau unbekümmert anlächelte.

Frau Mayer drückte dem Kind die Papiertüte in die Hand. Wortlos drehte sie sich um. Sie versperrte die Tür von innen und widmete sich weiter ihrer Putzarbeit. Der Bub presste nochmal sekundenlang die Nase an die Scheibe.

Er schlenderte, nun rechts und links beide Tüten schwenkend, Richtung nach Hause. Am Zeitungskiosk blieb er stehen. Dort weckten seine Blicke, die auf bunte Mickymaushefte trafen, Interesse nicht nur an den farbigen Bildern, die das Kind gierig aufsog, sondern dort wurden auch die neusten Geschichten mit Donald Duck angekündigt, die zu lesen ihm aber noch lange verwehrt blieben. Er verweilte vor der Auslage mit den Heften. Das neuste Heft wird sein Klassenkamerad Wochen später an den Buben ausleihen. Darauf freute er sich schon heute Minuten lang. Wie ein echter kleiner Kunde, der überlegte seine fünfzig Pfennige Taschengeld zu investieren, verweilte er vor der Glasscheibe. Er fand es toll Tick, Trick und Track gemeinsam mit deren aufgebrachten Onkel Donald zu sehen, wie die drei von Onkel Dagobert angetrieben, dessen gieriger Dollarblick auf eine golden Statue gerichtet, bereits oben auf einem hohen Berg standen. Schweißgebadet versuchte auch Donald den Berg zu erklimmen.

Nie konnte der Bub so ein schönes Heftchen kaufen, denn Taschengeld bekam er keines. Doch seine Freude am Anblick des neusten Abenteuers aus Entenhausen brachte die Idee, dass er zu Hause unter dem Bett nachsehen wird, welches der dort liegenden geliehenen Hefte es lohnt, nochmal gelesen zu werden.

Der Junge folgte, jetzt schöne Gedanken an Donald ausmalend, seinem Weg vorbei an der Glaserei, über den Schlossplatz, wo er in einen hüpfenden Ausfallschritt verfiel, der seine einzige Freude im Sportunterricht der Schule war. Er hasste eigentlich die Sportstunden wegen des Gestank der muffigen Umkleidekabine und den kalten Gummigeruch. Körpergeruch von vierzig Kindern, darunter er selbst, in der eisigen Kälte der Turnhalle, dazu die Gymnastikübungen der Lehrerin, die sie immer an der Wand vorführte, dabei alle Kinder im Blick, Verwarnungen an diejenigen heraus schreiend, die den Übungen nur mangelhaft folgten.

Als eines Tages die Lehrerin einen großen Kreis und einen kleinen in der Mitte der Turnhalle bilden ließ, kam endlich was neues. Sie begann plötzlich zu klatschen und ließ die Kinder in hüpfendem Schritt, den sie zuerst vorführte, im Kreis laufen. Das war eine lustigste Übung, die Spaß machte.

Beide Papiertüten hatte er fest im Griff. Seine Schritte wurden langsamer. Wenige Meter vor der Haustür war er stehen geblieben. Die Gedanken an die Mikymaushefte waren verflogen. Das Kind drückte den Finger fest auf den Klingelknopf. Die Mutter öffnete nicht. Stattdessen ließ der jüngere Bruder den Buben herein.

Der Siebenjährige räumte die Wurst in den großen Kühlschrank. Danach setzte er sich an den Küchentisch. Dort schnitt er für die beiden Geschwister vom Brot ab, das Frau Mayer ihm mitgegeben hatte.

Abends bereitete der Bub den beiden Jüngeren das Abendbrot zu. Später las er aus einem Buch vor. Weil er in der Schule das Lesen noch nicht vollständig gelernt hatte, zeigte er den Brüdern die Bilder aus dem Buch. Dazu erfand er Geschichten, die sich jedes Mal änderten. Die beiden jüngeren Brüder fragten nie, warum die Geschichten immer andere waren, während die Bilder dazu gleich blieben.

Autokauf

Der Motor lief ruhig. Der Tacho bewegte sich auf die Einhundert zu. Schneller wollte ich an diesem Tag keinesfalls fahren. Die Autobahn war finster. Die Beleuchtung des Wagens schimmerte in gelblichem Licht auf dem schwarzen Asphalt. Der weiße Mittelstreifen reflektierte die gelbe Scheinwerferbeleuchtung in einem matten Ton. Der schien so schwach zu sein, als drohte jeden Augenblick die Gefahr, er könnte erlöschen, genauso wie eine schwache Taschenlampe. Das Auto war zehn Jahre alt.

Baujahr zweiundsiebzig, aber Top in Schuss“, das hatte der stolze Verkäufer gerufen. Ohne mein Zutun schlug der Wagen permanent eine Rechtskurve ein. Der Verkäufer hatte das wohl aber nicht gewusst. Sein Sohn hatte nachts zuvor das Auto benutzt. Er hatte dem Wagen einen schweren Schaden zugefügt.

Die Lenkung des Autos war irreparabel defekt. Das Lenkrad hielt ich deshalb fest und sicher mit beiden Händen umgriffen. Der Wagen zog ständig nach rechts. Die Fahrzeugachse war verzogen. Die Reifen zeigten deutliche Spuren wegen der einseitigen Belastung, der sie durch das Gegenlenken ausgesetzt waren. Gegenlenken war nötig um das Auto in gerader Fahrtrichtung zu halten.

Der Verkäufer, ein bayerischer Vater in mittlerem Alter, hatte keine Ahnung davon, dass der Sohn nachts zuvor den Wagen gegen einen Randstein gesetzt hatte. Der Mann war sehr stolz auf seinen zuverlässigen, aber in die Jahre gekommenen Opel Kadett. Deshalb war er mir in dem Verkaufsgespräch richtig böse geworden. Schon nach wenigen Metern hatte ich den Verkäufer ganz ruhig gefragt:

Was ist denn mit der Lenkung passiert?“

Der Mann aber war von der Verkehrssicherheit seines gelben Opel vollkommen überzeugt. Jahrelang hatte er das Auto selbst gefahren. Regelmäßig hatte er es gewartet, gepflegt und gehegt. Seit zwei Jahren benutzte sein Sohn das Auto.

Der Mann dachte, ich wollte ihn mit meiner Frage nach der Lenkung provozieren. Er glaubte, ich sei ein Autokäufer der versuchte einen besonders schlauen aber dummen Trick anzuwenden. Den Preis wollte ich drücken. Der Mann glaubte, ich war gekommen um seinen zuverlässigen Wagen zuerst schlecht zu reden und dann zu kaufen.

Solches aber hatte ich nicht im Sinn. Ich war überrascht vom Drang des Wagens auf die rechte Straßenseite. Ich hatte noch nie in meinem Leben ein Auto gekauft. Deshalb lag es mir fern, irgendeinen Trick anzuwenden. Der Mann war sauer geworden.

Sofort anhalten und aussteigen!“

Der Mann brüllte das in mein rechtes Ohr. Ich erschrak. Ich tat wie befohlen, setzte den Blinker nach rechts und steuerte an den Straßenrand. Dort stellte ich den Motor ab und stieg schnell aus.

Steigen ‚S aus, steigen ‚S aus!“

Das rief der Mann, obwohl ich schon ausgestiegen war. Wütend knallte er die Beifahrertür zu, umrundete den Wagen und blieb mit rot glühendem Kopf neben dem Auto stehen. Ich hatte mich inzwischen einige Meter entfernt.
„Such dir einen Anderen der dir was verkauft! Bei mir zieht das nicht!“

Der Mann riss die Fahrertür auf. Er warf mir einen wütenden letzten Blick zu. In seinem hochroten Gesicht sah ich wilden Zorn. Er schäumte vor Wut darüber was ich mir gerade erlaubt hatte.
„Ich lass mich doch nicht von einem daher gelaufenen Schulbuben verarschen!“

So schrie mich der Mann durch das herunter gekurbelte Fahrerfenster an.

Der Wagen ist super in Schuss. 600 Mark sind fast geschenkt! Da brauch ich keinen Deppen, der mir einen Schmarrn von irgend einem Fehler an der Lenkung verzapft!“
Der Mann gab kräftig Gas. Er ließ den Motor laut aufheulen. So rauschte er davon.

Ich stand ziemlich verdutzt am Straßenrand. Meine erste Probefahrt war also beendet. Der Autokauf geplatzt.

Langsam lief ich am Straßenrand entlang. Sekunden lang dachte ich, dass ich mich geirrt haben musste. Die Lenkung musste in Ordnung sein. Ich hatte seit zwei Wochen kein Auto mehr gefahren. Der alte rote Fordtransitbus vom Jugendbüro, mit dem ich schon mehrmals Jugendliche in Wochenendferienhäuser gefahren hatte, fuhr keine automatische Rechtskurve.

Oder doch? Habe ich das bislang nicht bemerkt? Habe ich so wenig Fahrerfahrung, dass ich einfach vergessen habe, wie sich ein Fahrzeug lenkt? Ich dachte so und tapste langsam am Fahrbahnrand Richtung Bushaltestelle. Ich fand keine Erklärung.

Morgens war ich mit dem Linienbus aus der Kreisstadt in den kleinen Ort gefahren. Telefonisch hatte ich mein Interesse am Kauf und der Probefahrt angemeldet. Vielleicht sollte ich das Autokaufen erst noch lernen? Mein Blick auf meine Armbanduhr sagte mir, dass laut Fahrplan in fünf Minuten der Bus zurück in die Kreisstadt fuhr. Deshalb rannte ich los.

Nach einer engen Kurve erreichte ich die Bushaltestelle. Dort sah ich den gelben Kadett und den Verkäufer wieder. Außerdem sah ich da noch einen anderen Wagen stehen. Ein Mann war gemeinsam mit dem Verkäufer daran, mit Hilfe eines Abschleppseils und dem anderen Wagen, den gelben Kadett aus einem frisch gepflügten Acker zu ziehen.

Der Verkäufer war erst jetzt, nach seinem Unfall an der Bushaltestelle überzeugt, dass etwas nicht stimmte. Der Wagen fuhr automatisch nach rechts. Er hatte das Lenkrad nicht fest genug im Griff gehabt. Er hatte kräftig beschleunigt. Vorderradantrieb und Zug des Autos nach rechts. Das waren Kräfte, denen der Mann nicht gewachsen war. Das Auto war in der Kurve weit über den Fahrbahnrand hinaus geschossen.

Der Verkäufer war nicht mehr rot vor Wut. Seine Wut auf mich war verflogen. Stattdessen war er käsebleich geworden. Erst Tags zuvor sei er mit dem Auto in die große Kreisstadt zum Einkaufen gefahren. Da sei mit dem Auto noch alles in bester Ordnung gewesen.

Ich durfte die Probefahrt, in dem vom Acker verdreckten Kadett, fortsetzen. So stellte ich fest, dass sich der Wagen ganz normal fuhr. Während der Fahrt sprach ich kein Wort mehr mit dem Mann. Der wischte sich mit einem grünen Stofftaschentuch die Stirn. Das Auto wollte nur gemächlich beschleunigt werden. Abgesehen von der Lenkung war der Wagen aber völlig in Ordnung.

In seinen Augen und seinem Gesicht erkannte ich, dass er seinen Rausch noch nicht richtig ausgeschlafen hatte. Während er die Schrauben des Ersatzreifens vorne rechts kontrollierte und mit dem Radkreuz noch einmal nachzog, hörte der bleiche Vater seine Geschichte. Seine Hände waren schwarz von Wagenschmiere. Den ruinierten Reifen hatte der Sohn am frühen Morgen mühsam abmontiert und im Kofferraum verstaut. Gegen fünf Uhr früh war er in dem beschädigten Fahrzeug nach Hause gekommen.

Die kaputte Lenkung und der demolierte Reifen halbierten den Kaufpreis. Für dreihundert Mark war ich 1982 stolzer Besitzer eines gelben Opel Kadett geworden.

Zuhause

Die Mutter war abends oft erst sehr spät aus der Kirche zurückgekehrt. Er hörte sie kommen, als die Geschwister schon im Bett lagen. Polternd stieg sie die Treppe hinauf. Ihren Schlüssel warf sie in ein Fach neben der Küchentür. Sie verschwand in die Küche. Schnell war wieder Ruhe eingekehrt.

Die Mutter hatte vom restlichen Haushaltsgeld mehrere hundert Kerzen gekauft. Mit denen war sie in die Kirche gegangen, um sie dort alle aufzustellen und ihren geliebten Heiland zu ehren. Den Abend verbrachte sie in einer Art Dämmerzustand betend vor dem Altar. Später fühlte sie sich vom Hausmeister der Kirchengemeinde bedroht, weil der sie mit sanfter Gewalt vor die Kirchentür befahl, um das Gotteshaus für die Nacht abzusperren.

Stundenlang harrte die Mutter deshalb auf den Treppenstufen vor der Kirche aus, ohne sich ihrer kleinen Kinder zu erinnern. Die hatten den Tag zu Hause allein, völlig ohne Versorgung zugebracht. Nachbarn waren wegen Geschrei aus der Wohnung auf die Kinder aufmerksam geworden.

Die Nachbarin versorgte die Kinder an ihrem Küchentisch mit einem warmen Abendessen. Sie verständigte die Polizei, die sich auf die Suche nach der vermissten Mutter machte. Die Kinder wurden von der Nachbarin abends um halb sieben Uhr dem Vater übergeben, als der von der Arbeit nach Hause gekommen war. Die Mutter wurde gegen einundzwanzig Uhr von einer Polizeistreife auf den Treppen vor der Kirche entdeckt. Sie war nicht ansprechbar. Sie weigerte sich den Ort, an dem sie sich ihrem verehrten Heiland am nächsten fühlte, zu verlassen. Von den Beamten wollte sie sich nicht nach Hause bringen lassen. Ein Notarzt brachte sie schließlich in eine Klinik.

Die Kapelle in der Klinik war sehr klein. Sie war voll von Menschen. Die Mutter konnte diese Nähe nicht lange ertragen. Sie hatte eine andere Vorstellung davon, wie der Herr zu ehren sei. Eine Menschenmenge in einer winzigen Kellerkapelle konnte dabei niemals von Nutzen sein. Es hatte in Ruhe und Einsamkeit zu geschehen. Danksagungen an das Leben für das geschenkte Glück von drei Kindern und einem arbeitsamen Ehemann, konnten den Herrn nicht erreichen, wenn dreißig Menschen einen kleinen Raum füllten und gemeinsam beteten. Der Herr sollte einzig und allein ihrer sein. In den Sekunden ihres Danks wollte sie dem Herrn stets allein gegenüber stehen. Wie schon so oft verließ sie deshalb auch diesmal die Klinik nach wenigen Tagen.

Der Jüngste, vor Tagen drei Jahre alt geworden, hatte von früh Morgens bis spät abends immer wieder quälende Schmerzen. Er weinte den Tag lang in Schüben, die, wenn sie sekundenlang vorüber gegangen waren, sich langsam erneut ihren Weg bahnten. Schmerz zog vom aufgedunsenen Magen des Kleinen hinauf in dessen trockenen Mund. Jede Menge Papierfetzen hatte das Kind schon verschlungen. Die Wände in dem Kinderzimmer waren leer. Nur ein Bild hing da. Doch das Kind vermochte nicht hinauf zu greifen.

Zwei Stunden lag der Kleine schreiend auf dem Rücken. Stechender, quälender Schmerz zog vom ausgetrockneten Mund die Speiseröhre hinab in den Magen. Der aufgequollene Bauch des Kindes schmerzte wie nie zuvor.

In dem Zimmer stank es fürchterlich nach Urin und Kot, den das Kind fünf Stunden zuvor auf dem Fußboden und den Wänden verschmiert hatte. Das Kind ließ nicht ab weiter zu schreien. Sein Schreien brauchte all seine Kräfte. Die Augen waren dabei geschlossen. Der Körper gab keine Träne mehr her.

Die Mutter war mit den beiden Geschwistern zur Tante gefahren. Die Freundin werde sich um den Jüngsten kümmern, sie werde ihn dort wieder abholen. Der Vater war tagelang auf Montage einer riesigen neuen Werkshalle, die in einem Hafen an der See neu errichtet wurde. Er hatte eine neue Anstellung gefunden. Der Bau der Werkshalle war eine erste Bewährungsprobe.

Die Mutter hatte sich entschieden. Es war ihr schwer gefallen, doch sie hatte sich befohlen für den Herren ihr Glück zu beschneiden. Nach Jahren in der Gemeinde war sie jetztz endlich soweit. Sie wollte sich selbst und dem Herrn gegenüber einen endgültigen Beweis erbringen. Ihr Opfer sollte schmerzlich sein. Nur großer Schmerz bewies die Wahrheit, die in ihrem tiefen Glauben steckte.

Der Dreijährige war bewusstlos geworden, als er in die Intensivstation der Klinik eingeliefert wurde. Der Kampf um sein Leben schien anfangs aussichtslos. Die Ärzte gaben alles um das Kind zu retten. Nachts um vier Uhr brachten sie das Kind per Hubschrauber in eine Spezialklinik.

Morgens um sieben Uhr läutete es an der Wohnungstür. Die Tante hatte gerade das Teewasser vom Herd genommen. Die Beamten sprachen kaum, sie folgten der Tante in die Küche, wo sie am Tisch die Geschwister sahen. Beide tranken warme Milch und aßen süße Brote mit Marmeladenaufstrich.

Die Mutter betrat die Küche an diesem Morgen nicht mehr. Am Treppenabsatz zum ersten Stock des Hauses wurde sie von einem der Beamten begrüßt. Der Bub war vom Frühstückstisch aufgestanden. Durch einen Spalt der angelehnten Küchentür sah er die Mutter. Sie sprach kein Wort. Die Tante, neben der Mutter stehend, war plötzlich blass geworden. Die Beamtin fragte die Mutter etwas, die antwortete aber nicht. Sie senkte den Kopf nach unten, so dass die frisch gewaschenen Haare ihr Gesicht verbargen. Die Mutter wurde von den zwei Beamten zur Haustüre hinaus begleitet. Die Tante nahm die Hand vor den Mund und ihr Blick ging wie der der Mutter zu Boden.

Schnell setzte sich der Bub zurück an den Küchentisch zu seinem Bruder. Er biss von seinem Marmeladenbrot ab und trank aus dem Milchbecher. Die Tante kam begleitet von einer Beamtin in die Küche. Beide setzten sich zu den Kindern. Die Tante begann langsam zu den Kindern zu sprechen. Der Bub hörte aufmerksam zu. Der jüngere Bruder fragte, ob er noch einen Becher Milch bekommen könnte.

* Empfehlung vom Autor Bernd Thümmel:

Ein Song von meinem Album „acoustic planet“: „god ist dead“

 

Autofahrt

Von Traunstein bis Berchtesgaden, wo ich damals gelebt hatte, sind es knappe fünfzig Kilometer. An Wochenenden war ich im Jahr 1982 und 1983 manchmal dorthin unterwegs. Ich fuhr gerne auf der kurvigen Landstraße über Teisendorf, Piding und Bad Reichenhall. Das war eine schöne Strecke. Freunde verstanden nicht, dass ich nicht die Autobahn nahm. Meine Bekannten waren größtenteils darauf getrimmt, so schnell als möglich von Punkt A nach B zu kommen. Ich hatte es nicht eilig. Ich lebte in Traunstein allein zur Untermiete bei meiner Vermieterin Frau Stößer. Ich hatte nur ganz wenige Freunde. Alle waren alle in ihren Familien eingebunden. Keiner hatte damals so viel Zeit wie ich.

Frau Stößer empfing oft laute Freundinnen, die gemeinsam auf der Terrasse im Garten bei Kaffee und Kuchen saßen. Das hörte ich gezwungenermaßen, denn ich wohnte oben. Das Haus war zwar ein Neubau doch trotzdem hellhörig, dass ich auch die täglichen Telefonate von Frau Stößer im Erdgeschoss nicht ausblenden konnte. Die Wochenenden verbrachte ich meist allein, während meine Bekannten in ihren Familien dem deutschen Wochenendalltag nachgingen.

Auf manchem Spaziergang durch Traunstein beobachtete ich, wie das deutsche Wochenende ging. Ich sah die wöchentliche Autowäsche vor der Einfamilienhaustür, den Besuch der Groß- oder Schwiegereltern zum Sonntagskaffee und den gemeinsamen sonntäglichen Gang zum Kirchenbesuch. Abends sah ich in den dunklen Straßen den Fernsehabend hinter Storvorhängen. Menschen strebten auf den Gehsteigen dem familiären Theaterbesuch im Volkstheater entgegen oder bestiegen Autos Richtung dem klassischen Konzert im nahe gelegenen Salzburg. Ein vereinsamter junger Mensch wie ich, gewann auf seinen Spaziergängen durch die kleine Stadt das Gefühl, dort wie ein Verbrecher herum zu schleichen, weil er nicht am Leben teilnahm. Es war dessen Strafe ausgeschlossen zu sein. Wegen seiner Einsamkeit hatte er unfreiwillig einen geschärften Blick für das, was an familiärem Leben hinter beleuchtenden Fenstern, auf den Straßen und Plätzen geschah.

Ich war achtzehn Jahre jung, lebte allein, hatte kaum Geld. Da war es mein Luxus, dass ich mir von meinen monatlich 700 Mark, die ich als Fall des Jugenwohlfahrtsgesetzes erhielt, neben der Miete von 250 Mark an Frau Stößer, den gelben Opel Kadett leistete. An den einsamen Wochenenden lief ich wie ein leiser Störenfried in der beschaulichen, und wie ich vielfach fand, ziemlich spießigen deutschen Welt meiner Bekannten umher. Ich wandelte ziellos durch die Kreisstadt Traunstein um zu sehen, ob dort nicht doch etwas war, dem ich mich anschließen konnte. Ich suchte etwas, um das Gefühl der Isolation in der Bayerischen Provinzstadt ein bisschen zu entschärfen. In der kleinen Stadt aber fand ich damals nichts. Mich interessierte der Bauernmarkt nicht, die Bauernmalerei in den Läden wollte ich mir nicht ansehen. Ich kaufte das nötigste bei einem Discounter ein. Ich kannte niemanden der mich ins Kino für das ich ohnehin kein Geld hatte begleitet hätte. So blieb es Wochenende für Wochenende bei Spaziergängen mit auf Dauer immer den gleichen Beobachtungen. Wenn ich mal nach Berchtesgaden fuhr, war das etwas besonderes. Ich hatte Zeit, um mit dem gelben Opel gemütlich die Landstraße zu nehmen, ich wollte das Fahren, das ich mir von meinem Lebensunterhalt ab sparte erleben und genießen.

Heute ist die Strecke von Traunstein nach Berchtesgaden zu einer breiten Rennstrecke ausgebaut. Vor wenigen Wochen war ich dort, wollte aus „Nostalgiegründen“ nochmal auf früheren Wegen fahren. Die Strecke ist so breit ausgebaut, dass ich sie nicht wieder erkannte.

Ich finde, es trifft das Wort zu, dass man Orte oder in diesem Fall Wege, die man in bestimmter Erinnerung hat, heute nicht mehr besuchen sollte. Ich finde im Jahr 2012 auf dem Weg nichts als Raserei von riesigen Autos. Es macht keinen Sinn zu versuchen die Abzweigung wieder zu finden, an der ich vor dreißig Jahren, ich zog von Berchtesgaden nach Traunstein, mit einem geliehenen Peugeot völlig überladen unterwegs gewesen war. Ein Tramper mit plattem Fahrrad stand da. Wegen ihm hatte ich mein Mobiliar am Straßenrand aus dem kleinen grünen Wagen geladen. Ich tat das, um dessen Fahrrad und den Tramper selbst, nebst meinem Mobiliar im kleinen Peugeot unter zu bringen. Manfred war der erste neue Freund auf den ich 1982 am Straßenrand traf. Für mich mich begann auf der Umzugsfahrt von Berchtesgaden nach Traunstein an diesem Tag meine Entlassung in meine Zukunft.

Vater

Er war vor knapp zehn Jahren 1973 in seinem Käfer auf genau dieser Autobahnstrecke unterwegs gewesen. Während ich im gelben Opel Kadett das nach rechts strebende Lenkrad fest hielt, stellte ich mir vor, dass der Vater Zigaretten rauchend am Steuer gesessen war. Ich steckte mir eine Kippe an. Mein Vater rauchte „Kurmark“. Das ist eine Zigarettensorte, die ich seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hatte, denn seitdem hatte ich den Vater nicht mehr gesehen. Ich kannte außer ihm niemanden der das Zeug rauchte. Erst als ich zwanzig Jahre später 2002 die Wohnung des toten Vaters zusammen mit meinem Bruder betrat, um dort zu sehen, wie viel Arbeit wohl notwendig war, um die Wohnung zu räumen und zu renovieren, um sie dem Vermieter zu übergeben, sah ich „Kurmark“ wieder. Der Vater hatte sie offensichtlich bis zu seinem Tod, im Alter von Vierundsiebzig, geraucht.

Ich erinnerte mich daran, wie er die Kippenschachtel aus der Hemdtasche zog, während er das Käferlenkrad hielt, den Zigarettenanzünder drückte, aus der Schachtel eine Kippe schüttelte, sie mit dem Mund aufnahm, die Schachtel zurück in die Hemdtasche schob um mit dem Anzünder die Kippe zum Qualmen zu bringen. Ich sah ihn, wie er aufmerksam durch die Gläser seiner dicken Hornbrille blickend, den Kilometerstand des Käfers stets berechnend, genau wissend, wann der nächste Ölwechsel fällig würde, genau darauf achtend nicht schneller als hundert Stundenkilometer zu fahren, um den geringst möglichen Spritverbrauch bei gleichzeitiger Schonung des Käfermotors herauszufahren.

Obwohl ich ihn während der Fahrt auf der Autobahn fast wie früher vor mir sah, fand ich das frühere Gefühl für den Vater nicht wieder. Es hatte mich damals hin und her geworfen. Es warf mich oft beinahe um. Ich schwankte zwischen Sicherheit und Unsicherheit. Ich sah oft hinauf zu ihm. Aber ich fand damals nicht heraus welche Dinge dem Vater wichtig waren.

Trotzdem forderte er in meinem Kopf stets Begründungen für alles. Was ich tat musste einen Grund haben, der den Vater zufrieden stellte. Gründe für den Vater zu finden war irgendwann zu einer meiner wichtigsten Aufgaben geworden. Der Vater verlange Begründungen ohne Worte. Später, der Vater war schon lange für immer weg, ertappte ich mich oft trotzdem noch bei der Frage: Was sagst du dem Vater? Wie begründest du ihm das, was du gerade tust oder gerade zu tun gedenkst?

1982 auf der Autobahn im gelben Opel Kadett kam plötzlich wieder diese Frage. Ich antwortete, dass ich fuhr um an diesem Wochenende meinen Bruder zu besuchen, der in der Nähe von Vaters Wohnung lebte. Ich aber lebte weit vom Vater entfernt in Traunstein. Das liegt nur etwa fünfzig Kilometer von Berchtesgaden, wo du uns Geschwister früher manchmal im Kinderheim besucht hattest. Das war meine Begründung für die Fahrt im gelben Kadett Richtung Pfedelbach, dem Ort im Hohenlohekreis, wo ich und die Geschwister im Jahr 1974 glaubten, das ein neues Leben beim Vater beginne.

Berchtesgaden: Das waren für mich die siebziger Jahre. Es war die Zeit meiner Kindheit. Mein Leben beim Vater war für mich bereits nach einem Jahr 1974 vorbei, denn bei ihm war alles schief gelaufen. Ich verstand deshalb nicht, warum mich der Vater 1982 im Kopf, während ich im gelben Kadett saß, um nach Heilbronn zu fahren, immer noch beschäftigte, indem er fragte was ich heute aus welchem Grund gerade in diesem Augenblick tat.
Ich antwortete ihm: Es ist weit, das weißt du doch, es ist beinahe die gleiche Strecke, die du selbst früher gefahren warst, als du uns im Kinderheim auf dem Obersalzberg besucht hattest.

Um den Lebensunterhalt für die Familie zu verdienen hatte der Vater von früh morgens bis abends täglich in einer Maschinenfabrik gearbeitet. Jeden Morgen, meist war es noch dunkel, warf er hinter dem Haus den Käfermotor an. Er fuhr in die Fabrik, während seine Kinder noch fest schliefen. Abends, wenn der Vater wieder nach Hause kam, waren die kleineren Kinder schon im Bett. Der Vater ließ sich stets schwerfällig am Abendbrottisch nieder. Er erzählte vom schweren Fabrikarbeitstag, während die Mutter und der Älteste schweigsam am Tisch saßen und aufmerksam zuhörten.

Gerne hätte der älteste Bub dem Vater davon erzählt, was er Nachmittags bei der Bäckersfrau oder der Metzgersfrau erlebt hatte. Das waren eigentlich immer die gleichen Erlebnisse. Der Bub glaubte, er würde den Vater am Abendbrottisch damit langweilen. Es war damals nicht üblich, dass ein Bub am Abendbrottisch begann, den Vater mit seinen Geschichten zu belästigen. Die Mikymaushefte, die er Nachmittags am Kiosk gesehen hatte, die Geldbörse mit Briefmarken, mit der er von der Mutter zu Frau Mayer geschickt worden war, das gelbe Heftchen in das die Metzgersfrau den Betrag notiert hatte, die Freundin der Mutter, die Nachmittags mit ihren Heften zu Besuch gekommen war, der Pfarrer, der Abends angerufen hatte, um zu fragen, ob die Mutter endlich wieder zu Hause angekommen sei, das alles konnte der Bub am Abendbrottisch nicht berichten. Das wären Berichte und Geschichten aus dem Alltag gewesen, die der Vater Abends nicht hören wollte, denn er war Abends immer Müde, er hatte den ganzen Tag schwer gearbeitet.

Für den Alltag zu Hause war die Mutter zuständig. Darin wurde der Vater von der Mutter aber schwer enttäuscht. Das bemerkte der Vater viel zu spät, denn er war ja immer in der Arbeit und am Abendbrottisch wollte er nichts hören. Die Kinder blieben tagsüber meist allein in der Wohnung zurück, während die Mutter in der Kirche Kerzen entzündete oder bei der Freundin Hefte mit der Aufschrift „Der Wachturm“ kaufte. Deshalb war die Nachbarin zu einer täglichen Anlaufstelle für die Kinder geworden.

Daran, dass die Kinder im Heim auf dem Obersalzberg leben mussten, war die Mutter schuld. Das erklärte er 1974, als er die Kinder aus dem Heim holte. Die Kinder kamen schon nach einem Jahr zurück auf den Obersalzberg. Der Vater war immer zur Arbeit gegangen.

Ich fuhr einen Teil der Strecke, welche der Vater damals gefahren war. Ich tat das auch, um meine innere Vorstellung dorthin zu bringen, wo der Vater damals mit seinem weißen Käfer unterwegs gewesen war. Abends zuvor hatte ich mich entschlossen, morgens sehr früh aufzustehen, so wie es der Vater damals tat, wenn er uns auf dem Obersalzberg im Kinderheim mit seinem weißen Käfer besuchte.

Bei Dunkelheit war ich losgefahren. Im Osten sah ich einen langsam heller werdenden Schimmer am Horizont. Im Radio hörte ich etwas von der neuen Bundesregierung. Die alte Regierung war im September des Jahres 1982 im Rahmen eines sogenannten Misstrauensvotums abgesetzt worden. Ich hörte aus dem Radio, dass die neue Regierung plane die Bafögzahlungen an Studenten auf Darlehensbasis umzustellen. Das bedeutete, dass ich Geld, welches ich für mein Studium von diesem Staat erhoffte, wieder zurück zu bezahlen hatte.

Eine völlig normale Sache. Ich stellte mir deshalb meine Schulden vor. Ich sah wie sie in den Jahren des Studiums zu einem hohen Berg anwuchsen. Das Studium würde ich noch besser planen, als ohnehin geplant, denn es muss zwingend erfolgreich, vor allem aber sehr schnell verlaufen, um am Ende möglichst wenig Schulden beim Staat wegen des Bafögs zu haben.

Ich lauschte den Worten eines Regierungsmitglieds im Radio. Ich drehte den Mann lauter, um das Motorengeräusch des Autos zu übertönen. Der Politiker begründete das Vorhaben. Dessen Worte bestanden im Prinzip darin, ein bekanntes Sprichwort auszulegen: Noch nie habe die Jugend in diesem Land so viele Chancen gehabt wie heute. Viele junge Menschen nutzten ihre Chancen aber gar nicht. Sie zögen es stattdessen vor, „einfach vor sich hin zu gammeln“. Was der Mann damit genau meinte, wurde mir aber nicht klar. Er sprach von „jugendlichen Gammlern“, als gehörte dieser Begriff zum alltäglichen Sprachgebrauch. Ich fand dessen Worte eher ungewöhnlich. Er meinte einfach, dass jeder seines Glückes Schmied sei. Das war der Hintergrund. Jeder ist sich selbst sein Glück und muss halt gut schmieden, egal wie und wo er aufwuchs. So verstand ich das.
Doch das sagte er nicht wirklich, stattdessen so der Mann, sei das „Gammeln der Jugend keinesfalls auf Staatskasse möglich“. Jahrelang hätte die sozialliberale Vorgängerregierung junge Menschen studieren lassen, die mit Bildung eigentlich nichts am Hut hätten. Die Studienzeiten seien deshalb unglaublich in die Länge gezogen worden. Wer aber Bildung eigentlich ablehne oder dieser nicht zugänglich sei, sollte gefälligst arbeiten anstatt zu studieren. Solche jungen Leute sollten sich Bildung erst einmal angemessen verdienen. Sie sollten beweisen, dass sie es wert seien, sie überhaupt zu erwerben. Bester Beweis sei ein Schuldenberg, der nach dem Studium ab zu tragen ist. So verstand ich den Mann.

Mich beschlich das Gefühl, ich gehörte zu denjenigen, die sich Bildung nicht mehr lange leisten konnten. Aber darüber sprach der Politiker nicht wirklich. Trotzdem erreichte mich dessen Botschaft: Junge Leute wie ich, waren mit dem Regierungswechsel 1982 keine erwünschten Studenten in diesem Land.

Ich schaltete das Radio aus.

Kinder

Der Bub hatte den Jungen geschlagen. Er wollte dass sein Bruder das Geburtstagspäckchen, das die Tante geschickt hatte, alleine öffnete. Der Junge aber hatte trotz Warnungen des Buben nicht aufgehört, den kleinen Bruder von der Holzbank hinter dem Tisch weg zu schubsen. Er stieß den Kleinen beiseite, begann sich an den Paketschnüren, die das braune Paketpapier umschlossen, zu schaffen zu machen, während er dem Kleinen gehässige Blicke zuwarf.

Der Bub konnte das nicht zulassen. Er konnte nicht dulden, dass ein anderes Kind das Geburtstagspäckchen seines kleinen Bruders öffnete. Der Bub hatte den Jungen schon zweimal von dem Paket weg geschoben. Beim zweiten Mal hatte er ihn kräftiger als beim ersten Mal von der Holzbank gestoßen. Doch die Warnung reichte dem Jungen nicht.Trotzdem versuchte der nochmal, sich über das Geburtstagspäckchen des Bruders herzumachen. Das machte den Buben wütend. Er griff den Jungen an den Armen, riss ihn von Paket und Tisch weg, versetzte ihm einen festen Hieb in den Magen, um damit ein eindeutiges Signal zu setzen, dass nun endgültig Schluss sei. Der Schlag war für den frechen Jungen zu viel, er übergab sich. Er spie alles von sich, was er zuvor am Mittagstisch eilig verschlungen hatte.

Deshalb wurde nun eine Erzieherin aufmerksam. Sie tröstete den Jungen. Den Buben identifizierte sie als Streithahn, der gewalttätig geworden war und bestraft werden musste. Deshalb ordnete sie nächtlichen Kellerarrest an. Wer so brutal sei, so erklärte sie, müsse die Nacht im kalten Keller verbringen. Zuvor aber sollte der Bub den restlichen Nachmittag allein im Zimmer sitzen. Deshalb durfte er dem jüngeren Bruder nicht zusehen, wie der endlich in Ruhe sein Geburtstagspäckchen auspackte.

Zur Strafe gehörte auch, dass für den Buben das Abendessen ausfiel.

Den Nachmittag war langweilig, der Bub lief zwischen den Stockbetten auf und ab. Er musste sich bewegen denn er war in einem Fußballspiel auf der Wiese hinter dem Haus eingeplant gewesen. Das Spiel verfolgte er vom Zimmerfenster aus. Einige Szenen spielte er zwischen den Stockbetten im Zimmer nach. Dabei benutzte er einen unsichtbaren Fußball, der nur in seiner Phantasie existierte. Sein jüngerer Bruder spielte in einer Mannschaft, die auf einem kleineren Spielfeld im rechten Teil der Wiese kickte. Auch aus dessen Spiel hatte er zwischen den Stockbetten die jeweils spannendste Spielszene nach gespielt.

Um fünf Uhr Nachmittags war es draußen auf der Fußballwiese ruhig geworden. Der Bub legte sich gelangweilt auf sein Bett. Die Gipsschale mit den Gurten versteckte er zuvor in der hintersten Ecke in seinem Fach in dem riesigen Kleiderschrank. Der Arzt hatte ihm die Rückenschale vor Monaten verordnet. Seither musste er sie jeden Abend umbinden. Er wurde jede Nacht gezwungen mit ihr auf dem Rücken liegend zu schlafen. Das wurde von einer Erzieherin kontrolliert.

Der Schrank war ein schlechtes Versteck, aber ein anderes gab es in dem Zimmer nicht. Er hoffte darauf, dass wenn ihn abends die Erzieherin mit seiner Bettdecke in den Keller schickte, vielleicht die Gipsschale in Vergessenheit geriet, weil die Erzieherin sie nicht auf seinem Bett liegen sah.

Er hasste die Nächte im Keller. Das Einschlafen in der harten Schale auf der Holzbank war immer sehr schwierig. Meist fror er trotz der Bettdecke auf der kalten Kellerbank. Die Bank war so hart, dass er auf ihr in der Schale liegend, immer wieder von Schmerzen geplagt aufwachte. Die Kälte des Kellers war mit dem Erwachen sofort spürbar. Die Nacht brachte viele blaue Flecken, die schmerzten tagsüber an den Knochen.

Bis neuen Uhr abends hatte der Bub allein in dem finsteren Zimmer gewartet. Die Stockbetten malten an der Wand krakelige Schatten im Licht, das über den Hof durch das Fenster einfiel. Um halb neun Uhr war der Mond aufgestiegen. Licht von unten aus dem Hof mischte sich mit Licht vom Mond, so dass er die Schatten an der Wand doppelt sah.

Um Punkt neun Uhr ging das Licht in dem Zimmer an und der Lärm begann. Sechzehn Kinder rannten auf und ab, suchten Schlafanzüge und warfen Kleidung auf Holzstühle, die gegenüber dem großen Schrank, rechts von den Stockbetten, aufgereiht standen. Jetzt verhielt er sich, als gehörte er dazu, als sei die Bestrafung bereits abgegolten. Er zog seinen Schlafanzug an, legte seine Kleider auf seinen Stuhl und rannte gemeinsam mit den anderen Kindern zum Waschen und Zähneputzen in das riesige Badezimmer. Zurück im Zimmer, legte er sich wie alle anderen Kinder in sein Bett.

Um halb zehn Uhr erschien die Erzieherin vor seinem Bett. Sie riss ihm die Decke vom Körper. Er sprang sofort aus dem Bett.

Wo ist deine Gipsschale?“, schrie die Erzieherin, sie starrte auf die leere Matratze im Bett. Der Bub rannte sofort zum Schrank und holte die Gipsschale heraus. Er hörte gemeinsames lautes Lachen von fünfzehn Kindern. Die Gipsschale unter dem Arm, folgte er der Erzieherin.

Der Keller lag zwei Stockwerke tiefer. In ihm hingen feuchte Regenjacken an einer langen Reihe von Haken. Darunter war an der Wand eine Holzbank angeschraubt. Sie diente als Sitzbank, um sich die Straßenschuhe, die unter ihr standen, anzuziehen. In der auf den Rücken gebundenen Gipsschale musste er dort liegen. Nachts um halb eins kam sein kleiner Bruder. Er brachte drei Scheiben Brot vom Abendbrottisch. Der Bub freute sich, umarmte den Kleinen und aß gierig.

Er begleitete den kleinen Bruder nach oben in dessen Schlafsaal. Der Kleine war das Risiko eingegangen in dem riesigen Haus unterwegs aufgehalten zu werden. Nachts machten Erzieherinnen Kontrollgänge. Der Kleine wäre bestraft worden. Deshalb ging der Bub mit, denn auch diese Strafe hätte er auf sich genommen. Das Brot war ein Diebstahl. Es war verboten Brot vom Essenstisch mitzunehmen. Das war eine Grundregel.

Weil der Kleine dem Buben trotzdem immer Brot in den Keller gebracht hatte, waren die Geschwister von den Heimkindern „Diebesbande“ genannt worden. Wenn etwas als gestohlen gemeldet worden war, wurde der Schrank des Buben von einer Erzieherin durchsucht. Nie fand sich etwas. Der Kleine stahl nur essbares vom Abendbrottisch und von Tellern, die nach dem Abräumen zurück in die Küche gebracht wurden.

Nachts waren die Rückenschmerzen in der harten Gipsschale unerträglich geworden. Nach der ersten Kontrolle der Erzieherin, die wohl glaubte er schlafe, riss er sich die Gipsschale vom Leib. Er versteckte sie einige Meter entfernt, dort wo die Jacken hingen. Er verbarg sie hinter einer gelben Regenjacke an der Wand. Ohne der Schale schlief er auf der Seite liegend auf der schmalen Holzbank ein.

Plötzlich wachte er auf. Es war eiskalt. Er zitterte am ganzen Körper. Die Decke war verschwunden. Die Schlafanzughose war nass. Wieder hatte er geträumt, dass er auf der Toilette sei. Wohl deshalb hatte er es laufen lassen. Zitternd tastete er Hemd und Schlafanzughose ab. Das Hemd klebte nass und eiskalt an seinem Körper. Er richtete sich auf der Holzbank auf. Wo war seine Bettdecke geblieben?

Er sah sich in dem dunklen Keller um. Da erkannte er die beiden. Zwei standen vor dem Kellerfenster nahe der Treppe. Einer der Zwei trug einen Eimer in der Rechten. Jetzt hörte er deren Lachen. Er hatte nicht eingenässt. Beide Burschen haben einen Eimer Wasser über ihn geschüttet. Dreckig lachend rannten die zwei die Treppe hinauf. Der Bub suchte nach der Bettdecke. Die hatten sie ihm offenbar weggerissen. Der nasse Schlafanzug tropfte. Er fand sie in einer Ecke. Sie war trocken.

Monate zuvor war er schon einmal nachts im Keller von einer eisigen Wasserfontäne übergossen worden. Da hatte er nicht so fest geschlafen und konnte den Tätern rechtzeitig die Gipsschale zuwenden. Er war kaum nass geworden. Das hatte großen Ärger mit der Erzieherin gegeben. Die Gipsschale war vom Wasser so beschädigt, dass sie erneuert werden musste. Niemand glaubte dem Buben, dass er nicht absichtlich versucht hatte sie mit Wasser zu zerstören.

Bis um halb sechs Uhr das Licht an ging, saß der Bub auf der Holzbank unter seiner Bettdecke. Das automatische Licht im Keller war Signal und Erlaubnis, in den Schlafsaal zurück zu kommen. Dort angekommen, legte er Decke und Gipsschale auf sein Bett, zog wie alle anderen Kinder seine Kleidung an, brachte den Schlafanzug in die Wäschekammer im Erdgeschoss, wo er ihn in die Schmutzwäschetonne warf. Die Strafe der langen kalten Nacht im Keller war vorüber gegangen.

Wohnen

Obwohl mein neues Zimmer bei Frau Stößer größer und heller war, als das alte Zimmer nebenan, blieb die Miete gleich. Frau Stößer sagte, dass sich der Größenunterschied der Zimmer wegen der Dachschrägen, die mein neues Zimmer habe eh wieder ausgleiche. Ich fand das gut, denn das Zimmer war real viel größer, viel heller und es hatte einen schönen Balkon mit Blick auf die Stadt Traunstein! Frau Stößer plante, mein bisheriges kleines Zimmer zu einem Gästezimmer ausbauen lassen. Es sei dafür bestens geeignet weil es eben keine Dachschrägen habe.

In meinem Zimmer im Haus von Frau Stößer in Traunstein fühlte ich mich wohl. Das neue große Zimmer bot zudem diesen wunderbaren Ausblick auf Stadt und Berge. Frau Stößer hatte sich als sehr angenehme Vermieterin erwiesen. Meine anfänglichen Vorurteile, hatten sich ganz schnell in Nichts aufgelöst.

Frau Stößer interessierte sich nicht dafür, welchen Besuch ich bekam. Es war ihr egal, dass ich ein altes schrottreifes Auto fuhr. Sie fragte nicht, warum ich spät Nachts hin und wieder das Haus verließ. Sie erlaubte, dass mich ab und an Manfred oder Pete besuchten, die das Haus als spießig und rustikal empfanden. Es schien ihr nicht ungewöhnlich, dass ich den gelben Kadett direkt neben ihrer großen Doppelgarage, in der ihr Mercedes stand, abstellte. Es machte ihr auch nichts, dass ich oft angerufen wurde, was Frau Stößer jedes Mal zwang aus ihrer Erdgeschosswohnung ins Treppenhaus zu kommen, um nach mir zu rufen. Oft schrieb sie mir Zettel wenn jemand angerufen hatte, die legte sie mir auf die Treppe hinauf zu meinem Zimmer.

Um meine Angelegenheiten kümmerte sie sich nicht. Sie war die Hausbesitzerin und Vermieterin. Meine anfängliche Befürchtung, sie könnte eine gelangweilte Hausfrau sein, die mich nervte, weil sie hinter mir her spionierte, bewahrheiteten sich nicht.

Es interessierte Frau Stößer auch nicht, dass ich mit der Mutter, die das Zimmer vor einem halben Jahr für mich angemietet hatte, seit meinem Einzug gar nichts mehr zu tun hatte.

Sie war nicht meine leibliche Mutter. Mein Kontakt zur Mutter endete mit meiner Volljährigkeit an dem Tag meines achtzehnten Geburtstag, als ich zur Untermiete bei Frau Stößer einzog. Aber all das interressierte Frau Stößer nicht. Und das fand ich sehr gut.

Niemals hatte sie mich auf die Frau angesprochen, die mir die Miete des Zimmers vermittelt hatte. Sie hatte meine Mutter ein knappes halbes Jahr zuvor, beim Mietvertragsabschluss kennen gelernt. Beide hatten sich offenbar sofort wunderbar verstanden. Sie fragte nie, warum meine Mutter seither niemals zu Besuch gekommen war.

1982 in Traunstein war mein schönes Zimmer mit Blick über die Traun auf die Stadt ein schönes Privileg für einen achtzehnjährigen Menschen, der von der Stütze durch die deutsche Jugendwohlfahrt auf Grundlage des Jugendwohlfahrtsgesetzes lebte. Ich war also vom Land nicht einfach fallen gelassen worden. Ich war zwar aus meinem Elternhaus, ich sage mal „unehrenhaft“ entlassen worden, doch in meiner Freiheit, die in Traunstein begann, wurde ich vom Land in dem ich geboren wurde, unterstützt. Ich hatte gute Chancen diese Unterstützung in den Abschluss einer Schulausbildung so zu investieren, dass ich zusätzlich die Berechtigung zu studieren erlangte. Das war gut. Das Gute verhinderte aber nicht, dass ich damals in meiner Freiheit oft recht einsam war. Ich konnte die Freiheit nicht wirklich genießen. In Traunstein besuchte ich 1982 die Fachoberschule für technische Berufe. Mein Ziel war es, alle Hürden zu überwinden, die sich mir dort in den Weg stellten, um die Schule trotz vieler dortiger Widrigkeiten zu schaffen, um später zu studieren.

Weniger der Unterrichtsinhalt und das Lernen, vielmehr aber die Konkurrenz zwischen den Schülern und den Lehrern an der Fachoberschule in Traunstein waren 1982 große Hürden für mich. Negative Konkurrenz und offener Hass von Lehrern beherrschten das Klima im technischen Zweig der Fachoberschule in Traunstein.

Zum Besuch dieser Schule hatte mich die Mutter bewegt. In technischen Dingen, so hatten sie oft zu mir gesagt, hätte ich meine hauptsächlichen Begabungen. Ich war 1982 noch nicht frei genug, um zu entscheiden, dass ich die Welt dieser technischen Schule für mich verändern kann. Ich ging dort hin, weil ich geschickt wurde und weil ich angebliche Begabungen hatte, die von der Mutter an mir beobachtet worden waren.

Das reichte aber nicht um die Brutalität auszuhalten, die mir von den Organisatoren und Akteuren an der technischen Fachoberschule in Traunstein 1982 entgegen geworfen wurde.

In der Schule lief es völlig anders, als zuvor an der Realschule in Berchtesgaden. Es ging darum, möglichst wenig zu fragen. Wer den Lehrer der Technologie, der Physik, der Mathematik, der Werkstoffkunde oder der Optik nach technischen Zusammenhängen fragte, sagte in deren Augen damit: „Ich bin dumm“. Das begriff ich schnell. Es war ein Grundprinzip an der Fachoberschule Traunstein. Konkurrenz beherrschte die Mitschüler und sorgte für Angst untereinander das Gesicht zu verlieren. Wenn ich fragte, wonach ich Wissensdurst hatte, war ich verloren. Das Prinzip des „raus geschmissen Werden“ musste ich 1982 dort neu lernen. An der Realschule wurde ich gefördert, an der technischen Fachoberschule diffamiert, offen gehasst, schickaniert.

Die Technologie, der Lernstoff war klar. Glasklar stand alles in den Büchern. Wer da nachfragte, hatte zu hause eindeutig zu wenig nachgelesen. Wer nachfragte, obwohl er zu hause gelesen hatte, dem fehlte grundsätzliches Verständnis für die Sache. Wer nicht verstand, war in der Schule für Technologie völlig fehl am Platz. Wer fehl am Platz war, sollte sich schnell von dort entfernen. Wer sich nicht selbst entfernte, wurde entfernt. Lernen funktionierte dort anders, als ich es noch von meinem Leben in der Realschule kannte. Wie Lernen dort funktionierte, verstand ich nicht. Bei mir funktionierte es erst mal gar nicht. Unter diesen Umständen lernte ich nichts. Deshalb entwickelte ich in den ersten Monaten auf dieser Schule zunächst eine ganz neue Methode um dort zu überleben.

Eltern

Bei den Eltern konnte und durfte ich mich nicht mehr melden. Wenige Wochen nachdem ich dort ausgezogen war, hatte ich ein letztes mal telefonischen Kontakt aufgenommen. Aber sie sagten, dass es vorbei sei. Wenn ich Wäsche waschen wollte, sollte ich das bei meinen neuen Freunden tun. Dass die Wäsche nur ein Teil meines Anrufes gewesen war, interessierte meine ehemaligen Eltern nicht. Wäsche war ein Thema. Sie war ein Anhaltspunkt, wie ein Anker, etwas worüber ich mit ihnen reden konnte. Meine Wäsche begründete sozusagen meinen letzten Kontaktversuch.

Die Klarheit in der Ablehnung meiner Eltern, trotz meines Auszugs aus deren Wohnung weiterhin Kontakt zu halten, war wie eine sauber geputzte Glasscheibe. Ich sah hindurch und bemerkte die Scheibe nicht, was bedeutete, dass ich für immer entlassen worden war.

Sie waren nicht meine leiblichen Eltern, hatten sich aber über Jahre zu meinen Eltern entwickelt. Ich wohnte fünf Jahre lang bei ihnen. Ich hatte sie im Alter von vierzehn Jahren, zu Beginn der Ferien kennen gelernt. Seither waren sie für mich die Eltern. Ich war von ihnen abhängig.

Ich verbrachte meinen Alltag in deren Haus, verdankte ihnen meinen Schulbesuch, mein Schlafzimmer, meine Ernährung. Der „Waschmaschinenanruf“ wurde zum lebenslänglichen Abschied von ihnen. Ich war draußen. Die Unterstützung durch die Eltern für mich war abgeschlossen. Ich kannte solches Denken damals nicht. Ich war in meinem Alltag unterwegs und dachte nicht darüber nach, dass es zum Leben gehörte, Beziehungen zu anderen Menschen zu beginnen, zu pflegen oder zu beenden. Bei den Eltern war ich naiv von „für immer“ ausgegangen.

Eltern waren damals für mich lebenslängliche Begleiter. Ich merkte Monate nach meinem „Waschmaschinenanruf“ bei den Eltern, dass ich falsch lag. Darin war ich aber noch unsicher. Vielleicht stimmte, was ich bislang gedacht hatte trotzdem? Mein Fall lag anders. Ich hatte Eltern, die gar nicht meine Eltern waren. Vielleicht deshalb nicht lebenslänglich?

Ich hatte keine Waschmaschine. In der Kreisstadt Traunstein gab es damals keine öffentliche Wäscherei. Ich hatte noch keine Freunde gefunden. Und selbst wenn ich gehabt hätte: Neuen Freunden bringt man nicht gleich seine Wäsche.

Auf dem Flohmarkt sah ich ein seltsames, silbern farbiges Metall-Ei mit einer Kurbel. Es sah aus wie ein kleines Raumschiff. Nein, es sah aus wie ein astrologisches Beobachtungszentrum in Modellbauformat. Das, so überzeugte mich der beherzte Verkäufer, war eine Handwaschmaschine.

Billiger geht ’s nicht! Braucht keinen Strom, wenig Wasser, wenig Waschmittel aber Du hast saubere Wäsche!“

Klar, dass ich das gekauft habe. Fünf Mark wollte der Verkäufer haben. Am Nachbarstand plärrte eine Frau:

Das Ding braucht heute doch kein einziger Mensch mehr!“

Ich war der einzige der es brauchte. Also habe ich es für drei Mark fünfzig gekauft. „Metalldeckel auf, Wäsche, Waschmittel und warmes Wasser rein. An der Handkurbel fest kurbeln. Die Maschine funktioniert. Nur nicht zu viel Wäsche einfüllen.“

Jede Woche wusch ich ab diesem Tag meine Wäsche mit diesem Ding.

Junge Menschen sollten ihre großen Chancen nutzen!“

Das hatte der Sprecher im Bayerischen Rundfunk gesagt, als ich das „Wäsche-Ei“ im Haus bei Frau Stößer zum erstem mal in Betrieb nahm. Ich stelle das Ei in die Dusche und wusch damit, wie vom Verkäufer beschrieben. Ich hatte mein kleines Kofferradio ins Bad gestellt, denn ich dachte, das Wäschewaschen mit dem Ei seil langweilig, da könne Unterhaltung aus dem Radio gerade recht sein. Doch schon den ersten Satz des Radiosprechers und das Thema „Generation No future? – Heutige Chancen für Junge Menschen in Bayern“, fand ich so abstoßend, dass ich vergeblich einen anderen Sender suchte und deshalb das Radio sofort abschaltete.

Beim Kurbeln am „Waschmaschinen-Ei“ arbeitete mein Kopf: Mein Lernen in der Schule war eine legale, sogar in Bayern allseits anerkannte Methode des sinnvollen Zeitvertreibs junger Menschen. Es ging dabei um meine Zukunft, nicht um „No future“, sondern um die Sicherung der Renten und das wiederum berechtigte überhaupt erst meine Existenz. Die Aussicht auf sinnvolle Arbeit, die Sicherung meines Einkommens und der künftigen Renten! Das war es! Deshalb war die Jugend auch in Bayern nicht ausschließlich verhasst, weil sie gegen Wackersdorf und Pershing 2 lauthals rumorte, sondern, Norbert Blüm hatte sie auch dabei im Auge, wenn er seinen Spruch „Die Rente ist sicher“ auf sämtliche Litfass-Säulen kleben ließ. Das begriff ich beim Wäschewaschen mit der Kurbelmaschine. Das Kurbeln sicherte nicht meine Existenz, sondern es war anstrengend und stumpfsinnig, doch dabei fand ich Zeit zu denken. Das monotone langsame Kurbeln brachte mir viele neue Gedanken.

Während des Kurbelns an der Waschmaschine begriff ich, dass ich lebenslänglich frei geworden war. Ich hatte keine Bindungen. Deshalb musste ich meine Wäsche mit dem „Kurbel-Ei“ waschen. Ich hatte niemanden, zu dem ich sie sie bringen konnte.

Lebenslängliches Lernen nicht nur in der Schule sondern auch an der Kurbelmaschine war richtig wichtig geworden. Ich kapierte an der Waschmaschinenkurbel, dass Gelerntes am Dienstagvormittag in der Physikprüfung verständlich und gut wieder zu geben war. Dort musste ich unter Beweis stellen, dass die Bildungsbemühungen, die mir in Bayern zugute kamen Früchte trugen. Ich war darauf angewiesen zu zeigen, dass ich es wert war zur Schule zu gehen.

Von „No future“ war bei mir keine Rede. Ich war von den Eltern entlassen worden, hatte lebenslänglich bekommen und war darüber von ihnen nur mangelhaft informiert worden. Ich wusste nicht viel davon, wie die Welt überhaupt tickte. Ich hatte viel zu lernen, wozu gehörte, meine Wäsche in dem kleinen Ei zu waschen. Gegen Wackersdorf und Pershing 2 zu demonstrieren, hatte ich keine Zeit. Ich war da zwar auch irgendwie dagegen, weil ich Atomenergie gefährlich und Wettrüsten scheiße fand, doch mir ich glaubte, mir fehlten Wissen und Mut, um mich deshalb von der Polizei verprügeln und mit Wasserwerfern weg pusten zu lassen. Ich musste erst begreifen, was für mich lebenslänglich bedeutete.

Strafe lebenslänglich

Er musste nach dem Waschen und dem Zähneputzen, wie alle Kinder sein Bett machen. Das Zimmer wurde jeden Morgen von den Kindern noch vor dem Frühstück gekehrt. Unter den Betten sollte täglich Dreck und Papier entfernt werden, das kontrollierte die Erzieherin besonders genau.

Er hatte die feuchte Seite der Bettdecke nach unten gewandt und in sein Bett gelegt, so wollte er vermeiden, dass die Erzieherin das nasse Bettzeug bei ihrem Kontrollgang sofort finden konnte. War ein nasses Bett von der Erzieherin entdeckt worden, wurde zur Bestrafung des Kindes das Frühstück an diesem Morgen gestrichen.

Deshalb hatte er den ganzen Vormittag in der Schule Magenschmerzen. Es war, als würde der leere Magen verzweifelt nach Essbarem suchen. Das fühlte sich an, als würde er beginnen an sich selbst herum zu nagen, als würde er versuchen, sich selbst auf zu fressen. Die Schmerzen waren wie er sich beißende Wölfe vorstellte. Gierig zogen sie an seinem Magen, zerrten und rissen. Dabei blähte sich sein Bauch auf, als wäre er restlos voll gefressen.

Gegen Mittag, auf dem Schulweg zurück in sein Kinderheim, kamen schmerzende Stöße aus dem Bauch. Es entstand ein starkes Brennen, das vom Bauch aufwärts ging, bis hinein in den Mund. Da kam dann dieser saure beißende Geschmack, den er seit langer Zeit so sehr zu hassen gelernt hatte.

Er spülte sich vor dem Mittagessen minutenlang den Mund, während sich alle anderen Kinder um ihn herum die Hände wuschen. Er säuberte seinen Mund, weil er den sauren beißenden, manchmal sehr bitteren Geschmack los werden wollte. Seltsamer Weise saß er danach am Mittagstisch und brachte vom Mittagessen keinen Happen runter, obwohl er den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte. Er hatte stattdessen das Gefühl, als sei er völlig voll gefressen.

Sein Hals brannte fürchterlich, so dass er nachmittags so viel Wasser trank, wie nur möglich. Die Magenschmerzen zogen sich den ganzen Tag hin. Abends aß er immer noch nichts. Darüber freuten sich die anderen Kinder am Tisch, denn sie durften dann mehr essen. Erst nach dem Schlafen waren die Schmerzen morgens besser, so dass er am Frühstückstisch wieder essen konnte.

Das war eine schlimme Strafe. Diese zu bekommen machte ihm Angst. Deshalb durfte die Erzieherin die nasse Bettdecke nicht finden. Auch wenn er gar nicht ins Bett gemacht hatte, sondern die Bettdecke wegen dem Wassereimer, den die Jungs ihm nachts im Keller drüber geschüttet hatten, nass geworden war, weil er sich danach mit der Bettdecke in dem eiskalten Keller gewärmt hatte. Die Erzieherin interessierte das nicht. Eine nasse Bettdecke war nass, weil das Kind eingenässt hatte. Das war verboten, deshalb musste das Kind bestraft werden und bekam kein Frühstück. Stattdessen musste es die nasse Bettwäsche in die Waschküche bringen, sich im Keller Jacke und Schuhe anziehen und im Erdgeschoss warten, bis alle Kinder zur Schule los gingen.

Die Gipsschale hatte er auf seine Bettdecke gelegt. Das wollte die Erzieherin so. Wenn sie den Tag lang auf dem Bett lag, war klar, dass das Kind sie abends nicht vergaß. Die Gipsschale musste das Kind jede Nacht tragen, um den Haltungsschaden, den der Arzt diagnostiziert hatte, zu korrigieren.

Auch das Fach im Schrank wurde täglich von der Erzieherin überprüft, ob dort alles ordentlich zusammengelegt worden war. Sie inspizierte die gemachten Betten, sah bei Kindern, die sie schon oft als Bettnässer erwischt hatte, unter die Bettdecken und überprüfte alle Schränke. Nur wenn alles in Ordnung gewesen war, durfte das Kind das Zimmer verlassen und zum Frühstück in den Speisesaal gehen. Die Erzieherin fand jeden Morgen mehrere nasse Bettdecken. Die Bettdecke auf der die Gipsschale lag hob sie an diesem Morgen nicht an.

Nach dem Frühstück ging es in einer langen Kolonne zur Schule. Der Schulweg war lang und steil. Die Kinder liefen hintereinander im Gänsemarsch. Der Weg führte auf einem Fußweg neben der Straße hinunter in den Ort.

Der Bub saß am Fenster in seiner Schulbank, von dort konnte er den Hof sehen. Täglich um halb zehn Uhr spielten da die Kindergartenkinder. Sein Bruder tobte in einer lauten Gruppe, sprang von den Sitzbänken in den Sandkasten, kletterte auf das Gerüst, rutsche und schaukelte. Manchmal hörte der Bub im Klassenzimmer das piepsige Lachen des Kleinen. Dem machte es viel Spaß im Herbst, wenn das Laub von den hohen Buchen im Schulhof fiel, in die vom Hausmeister zusammen gefegten riesigen Laubhaufen zu springen.

Die Lehrerin hatte das große Klassenzimmerfenster gekippt, so dass um halb zehn Uhr das Geschrei der Kinder aus dem Hof besonders laut ins Zimmer drang. Plötzlich knallte es, als würde mit Platzpatronen geschossen. Die Kinder in der Schulklasse und der Bub reckten neugierig die Köpfe Richtung Fenster. Dort sah der Bub den Kleinen, wie er wild von einer Sitzbank zur nächsten sprang. Auf der Bank stehend, schoss er mit einer Spielzeugpistole um sich. Die Pistole hatte der Kleine von der Tante mit dem Geburtstagspäckchen bekommen. Es knallte laut und aus dem Revolver. Mit jedem Schuss stieg leichter Qualm auf. Die anderen Kinder rasten in einer wilden Verfolgungsjagd über den Schulhof hinter dem Kleinen her. Sie juchzten und schrien, ließen sich, von dem Kleinen getroffen, in Laubhaufen fallen, während der Kleine immerfort auf sie schoss.

Minuten später rannte eine Erzieherin auf den Kleinen zu. Auch auf sie gab er mehrere qualmende Schüsse ab. Sie entriss ihm die Pistole. Darauf verfiel der Kleine in ein piepsendes Heulen. In dem Moment wurde es im Klassenzimmer vollkommen ruhig. Die Lehrerin hatte das gekippte Fenster geschlossen.

Der Bub überlegte, woher wohl der kleine Bruder die qualmende Munition für die Spielzeugpistole hatte. Die Tante hatte keine Munition mitgeschickt. Beim ersten Schuss wäre die Pistole dem Kleinen sofort von der Erzieherin weggenommen worden. Der Kleine musste sie irgendwo besorgt haben. Dafür kam nur der winzige Laden im Ort, nahe der Schule in Frage. Dort brachten die Heim-Kinder regelmäßig ihr Taschengeld durch. Der Kleine bekam aber gar kein Taschengeld. Trotzdem war er oft in dem Laden dabei.

Wenn Du Deinem Bruder die Munition nicht von Deinem Taschengeld gekauft hast, bleibt nur die Möglichkeit, dass er sie gestohlen hat!“, brüllte der Erzieher.

Zitternd saß der Bub auf dem Holzstuhl. Das Zimmer war sehr hoch, lang und finster. Licht fiel nur durch ein kleines Fenster hinter dem großen Schreibtisch ein. Da saß der Erzieher auf einem hohen Stuhl. Dessen harter Blick traf den Buben, so dass der sich ganz klein machte. Er fühlt sich in dem langen dunklen Raum wie gefesselt. Der Bub wusste, dass er die heutige Nacht wieder im Keller verbringen würde.

Trotzdem dachte er daran, zu behaupten, dass er die Munition für den kleine Bruder gekauft habe. Der Erzieher brüllte fürchterlich, dass der Bub seinen Gedanken nur schwer weiter denken konnte. Plötzlich fror er, merkte, dass er zitterte als sitze er draußen im Schnee. Sein Magen rumorte, denn er hatte kein Mittagessen bekommen. Auf dem Heimweg von der Schule wusste er schon, dass er ins Zimmer des Erziehers geschickt würde. Dort musste er zwei Stunden lang auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch warten, bis der Erzieher vom Mittagessen und von der Zimmerkontrolle vor der Hausaufgabenzeit kam.

Der Erzieher würde ganz genau nachrechnen. Er würde unten im Ort, im Laden bei Frau Mayer nachfragen, wann der Bub dort zuletzt gewesen war und ob er die Munition wirklich gekauft habe. Er würde zu dem Ergebnis kommen, dass es eine glatte Lüge war. Die Strafe für den Buben wäre fürchterlich. Hausarrest für mindestens eine Woche. Drei Nächte hintereinander im Keller. Oder mehrere Tage lang weder Frühstück, Mittagessen, noch Abendessen. Irgend etwas in diese Richtung würde der Erzieher verhängen. Dazu gäbe es eine ganze Menge kräftiger Ohrfeigen, wegen Lügen und Stehlen.

Sein Taschengeld hatte der Bub vollständig für Lutscher und Brause ausgegeben. Er war gemeinsam mit seinem kleinen Bruder im Laden bei Frau Maier. Lutscher und Brause hatte er mit dem Bruder geteilt. Frau Maier würde sich ganz genau erinnern. Er hatte Süßigkeiten gekauft. Das gleiche wie immer. Der Kleine war wie immer dabei.

Der Kleine musste die Munition gestohlen haben. Keiner hatte das gemerkt. Der Bub war sicher, dass sein Bruder gestohlen hatte. Wie auch immer der Kleine das geschafft hatte. Es gab keine andere Möglichkeit.

Ich hab das Zeug letzten Samstag bei Frau Meier im Edeka geklaut!“

Der Erzieher sprang von seinem Schreibtischstuhl auf. Wie ein Riese stand er vor dem winzigen Fenster, so dass es in dem Raum ganz finster geworden war.

Sechs Lutscher und sechs Brausetütchen hab ich vom Taschengeld gekauft! Die Munitionsdöschen habe ich einfach genommen und in meine Hosentasche gesteckt!“

Die Wut des Mannes war grauenvoll. Er warf den Buben mit heftigen Ohrfeigen vom Stuhl. Der war zu Boden gestürzt, von wo ihn der Mann hoch zog, um ihm weitere heftige Ohrfeigen zu geben und schrecklich anzubrüllen.

Der Bub verstand den Mann nicht, denn er heulte und der Schmerz aus dem Magen schien unerträglich geworden zu sein. Der Mann hatte ihn wieder auf den Stuhl gesetzt. Doch der Bub konnte nicht sitzen. Er rutschte wie ein Sack zu Boden, wo er zwischen dem schweren Schreibtisch und dem Stuhl, der umgefallen war, liegen blieb.

Er spürte kaum mehr Schmerz, stattdessen fühlte er sich unendlich müde. Er begann an einen grauen Wolf zu denken, dessen Foto die Lehrerin im Klassenzimmer einmal her gezeigt hatte. Der graue Wolf stand einsam auf einer großen verschneiten Wiese. So eine Wiese lag wenige Meter hinter dem Kinderheim. Sie reichte bis an den Waldrand. Dort sah er sich jetzt hinein rennen. Er war auf der Flucht, denn der einsame Wolf war plötzlich böse geworden. Die Lehrerin war verschwunden, so dass der Bub nun ganz allein dem Wolf ausgesetzt war. Er sah in die Augen des Wolfs und spürte dabei einen tiefen Hass, denn der Wolf wollte ihn lebenslänglich in den Keller sperren, wo er ab sofort jede Nacht verbringen sollte.

Eine Tür wurde zugeschlagen. Der Bub spürte feste Handgriffe. Sie zogen ihn hoch, zerrten ihn zurück auf den Stuhl.

Du bleibst heute den Rest des Tages hier sitzen!“

Der Bub sah zu dem Erzieher hinauf. Dort erkannte er die Augen des Wolfes. Es war nicht der einsame Wolf der Lehrerin, sondern er sah den Hass eines Mannes, den der Bub durch seinen Diebstahl enttäuscht hatte. Deshalb der Hass, deshalb die Strafe. Der Mann verließ das Zimmer, ließ den Buben allein sitzen. Abends kam die Erzieherin und schickte ihn in den Keller. Nachts kam der Kleine Bruder und brachte ihm gestohlenes Brot vom Abendbrottisch.